• Anthropologie,  Ethik,  Götter und Gefühle,  Identität und Individualismus,  Kunst,  Moderne,  Moral,  Psyche,  Seele,  Theorien der Kultur,  Zeitgeist

    Man will den Esel strafen, schlägt aber den Sack

    Über Sexismus und Sprachkritik

    Es ist erklärungsbedürftig, was dieser, zugegeben nicht ganz tierliebe Spruch besagen soll. Deutlich wird, was gemeint ist, anhand der aktuellen Debatten über Sexismus.
    Tatsächlich läßt sich ein nicht unwesentlicher Teil des Sexismus anthropologisch auf animalische Anteile zurückführen, die wir noch immer in uns tragen. Menschen sind herausgefallen aus ihrer vormaligen Tier-Natur im Paradies, es ist unser Schicksal, nie wieder “ganz” zu werden. – Rilke sagt über den Menschen,

     

    “und die findigen Tiere merken es schon,
    daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
    in der gedeuteten Welt.” (Rainer Maria Rilke:  Duineser Elegien.)


     
    Das ist der Preis dafür, Mensch geworden zu sein: Daher die vielen Widersprüche in und zwischen uns. Und davon ist der zwischen „Körper haben“ und „Leib sein“ nur einer von vielen. – Wir beobachten uns, oft nicht gerade freundlich gestimmt. Auch sind wir nicht entweder das eine oder das andere, sondern mal das eine, mal das andere und das zumeist nicht wirklich voll und ganz.
     
    Lucas Cranach der Ältere: Paradies (Ausschnitt) (1530).
    An der Sprache nun andauernd neue Exempel wegen Sexismus vorzunehmen, ist auch keine Lösung im Umgang mit alledem. Genau das besagt offenbar dieser Spruch: Der „Esel“ ist also der Sexismus, den manche bestrafen möchten, aber nicht können. Daher wird die Sprache, also der „Sack“ geschlagen.
     
    Viele dieser Hypothesen über Sprechen und Sprache haben den Tiefgang von Verschwörungstheorien. Sie geben sich viel zu schnell mit möglichst einfachen Erzählungen vom angeblich Bösen hinter den Kulissen zufrieden.
     
    Nichts gegen mehr sprachliche Sensibilität und mehr Differenzierungsvermögen. Nur das kann helfen. Aber das geht nicht auf dem Umweg über Sprechverbote, sondern nur auf dem Umweg über noch mehr, noch bessere Worte, noch mehr Nebensätze und nur durch tiefere Dialoge, in denen die Empathie immer mehr zur Einfühlung kommen kann.
     
    Durch neu errichtete Tabus werden aus Widersprüchen nur noch größere Probleme, weil auch diese Aspekte des Menschlichen ein Recht darauf haben, Gehör, Ausdruck und Verständnis zu finden. – Über die angemessene Form läßt sich allerdings trefflich streiten. Es war schon immer eine Frage der Kultur, zu „kultivieren“, was, wie zum Ausdruck gebracht werden kann und auch soll.
     
    Allerdings hat der alltägliche Sexismus auch biologische Grundlagen, die noch aus dem Tierreich stammen. Das kann jede Frau am eigenen Leib erfahren. Spätestens dann, wenn ab einem gewissen Alter die begehrlichen Blicke seltener werden.
     
    Und mir als Mann entlockt es ein Schmunzeln über meine eigene Tiernatur, wenn ich sehe, wie mein Blick „fremdgesteuert“ wird. Allein vom Klackern höherer Absätze geht ein unwiderstehlicher Reiz aus. Dabei ist den TrägerInnen der richtige Klackerton offenbar von Bedeutung. Wären die Pumps stumm, blieben sie in den Regalen. – Aber ich muß ja nun nicht die Steuerung aus der Hand geben. Natürlich kann Mann sich über die eigene Tiernatur hinwegsetzen.
     
    Auf “Sexuelle Bildung” kommt es an, der Weg dorthin ist aber anspruchsvoller als gedacht. Vor allem geht es darum, möglichst viele solcher Widersprüche in angemessene Worte zu kleiden. – Wir können Weine degustieren und winden Worte zu Girlanden des ereignisreichen Geschmacksgeschehens, aber über Orgasmen reden, über Erotik und über die Spannung dieser Widersprüche, das können wir nicht.
    Nicht weniger, sondern sehr viel mehr neue Worte sind die Lösung. Nicht neue Tabus, nicht die Einschränkung, sondern erst die Erweiterung des Ausdrucksvermögens ist “Bildung”. – Der Baum der Erkenntnis hat noch viele Früchte, die allesamt verkostet werden sollten. Das “Verbotene” an diesen Früchten besteht allerdings darin, daß es immer auch ein Wagnis ist, sich zu öffnen, um sich zu erklären und einander zu verstehen.
     
    Wichtig ist jedoch nicht nur Reden, entscheidend ist erst das Verstehen. – Nur, wo mindestens zwei Menschen beisammen sind und einander verstehen, nicht allgemein, sondern ganz konkret in einer ganz bestimmten, höchst heiklen Angelegenheit, dort ist auch der Geist unter ihnen, der die Sicherheit verschaffen kann, sich aufgehoben zu fühlen, für Momente des Glücks.
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    EPG II b (online und Block)

    Oberseminar

    EPG II b (Online)

    Ethisch–Philosophisches Grundlagenstudium II

    SS 2022 | Beginn: 30. Juni 2022 | Ende: 14. August 2022 | Online und Block
    Ab 30. Juni 2022: 5 Seminare online | donnerstags: 14:00–15:30 Uhr, sowie
    3 Workshops im Block: 12., 13., 14. August 2022 | 14–19 Uhr | Raum: 30.91-110

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    Universe333: YogaBeyond Honza & Claudine Bondi; Beach, Australia 2013. — Quelle: Public Domain via Wikimedia Commons.

    Zwischen den Stühlen

    Eine Rolle zu übernehmen bedeutet, sie nicht nur zu spielen, sondern zu sein. Wer den Lehrerberuf ergreift, steht gewissermaßen zwischen vielen Stühlen, einerseits werden höchste Erwartungen gehegt, andererseits gefällt sich die Gesellschaft in abfälligen Reden. — Das mag damit zusammenhängen, daß jede(r) von uns eine mehr oder minder glückliche, gelungene, vielleicht aber eben auch traumatisierende Schulerfahrung hinter sich gebracht hat.

    Es sind viele potentielle Konfliktfelder, die aufkommen können im beruflichen Alltag von Lehrern. Daß es dabei Ermessenspielräume, Handlungsalternativen und vor allem auch Raum gibt, sich selbst und die eigenen Ideale mit ins Spiel zu bringen, soll in diesem Seminar nicht nur thematisiert, sondern erfahrbar gemacht werden.

    Das Selbstverständnis und die Professionalität sind gerade bei Lehrern ganz entscheidend dafür, ob die vielen unterschiedlichen und mitunter paradoxen Anforderungen erfolgreich gemeistert werden: Es gilt, bei Schülern Interesse zu wecken, aber deren Leistungen auch zu bewerten. Dabei spielen immer wieder psychologische, soziale und pädagogische Aspekte mit hinein, etwa wenn man nur an Sexualität und Pubertät denkt. — Mitunter ist es besser, wenn möglich, lieber Projekt–Unterricht anzuregen, wenn kaum mehr was geht.

    Es gibt klassische Konfliktlinien, etwa Eltern–Lehrer–Gespräche, in denen nicht selten die eigenen, oft nicht eben guten Schul–Erfahrungen der Eltern mit hineinspielen. Aber auch interkulturelle Konflikte können aufkommen. Das alles macht nebenher auch Kompetenzen in der Mediation erforderlich. — Einerseits wird individuelle Förderung, Engagement, ja sogar Empathie erwartet, andererseits muß und soll gerecht bewertet werden. Das alles spielt sich ab vor dem Hintergrund, daß dabei Lebenschancen zugeteilt werden.

    Gerade in letzter Zeit sind gestiegene Anforderungen bei Inklusion und Integration hinzugekommen. Auch Straf– und Disziplinarmaßnahmen zählen zu den nicht eben einfachen Aufgaben, die allerdings wahrgenommen werden müssen. — Ein weiterer, immer wieder akuter und fordernder Bereich ist das Mobbing, das sich gut ›durchspielen‹ läßt anhand von Inszenierungen.

    Es gibt nicht das einzig richtige professionelle Verhalten, sondern viele verschiedene Beweggründe, die sich erörtern lassen, was denn nun in einem konkreten Fall möglich, angemessen oder aber kontraproduktiv sein könnte. Pädagogik kann viel aber nicht alles. Bei manchen Problemen sind andere Disziplinen sehr viel erfahrener und auch zuständig. — Unangebrachtes Engagement kann selbst zum Problem werden.

    Wichtig ist ein professionelles Selbstverständnis, wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen, und mitunter auch einfach mehr Langmut an den Tag zu legen. Zudem werden die Klassen immer heterogener, so daß der klassische Unterricht immer seltener wird. — Inklusion, Integration oder eben Multikulturalität gehören inzwischen zum Alltag, machen aber Schule, Unterricht und Lehrersein nicht eben einfacher.

    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit setzen zwar hohe Erwartungen in Schule und Lehrer, gefallen sich aber zugleich darin, den ganzen Berufstand immer wieder in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken. — Unvergessen bleibt die Bemerkung des ehemaligen Kanzlers Gehard Schröder, der ganz generell die Lehrer als faule Säcke bezeichnet hat.

    „Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

    Dieses Bashing hat allerdings Hintergründe, die eben darin liegen dürften, daß viel zu viele Schüler*innen ganz offenbar keine guten Schulerfahrungen gemacht haben, wenn sie später als Eltern ihrer Kinder wieder die Schule aufsuchen.

    Ausbildung oder Bildung?

    Seit 2001 ist das Ethisch–Philosophische Grundlagenstudium (EPG) obligatorischer Bestandteil des Lehramtsstudiums in Baden–Württemberg. Es besteht aus zwei Modulen, EPG I und EPG II. — Ziel des EPG ist es, zukünftige LehrerInnen für wissenschafts– und berufsethische Fragen zu sensibilisieren und sie dazu zu befähigen, solche Fragen selbständig behandeln zu können. Thematisiert werden diese Fragen im Modul EPG II.

    Um in allen diesen Konfliktfeldern nicht nur zu bestehen, sondern tatsächlich angemessen, problembewußt und mehr oder minder geschickt zu agieren, braucht es zunächst einmal die Gewißheit, daß immer auch Ermessens– und Gestaltungsspielräume zur Verfügung stehen. Im Hintergrund stehen Ideale wie Bildung, Entfaltung der Persönlichkeit, die Erfahrung erfüllender Arbeit und Erziehungsziele, die einer humanistischen Pädagogik entsprechen, bei der es eigentlich darauf ankäme, die Schüler besser gegen eine Gesellschaft in Schutz zu nehmen, die immer fordernder auftritt. In diesem Sinne steht auch nicht einfach nur Ausbildung, sondern eben Bildung auf dem Programm.

    Auf ein– und dasselbe Problem läßt sich unterschiedlich reagieren, je nach persönlicher Einschätzung lassen sich verschiedene Lösungsansätze vertreten. Es ist daher hilfreich, möglichst viele verschiedene Stellungnahmen, Maßnahmen und Verhaltensweisen systematisch durchzuspielen und zu erörtern. Dann läßt sich besser einschätzen, welche davon den pädagogischen Idealen noch am ehesten gerecht werden.

    So entsteht allmählich das Bewußtsein, nicht einfach nur agieren und reagieren zu müssen, sondern bewußt gestalten zu können. Nichts ist hilfreicher als die nötige Zuversicht, in diesen doch sehr anspruchsvollen Beruf nicht nur mit Selbstvertrauen einzutreten, sondern auch zuversichtlich bleiben zu können. Dabei ist es ganz besonders wichtig, die Grenzen der eigenen Rolle nicht nur zu sehen, sondern auch zu wahren.

    Stichworte für Themen

    #„ADHS“ #Aufmerksamkeit #Bewertung in der Schule #Cybermobbing #Digitalisierung #Disziplinarmaßnahmen #Elterngespräche #Erziehung und Bildung #Genderdiversity #Heldenreise und Persönlichkeit in der Schule #Inklusion #Interesse–Lernen–Leistung #Interkulturelle Inklusion #Islamismus #Konflikte mit dem Islam in der Schule #Konfliktintervention durch Lehrpersonen #LehrerIn sein #Lehrergesundheit #Medieneinsatz #Medienkompetenz #Mitbestimmung in der Schule #Mobbing #Online-Unterricht #Political Correctness #Professionelles Selbstverständnis #Projektunterricht #Pubertät #Referendariat #Respekt #Schule und Universität #Schulfahrten #Schulverweigerung #Sexualität und Schule #Strafen und Disziplinarmaßnahmen #Ziviler Ungehorsam

    Studienleistung

    Eine regelmäßige und aktive Teilnahme am Diskurs ist wesentlich für das Seminargeschehen und daher obligatorisch. — Studienleistung: Gruppenarbeit, Präsentation und Hausarbeit.

  • Anthropologie,  Diskurs,  Ethik,  Identität und Individualismus,  Lehramt,  Lehre,  Moderne,  Moral,  Politik,  Professionalität,  Psyche,  Religion,  Schule,  Seele,  Theorien der Kultur,  Urbanisierung der Seele,  Wahrheit,  Wissenschaftlichkeit,  Zeitgeist,  Zivilisation

    EPG II a (online)

    Oberseminar

    EPG II a

    Ethisch–Philosophisches Grundlagenstudium II

    SS 2022 | freitags | 14:00-15:30 Uhr | online 

    Beginn: 22. April 2022 | Ende: 29. Juli 2022

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    Universe333: YogaBeyond Honza & Claudine Bondi; Beach, Australia 2013. — Quelle: Public Domain via Wikimedia Commons.

    Zwischen den Stühlen

    Eine Rolle zu übernehmen bedeutet, sie nicht nur zu spielen, sondern zu sein. Wer den Lehrerberuf ergreift, steht gewissermaßen zwischen vielen Stühlen, einerseits werden höchste Erwartungen gehegt, andererseits gefällt sich die Gesellschaft in abfälligen Reden. — Das mag damit zusammenhängen, daß jede(r) von uns eine mehr oder minder glückliche, gelungene, vielleicht aber eben auch traumatisierende Schulerfahrung hinter sich gebracht hat.

    Es sind viele potentielle Konfliktfelder, die aufkommen können im beruflichen Alltag von Lehrern. Daß es dabei Ermessenspielräume, Handlungsalternativen und vor allem auch Raum gibt, sich selbst und die eigenen Ideale mit ins Spiel zu bringen, soll in diesem Seminar nicht nur thematisiert, sondern erfahrbar gemacht werden.

    Das Selbstverständnis und die Professionalität sind gerade bei Lehrern ganz entscheidend dafür, ob die vielen unterschiedlichen und mitunter paradoxen Anforderungen erfolgreich gemeistert werden: Es gilt, bei Schülern Interesse zu wecken, aber deren Leistungen auch zu bewerten. Dabei spielen immer wieder psychologische, soziale und pädagogische Aspekte mit hinein, etwa wenn man nur an Sexualität und Pubertät denkt. — Mitunter ist es besser, wenn möglich, lieber Projekt–Unterricht anzuregen, wenn kaum mehr was geht.

    Es gibt klassische Konfliktlinien, etwa Eltern–Lehrer–Gespräche, in denen nicht selten die eigenen, oft nicht eben guten Schul–Erfahrungen der Eltern mit hineinspielen. Aber auch interkulturelle Konflikte können aufkommen. Das alles macht nebenher auch Kompetenzen in der Mediation erforderlich. — Einerseits wird individuelle Förderung, Engagement, ja sogar Empathie erwartet, andererseits muß und soll gerecht bewertet werden. Das alles spielt sich ab vor dem Hintergrund, daß dabei Lebenschancen zugeteilt werden.

    Gerade in letzter Zeit sind gestiegene Anforderungen bei Inklusion und Integration hinzugekommen. Auch Straf– und Disziplinarmaßnahmen zählen zu den nicht eben einfachen Aufgaben, die allerdings wahrgenommen werden müssen. — Ein weiterer, immer wieder akuter und fordernder Bereich ist das Mobbing, das sich gut ›durchspielen‹ läßt anhand von Inszenierungen.

    Es gibt nicht das einzig richtige professionelle Verhalten, sondern viele verschiedene Beweggründe, die sich erörtern lassen, was denn nun in einem konkreten Fall möglich, angemessen oder aber kontraproduktiv sein könnte. Pädagogik kann viel aber nicht alles. Bei manchen Problemen sind andere Disziplinen sehr viel erfahrener und auch zuständig. — Unangebrachtes Engagement kann selbst zum Problem werden.

    Wichtig ist ein professionelles Selbstverständnis, wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen, und mitunter auch einfach mehr Langmut an den Tag zu legen. Zudem werden die Klassen immer heterogener, so daß der klassische Unterricht immer seltener wird. — Inklusion, Integration oder eben Multikulturalität gehören inzwischen zum Alltag, machen aber Schule, Unterricht und Lehrersein nicht eben einfacher.

    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit setzen zwar hohe Erwartungen in Schule und Lehrer, gefallen sich aber zugleich darin, den ganzen Berufstand immer wieder in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken. — Unvergessen bleibt die Bemerkung des ehemaligen Kanzlers Gehard Schröder, der ganz generell die Lehrer als faule Säcke bezeichnet hat.

    „Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

    Dieses Bashing hat allerdings Hintergründe, die eben darin liegen dürften, daß viel zu viele Schüler*innen ganz offenbar keine guten Schulerfahrungen gemacht haben, wenn sie später als Eltern ihrer Kinder wieder die Schule aufsuchen.

    Ausbildung oder Bildung?

    Seit 2001 ist das Ethisch–Philosophische Grundlagenstudium (EPG) obligatorischer Bestandteil des Lehramtsstudiums in Baden–Württemberg. Es besteht aus zwei Modulen, EPG I und EPG II. — Ziel des EPG ist es, zukünftige LehrerInnen für wissenschafts– und berufsethische Fragen zu sensibilisieren und sie dazu zu befähigen, solche Fragen selbständig behandeln zu können. Thematisiert werden diese Fragen im Modul EPG II.

    Um in allen diesen Konfliktfeldern nicht nur zu bestehen, sondern tatsächlich angemessen, problembewußt und mehr oder minder geschickt zu agieren, braucht es zunächst einmal die Gewißheit, daß immer auch Ermessens– und Gestaltungsspielräume zur Verfügung stehen. Im Hintergrund stehen Ideale wie Bildung, Entfaltung der Persönlichkeit, die Erfahrung erfüllender Arbeit und Erziehungsziele, die einer humanistischen Pädagogik entsprechen, bei der es eigentlich darauf ankäme, die Schüler besser gegen eine Gesellschaft in Schutz zu nehmen, die immer fordernder auftritt. In diesem Sinne steht auch nicht einfach nur Ausbildung, sondern eben Bildung auf dem Programm.

    Auf ein– und dasselbe Problem läßt sich unterschiedlich reagieren, je nach persönlicher Einschätzung lassen sich verschiedene Lösungsansätze vertreten. Es ist daher hilfreich, möglichst viele verschiedene Stellungnahmen, Maßnahmen und Verhaltensweisen systematisch durchzuspielen und zu erörtern. Dann läßt sich besser einschätzen, welche davon den pädagogischen Idealen noch am ehesten gerecht werden.

    So entsteht allmählich das Bewußtsein, nicht einfach nur agieren und reagieren zu müssen, sondern bewußt gestalten zu können. Nichts ist hilfreicher als die nötige Zuversicht, in diesen doch sehr anspruchsvollen Beruf nicht nur mit Selbstvertrauen einzutreten, sondern auch zuversichtlich bleiben zu können. Dabei ist es ganz besonders wichtig, die Grenzen der eigenen Rolle nicht nur zu sehen, sondern auch zu wahren.

    Stichworte für Themen

    #„ADHS“ #Aufmerksamkeit #Bewertung in der Schule #Cybermobbing #Digitalisierung #Disziplinarmaßnahmen #Elterngespräche #Erziehung und Bildung #Genderdiversity #Heldenreise und Persönlichkeit in der Schule #Inklusion #Interesse–Lernen–Leistung #Interkulturelle Inklusion #Islamismus #Konflikte mit dem Islam in der Schule #Konfliktintervention durch Lehrpersonen #LehrerIn sein #Lehrergesundheit #Medieneinsatz #Medienkompetenz #Mitbestimmung in der Schule #Mobbing #Online-Unterricht #Political Correctness #Professionelles Selbstverständnis #Projektunterricht #Pubertät #Referendariat #Respekt #Schule und Universität #Schulfahrten #Schulverweigerung #Sexualität und Schule #Strafen und Disziplinarmaßnahmen #Ziviler Ungehorsam

    Studienleistung

    Eine regelmäßige und aktive Teilnahme am Diskurs ist wesentlich für das Seminargeschehen und daher obligatorisch. — Studienleistung: Gruppenarbeit, Präsentation und Hausarbeit.

  • Anthropologie,  Diskurs,  Ethik,  Götter und Gefühle,  Identität und Individualismus,  Kunst,  Künstler,  Melancholie,  Moderne,  Moral,  Motive der Mythen,  Platon,  Politik,  Psyche,  Psychosophie,  Religion,  Seele,  Theographien,  Theorien der Kultur,  Urbanisierung der Seele,  Utopie,  Wahrheit,  Wissenschaftlichkeit,  Zeitgeist,  Zivilisation

    Schuld: Eine mächtige Kategorie

    Johann Heinrich Füssli: Lady Macbeth, schlafwandelnd, (um 1783). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Gewissensbisse, die zum Wahnsinn führen

    Der Dichter und Maler Johann Heinrich Füssli war derart fasziniert von den Werken des William Shakespeare, so daß er sich schon in jungen Jahren an Übersetzungen versuchte. — Als Maler schuf er einen ganzen Bilder–Zyklus mit berühmten Szenen, in denen die phantastische Stimmung eingefangen ist.

    So inszenierte er auch die dramatische Szene: Lady Macbeth V,1 von William Shakespeare. Die tragische Heldin wird von Alpträumen geplagt und findet einfach keine Ruhe mehr. Sie träumt mit offenen Augen und beginnt zu schlafwandeln. — Und es scheint, als wollte sie sämtliche Plagegeister vertreiben, die Zeugen ihrer Untaten, von denen sie verfolgt und um den Schlaf gebracht wird.

    Die Szenerie führt das schlechte Gewissen der Lady Macbeth vor Augen. — Ihr Mann war zunächst dem König treuergeben. Aber drei Hexen prophezeien ihm, selbst zum König zu werden. Um dem verheißenen Schicksal nun aufzuhelfen, schrecken Macbeth und seine Lady selbst vor einem heimtückischen Königsmord nicht zurück.

    Beide sind von blindem Ehrgeiz getrieben und verlieren im Verlauf der Ereignisse aufgrund ihrer Verbrechen zuerst ihre Menschlichkeit, dann ihr Glück und schließlich auch noch den Verstand, von ihrem Seelenheil ganz zu schweigen. — Dabei wirkt die Frau skrupelloser als der Mann. Ähnlich wie auch die Medea, setzt eine sehr viel entschiedenere Frau wirklich alles aufs Spiel, während der Mann eher zaghaft erscheint. Dahinter dürfte die Problematik stehen, daß Frauen lange Zeit nicht direkt aufsteigen konnten, nur über ihre Rolle als Ehefrau und Mutter.

    Es kommt im fünften Akt zu der im Bild von Füssli dargestellten Szene. Während sich Macbeth auf Burg Dunsinane mehr und mehr zum verbitterten, unglücklichen Tyrannen wandelt, wird Lady Macbeth immer heftiger von Gewissensbissen geplagt, denn die Schuld am Mord von King Duncan ist ungesühnt. — Alpträume kommen auf, sie beginnt im Schlaf zu wandeln und die Phantasie nimmt Überhand, bis sie schließlich den Verstand verliert und sich das Leben nimmt.

    Das Gefühl, sich womöglich gleich am ganzen Kosmos versündigt zu haben, durch eine Freveltat, dürfte sehr früh aufgekommen sein. Es gibt viele Beispiele dafür, daß durch ein Sakrileg eine ›heilige Ordnung‹ gestört wird, was nicht so bleiben kann. — Beispiele sind Sisyphos, ein Trickster, der nicht sterben will und den Tod immer wieder hinters Licht führt, oder Ixion, der erstmals einen Mord an einem Verwandten beging.

    Es gibt eine Klasse von Mythen, die sich als Urzeitmythen klassifizieren lassen. Väter verschlingen ihre Kinder, die Welt bleibt im Chaos, sie gewinnt gar keine Gestalt. Titanen herrschen, wobei der Eindruck entsteht, als wären sie die Verkörperung jener Geister, mit denen die Schamanen der Vorzeit noch umgehen konnten. — Die klassischen Mythen sind insofern auch ein Spiegel der Zivilisation, weil sie die angeblich barbarischen Zeiten zuvor als absolut brutal in Szene setzen.

    Erynnien, Furien, Rachegötter und Plagegeister

    Francisco de Goya: Saturn verschlingt seinen Sohn (1820f). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Das sind auch Ammenmärchen der Zivilisation, die Rede ist dann von finsteren Zeiten. Zugleich setzen sich Mythen damit als Aufklärung in Szene, schließlich künden sie von der Überwindung dieser Schrecklichkeiten. Nicht nur der technische, zivilisatorische Fortschritt spielt bei alledem eine beträchtliche Rolle, sondern auch die Psychogenese. — Vermutlich kommt Individualismus erst allmählich auf, ebenso wie das Bedürfnis, sich selbst zu beobachten.

    Die klassischen Mythen inszenieren nicht nur das Sakrileg, sie errichten zugleich auch die Tabus dagegen, indem man die Ereignisse in eine viel frühere Urzeit abschiebt und zugleich demonstriert, wie entsetzlich die Folgen möglicher Tabubrüche tatsächlich sind.

    Wenn etwas Ungeheuerliches geschehen ist, dann treten bald schon Ungeheuer auf den Plan. Als würde die Welt selbst darum ringen, in den Zustand der ›vormaligen Harmonie‹ wieder zurückzukehren. — Aber irgendwie muß das Vergehen gesühnt werden. Es muß erst wieder aus der Welt geschafft werden durch Buße, weil erst dann die ›heilige Ordnung‹ wieder hergestellt werden kann.

    Zugleich sind die Götter selbst im Prozeß der Theogenese. Eine Götterdynastie folgt auf die nächste. — Interessant sind die Reflektionen darüber. So hat Kronos durch fortgesetzte Kindstötung der Gaia vorenthalten, was Mütter wollen, die Kinder aufwachsen sehen.

    Der Mythos schildert in dieser Vorstufe einen Zustand, in dem nicht wirklich Entwicklung statthaben konnte. — Erst in der Ära von Zeus wird die Welt auf die Menschheit zentriert. Dann treten die glücklichen Götter Athens sogar freiwillig zurück, um im Zuge des Prometheus–Projektes der Menschheit die Welt zu überlassen.

    Die Entstehung des Gewissens

    François Chifflart: Das Gewissen. 1877, Maisons de Victor Hugo, Paris. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Es ist vermutlich der aus Ägypten durch den Tempelpriester Moses beim Auszug der Juden mit auf den Exodus genommene monotheistische Gott, der bereits bei den Ägyptern mit einem allsehenden Auge symbolisiert wurde. Auch die Idee vom Jenseitsgericht stammt aus Ägypten, was zur bemerkenswerten Tradition der Ägyptischen Totenbücher geführt hat, das Leben als Vorbereitung auf den Tod zu betrachten.

     

    Mit der Bedrohung durch das Jüngste Gericht des Lebens kommt eine Psychogenese in Gang, die eine systematische Selbstbeobachtung erforderlich macht. — Wenn ein allgegenwärtiger und allwissender Gott ohnehin alles ›sieht‹, so daß man ihm nichts verbergen kann, dann scheint es angeraten zu sein, sich ein Gewissen zuzulegen, um sich genau zu beobachten und ggf. zu kontrollieren.

    Dementsprechend ist Kain auf der Flucht vor dem ›allsehenden Auge‹, weil er ›vergessen‹ hat, sich beizeiten ein Gewissen zu ›machen‹. — Das ist aber nur eine, noch dazu weniger anspruchsvolle Deutung des vermeintlichen Brudermords. Aus Gründen der Ethnologie können Ackerbauern und Hirten keine ›Brüder‹ sein. Offenbar hat sich der hier verehrte Gott, der das Opfer des Bauern ›ablehnt‹, noch nicht damit arrangiert, daß die Tieropfer seltener und die Opfer von Getreide und Früchten zunehmen werden.

    Kain auf der Flucht

    Erst mit der Urbanisierung erhält der Prozeß der Zivilisation seine entscheidende Dynamik. Der alles entscheidende Impuls geht mit dieser Gottesidee einher, mit der ganz allmählich aufkommenden Vorstellung eines Gottes, der alles ›sieht‹. — Dementsprechend illustriert Fernand Cormon die Flucht des Kain unmittelbar nach der Tat. Das Werk ist durch Victor Hugo inspiriert und schildert die Szene auf groteske Weise.

    Der Plot selbst ist zutiefst paradox: Kain ist Bauer. Er lebt von den Früchten der Erde, fürchtet sich jedoch schrecklich vor dem neuen transzendenten Gott, der im Himmel über den Wolken schwebt und der alles ›sieht‹. — Er verliert im Opferwettstreit, erschlägt seinen Kontrahenten, ist aber von diesem missionarischen Hirten offenbar längst bekehrt worden, denn er fürchtet sich fortan wie wahnsinnig vor diesem Gott. Darauf beginnt er eine halsbrecherische Flucht, um sich dem allsehenden, allwissenden, allgegenwärtigen Auge dieses Gottes doch noch zu entziehen.

    Fernand Cormon: Kain. 1880, Musèe d’Orsay, Paris. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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    “I’m not convinced.”

    Die Vorwahl für das Land mit der Lizenz zum Lügen: 001

    Am 5. Februar 2003 warf US-Außenminister Colin Powell dem Irak den Besitz von Massenvernichtungswaffen vor und begründete damit die US-Intervention im Irak. Später entschuldigte sich Powell für die in der Rede verbreiteten Lügen.

    Die „Beweise“ für die Existenz von Massenvernichtungswaffen, die Powell an diesem Tag vorgelegt hatte und die als Begründung für die spätere Intervention herhalten mußten, bestanden aus Material, daß vom amerikanischen Geheimdienst manipuliert worden war.

    Powell sagte: „Dies sind nicht Behauptungen. Wir geben ihnen Fakten und Schlussfolgerungen auf der Basis solider geheimdienstlicher Erkenntnisse.“ Zu den „Fakten und Schlussfolgerungen“ gehört, dass der Irak weiterhin über biologische und chemische Waffen verfügt. „Hier wird getäuscht, hier wird versteckt und verborgen.“

    Durch Lug und Trug war ein Krieg begründet worden. Der demokratische US-Senator Henry Waxman untersuchte ein Jahr nach Beginn des Irakkrieges alle Äußerungen der Bush-Regierung und registrierte bei 125 Auftritten 237 Irreführungen. Ausschmückungen, Unterlassungen, Verdrängungen und Übertreibungen waren die Regel, nicht die Ausnahme. 

    (Malte Lehming: Als mich ein Lügner überzeugte. In: Der Tagesspiegel. 14.06.2019.) 

    “I’m not convinced.” (Joschka Fischer)

    Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2003 kam es zu einem Wortlaut, der seither wie in Stein gemeißelt stets in Erinnerung gehalten werden sollte. 

    You have to make the case,

    and to make the case in a democracy

    you have to be convinced yourself,

    and excuse me I am not convinced.

    Um in einer Demokratie eine Entscheidung zu treffen, müsse man erst mal selbst davon überzeugt sein. “Entschuldigung, aber ich bin nicht überzeugt und ich kann mich nicht vor die Öffentlichkeit stellen und sagen, laßt uns in den Krieg ziehen, wenn ich nicht daran glaube.“

    Public Relations ist nur ein anderes Wort für Propaganda

    Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, heißt es. Nun, die Wahrheit ist das zweite Opfer des Krieges, weil die Neutralität schon vorher verloren geht.“

     

    (Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde. 1. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2004. S.  287.) 

    Es ist daher sehr zu empfehlen, genau darauf zu achten, welche Medien bei Hetzkampagnen mitmachen. Diese können nicht die Medien des Vertrauens sein, weil sie selbst den Beweis gegen ihre Vertrauenswürdigkeit antreten. 

    Es kann einfach nicht mehr akzeptabel sein, daß Lügen immer wieder vergessen werden, verziehen auch?

    „Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“ 

     

    (Edward Bernays, Meister der Manipulation, Papst der Propaganda, Erfinder der Public Relations)

    Die Lizenz zur Lüge kann und darf keinem Land dieser Welt zugestanden werden.

    Auf die Diskurse kommt es an, auf die Wahrheit, auf alle Wahrheiten. 

    Alles, wirklich alles an Menschen- und Lebenserfahrung, alle erdenklichen Narrative raten dringend davon ab, durch fortgesetztes Lügen am Ende jede Vertrauenswürdigkeit zu verlieren.

    Alle auf das Recht anderer Menschen bezogene Handlungen,
    deren Maxime sich nicht mit der Publizität verträgt,
    sind unrecht.

     

    (Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. In: Werke, Bd. VI. S. 245.)

     

     

    Nur ein Beispiel: Die Brutkastenlüge

    Die besonders dreiste Baby-Lüge für den Ersten Irakkrieg stammt von einer PR-Agentur:

     

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    Theodor Lessing und die Grenzen der Kritik

    Pierre Mignard: Clio (1689). Die Muse der Geschichtsschreibunng mit Griffel, Buch und Trompete. Keine der Musen dürfte es schwieriger haben, denn was sie sieht, ist derart himmelschreiend, so daß man den Eindruck bekommt, als wollte sie bedauern, als hätte sie ihren Blick zum Himmel gerichtet, weil sie um Vergebung bitten möchte.

    Über den Dreiklang der Zivilisation: Zivilisierung, Kolonisierung, Vernichtung.

    Von Gerhard Hauptmann wird berichtet, er habe zeitlebens an Schlaflosigkeit gelitten und die Wände um sein Bett in seinem Haus auf Hiddensee nächtens mit Inschriften versehen.  Es versteht sich, daß nur einige wenige dieser nur zum Teil lesbaren Sentenzen erhalten sind, eine davon lautet wie folgt:
     
     
    Kritik wertet meistens nur negative Leistung, nicht positive.
    (Inschrift lt. Fotographie, Gerhart-Hauptmann-Haus, Hiddensee 2003.)
     
    Es ist schon bezeichnend, bei dieser Bemerkung, die keineswegs auf ihn gezielt war, doch unmittelbar an Theodor Lessing denken zu müssen, denn als einer der unerbittlichsten unter den zeitgenössischen Kritikern dürfte Lessing zweifelsfrei gelten.  Selbst wenn allzu viele seiner Anklagen berechtigt sind, selbst wenn ihm mitunter zu Recht Visionäres unterstellt wird, seine Angriffe sind äußerst verletzend, so verletzend, daß man sich in der Tat fragen muß, warum eigentlich?
     
    Der stets angespannte Ton bei Lessing könnte allerdings auch Ausdruck einer Hilflosigkeit sein, die seinerzeit viele seiner Zeitgenossen empfunden haben dürften, ein Ungenügen am eigenen Sprach- und Ausdrucksvermögen angesichts des aufkommenden Ungeistes.  Man mochte noch so sehr am eigenen Ausdrucksvermögen arbeiten, allzu Vieles schien bereits ausgemacht, als wäre ein jeder Artikulationsversuch zum Scheitern verurteilt und müßte sich notorisch als nicht hinreichend erweisen.  Den Wenigen unter den Zeitgenossen, die sich nicht beirren ließen, die keinesfalls und zu keinem Zeitpunkt mit einstimmen sollten, die neue Tonlage zu treffen, dürfte derweil das eigene Scheitern im Ausdruck um so heftiger bewußt geworden sein.
     
    Was sich im Nachhinein auch als Vorzeichen aufkommender Verzweiflung deuten läßt, wird inmitten gewählter Ausdrucksweisen ganz besonders offenkundig:  So verwendet Ernst Bloch zu jener Zeit durchaus bewußt Motive aus der Fäkalsprache, was er ansonsten nie tut. Gerade die Wahl der Kraftausdrücke aber ist untrüglicher Ausdruck einer Hilflosigkeit, die sich darin zeigt, daß die Grenzen der Sprache hinlänglich erreicht, wenn nicht bereits überschritten wurden; schlimmer noch, daß so etwas wie Sprachabbau, Sprachrückgang, Entdifferenzierung, Verlust von Worten und Ausdrucksmöglichkeiten um sich greifen in jener Zeit:  Zuerst wandern Worte aus, dann folgen Menschen.
     
    Mit seiner Geschichtsphilosophie kritisiert Theodor Lessing Geschichtsschreibung per se als Mythen–Bildung auf eine gleichwohl sachlich berechtigte wie diskursiv äußerst prekäre, weil kaum anschlußfähige Art und Weise.  Das eigentlich Provozierende dabei ist der systematische Verzicht auf jedwede Entlastung, unverblümt soll Wahrheit ausgesprochen werden, so das Selbstverständnis Lessings, aber es sind Wahrheiten, die nicht frei machen.
     
    Bemerkenswert ist der notorisch eingehaltene Sicherheitsabstand, den Zeitgenossen stets einhalten, wenn von und über Theodor Lessing die Rede ist.  “Im Jahr 1919,” notiert Egon Friedell in seiner zweibändigen Kulturgeschichte der Neuzeit, “erschien ein sehr merkwürdiges Buch von Theodor Lessing:  ‘Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen’, ein luziferisch kühner Versuch, ergreifend in seiner bleichen Nachtschönheit und eisklaren Logizität, vielleicht der erste, die Frage, was denn eigentlich Geschichte sei, zu Ende zu denken; mit jener Schärfe, aber auch Zweischneidigkeit vollzogen, die solchem ehrfurchtslosen, sich zum Selbstzweck setzenden Beginnen anhaftet, ..” (Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. 2. Bde, Nördlingen 1976.  Bd. 2.  S. 949.)
     
    Dann ruft Egon Friedell in seiner Rolle als Moderator der Kulturgeschichte sich selbst mit auf den Plan, “ein Werk, von dem das Wort jenes anderen Lessing gilt:  ‘groß und abscheulich’, voll von giftigen Tiefgasen und nur in der Hand eines vorsichtigen Abschreibers, wie ich es bin, ohne ernste Gefahren.” (Ebd.)
     
    Das Problem mit Lessing ist, daß man ihm nicht wird verweigern können, sich berechtigterweise zu echauffieren über viele aktuelle aber auch zeitübergreifende Attitüden seiner Zeit.  Lessing ist ein Abrechner, sein Stil ist der eines unerbittlichen Anklägers.  Dennoch versteht er sich doch auch als Pädagoge, so daß man fast erschreckt anfragen möchte, was macht seine Rede denn häufig so giftig?
     
    Derweil sagt er seiner Zeit, was nicht einmal die unsere unumwunden bereit wäre, zu akzeptieren.  Die Theorie seiner Geschichtsphilosophie ist ein ausgemachter Konstruktivismus, sein Kulturrelativismus und seine Zivilisationskritik ist ein postmodernistischer Konstruktivismus. Sinn in der Geschichte, so ließe sich die Botschaft schließlich zusammenziehen, gibt es überhaupt keinen, außer dem, den wir ihr beigeben.  Die Leserschaft wird mit derartigen Negativauskünften durchweg allein gelassen.
     
    Keineswegs, so konstatiert Lessing bereits in den Vorbemerkungen, werde durch Geschichte ein verborgener Sinn, ein Kausalzusammenhang oder eine Entwicklung offenbar, sondern vielmehr sei Geschichtsschreibung erst die Stiftung dieses Sinns. (Theodor Lessing:  Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen.  [Erstausg., München 1919] München 1983.  Vgl. S. 15.) Sobald wir Wissenschaft nicht mehr bloß beschreibend, sondern erklärend betrachteten, seien wir unweigerlich auf Sinngebung angewiesen. (Ebd.  Vgl.  S. 36.)
     
    Daher werde sich die Geschichtsschreibung niemals in den Rang einer beschreibenden Wissenschaft erheben, sie könne nicht phänomenologisch arbeiten, vielmehr müsse sie immerzu Wirklichkeit für andere Wirklichkeiten unterstellen. (Ebd. vgl.  S. 36f.) Es sei eine große Erdichtung des Menschen, so zu verfahren, als sei Kausalität das Normale, als ließe sich Naturkausalität übertragen auf die Menschengeschichte. (Ebd. vgl.  S. 37f.) Motivation sei nicht die Handlung als solche, sondern das Bild, welches die Handlung ins Bewußtsein wirft. (Ebd. vgl.  S. 42.)
     
    Dann setzt Lessing mit seiner gleichwohl nicht unberechtigten Suada ein, und es ist bemerkenswert, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, hier läge womöglich gar nicht der Text einer Geschichtsphilosophie vor, vielmehr die Rede eines Agitators, vielleicht in einem Bühnenstück, in einem politischen Stück selbstverständlich.  Es scheint, als müsse man den Text akklamieren, vielleicht sogar herausbrüllen, auf jeden Fall aber sollte man ihn beim Vortrag inszenieren:
     
    “Wo denn eigentlich liegen die Motive der Geschichte?  Wer hat sie? Wer trägt sie empor?  Ich meine jene Motive, von denen der Historiker faselt, indem er etwa schreibt:  ‘Der Handelsneid Englands verschuldete den Krieg von 1914.’ ‘In edlem Zorne erhob sich das gesamte Deutschland.’ ‘Der Ruf der Rache durchzitterte ganz Frankreich.’ ‘Ganz Italien war von Begeisterung durchglüht’ usw.” (Ebd. S. 43.)
     
    “Nun aber wird Geschichte bekanntlich von Überlebenden geschrieben. Die Toten sind stumm.  Und für den, der zuletzt übrig bleibt, ist eben alles, was vor ihm dagewesen ist, immer sinnvoll gewesen, insofern er es auf seine Existenzform bezieht und beziehen muß, d.h. sich selbst und sein Sinnsystem eben nur aus der gesamten Vorgeschichte seiner Art begreifen kann.  Immer schreiben Sieger die Geschichte von Besiegten, Lebendgebliebene die von Toten.” (Ebd.  S. 63.)
     
    “Jedes Blatt Geschichte, von der frühesten Ahnenzeit bis zur Gegenwart, predigt immer und immer wieder neu, daß historisch-politische Ideale Umschreibungen für praktische Absichten sind und nie etwas andres sein können, wenn auch freilich jedes Volk das andere totzuschlagen oder zu begaunern sucht in der heiligsten und reinsten Überzeugung, die Kultur, den Weltfrieden, die Sittlichkeit, das Recht und ich weiß nicht was alles zu verwirklichen.” (S. 67.)
     
    Der Anlaß zur forcierten Philippika ist eine Beobachtung, die sich in der Tat immer wieder von Neuem machen läßt, daß es ganz offenbar in Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein nur ein ganz bestimmtes maßgebliches Prinzip zu geben scheint, wonach bemessen wird, ob und wie eine Handlung Eingang findet in die Annalen der Geschichte:  Es ist einzig und allein ihr ‘Erfolg’.  In diesem Sinne schreiben dann eben stets die Sieger die Geschichte der Besiegten, diese aber sind stumm.
     
    Es scheint, als legitimiert der ‘Erfolg’ schlußendlich auch noch jedwede Perfidie und rechtfertigt post eventum mit der Zeit auch vor der Geschichte, denn allmählich verbreitet sich allgemein der Eindruck, auch der verwegenste und offenkundigste Rechtsbruch sei schlußendlich doch legitimiert, denn wer Erfolg hat, hat Recht und wird daher zumeist auch geläutert in die Annalen der Geschichte eingehen, – eine wahrhaft ernüchternde Beobachtung, die Theodor Lessing hier zur Anklage bringt.
     
    In diesem Sinne, so Lessing, sei der historische Erfolg immer das Erste, der Werthaltungsaspekt aber das Zweite.  Erfolge ziehen demnach das Wirksamwerden dementsprechender Werte erst nach sich, nicht umgekehrt verbürgen Werte den Erfolg.  Lessing, ohnehin ein erklärter Gegner des Entwicklungsdenkens im Sinne von Darwin und Spencer, konstatiert demzufolge, daß sich nicht das Wertvolle in der Geschichte durchsetzt, sondern daß sich eben als wertvoll durchsetzt, was sich durchsetzt, weil es sich durchsetzt.  Zu Beginn seiner Untersuchungen kündigt Lessing an, was sich zeigen werde:
     
    “daß Einheit der Geschichte nirgendwo besteht, wenn nicht in dem Akte der Vereinheitlichung; – Wert der Geschichte nirgendwo, wenn nicht im Akte der Werthaltung.  Sinn von Geschichte ist allein jener Sinn, den ich mir selbst gebe, und geschichtliche Entwicklung ist die Entwicklung von Mir aus und zu Mir hin.” (Ebd.  S. 19.) Keineswegs werde in der Geschichte ein verborgener Sinn, ein Kausalzusammenhang, eine Entwicklung offenbar, sondern Geschichte sei Geschichtsschreibung, eben {\it Stiftung dieses Sinnes, die Setzung dieses Kausalzusammenhangs, die Erfindung dieser Entwicklung.” (Ebd.  S. 15.)
     
    Allerdings:  Nicht erst die Geschichtsdarstellung, sondern bereits die Berichterstattung hebt Ereignisse hervor, setzt sie in Relation zu anderen Ereignissen und verschafft ihnen damit erst ihre Geschichte, indem sie die Story zum Stoff liefert, die Geschichten hinter der Geschichte.  Die reinen Daten besagen fast gar nichts, es kommt darauf an, was man daraus macht.  Insofern wird eine jede philosophische Befassung mit Geschichtsschreibung dieses notwendig Zusätzliche betrachten, in seiner Notwendigkeit und in seiner Zusätzlichkeit zugleich.
     
    Sollte die Beobachtung zutreffen, die zuletzt in der Schlüsselschrift von Theodor Lessing über Geschichte, Geschichtsschreibung und Sinngebung doch nur angedeutet ist, so muß ein solcher Befund in der Tat verstören. Angesichts dessen, was Lessing hier so vehement vor Augen führt, scheint auch der letzte verzweifelte Ausweg verschlossen, sich doch noch von diesem Skandalon zu distanzieren, daß etwas Entscheidendes an unserer Geschichts–Orientierung sehr wahrscheinlich generell nicht stimmt. Zugleich dürfte es allerdings ebenso schwer fallen, Beweise für diese Theorie anzutreten, denn Geschichte ist immer schon geschrieben.  Die Frage, wie anders sie denn hätte geschrieben worden sein müssen, ließe sich dagegen kaum thematisieren.  – Man wird allerdings manches von dem, was Lessing noch hatte fordern müssen, der heutigen Geschichtsschreibung inzwischen zugute halten, wie etwa die Sozialgeschichte oder auch die ‘Geschichte von unten’.

     

     

     

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    Amok und Nihilismus

    Über transzendentale Obdachlosigkeit

    Ich habe Amok nie verstanden. Bei Charles Bukowski, durch den man ebenso hindurch muß, wie durch Niklas Luhmann, geschieht das so nebenher. Irgendwer hat mal so richtig schlechte Laune, legt sich dann irgendwo auf die Lauer, nimmt sich ein Gewehr, wird Heckenschütze und ballert irgendwelche Leute ab, die einfach nur das Unglück haben, gerade in diesem Augenblick vor Ort zu sein.

    Nun, mir geht es ums Verstehen, nicht unbedingt um Verständnis. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

    Man legt sich dann irgendwelche Erklärungen zurecht, so etwas die bei Schulmassakern, daß da jemand mit narzisstischer Störung zutiefst verletzt worden sein muß, der darauf “Rache” ausübt. Das ist auch dürftig, weil es nicht die tieferen Gründe erklärt. Wir alle sind schon mal so richtig mies verletzt worden und waren ernstzunehmend sauer, haben aber in der Regel nicht einmal daran gedacht, auf diese Weise damit umzugehen, um die Sache wieder “aus der Welt zu schaffen”.

    Edvard Munch: Melancholie (1894f).

    Einmal habe ich, um besser zu empfinden, in meiner Vorlesung einen Amoklauf aus der Perspektive desjenigen Schülers versucht zu beschreiben, der nun mit seiner Waffe durch den Flur läuft, während die ihm persönlich bekannten und doch vielleicht auch ehedem freundschaftlich verbunden Mitschüler vor ihm fliehen.

    Darauf bin ich auf die Idee gekommen, daß es eine Exit–Strategie geben muß. Es kam mir nämlich so vor, als würde mancher Täter sich womöglich den Flüchtenden anschließen, gewissermaßen auf der Flucht vor sich selbst und dem eigenen Horror.

    Aber bei dem Anschlag in Heidelberg waren es Studenten, die zumeist persönlich einander gar nicht bekannt sein dürften. Hier entfällt also ein zentrales Argument, persönliche Rache aufgrund persönlicher Demütigungen sei der Grund und der Anlaß. — Also, wie kommt einer dazu, Leute zu “bestrafen”, die so rein gar nichts mit irgendetwas zu tun haben? Was ist dann deren “Schuld”?

    Mir tut es leid für alle die, die da in diesem Hörsaal waren, für die Verletzten und noch mehr für die Toten, ihre Angehörigen, Freunde und Freundesfreunde. Sie alle haben mein Mitgefühl.

    Dennoch will man immer etwas über die Motive hören, als ob es doch irgendwelche zureichende Gründe gäbe. Fast schon entlastend wirkt da, wenn diese Motive religiöser oder politischen Natur sind. Dadurch wird die Absurdität nicht geringer, aber irgendwie hat die Ratio dann etwas, an dem sie sich halten kann.

    Eines ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich von dem Amokläufer an der Uni in Heidelberg hörte. Er soll per Whatsapp kurz zuvor mitgeteilt und angekündigt haben, nachdem er sich die Waffen zuvor im Ausland beschafft hatte, „daß Leute jetzt bestraft werden müssen“. Dieses “Motiv” hat weiter gearbeitet in mir. Irgendwie scheint das ein Schlüssel zu sein für ein tieferes Verstehen ohne Verständnis.

    Dabei ist mir aufgefallen, daß diese Formel vom “Bestrafen” häufig verwendet wird, nicht nur von religiös motivierten Amoktätern, sondern auch von solchen, die eigentlich nicht religiös motiviert sein dürften, weil ihnen dazu jeder Backround fehlt. Dann bin ich heute beim Verfassen eines Textes auf den Zeitgeist der Moderne zu sprechen gekommen und darauf, daß mit der Entzauberung der Welt, mit dem Verlust eines Glaubens und einer transzendentalen Obdachlosigkeit diese grundverzweifelten Leute zunächst in Russland aufkommen, wie sie Dostojewski so eindringlich zur Darstellung bringt.

    Das hilft nun den Opfern und allen Betroffenen nicht wirklich, weil ihnen das die gesuchte und nicht zu findende Erklärung nicht geben kann. Und dennoch, es hat mit dem “Bestrafen” eine eigene Bewandtnis. Strafe, Sühne und Buße sind nämlich als Motive zutiefst religiös in einem tiefenpsychologischen Sinne. Das bedeutet, man muß nicht unbedingt auf irgendeine Weise gläubig sein, diese Archetypen sind einfach vorhanden im kollektiven Unbewußten.

    Edvard Munch: Der Schrei.

    Also, in der Moderne, wo nicht einmal mehr die Idee vom großen Ganzen noch möglich scheint, dort zerspringt die Welt in tausend Stücke und alle diese Fragmente erscheinen nur noch profan. Darauf wird dann die unselige Profanität selbst zum Skandal und zum verzweifelten Anlaß für Selbstverletzung, sei es am eigenen Leib oder auch am ›Körper‹ der Gemeinschaft. — Der Grund scheint zu sein, daß die Seele der Akteure in der von ihnen verachteten Welt seit geraumer Weile keine Nahrung mehr findet, zumal der Blick für Seelennahrung entweder gar nicht entwickelt oder eingetrübt ist.

    Auf diese Weise läßt sich nachvollziehen, warum es unter psychologisch prekären Umständen in den völlig entzauberten und profanisierten Fragmenten moderne Welten immer wieder zu diesen äußerst spektakulären und demonstrativen Terrorakten kommt, und woher die vielen religiösen Motive vor allem doch bei eigentlich religiös gar nicht motivierten Tätern rühren.

    Es läßt sich spekulieren, ob das Unvorstellbare nicht doch vorstellbar wird, wenn wir ernst nehmen, was viele dieser Täter als Motiv bekunden, sie wollten ›strafen‹. Als würde da ein geistig vollkommen entwurzeltes Prophetentum exerziert. Tatsächlich läßt sich aber annehmen, daß die Verletzungen in der Tat eine Art ›Buße‹ sein sollen, nur, in einem Kontinuum, das selbst völlig verirrt ist.

    Das hat Fjodor Michailowitsch Dostojewski in der ganzen seelischen Dramatik vor Augen geführt. Er war ein Seismograph der Konflikte, in die der Mensch mit dem Anbruch der Moderne geriet. In seinen Werken spiegelte er die irrlichternde menschliche Seele, ihre Sehnsüchte, Regungen und Träume, dann aber auch die Zwänge und Befreiungsversuche bis hin zum Verbrechen.

    Seit die Welt nur noch in Fragmenten erscheint, die allesamt nur noch profaner Natur sein können, konzentriert man sich ersatzhalber auf Äußerlichkeiten, spricht allenfalls von ›Werten‹ und verliert jede Vorstellung von Geist und Vernunft in ihrem Bezug zum Schönen, Erhabenen und daher auch zum Göttlichen. — Folgerichtig führt Friedrich Nietzsche dieser Befund zu einer verheerenden Diagnose: Nihilismus.

    Der junge Nietzsche selbst verwarf bereits in jungen Jahren diese Weltsicht der Haltlosigkeit und wandte sich der Philosophie von Arthur Schopenhauer zu, die nicht nur die Verzweiflung auf eine sehr konstruktive Weise deutet, sondern die auch eine Philosophie des Mitleids entwickelt und dabei bedeutende Gemeinsamkeiten mit fernöstlichem Denken entwickelt. — Es gäbe also schon philosophische Alternativen, die vor allem eigenes Handeln wieder möglich machen und nicht nur die aktive Weltverneinung und noch dazu die völlig unberechtigte “Bestrafung” zufällig anwesender Menschen, die dann zu Opfern werden. Kein Gott, kein Geist und nicht einmal ein Ungeist wird ein solches Opfer akzeptieren.

    Das ist keine Erklärung, die Trost spenden kann, es ist allerdings eine beunruhigende Einsicht in die seelische Kälte unserer Welt, die manche einfach nicht ertragen, schon gar nicht dann, wenn sie sich Hilfe nicht einmal mehr vorstellen können sondern meinen, sie könnten durch solche Taten irgendetwas bewirken, was alten Wunden heilt. – Stattdessen werden neue aufgerissen.

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    Der Staat als Pate

    Sind Sie mit einer freiwilligen Impfpflicht einverstanden?

    Über ein Angebot, das niemand ablehnen soll

    Gleich nach dem Studium hatte ich einen Lehrauftrag an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Dortmund: „Ethik für Polizei-Beamte“. Das ist Pflichtprogramm vor dem Hintergrund der Gleichschaltung in Nazideutschland.
     
    Ich habe dort viel erfahren über das Innenleben der Polizei. Einerseits wachsam in der Kontrolle mit Argusaugen, andererseits der permanente Wunsch, Grenzen zu übertreten, wohl weil der ständige Druck zu groß ist. Also, man benahm sich provokant, wollte den starken Macho–Mann geben und keine Schwäche zeigen. Daß keine Papierflieger aufstiegen, war alles. Dort waren keine Frauen darunter, die Luft war also ziemlich würzig.
     
    Damals spürte ich, wie es intern zugeht bei denen, die wenige Jahre zuvor in der RAF-Rasterfahndung mich immer rausgewunken haben, mit meinen langen Haaren, dem klapprigem R4 mit Achsschaden und Hippiebemalung, um mich zu kontrollieren mit Maschinengewehr im Rücken. Das ist eine seltsame Form der Prominenz.
     
    Aber wie und wer sind die, die eine solche Performance auf Befehl liefern, wenn “der” Staat, also die, die sich für “den” Staat halten und das Sagen haben, meinen, “der” Staat müsse mal zeigen, wo der Frosch die Locken hat und der Bartel den Most holt.
    Der Pate (Originaltitel: The Godfather) ist ein US-amerikanischer Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mario Puzo, der gemeinsam mit Coppola auch das Drehbuch verfasste. Der Film mit Marlon Brando und Al Pacino in den Hauptrollen war für elf Oscars nominiert, von denen er drei gewann. Der Pate zählt zu den künstlerisch bedeutendsten Werken der Filmgeschichte.
     
    Intern herrscht eine ungeheuerliche Disziplinierungskultur. Sobald in den Seminaren einer „ausscherte“ und irgendein Verständnis für Minderheiten zum Ausdruck brachte, fiel die Gruppe augenblicklich über ihn her: Ach, so einer bist Du also?!
     
    Empathie und alles “Weiche”, gewissermaßen Unmännliche war ein Ausdruck von Schwäche. Es ging zu wie im Schwabenland, wo viele in der schwäbischen Freikirche sozialisiert wurden und sich einen ähnlichen Schliff eingefangen haben. So wurden diese überaus wachsame Mitmenschen dressiert, eifrig in höherem Auftrag augenblicklich dabei zu stören, falls einer sich mal vergessen haben und irgendwie verträumt und selbstvergessen in Glücksmomenten schwelgen sollte. Wenn man von diesen Mitmenschen erwischt wird beim Menschsein, dann führen sie einen augenblicklich zurück auf den richtigen Weg des Unwohlseins im Sein.
     
    Eine ältere Dame im münsterländischen Wallfahrtsort Telgte erklärte mir mal: “Der Herrgott hat uns ja auch nicht erschaffen, damit wir es uns hier unten gut gehen lassen!” — Das ist philosophisch gar nicht so leicht zu kontern, denn man müßte dann mit dem Terminus “Herrgott” einigermaßen versiert umgehen können. Heute würde ich es mir zutrauen, aber damals war ich höflich sprachlos.
     
    Ähnliches muß ich den polizeilichen Anwärtern auf den höheren Dienst auch zugestehen, daß sie mich entwaffnet haben mit dem Bekenntnis: „Immer müssen wir dorthin, wo alle anderen weglaufen”. — Ja, das ist der Job, und für nicht wenige ist genau das sogar Berufung. Sie haben meinen Respekt, wirklich.
     
    Tatsächlich sind Polizeibeamte bei ihrer Berufswahl ähnlich motiviert wie Lehrer. Es sind Ideale im Spiel, aber Polizisten bekommen es richtig dicke auf die Mütze, während es für Lehrer bei weitem nicht so belastend ist, weil man vieles persönlich gestalten kann. Aber genau das möchte man von der Polizei gerade nicht, daß sie persönlich was gestaltet.
     
    Vor diesem Hintergrund ist es auch amüsant für mich, in eine Verkehrs-Kontrolle zu geraten, weil ich noch immer wie ein Lehrer empfinde. Und wenn dann ein Beamter mich fragt: „Sind Sie mit einem freiwilligen Atemtest zur Alkoholkontrolle einverstanden?“, dann bekommt er von mir einen sokratischen Dialog, das bin ich ihm und mir schuldig.
     
    Was denn daran freiwillig sei, will ich wissen. Der Beamte wiederholt, ich hätte doch die Wahl!? Was denn wäre, würde ich mich nicht einverstanden erklären, frage ich zurück. Dann müßte ich mit auf die Wache, wo mir auch mit körperlicher Gewalt das Blut für einen Alkoholtest abgenommen würde. Was denn daran freiwillig sei, frage ich zurück. Er wiederholt nur, versteht nicht oder will nicht verstehen.
     
    Ich sage ihm, das sei keine Freiwilligkeit. Ich würde ihm das jetzt mal vor Augen führen und zwar am Beispiel seiner danebenstehenden Kollegin. Wenn ich seine Kollegin als Frau fragen würde, ob sie mit einer freiwilligen körperlichen Nähe einverstanden wäre, weil ich ansonsten andere Mittel einsetzen würde, was das wohl wäre: Nötigung durch Androhung von Gewalt mindestens, wenn nicht mehr. – Er habe jetzt keine Zeit, sagt der Beamte und geht.
     
    Lauterbach hat für die Nahelegung einer „freiwilligen Impflicht” eine ähnliche rhetorische Figur gewählt, die selbstverständlich von Sokrates in den höchsten Tönen als der Weisheit letzter Schluß gelobt würde. Das geht immer so, wenn er wieder mal schwer beeindruckt ist. Wehe dem, wer so einen Bock geschoßen hat, denn man wird dann vor aller Augen rhetorisch geteert und gefedert.
     
    Es beginnt damit, auf eine viel zu laute, unmögliche, ja unerträgliche Weise über den grünen Klee gelobt zu werden. — Diese Gegenfigur wird als Hyperbel bezeichnet, das ist die Keimzelle vernichtender Ironie im Gewande des Lobgesangs, der nur eine Richtung kennt, nach oben, höher und höher des Lobes voll – und dann im Sturzflug runter, direkt auf den Boden der Tatsachen.
     
    Auch in der Musik funktioniert das hervorragend. Jimi Hendrix präsentierte auf dem Festival in Woodstock von 1969 eine verzerrt dröhnende, mit martialischen Bomber– und Maschinengewehrsalven durchsetzte, alsbald weltbekannte Interpretation der US-Nationalhymne “The Star-Spangled Banner”. Er hob sie hoch und höher, um sie fallen zu lassen wie einen Bomber, der im Sturzflug zum Angriff übergeht. Verblüffend deutlich sind Fliegerangriffe und Geschoßeinschläge zu hören, Vietnam.
     
    Die freiwillige Impfpflicht als der Weisheit letzte Schluß von Lauterbach würde Sokrates gewiß hoch über alles heben, um diese absurde These dann umso tiefer abstürzen zu lassen. Natürlich ist es lächerlich, weil Lauterbach gar nicht versteht, was der Unterschied zwischen Körper und Leib ist, ebensowenig wie der Polizist, der nun einmal im stählernen Gehäuse der Hörigkeit seiner Dienstpflichten lebt.
     
    Dieser Zwang zum freiwilligen Selbstzwang hat nicht nur etwas von einer Vergewaltigung, es ist eine. Und der Täter ist der Staat. Und der Staat ist ein Schläger, einer, der hundertmal schon versichert hat, er wolle sich bessern und hätte schon manche Therapiesitzung absolviert, sich nicht wieder in der Gewalt zu vergreifen an der Gesellschaft. Aber dann ist er doch bei der nächsten Gelegenheit wieder rückfällig geworden.
     
    Das alles läßt sich demonstrieren, ich habe darüber Bücher geschrieben. Aber es bereitet auch Freude, sich darüber lustig zu machen, über so etwas Ehrenwertes wie die ehrenwerte Gesellschaft, die der Staat letztendlich ist.
     
    Das läßt nicht von ungefähr an einen zeitlosen US-amerikanischen Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola denken, mit Marlon Brando, überwältigend in der Rolle des Vito Corleone, als der Pate (Originaltitel: The Godfather). — Aber ja doch, Mafia. Das Problem ist, daß der Staat von Hause aus selbst nichts anderes als “Mafia” ist, höchst ehrenwert versteht sich, nur daß es eben nicht beides zugleich geben kann.
     
    Wenn Staat, dann nur in Ketten wie ein Ungeheuer. Das bedeutet Gewaltenteilung, Balance of Power und ist so gemeint, daß die eine Gewalt der anderen bitteschön nicht einmal die Wurst auf dem Brot gönnen sollte. Da möchte man nun wirklich nicht von Bundesverfassungsrichtern hören, die zum Dinner ins Kanzleramt fahren, um sich dort, ja was eigentlich, wohl zu fühlen oder geehrt oder geachtet? Da lobe ich mir die Polizisten.
     
    Unübertroffen der Spruch des Paten: Man mache ihnen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.
    Das läßt mich wieder an meine freundlich gemeinte, hypothetische Avance der Polizistin gegenüber denken, mir gefällig zu sein.
     
    Wie lautet der Spruch? — Du willst es doch auch!
     
    Freiwillig? Aus eigenem Antrieb?
     
    Weil sie selber es will?
     
    Es gibt einen Unterschied zwischen “Körper haben und Leib sein”, sagt Helmuth Plessner.
     
    Und ich sage, daß ich der Souverän bin in diesem intimen Raum zwischen meinem Leib und meiner Seele, alles andere ist Vergewaltigung.
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    Schweigen der Lämmer

    Schafe sind nie schuld, oder?

    Eine chinesische Verwünschung lautet: Mögest Du in interessanten Zeiten leben! — Was heißt „interessant“, wohl unruhig, unsicher, bedroht, voller Zweifel, verängstigt, vielleicht sogar panisch.

    Seit Menschengedenken wird darauf mit Opferkulten reagiert. Man verlangt sich was ab und opfert das Teuerste den Göttern. — Nichts dagegen, ich halte viel davon, den richtigen Göttern die richtigen Opfer zum richtigen Zeitpunkt zu bieten, in der Erwartung, daß man durch eine solche Meditation auf göttliche Kompetenzen kommt, wenn man denn die richtige Wahl trifft. — Sorry, ich sehe das Impfen von Kindern in diesem Sinne, das alles wirkt auf mich, als wären es Kindsopfer.

    Der Hintergrund dürfte der sein, daß viele Kinder es sich selbst wünschten und die eigenen Eltern bedrängt haben, einfach nur, um endlich wieder „normal“ zu sein mit dem Recht darauf, die eigene Kindheit leben zu dürfen. — Das hat mich von Anfang an befremdet von dieser Politik, diesem Staat und dieser Gesellschaft. Ungeheuer zornig gemacht hat mich die Dreistigkeit, über Kinder und Jugendliche herzufallen, ihnen die Unbeschwertheit zu nehmen, ihnen Begegnungen, Feiern, Selbsterfahrungen zu vereiteln. Gerade die Ausgangssperre war speziell gegen junge Leute gerichtet. — Und der Oberpriester, der diese Kindsopfer von Anfang an wider besseres Wissen gefordert hat, war der allseits geschätzte Virologe Drosten, der gewiß keine Ahnung hat von Pädagogik und Psychologie. Darf sich so einer bei so etwas irren? Nein! 

    Ähnlich hat man aber auch die Erwachsenen mit fadenscheinigen Aussichten erpreßt, mit allen erdenklichen Versprechungen, die dann nicht gehalten. sondern gebrochen wurden. Ständig neue Ziele wurden gesetzt, so daß alsbald der Eindruck entstehen mußte, ein fauler Zauber sollte aufrechterhalten werden, aber nicht irgend etwas Rationales. Der Schein von Rationalität wurde erzeugt und zur Einschüchterung gegen Andersdenkenden eingesetzt. Ach und es war so oft aus unberufenen Mündern von Rationalität und Wissenschaftlichkeit die Rede, man hat alledem einen Bärendienst erwiesen.

    Was nun?

    Jetzt ist eine Situation entstanden, in der Omikron zeigt, wie falsch die Hybris war, zu glauben, man könnte in der Liga mitspielen, in diesem Jahrmillionen währenden Kampf zwischen den Wirten und den Viren, in dem so etwas wie permanentes Wettrüsten vor sich geht, aber auch Konstruktives. Man denke doch nur an die Mitochondrien, die höheres Leben erst möglich machen. Es sind viele Schnipsel davon im Genetischen Code, alles potentielle Innovationen, die über Viren „hereingekommen“ sind.

    Was können „wir“, nicht viel! Was wissen wir, so gut wie nichts! – Von Anfang an war klar, daß da die Evolution ihre Spiele spielt. Es wäre klug gewesen und nicht einfach nur „rational“, sondern vielleicht sogar vernünftig, das zu tun, was die Moskowiter getan haben, als Napoleon mit seinen Invasionstruppen kam. Man hat Moskau verlassen und den Feind „ausgehungert“.

    Von den 400 Milliarden, die der Wahn gekostet hat, hätte man die Kliniken und Altersheime aufrüsten können in sichere Burgen mit Kontakt– und Berührungsmöglichkeit. Technik kann so gut wie alles, man muß nur das Zauberwort sagen: Koste es was es wolle! — Warum wurden die Kliniken nie wirklich optimiert? Warum hat man das Personal so allein gelassen. Warum hat man nicht gesagt, es gibt das Doppelte und Verhältnisse, in denen die Motivation nicht korrumpiert wird? Wer sich jetzt zur Ausbildung einschreibt, der bekommt erst einmal den roten Teppich und ja, die autoritären und jetzt auch noch kapitalistischen Verhältnisse im Gesundheitswesen sind einfach kontraproduktiv und haben nur dann etwas Menschliches, wenn sich Mitarbeiter bis zum Burnout übernehmen.

    Aber der Staat hat sich wie üblich an der Gesellschaft vergriffen, weil er ein Schläger ist und nie vertrauenswürdig war. Nicht von ungefähr stellt ihn die Mythologie der Ägypter als Monstrum dar, der Pharao hat einen Löwenkörper und die schrecklichen Augen einer Sphinx. Als solche ist er eiskalt, unberechenbar und unbezwingbar. — Das ist auch noch unser Staatsverständnis, daher wurde die Gewaltenteilung erfunden.

    Aber die Balance of Power hat versagt wie die Notstromaggregate in Fukushima, als dort die Welle kam. — Die Gewaltenteilung hat versagt. Die Obersten Richter haben sich nicht getraut, der Politik „rote Linien“ zu weisen. Man hat die Köpfe zusammengesteckt beim Dinner im Kanzleramt, ein Ding der Unmöglichkeit!

    Die Menschheit ist je fortschrittlicher umso mehr auf den Zufall angewiesen, daß, ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommt, keine Duckmäuser und exzellente Unfähigkeiten an den entscheidenden Stellen sitzen. Da lobe ich mir die antike griechische Demokratie. Die Ämter wurden verlost, jeder mußte ran und zwar sofort. – Wer zum Richter ernannt wurde, mußte sofort und unverzüglich in den Prozeß, durfte nicht erst mit anderen sprechen, konnte also gar nicht manipuliert werden.

    Was nach Omikron kommt? Das konnte man schon bei Delta sehen, es ist nicht im Interesse eines Virus, seinen Wirt umzubringen. Wenn er das tut, ist er jung und noch ziemlich dumm. – Warum wissen das unsere auch so wissenschaftlichen Fachwissenschaftler nicht und wenn, warum sagen sie es nicht? Man muß nur Darwin lesen. — Stattdessen wurde stets die Dramaqueen gegeben. Dabei merkte man förmlich bei den Statements, das sich fast alle schnell auf die Zunge bissen, wenn irgendwas gar nicht so schlecht aussah. Wie in der Werbung hat man die Mutanten verkauft, jetzt noch schneller, noch tödlicher, noch heimtückischer.

    Die Angstmacherein der letzten viel zu langen Monate war nicht nur unverantwortlich, sie hat vor allem zur Demontage der Demokratie und zum Niedergang der politischen Kultur geführt. Die Leute reden ja gar nicht mehr miteinander, man prüft den Anderen erst, ob da bestimmte Trigger sind und dann wird gecancelt. Gespräche finden nur noch unter Gleichgeschalteten statt. Oder man schweigt. Tatsächlich, die Mehrheit schweigt, seit Monaten. Und es ist in der Tat harte Arbeit, in dieses Schweigen hineinzurufen.

    Das ist aber nun mal mein Job. Mir ist es gleich, was man mir nachsagt. Und die vielen gutgemeinten Aufforderungen, mal nicht ganz so laut zu sein beim Reinrufen, sind falsch. — Es ist meiner Reputation als Philosophen nicht abträglich, ich bin es ihr vielmehr schuldig, genau das zu tun, was ich immer schon getan habe, widersprechen, auch dann, wenn fast alle auf Tauchstation gehen. So habe ich mich schon vorzeiten mit meiner ganzen Kollegenschaft angelegt, als ich über den Diskurs der Sloterdijk–Debatte ca. 700 Seiten geschrieben habe mit minutiösen Analysen darüber, daß es auch unter Philosophen angepaßtes Denken und eben auch Nichtdenken gibt. Das Buch hat ein Namensverzeichnis, man kann sich also sofort nachschlagen. – Gern denke ich noch heute an die wenigen, die einfach exzellente Noten verdient hatten, eben weil sie das richtige Gespür mit Vernunft zusammenbringen konnten.

    Umkehr
     
    Es ist ungeheuer viel geopfert worden und es hat so gut wie nichts davon geholfen. Ja, ja, es hätte, sollte, würde, müßte alles noch viel schlimmer gekommen sein, wenn nicht? Nein!Corona ist stark, weil die Gesellschaft so schwach ist, weil der Staat ihr nicht beisteht, sondern sich darin gefällt, die Gesellschaft zappeln zu lassen und den großen Zampano zu geben. — Aber jetzt ist es eine interessante Zwischenphase wie bei einer Minutenpause in der Musik. Danach kommt was. Alles weiß, daß es jetzt kippen muß. Alle erdenklichen Vorzeichen sind bereits zu erkennen und werden eindeutiger. — Und als sie ihr Scheitern bemerkten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen. Ja, aber auch das geht nicht ewig so weiter.
     
    Jetzt fehlt eigentlich ein Skandal oder einer, der das Zeug hat, hinreichend aufgebauscht zu werden. Wie wäre es mit falschen Zahlen, wie Söder sie sich geleistet hat? Aber es müßte schon noch ein wenig mehr sein. Alles wartet doch jetzt auf die Lösung des Rätsels der Erfolglosigkeit aller Anstrengungen. Es scheint ja inzwischen schon fast so, als wären die Ungeimpften sicherer, ja doch wohl auch deswegen, weil sie sich nicht auf einen „Schutz“ verlassen können und weil sie ja nun aus erzieherischen Gründen leider überall draußen bleiben müssen. Ich lasse mich nicht erziehen, ich bin selbst Erziehungswissenschaftler für Erwachsenenbildung und hatte das als Nebenfach in Münster.

    Während die Impfpflicht eher nur noch von den unteren Chargen verfolgt wird und sich alle erdenklichen Zuträger, Beiträger, Mitläufer, Berufsbetroffene, Gläubige, Scharf– und Angstmacher so langsam unsicher umdrehen, wer noch alles bei ihnen steht, lichten sich die Reihen. Es wendet sich das Wetter, das gesellschaftliche Klima kippt. Nur wer möchte sich denn jetzt mal einfach so eingestehen, daß der Club der Kaiser schon seit Monaten nackt ist?

    Derweil will noch niemand wirklich genauer hinsehen, weil man schon viel zu viel und viel zu lange aufs falsche Pferd gesetzt hat. Das sagen auch die Mörder in den allabendlichen Mordorgien der Krimis im Fernsehen immerzu, man habe jetzt schon so viel auf dem Gewissen, da käme es auf etwas mehr auch nicht mehr an. Wenn dieser Spruch fällt, ist jemand wirklich von allen guten Geistern verlassen.

    Was die Rationalitäten nicht auf den Schirm bekommen

    In der theologischen Sprache gibt es manche Begriffe, die in Vergessenheit geraten sind, weil wir ja unsere wissenschaftlich-wissenschaftlichen Rationalitäten haben. Ich frage dann immer gern nach den Bedeutungen, um ganz schnell eine plötzlich aufkommende Bescheidenheit zu provozieren, zur Not auch zu erzwingen. Ein Mangel an Demut ist das Problem. Auch der Begriff der „Sünde“ ist von Interesse. Was mag es bedeuten, wenn gesagt wird, man habe sich an etwas versündigt? — Was die Kinder, die jungen Leute, die Alten, Dementen und Sterbenden betrifft, sehe ich das so. Da ist eine riesige Schuld entstanden und wer trägt sie wieder ab?
     
    Sobald das spürbar wird, daß man sich aufgrund von Sturheit, Selbstherrlichkeit und Maßlosigkeit schon seit geraumer Zeit auf einem Holzweg befunden hat, kommt es zu einem Impuls, für den es in der Theologie einen weiteren Begriff gibt. Dieser Begriff heißt „Umkehr“. Heidegger hat es mal mit „Kehre“ versucht, aber das ist und bleibt düster. Auch „Wende“ ist so eine Phrase, aber auch das bleibt eine nur äußerliche Sache, als würde man sich mal einfach so umdrehen. — Worte, die den Tiefen unserer Psyche gerecht werden sollen, müssen selbst Tiefgang haben, sonst brauchen sie gar nicht erst anzutreten.
     
    Nein, „Umkehr“, wenn man denn dem Begriff seine theologische Bedeutung auch zugesteht, das bedeutet „Eingeständnis der Schuld“, „Zugeben, sich versündigt zu haben“ und schließlich „Buße“. Dann erst kann es weitergehen. Dann kann die Katharsis, also die „Reinigung“, die „Entsühnung“, die „Vergebung“ und die „Freisprechung von der Schuld“ überhaupt vonstatten gehen. — Und da sind wir jetzt, noch kurz vor der Einsicht in die Schuld.
    Théodore Géricault: Das Floß der Medusa (1819). Nun, die Katastrophe um das Floß der Medusa entstand, weil ein unfähiger aber hochwohlgeborener Kapitän auch noch resistent war gegen guten Rat. – Die Unglücklichen wurden ausgesetzt und sehen am Horizont das rettende Schiff, aber von links kommt eine haushohe Welle.
     
    Man wird sich nicht mehr lange stellvertretend an den Ungeimpften vergreifen können, um in ihnen die „Sündenböcke“ zu sehen, die einfach für alles verantwortlich sind.
     
    Bar jeder Vernunft sind sie nun monatelang als die wahrhaft „Bösen“ verkauft worden, nur, weil sie den angeblich ganz kleinen Piks mit dem ganz tiefen Vertrauen in einen Wissenschaftsglauben, der selbst wissenschaftsfeindlich ist, nicht mitmachen mochten, aus vielerlei Gründen. — Ja, selig sollen die sein, die nicht (selbst ein–)sehen und doch glauben. Das hätten die „Hirten“ gerne.
     
    Aber wenn jetzt die Ungeimpften als Ketzer, Ungläubige, Teufelsmenschen, UnholdInnen und Staatsfeinde nicht mehr zur Verfügung stehen, was dann? Die diskursive Formation muß dann dieser Tage kollabieren. Wer soll das denn jetzt alles gewesen sein? Also werden Ablenkungen vorgenommen. Herr Wieler vom RKI könnte abgesetzt werden, da hätte man schon mal ein Baueropfer, irgendwie. Boris Johnson, der offenbar jeden Freitag in der Downing Street nicht unberauschende Feste gegeben hat, wird jetzt abgesägt. Und Söder hat schon vor Wochen Kreide gefressen, denn seine Fähigkeit, sich äußerlich zu wandeln, haben etwas von einem Chameleon. — Politik macht es erforderlich immer mal die Farben zu wechseln, aber nur äußerlich, also „glaubwürdig“.
     
    Eines muß man dem Söder Markus neidvoll zugestehen. Ich hätte es ihm von Herzen gewünscht, daß er für seine narzißtischen Big–Man–Allüren abgestraft würde, daß man ihm als Scharfmacher vorhalten würde, was er alles mit angerichtet hat in der Corona-Krise, was so ungeheuer schief gelaufen ist. Ach ja und Frau Merkel, die nie vom Ende hergedacht hat, wenn überhaupt. Herr Spahn kann sich glücklich schätzen, daß er „weg“ ist. — Manches Mal habe ich gedacht, was ist das nur für ein Job, permanent Erklärungen, Beteuerungen und Versprechen abzugeben, wie etwa zum hundertsten Mal, daß es keine Impflicht gäbe. Und dann läßt sich das alles nicht halten, weil man vor anderem Hintergrund wieder die Farbe wechseln muß.
     
    Ja, die Rente ist sicher, ebenso sicher wie das Grundgesetz. Auch die Daten in der Luca-App sind sicher vor staatlichem Zugriff. — Viel von dem Vertrauen, das Staat, Politik und Medien noch hatten, ist weg.

    Nichts ist heilig

    Wie hieß es noch in einer dieser unverschämten Werkekampagnen zum geistig–moralischen Downgrade: „Ich bin doch nicht blöd!“ Aber ja doch, geraden mit dieser Einstellung, was könnte blöder sein als dieser Spruch. — Da war dann die Polizei in Mainz auch echt nicht blöd und auch die vom Gesundheitsamt. Man hat auf dem Wege der „Amtshilfe“ eine Infektion einfach mal so gefaked, weil man es kann und dann sind die lieben Kollegen an die Daten herangekommen. — Geht doch!
     
    Nicht mal Ehrlichkeit, Lauterkeit, Prinzipientreue, Verläßlichkeit geht. Man hätte sich viel, sehr viel zusätzliches Vertrauen verdienen können. Aber nun? — Jetzt kommt das Scherbengericht. Und der Söder Markus hat schon vor Wochen das Södern ganz sein lassen. Da ist dann FDP-Kubicki, der viel zu still war, als er hätte laut werden müssen, auch erst dann über ihn hergefallen, als sich die Änderung im politischen Klima längst abzuzeichnen begann.
     
    Ja, hinterher sind immer alle überaus klug. Aber wer erhebt denn von Anfang an Protest? Wer hat denn den Mut, aus der Reihe zu tanzen? Manche haben es ja am Anfang getan, sie wurden aber auf der Stelle exkommuniziert. Es sollte nur einen Gott und nur einen Hohepriester geben und der verlangte den Lockdown, um den Chinesen mal zu zeigen, daß wir so etwas auch können. Eine Gesellschaft, die so dumm ist, hat in der Tat auch keine bessere Politik verdient. — Und was mich am allermeisten stört, auch in der anstehenden Buße wird gelogen und betrogen werden. Allerdings wird es dann auch keine „Vergebung“ geben.
     
    Um das zu verstehen, muß niemand gläubig sein, es geht auch mit Tiefenpsychologie. Wer so viel falsch gemacht hat, wie Politik, Staat und Gesellschaft die letzten Monate, hat viele Leichen im Keller. Täter werden es am Anfang glatt ablehnen, die Verantwortung oder gar Schuld anzuerkennen. Leugnung, dann Verdrängung und schließlich Relativierung sind typische Stationen im Prozeß einer jeden Läuterung.
     
    Das Problem von Tätern ist nur, daß sie ständig auf der Hut sein und permanent darauf achten müssen, daß niemand was merkt. Aber spätestens seit der Systemischen Therapie kann man auch ohne humanistische Bildung wissen, daß es gar keine Geheimnisse geben kann, weil wir alle erdenklichen psychoaktiven Antennen besitzen. Wir haben den Neokortex entwickelt, weil das Sozialverhalten ansonsten viel zu viel Kopfschmerzen bereitet. Ja, es gibt Dinge, die sich unsere Rationalitäten nicht einmal träumen können.
     
    Ich frage mich aber, wie das gehen soll, dieses Scherbengericht? Wie sollen wir denn einander allesmögliche verzeihen? Die neugeschaffenen Traumata, die Verletzungen der Würde, die Mißhandlungen der Freiheit, dieser unübersehbare Vertrauensverlust, das alles läßt sich doch gar nicht wieder heilen. Natürlich werden die Montagsdemonstrationen größer, man wird immer weniger herzhaft darüber herziehen können. Derweil versucht man es noch immer mit Dämonisierung und Exkommunikation. Wenn jetzt noch mehr Gutbürgerliche „da“ einfach hingehen? Was soll man denn tun, wenn man was tun möchte gegen den Verfall der Kultur?
     
    Hauptsache, es kommt jetzt nicht auch noch zur Inszenierung von Gewalt.
     
    Ich denke, der Mainstream sollte jetzt auch mal Farbe bekennen und dazu stehen, daß man sich hat Angst machen und einschüchtern lassen, daß man sich benommen hat, wie ein artiges Kind, daß man sich die Würde nicht nur hat nehmen lassen, sondern daß man sie freiwillig abgeliefert hat. So viel Hausarrest, wofür eigentlich?
     
    Aber wie gewinnen wir die verlorene Nähe wieder? Geraten wir nicht alle inzwischen in Atemnot, wenn uns jemand „zu nahe“ kommt?
     
    Oh wie ist das alles krank, psychisch krank!
     
    Wieder einmal hat sich die Gesellschaft von falschen Hirten auf Irrwege führen und mißhandeln lassen. Wer trägt die Verantwortung?
     
    Schafe sind nie schuld, oder?
  • Anthropologie,  Corona,  Corona-Politik,  Diskurs,  Ironie,  Kunst,  Moral,  Zeitgeist

    Ironie in Zeiten Coronas

    Wie es ist, Hypochonder zu sein

    Ein vielbeachteter Aufsatz von Thomas Nagel geht der Frage nach, wie es wohl sein würde, eine Fledermaus zu sein.

    Schnell stößt der Autor auf Grenzen, nämlich jene, die Ludwig Wittgenstein konstatiert hat: „Die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner Welt“.

    Ich war nie sonderlich angetan vom Hype um diesen Aufsatz von Nagel, denn ich kannte längst die berührenden Expeditionen in die Wahrnehmungswelten der Tiere von Jacob von Uexküll, etwa über die Stubenfliege oder, ganz besonders „einfühlsam“ über die Zecke. Da hat man nämlich den Eindruck, zum besagten Tier zu werden, weil die Sinne reduziert werden auf das, was noch bleibt: Bei der Zecke ist es ein Geruchssinn für Buttersäure, um Säugetiere wahrzunehmen und dann noch ein Wärmesinn, um dorthin zu krabbeln, wo warmes frisches Blut fließt.

    Auch Nagel kommt auf jene Problematik, die hinter alledem steht, was der Anthropologie Helmuth Plessner einmal auf die Formel gebracht hat vom „Unterschied zwischen Körper-Haben und Leib-Sein“. Da gibt es in der Tat einige Differenzen, da geht einiges nicht auf und das liegt nicht an der Philosophie, sondern es ist selbst phänomenal, daß und was da nicht aufgeht. — So wird dieser Tage viel Wert gelegt auf  „Achtsamkeit“, auch als eine Form der Selbstaufmerksamkeit. Aber auch da zeigt sich dieses Problem, daß wir genau dort, wo es ums Verstehen dieser Differenzen geht, einfach nicht nahe genug herankommen.

    Wieviel Selbstaufmerksamkeit ist genug, was wäre zu wenig und was zu viel? Das läßt sich gar nicht beantworten, weil man dann erst irgendwo Maß nehmen müßte.  Maßnehmen woran?

    Aber man kann in solchen Fällen auch mit Extremen arbeiten, die selbst etwas Besonderes haben im Verhältnis zwischen Psyche und Körper, Leib und Seele. So wie es Unaufmerksamkeit gibt, so läßt sich auch eine gesteigerte Aufmerksamkeit beobachten, die dann irgendwann etwas viel wird.

    Viele sind dann schnell mit der Etikettierung bei der Hand, etwas sei „krankhaft“. Das ist so schrecklich bei Aristoteles in der von vielen so geschätzten „Nikomachischen Ethik“. Als wäre das Mittlere immer die richtige Wahl, niemals zu viel oder zu wenig, immer in Maßen. Als ob es das wäre.

    Aristoteles konnte den Epigrammatiker Friedrich Freiherr von Logau (1605-1655) noch nicht kennen, dessen Spruch die unterbelichtete Ethik spielend ad absurdum führen kann, wie es Diogenes nicht besser hätte tun können: „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.“ — Und  jene selbstberufenen Menschen, die mit Urteilen aus der Hüfte schießen, um garantiert nicht zu treffen, sind auch nicht hilfreich, wenn es heißt, Hypochondrie sei „krankhaft“. Zugegeben, es ist eine etwas angespannte, ziemlich permanente Aufmerksamkeit, die Friedrich Nietzsche dazu gezwungen hat, tagtäglich den eigenen Gesundheits– und Krankenstand in ein eigenes Tagebuch des Wohl– und eher Unwohlseins zu schreiben.

    Bild: Albrecht Dürer: Selbstportrait (1528). Skizze in der er auf vergrößerte Milz zeigt.

    Wie ist es, Hypochonder zu sein? Das ist die Frage, die nun von besonderem Interesse ist, wegen der Impfung, der Personalie und der unbeholfenen Skandalisierung um Harald Schmidt. Ich hatte schon vor geraumer Zeit darüber spekuliert, ob er ist oder nicht ist, also „geimpft“. Und es hat mir ein sardonisches Vergnügen bereitet, darüber zu spekulieren, daß nun ja wirklich zwei Herzen in seiner Brust schlagen müßten. Einerseits ist das die Angst vor Krankheit, andererseits ist da die Angst vor der Impfung. — Ja, an alle Wenigdenker, das geht auch! Die Philosophie hat sogar einen Namen dafür, es ist eine Aporie, eine „Weglosigkeit“, die eben „tertium non datur“, ohne ein Drittes, also ohne Ausweg ist.  

    Ich bin damals zu dem Schluß gekommen, er hat nicht und er ist nicht. Richtig! Er ist noch immer nicht.

    Das kam auf eine köstlich verklausulierte Weise über den Kontext heraus. Lustig ist, daß die Impf–Sitten–Wächter das noch immer nicht bemerkt haben. Und natürlich äußert sich sein Management zu dieser Petitesse nicht. Er sei gerade im Urlaub. Sie würden dem begnadeten Entertainer damit ja seine Pointe und seine Extra–Lektion in Rhetorik vermiesen, die er einer entsetzten Öffentlichkeit verabreicht hat.

    Noch lustiger ist, daß sich niemand traut, über Harald Schmidt herzufallen wie über Sportler oder Schauspieler auf eine mitunter einfach nur unverschämte Art und Weise. Man hätte es allerdings mit einem rhetorisch gnadenlos Begnadeten zu tun. — Hat sich Lauterbach eigentlich schon zum Impfstatus von Schmidt geäußert?

    Das Argument von der „Vorbildfunktion von Prominenten“ lese ich gerade, oh. Es mag Prominente geben, deren Beruf es ist, prominent zu sein, aber bei Harald Schmidt wäre zu klären, wie es wohl sein mag, Hypochonder zu sein. — Das mag selbst schon wieder heikel erscheinen, das derart an die große Glocke zu hängen, hätte er sich nicht selbst in einer köstlichen Stehgreif-Parodie darüber lustig gemacht, wie es ist, Hypochonder zu sein.

    Aber gewiß ist der Impfstatus privat. Das geht niemanden etwas an und genauso hält er es auch. Dabei sind überall Ironiesignale aber nur wenige checken es. Was seinen Impfstatus, die Frage aller Fragen betrifft, so müsse er vorsichtig sein, sonst gäbe es etwas auf den Aluhut und dann kommt die verschmitzt zurechtgelegte Formel im Wortlaut des Scholzomaten, er sei auf dem besten Wege zu 2G. — Köstlich!

    Aber fast alles irrlichtert in der gar nicht mehr so freiheitlichen Republik. Manche möchten sich gern darüber sehr erregen, daß er dann auch noch Witze über Corona macht.

    Nur wenige sind nicht hereingefallen und haben sich nicht vorführen lassen im Nichtdenken. In der Welt vom 7. Januar konstatiert Mladen Gladić den geistigen Niveauverfall unter dem Titel: „Harald Schmidt und sein Impfstatus“. Köstlich, weil sich da einer einschwingt in den Sound. — Philosophieren ist eben wie Jazz, man sollte den Einsatz nicht verpassen und improvisieren können. Und zu Recht wird moniert, daß unsere Gegenwart kaum noch fähig ist, sich auf diesen Sound einzulassen:

    „Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen“, sagt Harald Schmidt in einem Interview. Und alles rätselt: Ist Schmidt ungeimpft, gar Impfgegner? Warum unsere Gegenwart kaum noch fähig ist, sich auf den Schmidt–Sound einzulassen. Und was die Sätze des Ex–Talkers signalisieren.

    Im jüngsten Interview mit Harald Schmidt in der „Neuen Zürcher Zeitung“ bemerkt sein Gesprächspartner gleich am Anfang: „Wir dürfen uns nicht im Hotel treffen, weil Sie weder geimpft noch genesen sind.“ Schmidts Antwort: „Daß ich nicht geimpft sei, das behaupten Sie einfach so, und ich lasse das mal so stehen. Mittlerweile habe ich mir eine Olaf–Scholz-Formulierung überlegt: ‚Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen.’ Das läßt alles offen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, sonst gibt’s schnell was auf den Aluhut.“ Eine Antwort, die uns merklich überfordert und prompt der Skandalisierung anheimgefallen ist.

    Alles hat auch eine andere Seite, die meist nicht gesehen werden soll, das gilt für das Rauchen, ebenso wie für Hypochondrie. Die erhöhte Aufmerksamkeit auf Differenzen zwischen Leib und Seele, Psyche und Körper sorgt auch für ein hohes Niveau einer Achtsamkeit, die ein Entertainer wie Schmidt stets mit einer gewissen Leichtigkeit bewiesen hat. Schön waren immer die Passagen, in denen er hat durchblicken lassen, wie er es macht. Zum Beispiel die Lacher, von denen es welche gäbe, die Grenzwertigkeit signalisieren. — Ich schließe daraus, daß die erhöhte Aufmerksamkeit sich sonstwohin ausgedehnt hat, Befindlichkeiten wahrnehmen zu können, die auch dem Intellekt bei alledem Freude bereiten, eine, die ganz gern auch mal die vorführen, die andere immerzu vorführen, in dem Glauben, sie hätten die Moral für sich gepachtet. Denken bräuchte es nicht, wenn man ohnehin schon im Recht ist.  

    Übrigens, schon mal vom “Morbus Google” gehört, auch die Hypochondrie geht mit der Zeit als Cyberchondrie. — Meine persönliche Erfahrung ist, daß sich vieles aufs erste Mal googeln läßt aber nicht das, was Ärzten regelmäßig auf Partys widerfährt, wenn sie sich als ebensolche outen. Sogleich robben sich manche heraus, nutzen die Gelegenheit, machen sich schon mal ein wenig frei und weisen dann auf sich selbst, sie hätten da so ein Ziehen, manchmal auch ein Stechen.

    Ich wollte mal Heilpraktiker werden, war schon im Standardkurs an der Uni in Münster: “Physiologie für Psychologen”. Bis ich dann gemerkt habe, daß ich mit manchen Kranken nicht klarkomme. Jetzt bin ich es nur so nebenher und das erleichtert sehr.