Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Corona-Diskurs

Wenn Worte sich enthalten

Erlösung gibt es nur durch Sprache, aber was, wenn die Worte fehlen?

Wenn Worte fehlen, suchen wir stammelnd nach Beispielen: Es ist wie…, es ist wie…, es ist wie… – Ja wie denn?

Wenn etwas gesagt werden soll, aber eigentlich gar nicht klar ist, was denn jetzt und vor allem wie, dann stehen die, die sich jetzt mal äußern sollen wie Lehrer vor einer Klasse von Schülern, die den Teufel tun werden, sich jetzt zu melden. 

Keines der bekannten Worte wird sich bereit erklären für ein solches Himmelfahrtskommando, darstellen zu sollen, wie es denn so ist, ein Impfgegner zu sein und gegen den Strom zu schwingen. Ein Student sagte mal im Seminar, da müsse man aufpassen, nicht blaue Augen zu bekommen, wenn man gegen den Strom schwimmt. Auf Nachfrage erklärte er dann das köstliche Bild, die blauen Augen entstünden durch Zusammenstöße mit entgegenkommenden Fischen. 

Gustave Doré: Die babylonische Sprachverwirrung (1865ff.).

Im Corona-Diskurs ist Verstehen aus vielerlei Gründen ganz besonders schwierig, weil im Hintergrund tiefe religiöse Traumata das Orchester der Gefühle dirigieren und tagtäglich neue Ängste geschürt werden. Die meisten “Rechtgläubigen” bemerken nicht einmal, daß sie sich angepaßt haben und tunlichst nur angepaßte Worte verwenden aber gar nicht die eigenen. Viele beten nur nach und kommen dann auch sehr schnell ins Stammeln, wenn sie ihrerseits begründen sollen, was sie warum für richtig halten. 

Tatsächlich ist es ungeheuer schwer, etwas zu verstehen, in dem man sich gerade befindet. Man kann in einer Höhle nicht erklären, daß man sich in einer Höhle befindet, ohne daß die, denen man das gern mitteilen möchte, schon mal davon gehört haben, daß es auch ein Außerhalb gibt. Das ist die berühmte Allegorie in Platons Höhlengleichnis  mit dem sich Platon an den Athenern bis in aller Ewigkeit revanchiert, daß sie seinen geliebten Lehrer zum Tode verurteilt haben, weil er den Mainstream gestört hat beim Nichtdenken. 

Die Sprache ist das Haus des Seins, sagt Heidegger und in der Tat ist diese der “Weinberg”, von dem die Christen so gern reden. Die Erweiterung des Ausdrucksvermögens ist alles entscheidend.

Das ist ja gerade das Schlimme an einem Trauma, es lastet auf der Seele, ohne daß man sich davon erleichtern könnte. Das würde nur gehen, wenn man es mit-teilen würde. Aber dazu sind Worte nötig, die sich freiwillig melden und sagen: Ich versuche das jetzt mal.  Aber die meisten dieser mutigen Worte kommen dabei um. Mutig sein allein genügt nämlich nicht.

Außerdem ist da noch die Grammatik, und die ist weit mehr, als nur das, was man im Deutschunterricht zu hören bekommt. In der Philosophie gibt es “Ontologien”, das sind “Seinslehren”, die zu anderen Zeiten ernsthaft vertreten und auch geglaubt wurden, wo dann eben so Nebensächlichkeiten drin stehen, wie etwa die “Natur des Menschen, des Mannes oder auch der Frau”.

Man sollte nicht zu hart mit anderen Epochen ins Gericht gehen, denn diese hatten auch ihre Problem, nur andere als wir. – Man hat das eben geglaubt, daß es so etwas wie eine fixierte Natur gibt und das war wohl auch gut so, weil einem die Welt ohnehin bereits über den Kopf gewachsen war. 

Nun nimmt im Zuge der Kulturgeschichte das sprachliche Differenzierungsvermögen immer weiter zu. Daher braucht es ständig neue, bessere, tiefere Worte, aber auch die Grammatik muß sich öffnen für die neuen Fälle des Lebens. Sie darf und soll neuen Lebens- und Empfindungsformen nicht ihre Existenzberechtigung aberkennen, indem sie gar nicht zuläßt, das so etwas überhaupt gesagt werden kann. – Wenn die Worte falsch sind, führen sie in die Irre, wenn die Grammatik nicht mitspielt, dann bleibt nur Stammeln, das keiner versteht. 

Daher müssen wir mit dem, was wir zu sagen hätten, aber noch gar nicht wirklich mit-teilen können, ziemlich lange hadern. Wir müssen mit der Schulklasse unserer Worte viele Diskussionen führen, bis einige sagen, ich kenne da wen, der das kann, den hole ich mal.  – Wir brauchen die Musen dazu, denn erst sie schenken uns die nötigen Inspirationen, etwas Unsägliches doch zur Sprache zu bringen. 

Einer der Anklagepunkte im Prozeß gegen Sokrates, neben dem ehrenwerten Vorwurf, er würde die Jugend (zum Denken) verführen, bestand darin, er würde “fremde Götter” einführen. Man sollte hier nicht auf der Überholspur denken, sondern das Ganze erst einmal auf sich, wie auf ein Kind wirken lassen. Was kann das bedeuten, fremde Götter nicht einführen zu dürfen? – Das ist das Schöne am Denken, sich selbst dabei zusehen zu können, wie man “dahinterkommt”. 

Also, die Griechen hatten den Polytheismus und das muß man wiederum auch betrachten als ziemlich kostspielige Angelegenheit. Man kennt das noch in der Debatte über die Feiertage, wo doch damals die evangelische Kirche einen Feiertag abgetreten hat, nur um der armen Wirtschaft zu helfen. Ja, an Feiertagen wird in vielen Sektoren nicht gearbeitet, sondern gezahlt, vor allem von denen, die sonst immer kassieren. 

Sokrates sprach von seinem “Daimonion”, einer Art Geist, eine innere Stimme, die er hört. Sie würde ihm nie etwas anraten zu tun, sondern sich nur melden, sobald er etwas Ungutes zu tun beabsichtigen würde. – Wenn ich damals vom Athener Gericht mit einem Gutachten betraut worden wäre, hätte ich darzustellen versucht, daß es sich bei dieser Instanz nicht um einen neuen, fremden Gott handeln würde, der unerlaubterweise eingeführt worden sei, sondern um eine Ausdifferenzierung in der Psyche und in der Seele des Sokrates, die wegweisend werden sollte, die sich hier nur ausnahmsweise schon einmal melden würde. 

Ich stelle mir also vor, daß es so etwas wie eine Einfuhrbehörde für Götter gegeben haben muß. Wenn da also mit einer neuen Unterwerfung auch die neu unterworfenen Götter eingeführt werden müssen, dann wird man sich gefragt haben, also, haben wir die nicht schon, wer unsere Götter könnte das machen? So hat Zeus an die hunderte zusätzlicher Namen, das sind alles Götter aus einverleibten Häuptlingstümern oder Königreichen mit ihren höchst spezifischen Zuständigkeiten. 

Es ist unerläßlich, den Göttern und zwar allen das Ihrige zu geben, wo nicht, droht Ärger. Etwa als, kurz bevor die Athener in den Krieg zogen, irgendwelche Jugendlichen an den Hermesstauetten, die an den Straßen zu Hunderten standen, mal so eben die erigierten Penisse abgeschlagen haben. 

So ist etwa die Aphrodite mit rotem Haar, weil sie eben aus Zypern kommt, wo auch das Kupfer herstammt. Wenn man also die Aphrodite ungebührlich behandeln würde, verdirbt man es sich nicht nur mit der Schönheit, sondern auch mit den Frauen, mit der Rolle der Frau als solcher und dann auch noch mit den Zyprioten. – Daher muß allen Ernstes eine Kommission darüber entscheiden, was man denn mit einem konkreten Gott, der da neu aufgetreten ist, anstellen soll. Und man hat die neue Kompetenz des Sokrates einfach völlig falsch gedeutet und gar nicht verstanden. 

Wenn die Worte sich drücken, wenn die Grammatik die Arme verschränkt und bei so etwas nicht mitmachen will, dann gibt die Sprache mit Bedauern zu verstehen, daß sie da jetzt auch nicht weiterhelfen könnte. Dann hat man ein Problem mit sich und den Anderen. Man versteht sich selbst nicht wirklich, weil die Worte fehlen, man wird nicht verstanden, weil die Grammatik streikt für solche Fälle und zugleich spuken da noch tiefe religiöse Traumata, von denen die meisten nicht einmal etwas ahnen. 

Und dann wird zu Vergleichen gegriffen, die einfach schräg rüberkommen müssen. Historische Vergleiche sind immer problematisch, weil es ja konkrete Verhältnisse, Ereignisse und Folgen sind, die sich so, auf dieselbe Art und Weise, ganz gewiß nicht wiederholen. Andererseits sind wir darauf angewiesen, mit Analogien zu arbeiten, wenn kein Wort sich traut, überhaupt Stellung zu nehmen. 

Wir sollten das, was die Sprache ist und was sie ausmacht, was sie kann, wo sie ihre Grenzen hat und was wir tun können, uns mehr Ausdruck zu verschaffen, endlich anders sehen. Dieses nachrichtentechnische Modell von Sender, Empfänger und Botschaft ist grottenschlecht und absolut unangemessen.

Es ist vielmehr so, daß wir miteinander im Dialog kooperieren müssen, wenn wir etwas vorstellbar machen wollen, um dann erst das Urteil eines Freundes oder einer Freundin zu erbitten. Andere können uns erst dann wirklich etwas anraten, wenn sie uns ver-stehen, das heißt, wenn sie aus unserer Position heraus ihre Stellungnahme abgeben. – Zu hoch? Da kann ich dann auch nicht mehr helfen. 

Man achte bitte einmal darauf, wie viele “Regieanweisungen” da einander gegeben werden: “Nein, so ist das nicht. Du mußt Dir das anders vorstellen, etwa wie, wenn…” – Verstehen ist Arbeit, auch wenn das unter Freunden nicht so gesehen wird. Denken ist ähnlich, es ist ein Dialog der Seele mit sich selbst.

Und dieses Bohren ganz dicker Bretter, wie Max Weber die Politik charakterisiert, um Gesinnungstäter, Tugendwächter und Hitzköpfe von irgendeine Propaganda durch die Tat abzubringen, ist genau das. Politik ist, wenn sie wirklich etwas leistet, der Versuch, neue Zugänge zu finden, durch Sprache, Verstehen und neue Gemeinsamkeiten.

Das macht dann in der Tat den Jargon der Diplomatie so interessant. Was macht man, wenn man nicht einmal “Beziehungen” zueinander hat? Man besucht sich, spricht miteinander, sucht nach “Gemeinsamkeiten”, bis man dann eine “gemeinsame Gesprächsgrundlage” findet, auf der weitere “Konsultationen” stattfinden können. Und das wäre nur der alleranfänglichste Anfang.

Impfgläubige wollen immer gleich mit den Beitrittsverhandlungen beginnen. Sie sprechen den Ungläubigen einfach ab, daß es so etwas wie sie überhaupt geben könne.  – Es ist aber naiv zu erwarten, daß es in der Corona-Krise nur einen einzig richtigen Glauben gibt.

Corona ist nur so stark, weil viele unserer Systeme erstaunlich schwach sind. Es ist gut zu wissen, dann wird man in Zukunft weit weniger vertrauen, sondern sehr viel mehr kritisch sein und bleiben müssen. – Aber auch das muß erst einmal zur Sprache gebracht werden, mit den richtigen Worten und einer Grammatik, die neuen Gedanken aufgeschlossener ist als die Angstrhetorik unserer Tage.  

Es bleibt nur, mit dem Kopf immer wieder gegen die Grenzen der Sprache anzurennen und derweil die Musen darum zu bitten, das Gespür für die richtigen Metaphern zu schenken. 

 


Mauern im Schlamm

Exakter Unsinn mit Metaphern

Das passiert, wenn man offenbar nur Virologie, bzw. Gesundheitsökonomie studiert hat. Dann fehlt die humanistische Bildung, was zu sehen ist an der grotesken Unfähigkeit, mit Metaphern überhaupt umgehen zu können. – Dabei sind Modellvorstellungen gerade in den Naturwissenschaften, die ja angeblich nicht reden, sondern nur rechnen, von außerordentlicher Bedeutung.

Bei diesem irrwitzigen Gestammel über Reifen, Schlammpisten, Berge und Mauern, bleibt nur Ludwig Wittgenstein: “Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.”

Es ist ein Anfängerfehler beim Metaphorisieren, den beide arglos begehen: Es ist zunächst einmal dringend zu vermeiden, etwas Organisches mit etwas Mechanischem gleichzusetzen. Eine solche Übertragung muß schief gehen. Beispiel: Frauen sind wie Blumen, Männer wie Rasenmäher.  – Der Witz entsteht allein durch die Unvereinbarkeit der Metaphern. Und selbstverständlich werden Manche diese Aussage als solche rhetorisch zu nutzen verstehen. Das ist so.

Wer sich auf Metaphern einläßt, sollte schon wissen, was dann geschieht. Wer das nicht kann, ist eigentlich nicht einmal Wissenschaftler, weil die Fähigkeit, sich in und mit Modellen auch allgemein verständlich zu machen, schlichtweg dazu gehört. – Man wird sich nämlich schon fragen, wenn so gestammelt wird, was Drosten und Lauterbach eigentlich wirklich verstehen und verstanden haben, wenn sie so unbeholfen reden und dabei völlig verlassen sind von allen guten Geistern, die in der Sprache wohnen.

Wenn etwa Einstein sagt: “Gott würfelt nicht”. Dann will er zwar keine Theologie betreiben, sondern “nur” den Universalanspruch der Mathematik behaupten. Dennoch hat er zugleich auch Theologie betrieben, denn wenn Gott überhaupt nicht würfelt, dann wäre er gar kein Thema mehr, nicht nur für die Physik. Also hat er Theologie betrieben und sich deshalb übernommen.

Das ist das Schöne, Amüsante und für Unberufene auch Bedrohliche beim Metaphorisieren. Man kann förmlich sehen, wie die aus mangelndem Sprachgefühl oder auch, weil nicht zu Ende gedacht worden ist, falsch gewählten Metaphern daraufhin postwendend über den Redner herfallen oder ihm heimtückische Fallen stellen. Nicht selten wird Rednern dann etwas in den Mund legen, was sie gar nicht gesagt haben wollten. Ein berühmtes Beispiel ist die Jenninger-Rede.
Wenn beispielsweise irgendwo die Leitung einer Institution weitergegeben wird, dann gibt es immer diese grotesken Unbeholfenheiten, die zugleich sehr tief blicken lassen. Die bei der “Wachablösung” allseits beliebte Metapher vom “Kapitän eines Schiffes”, also dem “Steuermann”, ist selten schwer beherrschbar. – Daher ist es immer besonders spannend, dabei zu sein, um zu sehen, wann und wie der Schiffbruch solcher Redner kommt, die nicht selten blank ziehen, ohne es zu wollen.
Hinter den Kulissen lassen sich aufgrund der heimtückischen Attacken widerspenstiger Narrative viele der eigentlichen Intentionen, der Selbstzweifel und auch der Anmaßungen ziemlich genau erkennen. Das geschieht unmittelbar dann, sobald eine Metaphorik fadenscheinig wird und aufgesetzt erscheint, also nur benutzt aber nicht auch als solche ernst gemeint werden soll. 
“Benutzen” lassen sich Metaphern schon mal gar nicht. – Das lassen sich die ansonsten so hilfreichen Geister überhaupt nicht bieten, also wenden sie sich gegen den, der sie als Geister rief. Und tatsächlich, wer sich den Sprachgeistern nicht würdig, dankbar und in gewisser Weise auch folgsam erweist, hat auch ansonsten wohl auch noch ganz andere Schwächen. – Und ei den meisten steckt nämlich Hybris dahinter und das fliegt auf, angesichts der Risiken, die die Seefahrt nicht nur metaphorisch nun einmal mit sich bringt. 
Mit Virologie hat das alles nichts zu tun, aber mit Sprache, Kultur, Vernunft und Geist, also mit einem Immunsystem, das von ganz anderer Klasse ist.
Schön ist dieser Beitrag, den ich hier empfehlen möchte deswegen, weil er mir erhebliche Arbeit abnimmt. Ich wollte die sprachliche Unbeholfenheit der Professoren Drosten und Lauterbach immer schon mal aufspießen, weil, wer so schlecht spricht, einfach Spott verdient.
Ich fand es aber irgendwie fies, mir das alles eigens noch einmal anzuhören, um es mit den Mitteln der Glosse dann noch aufzuführen.
Schön, das diese Unbeholfenheit hier ineinander geschnitten wurden.

Die Narrative der Metaphern

Über die Magie der Sprache und die Macht der Bilder 

Narrative, immer wieder ist von Narrativen die Rede in letzter Zeit. Es ist eigentlich nur ein anderes Wort für eine Metaphorik, wobei das Narrativ scheinbar oder tatsächlich noch etwas Bekenntnishaftes hat, als wäre es ein Glaubensbekenntnisse. Man kann mitunter tatsächlich auch den Begriff “Weltanschauung” einsetzen. – Narrative sind zunächst einmal nichts weiter als Erzählungen, mustergültige Typen von Erzählungen, die wir einsetzen, um etwas zu verdeutlichen aber auch, um andere über den Tisch zu ziehen. 

Narrative sind Metaphern, also “Übertragungen” von Sinnzusammenhängen, die zumeist mit der Sache eigentlich nicht das geringste zu tun haben. Nur wir stellen die Verknüpfung her, weil wir das Bild verstehen und glauben, wenn es sich mit der Sache auch so verhält, tatsächlich auch die Sache selbst verstehen zu können. – Man muß sich nicht schämen, so schwer von Begriff zu sein. Das ist typisch menschlich und kommt in den härtesten Naturwissenschaften vor.

Interessanterweise arbeiten gerade die Natur- und Technikwissenschaften, die sich so viel darauf zu Gute halten, daß sie rechnen und nicht reden, mit erstaunlich vielen Metaphern. Wenn Einstein behauptet, “Gott würfelt nicht”, dann will er keine Theologie betreiben, sondern den universellen Anspruch von Mathematik deutlich machen. – Sollte aber der Schöpfer rein gar nicht gewürfelt haben, dann braucht der Physiker gar keinen Gott mehr, dann ginge alles wie von selbst, eben “evolutionär”. Und schon haben wir das nächste hochwissenschaftlich-literarische Bild vom Prozeß natürlicher Genese, wie Darwin es beschrieben hat.

Interessant ist nun, daß Einstein, obwohl es ihm um Mathematik ging, zugleich auch Theologie betrieben hat, mit diesem Narrativ. Ob er es wollte oder nicht, der Geist dieser von ihm gewählten Formel besteht darauf, daß er auch das habe gesagt haben wollen soll.  Das ist nun der springende Punkt, Metapher unterschieben uns Aussagen, die konsequenterweise aus dem Narrativ folgen, aber sie unterstellen es in der Sache, also Vorsicht!

Darwin als Affe, eine Anspielung auf seine Evolutionstheorie, die seinerzeit ungeheuerlich erschien. In: The Hornet magazine, 22. März 1871.

Wer hat nicht immerzu dieses darwinsche Narrativ im Kopf, das zumeist auch falsch verstanden wird. Aber es ist nicht nur schön, sondern vor allem bequem. Man kann sich damit manches erklären, solange man sich genügend kosmische Zeit nimmt. Aber das Narrativ entstammt dem seinerzeit so rasenden Frühkapitalismus. Dieses dauernde Gerede vom Überleben des Stärksten ist typisch deutsch, weil im Original von “to fit in”, also vom Eingepaßtsein gesprochen wird. Es überlebt also unter Selektionsbedingungen genau dasjenige Individuum, das am besten “angepaßt ist”, nämlich an seine Umwelt. – Es ist schön, über Narrative zu verfügen, so weit die Füße tragen. Interessant wird es, wenn sie aber kollabieren. 

Die Zeit ist nämlich dankbar, verweist sie doch so gern kapitalistisch auf die als Naturzustand beschriebenen Verhältnisse der freien Wildbahn, was angeblich auf die “freie Wirtschaft” und vor allem auf die “freien Märkte”  zutreffen soll. Dabei wird schnell sichtbar, daß es auch Ammenmärchen sind, die gern erzählt werden, wenn mit solchen Narrativen eine unsolidarische Politik des wirtschaftlichen Freibeutertums als “natürlich” legitimiert werden soll. – Ein russischer Anarchist, Fürst Igor Kropotkin, hat ein anderes Narrativ dagegen gesetzt, das auch mit der Darwinschen Evolutionstheorie kompatibel ist, das Prinzip von der “Gegenseitigen Hilfe”, daß sich eben die Beutetiere zusammentun können, um den Habicht abstürzen zu lassen, eben durch Schwarmintelligenz. 

Nun dürfte klar geworden sein, wie sehr mit Narrativen die Richtlinien der Politik bestimmt werden, durch die Macht der Bilder. Dagegen wiederum kann man sich nur verwahren durch ein wenig humanistische Bildung und durch Metaphorologie. Es macht aber auch Freude, ein solches Bild ernst zu nehmen wie ein Kind, um dann immer weiter zu fragen: Also wenn in der Natur die Zeit reichlich knapp ist wegen der Feinde und der dringend notwendigen Fortpflanzung, wieviel Zeit hat eigentlich eine Orchidee, wenn sie mit einer Innovation herauskommen möchte, um am “Markt” zu bestehen?

Jean-Baptiste Barla: Flore illustrée de Nice et des Alpes-Maritimes, Iconographie des orchidées. Nice 1868.

Also, wenn sich eine Orchidee eine Innovation hat einfallen lassen wie die, einen Hummelhintern zu simulieren, nebst dazu passender Pheromone, um Hummelmännchen rasend wild zu machen, so daß sie die Blüte begatten und dabei mißbraucht werden, um Bestäubungsarbeit für die Pflanze zu leisten, dann möchte ich gern wissen, wie lange Zeit die Orchidee hatte, den Hummelhinter doch einigermaßen echt hinzubekommen. Wenigstens fallen die Männchen einmal darauf herein, dann sinkt die Begeisterung statistisch gesehen rapide ab. 

Genauso verhält sich das mit den Bildern, sie sind wie Zauberkünstler und machen uns was vor. Man sollte aber immer dorthin schauen, wovon man abgelenkt wird durch die Macht der Bilder. Es ist so schön, etwas verstanden zu haben, es ist aber schlimm, auf einem Holzweg zu sein. – Viele derer, die von Narrativen sprechen, meinen vor allem die manipulative Macht, die sie selbst nutzen oder vielleicht auch aufklären helfen. 

Seit Goethes Zauberlehrling ist es offiziell, daß man die Geister, die man ruft auch wieder loswerden muß. Es ist eine Erfahrung, die jedes Kind macht, daß eine kleine Flamme nur ein wenig Nahrung braucht und schon wächst sie einem über den Kopf. – Man sollte also bei der Wahl der Metaphorik ganz besonders vorsichtig sein. Darum geht es eigentlich, wenn in der Diplomatie so schön verklausuliert von der Suche nach einer “gemeinsamen Gesprächsgrundlage” gesprochen wird, das sind die entscheidenden Narrative.  

Wenn beispielsweise in der aktuellen Corona-Krise so etwas wie eine “moralische Pflicht” konstatiert wird, sich aus Gründen der “Solidarität” impfen zu lassen, dann steckt ein Narrativ dahinter, das man nicht wirklich teilen muß. Man kann nicht nur, sondern sollte zurückfragen, ob diese, unsere Gesellschaft denn ihrerseits solidarisch ist, oder nicht vielmehr betont lieblos. Nimmt sie denn die Rücksicht auf die Armen und Schwachen, denen es im Verlauf dieser Krise immer schlechter ergeht? Nimmt sie denn Rücksicht auf die Pflegekräfte und nicht vielmehr auf marode Verhältnisse im Gesundheitssystem, die sie selbst zu verantworten hat, als man Kliniken zu Spekulationsobjekten gemacht hat? 

Der Zaubertrick, den man durchschauen sollte, liegt darin, bewußt die Unterschiede zu verdecken zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft kann und darf Solidarität ihren Mitgliedern abverlangen und sogar erwarten, eine Gesellschaft wie die unsere, kann es, je weniger sie vom Geist der Gemeinschaft beseelt ist, umso weniger. So erklären sich auch die Unterschiede im Staatsvertrauen. Die Nordländer sind nie so verführt, betrogen und mißbraucht worden von ihrem eigenen Staat wie die Deutschen. Da wäre mal Abbitte zu leisten. Die Sonntagsreden an den Kranzabwurfstellen der Republik sind inzwischen nicht mehr statthaft. Wer will das denn noch glauben, daß hier in unserem Lande die Grundrechte gewahrt werden, wenn sie bei der ersten Belastung ausgesetzt werden?

Ganz anders, wenn es sich um wirkliche Gemeinschaft handelt. In der Afrikanischen Philosophie ist „Ubuntu“, der afrikanische Glaube daran, daß wir das, was wir sind, den Menschen um uns herum verdanken. – Während es hier bei uns nur eine Leihmutter, eine Nanny und eine Privatschule braucht, um ein Kind zu ‘erziehen’, nehmen Afrikaner bekanntlich ganze Dörfer dazu.

So gesehen ist der ‘freie’ Westen einfach nur geistig-soziales Entwicklungsland. Wir sollten daher die Philosophie der Afrikaner endlich zur Kenntnis nehmen, dann würde es auch bei uns mit der Solidarität funktionieren. – Nur Gemeinschaften können Solidarität zu erwarten, Gesellschaften mitnichten.

Daher steht in solchen Kulturen der Ausgang eines Rituals oftmals von vornherein fest, Beschlüsse können nur einstimmig gefaßt werden. Alles wird getan, auf daß bloß keine Antagonismen auftreten. Es soll und darf keine Verlierer geben. – Ein in diesem Zusammenhang beliebtes und instruktives Beispiel stammt von dem Ethnologen K. E. Read:
“Als die Gahuku-Gama auf Neuguinea anfingen, Fußball zu spielen, konnten zwei gegnerische Klans tagelang um den Ausgang spielen – so lange, wie es notwendig war, um ein Unentschieden zu erzielen”. (K. E. Read: Leadership and Consensus in a New Guinea Society. In: American Anthropologist, 1959, N.S., 61 (3). S. 428, zit. n.: Heinz-Ulrich Nennen: Ökologie im Diskurs. Zu Grundfragen der Anthropologie und Ökologie und zur Ethik der Wissenschaften. Mit einem Geleitwort von Dieter Birnbacher; Opladen 1991. S. 51.)

‘Gewinnen’ bedeutet im Symbolismus solcher Kulturen ‘töten’. – Ich frage mich da immer: Wer sind eigentlich die Primitiven? 

Metaphern sind fremde, eigensinnige aber auch hilfreiche Geister der Sinnstiftung, auf die wir angewiesen sind, weil wir ansonsten “nur Bahnhof verstehen”, wie jene Soldaten, die nur nach Hause wollten, also “Bahnhof” hören wollten. – Da wir nun einmal die Sachen nicht gleich durchschauen, sondern nur mit übertragenen Bildern indirekt deuten können, müssen wir uns behelfen mit Sprachbildern, Dialogen und Diskursen. 

Der Jargon der Diplomaten in seiner trockenen, übersachlichen, minutiösen Kleinkariertheit läßt durchblicken, worauf es ankommt, wenn man sich auf eine “Formel” als “gemeinsame Gesprächsgrundlage” einigt, so daß bald die “Verhandlungen auf dieser Grundlage” beginnen können. – Die Wahl des Narrativs ist aber auch wie ein Gottesurteil, denn niemand weiß im Voraus genau, ob die gewählte Metapher für die eigenen Interessen die notwendigen Gelegenheiten bieten wird, um möglichst viel herausverhandeln zu können für die eigenen Seite. 

Unsere Sprache ist ein Wunderwerk, bei dem wir uns zu behelfen wissen, um Sachen zur Sprache zu bringen, für die die Worte versagen. Es hat etwas mit Magie zu tun, dann zu sehen, wie ein Bild die Imagination augenblicklich gefangen nimmt und alles glaubt, urplötzlich zu verstehen. Dabei versteht man vor allem das Bild und glaubt, damit auch in der Sache weiterzukommen. Vorsicht!

Wenn eine Metaphorik im Verlauf eines Gesprächs aus dem Ruder läuft und immer mehr in eine unerwünschte, nicht mehr konstruktive Richtung verläuft, dann sollte man das sagen und daraufhin vorschlagen, gemeinsam die Richtung zu verändern. Es ist wie im Netzplan einer U-Bahn. Wichtig ist, sich zuvor möglichst offen und höflich und dankbar von der nunmehr zu verlassenden metaphorischen “Linie” zu verabschieden.

Sie muß offiziell verabschiedet werden, wie ein Geist, der ansonsten ungemütlich werden könnte. Auch kommen Zuhörer, die nicht ganz bei der Sache sind, mit abstrusen Rückfragen, worauf ein heilloses Durcheinander entstehen kann. – Daher trifft das Bild vom “Mitnehmen” solche Prozesse der Verständigung über Verstehen so gut. 

Immerhin tut man sich da mit mächtigen Geistern zusammen, die erhebliche Probleme bereiten können und schnell eine gewisse Eitelkeit an den Tag legen, wenn sie nicht gewürdigt werden. Metaphern wollen im Geiste ihres Narrativ gewürdigt werden, es darf und kann daher nur das gesagt werden, was diesem Geist entspricht. – Wenn das aber beim besten Willen nicht geht, muß die Metaphorik ausgetauscht werden. Aber die anderen müssen dabei mitgehen, ansonsten wird man unter Umständen das Nachsehen haben. 

Caspar David Friedrich: Das Eismeer (1823f.)

Wer sich auf eine Metaphorik einläßt, verspricht sich etwas davon, also einen Gewinn von Verstehen, einen Zugewinn an Sinn oder vielleicht auch die Überzeugung Andersdenkender. Aber das kann alles scheitern. Es gibt daher zwei Metaphern, die unser Sein darstellen, die Metapher vom Theater und die von der Seefahrt. Dabei können die Planken, die beim Untergang bleiben, zu den Brettern werden, die die Welt bedeuten. 

Narrative zu benutzen, ist abenteuerlich wie eine Seefahrt aufs offene Meer, was zu anderen Zeiten noch viel riskanter war. Die Risiken beim Metaphorisieren sind derweil nicht etwa kleiner, sondern eher größer geworden, weil unsere Ansprüche auf Begründungen selbst größer geworden sind.

Wenn ein Redner seinen Schiffbruch erleidet, dann vermerkt das Protokoll im Bundestag darüber eine “allgemeine Heiterkeit” vor allem dann, wenn einer am Geist einer selbst gewählten Metaphorik scheitert, wie etwa der FDP-Abgeordnete Günter Verheugen, der eine etwas degoutante Vorlage von Joschka Fischer versuchte, in einen Treffer zu verwandeln aber ein Eigentor schießt: 

“Immerhin gelingt es auch Günter Verheugen in seiner Rede, Kohl und das Hohe Haus zu amüsieren. Verheugen spricht kritisch von einem ‘Kanzler des Stillstands, der in sich ruht wie ein chinesischer Buddha’. Kohl ruft dazwischen: ‘Gefällt mir gut.’ Verheugen fassungslos: ‘Gefällt Ihnen gut?'” Man sieht, wie Kohl augenblicklich von der Regierungsbank zum Telefonhörer greift. 

Minuten später erläutert Kohl, “warum er den Vergleich mit Buddha so schätze. Von der Regierungsbank aus habe er sich telefonisch informiert und aus einem Lexikon erfahren, daß Buddha als Persönlichkeit ‘sich durch Lebensernst, Sinn für das Wirkliche und Nötige, Mäßigung und Ausdauer’ ausgezeichnet habe. Jetzt muß selbst Verheugen lachen. Kohl bedankt sich für soviel Lob von der SPD und sagt: ‘So hat mich meine Partei nie verwöhnt.’ Was Buddhas Eigenschaften angehe, so sei er bereit, ‘all das zu akzeptieren’. Eine Einschränkung macht der Pfälzer jedoch: ‘Mit der Mäßigung hab’ ich gewisse Probleme, die teile ich mit dem Vorsitzenden der Grünen-Fraktion, eine der wenigen Gemeinsamkeiten. Kohl vergleicht sich im Parlament mit Joschka Fischer.” (Martin S. Lambeck: “So hat mich meine Partei nie verwöhnt”. Schlagabtausch mit Respekt: “Buddha” Kohl zwischen Fischers Häme und Verheugens “Lob”. In: Die Welt, 9.11.1995.)

Die Titanic, die Metapher aller Schiffsmetaphern, als Inbegriff von Hybris und als Demütigung des modernen Größenwahns.

Es gibt einige wirklich schillernde Bespiele für die Eigendynamik der Narrative und den Schiffbruch von Rednern. – Eine Metaphorik hat eben ihr Narrativ und dem muß man folgen. Wer einen solchen Geist ruft, wird sich nolens volens auf das Schicksal einlassen müssen, unmittelbar darauf nicht mehr wirklich der Herr des Verfahrens zu sein, so auch bei einer Begebenheit, die der Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg erwähnt.

“In der Haushaltsdebatte schildert ein Abgeordneter der Regierungskoalition den festen Kurs, den das Staatsschiff dank der koalierten Besatzung habe, und vergleicht die Opposition mit unruhigen Passagieren, die einen Nachholkurs in Navigation nehmen müßten, um eines Tages wieder auf die Kommandobrücke zu kommen.
Zwischenruf der Opposition: ›Wir sitzen nicht in einem
Boot.‹ —
Redner: ›Ich spreche von dem Schiff unseres Landes, und
dazu gehören Sie doch!‹ —
Zwischenruf Wehner: ›Er ist ein blinder Passagier!‹ —
Zwischenruf Opposition: ›Sie sitzen bald auf Grund, wenn
Sie so weitermachen.‹ —
Als der Redner seinen Vortrag mit nochmaligem Gebrauch
der Metapher schließt: ›Weil dieses Schiff den richtigen
Kurs hat und damit es weiterhin gute Fahrt macht …,‹
bekommt er beim Abgang als letzten Ruf:
›Und Sie sind der Klabautermann.‹”

(Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt am Main 1979. Anm. 5, S. 14.)

Die Wahl der Metapher ist entscheidend, je nachdem erhält man Zuspruch vom Geist einer Metapher und ihrem Narrativ oder aber eine Abfuhr. Dabei haben wir die Wahl zwischen Hafen und offener See nicht wirklich. Betrachtet aus der unmenschlichen Langeweile im Paradiesgarten war die neue App vom Baum der Erkenntnis, also selbstständig zwischen dem Guten und dem Bösen unterscheiden zu können, einfach zu verlockend.

Aber auch damals schon wurde das Kleingedruckte im Paradiesvertrag zu schnell weggeklickt, denn dort steht, daß es unendlich lang dauern könnte, bis Menschen zu Göttern werden, mit allem, was dazu gehört nicht nur an Mächten, sondern auch an Kompetenzen.

Einstweilen sollte gut überlegt werden, ob man nun die “Ehe als Hafen” mit paradiesischer Langeweile betrachtet oder eher als “Seefahrt” mit der Aussicht auf Katastrophen. Der in allem sehr zurückhaltende Caspar David Friedrich hat lieber ein Seestück gewählt, denn er mochte sich erst spät überhaupt dazu entschließen.
Caspar David Friedrich und Caroline Bommer verlobten sich im Jahr 1816. Mit seiner Berufung in die Dresdner Akademie im Dezember 1816 bekam der Maler 150 Taler Gehalt und konnte sich somit eine Familie leisten. Er war damals 42 Jahre alt.

Bei dem Paar handelt es sich um den Künstler selbst und seine junge Frau Caroline Bommer. Friedrich galt zeitlebens als ,,menschenscheuer Melancholiker“. Umso größer war das Erstaunen seiner Freunde und Bekannten, als der 44-Jährige am 21. Januar 1818 die 19 Jahre jüngere Caroline Bommer heiratete. 

Bei dem im Bild dargestellten Paar handelt es sich um den Künstler selbst und seine junge Frau Caroline Bommer. Die Hochzeit fand am 21. Januar 1818 in der Dresdner Kreuzkirche statt, ohne Friedrichs Verwandtschaft. – Der Ehemann setzte seine Verwandten erst eine Woche nach der Eheschließung per Brief darüber in Kenntnis, nachdem seine Frau ihn dazu gedrängt hatte. In dem Brief offenbarte er auch seine Anschauungen über den neuen Zustand der Ehe:

„… meine Frau fängt bereits an, unruhig zu werden und hat mich wiederholt malen erinnert zu schreiben; denn auch sie will schreiben um mit ihren neuen Brüdern bekannter zu werden. Es ist doch ein schnurrig Ding wenn man eine Frau hat, schnurrig ist wenn man eine Wirthschaft hat, sei sie auch noch so klein; schnurrig ist wenn meine Frau mir Mittags zu Tische zu kommen einladet. Und endlich ist es schnurrig wenn ich jetzt des Abends fein zu Hause bleibe, und nicht wie sonst im Freien umher laufe. Auch ist es mir gar schnurrig daß alles was ich jetzt unternehme immer mit Rücksicht auf meine Frau geschieht und geschehen muß.“ (Zit. n.: Wikipedia: Caroline Friedrich.)


Der Staat als Pate

Sind Sie mit einer freiwilligen Impfpflicht einverstanden?

Über ein Angebot, das niemand ablehnen soll

Gleich nach dem Studium hatte ich einen Lehrauftrag an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Dortmund: „Ethik für Polizei-Beamte“. Das ist Pflichtprogramm vor dem Hintergrund der Gleichschaltung in Nazideutschland.
Ich habe dort viel erfahren über das Innenleben der Polizei. Einerseits wachsam in der Kontrolle mit Argusaugen, andererseits der permanente Wunsch, Grenzen zu übertreten, wohl weil der ständige Druck zu groß ist. Also, man benahm sich provokant, wollte den starken Macho-Mann geben und keine Schwäche zeigen. Daß keine Papierflieger aufstiegen, war alles. Dort waren keine Frauen darunter, die Luft war also ziemlich würzig.
Damals spürte ich, wie es intern zugeht bei denen, die wenige Jahre zuvor in der RAF-Rasterfahndung mich immer rausgewunken haben, mit meinen langen Haaren, dem klapprigem R4 mit Achsschaden und Hippiebemalung, um mich zu kontrollieren mit Maschinengewehr im Rücken. Das ist eine seltsame Form der Prominenz.
Aber wie und wer sind die, die eine solche Performance auf Befehl liefern, wenn “der” Staat, also die, die sich für “den” Staat halten und das Sagen haben, meinen, “der” Staat müsse mal zeigen, wo der Frosch die Locken hat und der Bartel den Most holt.

Der Pate (Originaltitel: The Godfather) ist ein US-amerikanischer Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mario Puzo, der gemeinsam mit Coppola auch das Drehbuch verfasste. Der Film mit Marlon Brando und Al Pacino in den Hauptrollen war für elf Oscars nominiert, von denen er drei gewann. Der Pate zählt zu den künstlerisch bedeutendsten Werken der Filmgeschichte.

Intern herrscht eine ungeheuerliche Disziplinierungskultur. Sobald in den Seminaren einer „ausscherte“ und irgendein Verständnis für Minderheiten zum Ausdruck brachte, fiel die Gruppe augenblicklich über ihn her: Ach, so einer bist Du also?!
Empathie und alles “Weiche”, gewissermaßen Unmännliche war ein Ausdruck von Schwäche. Es ging zu wie im Schwabenland, wo viele in der schwäbischen Freikirche sozialisiert wurden und sich einen ähnlichen Schliff eingefangen haben. So wurden diese überaus wachsame Mitmenschen dressiert, eifrig in höherem Auftrag augenblicklich dabei zu stören, falls einer sich mal vergessen haben und irgendwie verträumt und selbstvergessen in Glücksmomenten schwelgen sollte. Wenn man von diesen Mitmenschen erwischt wird beim Menschsein, dann führen sie einen augenblicklich zurück auf den richtigen Weg des Unwohlseins im Sein.
Eine ältere Dame im münsterländischen Wallfahrtsort Telgte erklärte mir mal: “Der Herrgott hat uns ja auch nicht erschaffen, damit wir es uns hier unten gut gehen lassen!” – Das ist philosophisch gar nicht so leicht zu kontern, denn man müßte dann mit dem Terminus “Herrgott” einigermaßen versiert umgehen können. Heute würde ich es mir zutrauen, aber damals war ich höflich sprachlos.
Ähnliches muß ich den polizeilichen Anwärtern auf den höheren Dienst auch zugestehen, daß sie mich entwaffnet haben mit dem Bekenntnis: „Immer müssen wir dorthin, wo alle anderen weglaufen”. – Ja, das ist der Job, und für nicht wenige ist genau das sogar Berufung. Sie haben meinen Respekt, wirklich.
Tatsächlich sind Polizeibeamte bei ihrer Berufswahl ähnlich motiviert wie Lehrer. Es sind Ideale im Spiel, aber Polizisten bekommen es richtig dicke auf die Mütze, während es für Lehrer bei weitem nicht so belastend ist, weil man vieles persönlich gestalten kann. Aber genau das möchte man von der Polizei gerade nicht, daß sie persönlich was gestaltet.
Vor diesem Hintergrund ist es auch amüsant für mich, in eine Verkehrs-Kontrolle zu geraten, weil ich noch immer wie ein Lehrer empfinde. Und wenn dann ein Beamter mich fragt: „Sind Sie mit einem freiwilligen Atemtest zur Alkoholkontrolle einverstanden?“, dann bekommt er von mir einen sokratischen Dialog, das bin ich ihm und mir schuldig.
Was denn daran freiwillig sei, will ich wissen. Der Beamte wiederholt, ich hätte doch die Wahl!? Was denn wäre, würde ich mich nicht einverstanden erklären, frage ich zurück. Dann müßte ich mit auf die Wache, wo mir auch mit körperlicher Gewalt das Blut für einen Alkoholtest abgenommen würde. Was denn daran freiwillig sei, frage ich zurück. Er wiederholt nur, versteht nicht oder will nicht verstehen.
Ich sage ihm, das sei keine Freiwilligkeit. Ich würde ihm das jetzt mal vor Augen führen und zwar am Beispiel seiner danebenstehenden Kollegin. Wenn ich seine Kollegin als Frau fragen würde, ob sie mit einer freiwilligen körperlichen Nähe einverstanden wäre, weil ich ansonsten andere Mittel einsetzen würde, was das wohl wäre: Nötigung durch Androhung von Gewalt mindestens, wenn nicht mehr. – Er habe jetzt keine Zeit, sagt der Beamte und geht.
Lauterbach hat für die Nahelegung einer „freiwilligen Impflicht” eine ähnliche rhetorische Figur gewählt, die selbstverständlich von Sokrates in den höchsten Tönen als der Weisheit letzter Schluß gelobt würde. Das geht immer so, wenn er wieder mal schwer beeindruckt ist. Wehe dem, wer so einen Bock geschoßen hat, denn man wird dann vor aller Augen rhetorisch geteert und gefedert.
Es beginnt damit, auf eine viel zu laute, unmögliche, ja unerträgliche Weise über den grünen Klee gelobt zu werden. – Diese Gegenfigur wird als Hyperbel bezeichnet, das ist die Keimzelle vernichtender Ironie im Gewande des Lobgesangs, der nur eine Richtung kennt, nach oben, höher und höher des Lobes voll – und dann im Sturzflug runter, direkt auf den Boden der Tatsachen.
Auch in der Musik funktioniert das hervorragend. Jimi Hendrix präsentierte auf dem Festival in Woodstock von 1969 eine verzerrt dröhnende, mit martialischen Bomber- und Maschinengewehrsalven durchsetzte, alsbald weltbekannte Interpretation der US-Nationalhymne “The Star-Spangled Banner”. Er hob sie hoch und höher, um sie fallen zu lassen wie einen Bomber, der im Sturzflug zum Angriff übergeht. Verblüffend deutlich sind Fliegerangriffe und Geschoßeinschläge zu hören, Vietnam.
Die freiwillige Impfpflicht als der Weisheit letzte Schluß von Lauterbach würde Sokrates gewiß hoch über alles heben, um diese absurde These dann umso tiefer abstürzen zu lassen. Natürlich ist es lächerlich, weil Lauterbach gar nicht versteht, was der Unterschied zwischen Körper und Leib ist, ebensowenig wie der Polizist, der nun einmal im stählernen Gehäuse der Hörigkeit seiner Dienstpflichten lebt.
Dieser Zwang zum freiwilligen Selbstzwang hat nicht nur etwas von einer Vergewaltigung, es ist eine. Und der Täter ist der Staat. Und der Staat ist ein Schläger, einer, der hundertmal schon versichert hat, er wolle sich bessern und hätte schon manche Therapiesitzung absolviert, sich nicht wieder in der Gewalt zu vergreifen an der Gesellschaft. Aber dann ist er doch bei der nächsten Gelegenheit wieder rückfällig geworden.
Das alles läßt sich demonstrieren, ich habe darüber Bücher geschrieben. Aber es bereitet auch Freude, sich darüber lustig zu machen, über so etwas Ehrenwertes wie die ehrenwerte Gesellschaft, die der Staat letztendlich ist.
Das läßt nicht von ungefähr an einen zeitlosen US-amerikanischen Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola denken, mit Marlon Brando, überwältigend in der Rolle des Vito Corleone, als der Pate (Originaltitel: The Godfather). – Aber ja doch, Mafia. Das Problem ist, daß der Staat von Hause aus selbst nichts anderes als “Mafia” ist, höchst ehrenwert versteht sich, nur daß es eben nicht beides zugleich geben kann.
Wenn Staat, dann nur in Ketten wie ein Ungeheuer. Das bedeutet Gewaltenteilung, Balance of Power und ist so gemeint, daß die eine Gewalt der anderen bitteschön nicht einmal die Wurst auf dem Brot gönnen sollte. Da möchte man nun wirklich nicht von Bundesverfassungsrichtern hören, die zum Dinner ins Kanzleramt fahren, um sich dort, ja was eigentlich, wohl zu fühlen oder geehrt oder geachtet? Da lobe ich mir die Polizisten.
Unübertroffen der Spruch des Paten: Man mache ihnen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.
Das läßt mich wieder an meine freundlich gemeinte, hypothetische Avance der Polizistin gegenüber denken, mir gefällig zu sein.
Wie lautet der Spruch? – Du willst es doch auch!
Freiwillig? Aus eigenem Antrieb?
Weil sie selber es will?
Es gibt einen Unterschied zwischen “Körper haben und Leib sein”, sagt Helmuth Plessner.
Und ich sage, daß ich der Souverän bin in diesem intimen Raum zwischen meinem Leib und meiner Seele, alles andere ist Vergewaltigung.

Schweigen der Lämmer

Schafe sind nie schuld, oder?

Eine chinesische Verwünschung lautet: Mögest Du in interessanten Zeiten leben! – Was heißt „interessant“, wohl unruhig, unsicher, bedroht, voller Zweifel, verängstigt, vielleicht sogar panisch.

Seit Menschengedenken wird darauf mit Opferkulten reagiert. Man verlangt sich was ab und opfert das Teuerste den Göttern. – Nichts dagegen, ich halte viel davon, den richtigen Göttern die richtigen Opfer zum richtigen Zeitpunkt zu bieten, in der Erwartung, daß man durch eine solche Meditation auf göttliche Kompetenzen kommt, wenn man denn die richtige Wahl trifft. – Sorry, ich sehe das Impfen von Kindern in diesem Sinne, das alles wirkt auf mich, als wären es Kindsopfer.

Der Hintergrund dürfte der sein, daß viele Kinder es sich selbst wünschten und die eigenen Eltern bedrängt haben, einfach nur, um endlich wieder „normal“ zu sein mit dem Recht darauf, die eigene Kindheit leben zu dürfen. – Das hat mich von Anfang an befremdet von dieser Politik, diesem Staat und dieser Gesellschaft. Ungeheuer zornig gemacht hat mich die Dreistigkeit, über Kinder und Jugendliche herzufallen, ihnen die Unbeschwertheit zu nehmen, ihnen Begegnungen, Feiern, Selbsterfahrungen zu vereiteln. Gerade die Ausgangssperre war speziell gegen junge Leute gerichtet. – Und der Oberpriester, der diese Kindsopfer von Anfang an wider besseres Wissen gefordert hat, war der allseits geschätzte Virologe Drosten, der gewiß keine Ahnung hat von Pädagogik und Psychologie. Darf sich so einer bei so etwas irren? Nein! 

Ähnlich hat man aber auch die Erwachsenen mit fadenscheinigen Aussichten erpreßt, mit allen erdenklichen Versprechungen, die dann nicht gehalten. sondern gebrochen wurden. Ständig neue Ziele wurden gesetzt, so daß alsbald der Eindruck entstehen mußte, ein fauler Zauber sollte aufrechterhalten werden, aber nicht irgend etwas Rationales. Der Schein von Rationalität wurde erzeugt und zur Einschüchterung gegen Andersdenkenden eingesetzt. – Ach und es war so oft aus unberufenen Mündern von Rationalität und Wissenschaftlichkeit die Rede, man hat alledem einen Bärendienst erwiesen.

Was nun?

Jetzt ist eine Situation entstanden, in der Omikron zeigt, wie falsch die Hybris war, zu glauben, man könnte in der Liga mitspielen, in diesem Jahrmillionen währenden Kampf zwischen den Wirten und den Viren, in dem so etwas wie permanentes Wettrüsten vor sich geht, aber auch Konstruktives. Man denke doch nur an die Mitochondrien, die höheres Leben erst möglich machen. Es sind viele Schnipsel davon im Genetischen Code, alles potentielle Innovationen, die über Viren „hereingekommen“ sind.

Was können „wir“, nicht viel! Was wissen wir, so gut wie nichts! – Von Anfang an war klar, daß da die Evolution ihre Spiele spielt. Es wäre klug gewesen und nicht einfach nur „rational“, sondern vielleicht sogar vernünftig, das zu tun, was die Moskowiter getan haben, als Napoleon mit seinen Invasionstruppen kam. Man hat Moskau verlassen und den Feind „ausgehungert“.

Von den 400 Milliarden, die der Wahn gekostet hat, hätte man die Kliniken und Altersheime aufrüsten können in sichere Burgen mit Kontakt- und Berührungsmöglichkeit. Technik kann so gut wie alles, man muß nur das Zauberwort sagen: Koste es was es wolle! – Warum wurden die Kliniken nie wirklich optimiert? Warum hat man das Personal so allein gelassen. Warum hat man nicht gesagt, es gibt das Doppelte und Verhältnisse, in denen die Motivation nicht korrumpiert wird? Wer sich jetzt zur Ausbildung einschreibt, der bekommt erst einmal den roten Teppich und ja, die autoritären und jetzt auch noch kapitalistischen Verhältnisse im Gesundheitswesen sind einfach kontraproduktiv und haben nur dann etwas Menschliches, wenn sich Mitarbeiter bis zum Burnout übernehmen.

Aber der Staat hat sich wie üblich an der Gesellschaft vergriffen, weil er ein Schläger ist und nie vertrauenswürdig war. Nicht von ungefähr stellt ihn die Mythologie der Ägypter als Monstrum dar, der Pharao hat einen Löwenkörper und die schrecklichen Augen einer Sphinx. Als solche ist er eiskalt, unberechenbar und unbezwingbar. – Das ist auch noch unser Staatsverständnis, daher wurde die Gewaltenteilung erfunden.

Aber die Balance of Power hat versagt wie die Notstromaggregate in Fukushima, als dort die Welle kam. – Die Gewaltenteilung hat versagt. Die Obersten Richter haben sich nicht getraut, der Politik „rote Linien“ zu weisen. Man hat die Köpfe zusammengesteckt beim Dinner im Kanzleramt, ein Ding der Unmöglichkeit!

Die Menschheit ist je fortschrittlicher umso mehr auf den Zufall angewiesen, daß, ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommt, keine Duckmäuser und exzellente Unfähigkeiten an den entscheidenden Stellen sitzen. Da lobe ich mir die antike griechische Demokratie. Die Ämter wurden verlost, jeder mußte ran und zwar sofort. – Wer zum Richter ernannt wurde, mußte sofort und unverzüglich in den Prozeß, durfte nicht erst mit anderen sprechen, konnte also gar nicht manipuliert werden.

Was nach Omikron kommt? Das konnte man schon bei Delta sehen, es ist nicht im Interesse eines Virus, seinen Wirt umzubringen. Wenn er das tut, ist er jung und noch ziemlich dumm. – Warum wissen das unsere auch so wissenschaftlichen Fachwissenschaftler nicht und wenn, warum sagen sie es nicht? Man muß nur Darwin lesen. – Stattdessen wurde stets die Dramaqueen gegeben. Dabei merkte man förmlich bei den Statements, das sich fast alle schnell auf die Zunge bissen, wenn irgendwas gar nicht so schlecht aussah. Wie in der Werbung hat man die Mutanten verkauft, jetzt noch schneller, noch tödlicher, noch heimtückischer.

Die Angstmacherein der letzten viel zu langen Monate war nicht nur unverantwortlich, sie hat vor allem zur Demontage der Demokratie und zum Niedergang der politischen Kultur geführt. Die Leute reden ja gar nicht mehr miteinander, man prüft den Anderen erst, ob da bestimmte Trigger sind und dann wird gecancelt. Gespräche finden nur noch unter Gleichgeschalteten statt. Oder man schweigt. Tatsächlich, die Mehrheit schweigt, seit Monaten. Und es ist in der Tat harte Arbeit, in dieses Schweigen hineinzurufen.

Das ist aber nun mal mein Job. Mir ist es gleich, was man mir nachsagt. Und die vielen gutgemeinten Aufforderungen, mal nicht ganz so laut zu sein beim Reinrufen, sind falsch. – Es ist meiner Reputation als Philosophen nicht abträglich, ich bin es ihr vielmehr schuldig, genau das zu tun, was ich immer schon getan habe, widersprechen, auch dann, wenn fast alle auf Tauchstation gehen. So habe ich mich schon vorzeiten mit meiner ganzen Kollegenschaft angelegt, als ich über den Diskurs der Sloterdijk-Debatte ca. 700 Seiten geschrieben habe mit minutiösen Analysen darüber, daß es auch unter Philosophen angepaßtes Denken und eben auch Nichtdenken gibt. Das Buch hat ein Namensverzeichnis, man kann sich also sofort nachschlagen. – Gern denke ich noch heute an die wenigen, die einfach exzellente Noten verdient hatten, eben weil sie das richtige Gespür mit Vernunft zusammenbringen konnten.

Umkehr
Es ist ungeheuer viel geopfert worden und es hat so gut wie nichts davon geholfen. Ja, ja, es hätte, sollte, würde, müßte alles noch viel schlimmer gekommen sein, wenn nicht? Nein!Corona ist stark, weil die Gesellschaft so schwach ist, weil der Staat ihr nicht beisteht, sondern sich darin gefällt, die Gesellschaft zappeln zu lassen und den großen Zampano zu geben. – Aber jetzt ist es eine interessante Zwischenphase wie bei einer Minutenpause in der Musik. Danach kommt was. Alles weiß, daß es jetzt kippen muß. Alle erdenklichen Vorzeichen sind bereits zu erkennen und werden eindeutiger. – Und als sie ihr Scheitern bemerkten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen. Ja, aber auch das geht nicht ewig so weiter.
Jetzt fehlt eigentlich ein Skandal oder einer, der das Zeug hat, hinreichend aufgebauscht zu werden. Wie wäre es mit falschen Zahlen, wie Söder sie sich geleistet hat? Aber es müßte schon noch ein wenig mehr sein. Alles wartet doch jetzt auf die Lösung des Rätsels der Erfolglosigkeit aller Anstrengungen. Es scheint ja inzwischen schon fast so, als wären die Ungeimpften sicherer, ja doch wohl auch deswegen, weil sie sich nicht auf einen „Schutz“ verlassen können und weil sie ja nun aus erzieherischen Gründen leider überall draußen bleiben müssen. – Ich lasse mich nicht erziehen, ich bin selbst Erziehungswissenschaftler für Erwachsenenbildung und hatte das als Nebenfach in Münster.

Während die Impfpflicht eher nur noch von den unteren Chargen verfolgt wird und sich alle erdenklichen Zuträger, Beiträger, Mitläufer, Berufsbetroffene, Gläubige, Scharf- und Angstmacher so langsam unsicher umdrehen, wer noch alles bei ihnen steht, lichten sich die Reihen. Es wendet sich das Wetter, das gesellschaftliche Klima kippt. Nur wer möchte sich denn jetzt mal einfach so eingestehen, daß der Club der Kaiser schon seit Monaten nackt ist?

Derweil will noch niemand wirklich genauer hinsehen, weil man schon viel zu viel und viel zu lange aufs falsche Pferd gesetzt hat. – Das sagen auch die Mörder in den allabendlichen Mordorgien der Krimis im Fernsehen immerzu, man habe jetzt schon so viel auf dem Gewissen, da käme es auf etwas mehr auch nicht mehr an. Wenn dieser Spruch fällt, ist jemand wirklich von allen guten Geistern verlassen.

Was die Rationalitäten nicht auf den Schirm bekommen

In der theologischen Sprache gibt es manche Begriffe, die in Vergessenheit geraten sind, weil wir ja unsere wissenschaftlich-wissenschaftlichen Rationalitäten haben. Ich frage dann immer gern nach den Bedeutungen, um ganz schnell eine plötzlich aufkommende Bescheidenheit zu provozieren, zur Not auch zu erzwingen. Ein Mangel an Demut ist das Problem. Auch der Begriff der „Sünde“ ist von Interesse. Was mag es bedeuten, wenn gesagt wird, man habe sich an etwas versündigt? – Was die Kinder, die jungen Leute, die Alten, Dementen und Sterbenden betrifft, sehe ich das so. Da ist eine riesige Schuld entstanden und wer trägt sie wieder ab?
Sobald das spürbar wird, daß man sich aufgrund von Sturheit, Selbstherrlichkeit und Maßlosigkeit schon seit geraumer Zeit auf einem Holzweg befunden hat, kommt es zu einem Impuls, für den es in der Theologie einen weiteren Begriff gibt. Dieser Begriff heißt „Umkehr“. Heidegger hat es mal mit „Kehre“ versucht, aber das ist und bleibt düster. Auch „Wende“ ist so eine Phrase, aber auch das bleibt eine nur äußerliche Sache, als würde man sich mal einfach so umdrehen. – Worte, die den Tiefen unserer Psyche gerecht werden sollen, müssen selbst Tiefgang haben, sonst brauchen sie gar nicht erst anzutreten.
Nein, „Umkehr“, wenn man denn dem Begriff seine theologische Bedeutung auch zugesteht, das bedeutet „Eingeständnis der Schuld“, „Zugeben, sich versündigt zu haben“ und schließlich „Buße“. Dann erst kann es weitergehen. Dann kann die Katharsis, also die „Reinigung“, die „Entsühnung“, die „Vergebung“ und die „Freisprechung von der Schuld“ überhaupt vonstatten gehen. – Und da sind wir jetzt, noch kurz vor der Einsicht in die Schuld.

Théodore Géricault: Das Floß der Medusa (1819). Nun, die Katastrophe um das Floß der Medusa entstand, weil ein unfähiger aber hochwohlgeborener Kapitän auch noch resistent war gegen guten Rat. – Die Unglücklichen wurden ausgesetzt und sehen am Horizont das rettende Schiff, aber von links kommt eine haushohe Welle.

Man wird sich nicht mehr lange stellvertretend an den Ungeimpften vergreifen können, um in ihnen die „Sündenböcke“ zu sehen, die einfach für alles verantwortlich sind.
Bar jeder Vernunft sind sie nun monatelang als die wahrhaft „Bösen“ verkauft worden, nur, weil sie den angeblich ganz kleinen Piks mit dem ganz tiefen Vertrauen in einen Wissenschaftsglauben, der selbst wissenschaftsfeindlich ist, nicht mitmachen mochten, aus vielerlei Gründen. – Ja, selig sollen die sein, die nicht (selbst ein-)sehen und doch glauben. Das hätten die „Hirten“ gerne.
Aber wenn jetzt die Ungeimpften als Ketzer, Ungläubige, Teufelsmenschen, UnholdInnen und Staatsfeinde nicht mehr zur Verfügung stehen, was dann? Die diskursive Formation muß dann dieser Tage kollabieren. Wer soll das denn jetzt alles gewesen sein? Also werden Ablenkungen vorgenommen. Herr Wieler vom RKI könnte abgesetzt werden, da hätte man schon mal ein Baueropfer, irgendwie. Boris Johnson, der offenbar jeden Freitag in der Downing Street nicht unberauschende Feste gegeben hat, wird jetzt abgesägt. Und Söder hat schon vor Wochen Kreide gefressen, denn seine Fähigkeit, sich äußerlich zu wandeln, haben etwas von einem Chameleon. – Politik macht es erforderlich immer mal die Farben zu wechseln, aber nur äußerlich, also „glaubwürdig“.
Eines muß man dem Söder Markus neidvoll zugestehen. Ich hätte es ihm von Herzen gewünscht, daß er für seine narzißtischen Big-Man-Allüren abgestraft würde, daß man ihm als Scharfmacher vorhalten würde, was er alles mit angerichtet hat in der Corona-Krise, was so ungeheuer schief gelaufen ist. Ach ja und Frau Merkel, die nie vom Ende hergedacht hat, wenn überhaupt. Herr Spahn kann sich glücklich schätzen, daß er „weg“ ist. – Manches Mal habe ich gedacht, was ist das nur für ein Job, permanent Erklärungen, Beteuerungen und Versprechen abzugeben, wie etwa zum hundertsten Mal, daß es keine Impflicht gäbe. Und dann läßt sich das alles nicht halten, weil man vor anderem Hintergrund wieder die Farbe wechseln muß.
Ja, die Rente ist sicher, ebenso sicher wie das Grundgesetz. Auch die Daten in der Luca-App sind sicher vor staatlichem Zugriff. – Viel von dem Vertrauen, das Staat, Politik und Medien noch hatten, ist weg.

Nichts ist heilig

Wie hieß es noch in einer dieser unverschämten Werkekampagnen zum geistig-moralischen Downgrade: „Ich bin doch nicht blöd!“ Aber ja doch, geraden mit dieser Einstellung, was könnte blöder sein als dieser Spruch. – Da war dann die Polizei in Mainz auch echt nicht blöd und auch die vom Gesundheitsamt. Man hat auf dem Wege der „Amtshilfe“ eine Infektion einfach mal so gefaked, weil man es kann und dann sind die lieben Kollegen an die Daten herangekommen. – Geht doch!
Nicht mal Ehrlichkeit, Lauterkeit, Prinzipientreue, Verläßlichkeit geht. Man hätte sich viel, sehr viel zusätzliches Vertrauen verdienen können. Aber nun? – Jetzt kommt das Scherbengericht. Und der Söder Markus hat schon vor Wochen das Södern ganz sein lassen. Da ist dann FDP-Kubicki, der viel zu still war, als er hätte laut werden müssen, auch erst dann über ihn hergefallen, als sich die Änderung im politischen Klima längst abzuzeichnen begann.
Ja, hinterher sind immer alle überaus klug. Aber wer erhebt denn von Anfang an Protest? Wer hat denn den Mut, aus der Reihe zu tanzen? Manche haben es ja am Anfang getan, sie wurden aber auf der Stelle exkommuniziert. Es sollte nur einen Gott und nur einen Hohepriester geben und der verlangte den Lockdown, um den Chinesen mal zu zeigen, daß wir so etwas auch können. Eine Gesellschaft, die so dumm ist, hat in der Tat auch keine bessere Politik verdient. – Und was mich am allermeisten stört, auch in der anstehenden Buße wird gelogen und betrogen werden. Allerdings wird es dann auch keine „Vergebung“ geben.
Um das zu verstehen, muß niemand gläubig sein, es geht auch mit Tiefenpsychologie. Wer so viel falsch gemacht hat, wie Politik, Staat und Gesellschaft die letzten Monate, hat viele Leichen im Keller. Täter werden es am Anfang glatt ablehnen, die Verantwortung oder gar Schuld anzuerkennen. Leugnung, dann Verdrängung und schließlich Relativierung sind typische Stationen im Prozeß einer jeden Läuterung.
Das Problem von Tätern ist nur, daß sie ständig auf der Hut sein und permanent darauf achten müssen, daß niemand was merkt. Aber spätestens seit der Systemischen Therapie kann man auch ohne humanistische Bildung wissen, daß es gar keine Geheimnisse geben kann, weil wir alle erdenklichen psychoaktiven Antennen besitzen. Wir haben den Neokortex entwickelt, weil das Sozialverhalten ansonsten viel zu viel Kopfschmerzen bereitet. Ja, es gibt Dinge, die sich unsere Rationalitäten nicht einmal träumen können.
Ich frage mich aber, wie das gehen soll, dieses Scherbengericht? Wie sollen wir denn einander allesmögliche verzeihen? Die neugeschaffenen Traumata, die Verletzungen der Würde, die Mißhandlungen der Freiheit, dieser unübersehbare Vertrauensverlust, das alles läßt sich doch gar nicht wieder heilen. Natürlich werden die Montagsdemonstrationen größer, man wird immer weniger herzhaft darüber herziehen können. Derweil versucht man es noch immer mit Dämonisierung und Exkommunikation. Wenn jetzt noch mehr Gutbürgerliche „da“ einfach hingehen? Was soll man denn tun, wenn man was tun möchte gegen den Verfall der Kultur?
Hauptsache, es kommt jetzt nicht auch noch zur Inszenierung von Gewalt.
Ich denke, der Mainstream sollte jetzt auch mal Farbe bekennen und dazu stehen, daß man sich hat Angst machen und einschüchtern lassen, daß man sich benommen hat, wie ein artiges Kind, daß man sich die Würde nicht nur hat nehmen lassen, sondern daß man sie freiwillig abgeliefert hat. So viel Hausarrest, wofür eigentlich?
Aber wie gewinnen wir die verlorene Nähe wieder? Geraten wir nicht alle inzwischen in Atemnot, wenn uns jemand „zu nahe“ kommt?
Oh wie ist das alles krank, psychisch krank!
Wieder einmal hat sich die Gesellschaft von falschen Hirten auf Irrwege führen und mißhandeln lassen. Wer trägt die Verantwortung?
Schafe sind nie schuld, oder?

Demut schützt vor Hybris

Hochmut kommt vor dem Fall

Es ist mehr als nur eine Geste der Bescheidenheit, es ist auch eine Verneigung, wenn man konstatiert, bei aller Größe sei man selbst nun auch nicht voraussetzungslos. – Wie irre muß man eigentlich sein, das als Demütigung zu empfinden. Tatsächlich geht es um die Würde der Gesellschaft.

Ähnlich irre meinen ja auch Vertreter der Wirtschaft, daß sie der Gesellschaft von Nutzen sei, einfach weil sie Geschäfte macht, um dabei die Infrastruktur, die Bildung, das Rechtsystem und die Infrastruktur einfach kostenlos zu nutzen. Wieso soll man sich denn an den Voraussetzungen beteiligen?

Das ist auch die wirklich gemeingefährliche Vision der Superreichen, die offenbar dabei sind, genau diese Dystopie wirklich werden zu lassen. – Die Gated community, die geschlossenen und bewachten Wohnanlagen, in denen Privatrecht herrscht, sind bereits das erste Zeichen dieser unheilvollen Entwicklung. Dort gibt es ja schon Privatpolizei, wie wäre es denn mit einem eigenen Rechtssystem?

Es ist ein Gebot von Demut und Bescheidenheit, generell anzuerkennen, daß das, was man ist, kann und geleistet hat, ob Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage, im Zweifelsfall den Göttern oder sonstigen höheren Mächten zu verdanken ist. Wo das nicht geschieht, dort wird es immer gefährlicher, denn dann kommt Hybris auf. Das ist nicht nur Hochmut, sondern Dummheit, weil man sich und die eigenen Kompetenzen dabei ganz erheblich überschätzt. Natürlich muß es dann zu Katastrophen kommen.

Man sieht das in der Corona-Krise, wo die Politik an ihrem eigenen Machbarkeitswahn schier ausrastet wie der französische Präsident dieser Tage, der Andersdenkende einfach nur noch „anpinkeln“ und „ankacken“ will. – So etwas kommt vor dem tiefen Fall, denn natürlich wollen und können Hochmögende gar nicht zugeben, daß sie selbst alles verk*t haben.  

Die Demutsformel von den „Voraussetzungen, die man selbst nicht geschaffen hat“, muß wirklich von Herzen kommen. Denn dann versteht man sich als das, was man ist, ein ziemlich kleines Teil eines reichlich großen Ganzen, das man nicht nur nicht in der Hand hat, sondern zumeist nicht einmal versteht. Ich empfehle zunächst eine Roßkur mit Luhmann-Lektüre gerade für Weltverbesserer, wie ich selbst einer bin. Und darüber hinaus muß auf jeden Fall sehr viel mehr Philosophie in die öffentlichen Debatten, denn es ist einfach ganz schrecklich, was da so tagein tagaus an Böcken geschossen wird. Als würde neuerdings mangelndes Denken belohnt.

Es besteht die Gefahr, daß man mit dem besten Willen und noch besseren Absichten ganz schlimmes Unheil anrichten kann. – Daher hat man die Gewaltenteilung erfunden und den Monotheismus auf der Ebene von Staatstheorie und Rechtsphilosophie schon seit langem überwunden. Nur, daß die Leute es nicht verstehen, weil sie größtenteils noch in Märchenwelten leben. Immerzu wird gequatscht, wie im Kindergarten, es sollten für alle dieselben Regeln herrschen, das müsse doch alles zentralistisch, aus einem Guß, ohne Ausnahmen, selbstverständlich mit hartem, härtestem, ach, drakonischen Maßnahmen. Seufz. – Nein!

Das Gegenteil ist richtig. Auch Schwarmintelligenz braucht erst einmal Zeit, sich zu entwickeln und eine gute Pädagogik, die Gelegenheiten schafft, daß sie sich auch entfalten kann.

Was tut man, das Gegenteil. Jetzt soll auch noch telegram verboten werden, so wie es den totalitären Staaten nun auch nicht gefällt, daß die Leute einfach so, also unkontrolliert miteinander reden. Sorry, geht es noch?

Das Gegenzeit ist richtig! Es soll eine argwöhnische und eifersüchtige Feindschaft zwischen den staatlichen Gewalten herrschen! Es soll, darf und kann nicht alles in einer Hand liegen. – Diese Lektion sollten alle aus der Geschichte längst bezogen haben.

Wieso kommt das Gesundheitsamt in Mainz dieser Tage einer Bitte der Polizei nach und simuliert einen Infektionsfall, um an Daten der Luca-App zu kommen, um eine Straftat aufzuklären? Ich habe meine Teilnahme nunmehr deinstalliert. – Wer „pragmatisch“ wird, ist nur ein Mensch ohne Prinzipien und sollte gar nicht in Staatsdienste übernommen werden. Wo zum Pragmatismus aufgefordert wird, wollen Leute pfuschen und nur das. Warum, weil sie die Demutsformel nicht beherrschen.

Das Leben ist komplizierter und auch das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und Identität ist es. Es ist einfach grober Unfug, wenn so getan wird, Gesellschaft und Staat, das alles sei dasselbe. Nein, ist es überhaupt nicht! – Im Prozeß der Zivilisation haben Könige kleine Häuptlingstümer unterworfen und in Gesellschaften gezwungen. So sind die ersten Staaten entstanden.

Staaten sind in diesem Sinne noch immer die Unterdrücker ganzer Gesellschaften und die Unterjocher von Gemeinschaften, die dann als Minderheiten tituliert und darüber hinaus verunglimpft und entmenschlicht werden. Das sieht man allenthalben aber nun auch immer unverblümter im angeblich freien Westen. Im Westen galt bisher noch ein gewisser Stil.

Der Staat lebt nicht für, sondern von der Gesellschaft, ebenso wie die Wirtschaft. Sie ist die Kuh, die alle besitzen, melken und am liebsten schlachten würden.  

Im wohlverstandenen eigenen Interesse ist jedoch wärmstens zu empfehlen, sich die Demutsformel zu Herzen zu nehmen. Denn ein Parasit ohne Wirt sieht alt aus. Es wäre viel klüger, wenn der Parasit zum Symbionten wird. Genau das steckt ja auch hinter der Gewaltenteilung. Und dieses Theater wird auch schon häufig inszeniert. Es kommt aber noch immer nicht von Herzen.

Die uralte Brutalität, die übrigens erst mit der Zivilisation in die Welt gekommen ist, schlägt noch immer durch. – Daher nun mal kein historischer Vergleich, sondern eine Allegorie.

Der Staat ist ein Schläger, immer schon, ein brutaler Ausbeuter und nicht eben ein Freund der Gesellschaft, sondern ihr Unterdrücker, eigentlich  ihr Zuhälter. Natürlich ist diesem am Wohlergehen seiner „Liebste“ gelegen. – Aber wie macht man daraus allmählich ein ausgewogenes Verhältnis?

Wie oft ist es allein in den letzten 200 Jahren dazu gekommen, daß der Staat die Gesellschaft mißbraucht, geschändet, verkauft, geschädigt, ausgebeutet, erniedrigt und auf den falschen Weg geführt hat? Heraus aus dem Glück und der Hochkultur in der Aufbruchstimmung um 1900, hinein in den Krieg. Warum? Weil eine „Elite“ keine Demokratisierung wollte. – Moderne ja, aber nur nach militaristischer Manier, später dann als Faschismus. Man will die Vorzüge, aber nicht die Nachtteile, nämlich „mehr Demokratie“ wagen.

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ (Perikles, um 500 – 429 v. Chr., athenischer Politiker und Feldherr, Quelle: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges.)

Genau das spielte sich damals ab im alten Athen, als die Griechen sich gegen die übermächtigen Perser wehren mußten. Sogar das Orakel von Delphi lag falsch. Natürlich war es unwahrscheinlich, daß die Griechen das durchstünden. Aber es gab da einen Mann namens Perikles, ein begnadetet Stratege und Rhetor, der dafür sorgte, daß der gemeine Mann auf eigene Kosten mit in den Krieg zog und nicht nur der Adel, der ja im Zweifelsfalle doch ein wenig schwach ist, wenn es wirklich darauf ankommt.

Aber und das ist der Gag: Also forderte der gemeine Mann dann aber auch bei der Herrschaft im Staat mitzuwirken. So entstand die erste Demokratie, in der nicht in Ämter gewählt wurde, sondern sie wurden verlost und es war Pflicht, dem nachzukommen. Man sollte vielleicht wieder das Los entscheiden lassen, dann hätte das Glück wenigstens eine Chance.

Das Bundesverfassungsgericht trägt den größten Teil der Verantwortung für den Niedergang der Demokratie in der Corona-Krise, für die Spaltung der Gesellschaft und dafür, daß die Politik inzwischen über Hecken und Zäune geht. Es wäre an der Zeit gewesen, die Demutsformel in Erinnerung zu rufen und zu konstatieren, daß der Zweck die Mittel nicht heiligen kann, wenn es gegen Grundgesetze geht und einfach alles, was heilig ist.

Hätte das nicht mehr ehrenwerte Gericht doch die Politik in Grenzen verwiesen. Das hätte die Politik entlastet, denn sie hätte immer sagen können, es seien ihr nun mal die Hände gebunden. Sie könne nur und müssen daher mehr Eigenverantwortung wagen, der Staat wäre darauf angewiesen, daß die Gesellschaft ihm Voraussetzungen schafft, die er nicht herbeizwingen kann.

Schön wäre es gewesen, wir hätten dann eine Zivilgesellschaft mit Achtung vor dem Gesetz und der Gesellschaft und vor Andersdenkenden bekommen. Wir hätten eine Solidargemeinschaft, die heute nur noch angeführt wird, um Druck gegen Andersdenkende zu erzeugen. Wir hätten den Schritt vom Obrigkeitsstaat in die Zivilgesellschaft geschafft, das wäre nach 1989 so etwas gewesen wie eine Metamorphose. Aus der häßlichen Raupe der Deutschen wäre ein Schmetterling geworden…

Klingt das zu naiv, nun, naiv sind vor allem die Moralisten dieser Tage, denn sie geben vor, alles abzuwägen, dabei sind sie nur Denkverweigerer. Und so fragt man sich: Was ist schlimmer, Querdenken oder Nichtdenken?

Franz von Stuck: Dissonanz (1910).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Diese Website verwendet das großartige -Plugin.