Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Professionalität

“I’m not convinced.”

001 –  Die Vorwahl für das Land mit der Lizenz zum Lügen

Am 5. Februar 2003 warf US-Außenminister Colin Powell dem Irak den Besitz von Massenvernichtungswaffen vor und begründete damit die US-Intervention im Irak. Später entschuldigte sich Powell für die in der Rede verbreiteten Lügen.

Die „Beweise“ für die Existenz von Massenvernichtungswaffen, die Powell an diesem Tag vorgelegt hatte und die als Begründung für die spätere Intervention herhalten mußten, bestanden aus Material, daß vom amerikanischen Geheimdienst manipuliert worden war.

Powell sagte: „Dies sind nicht Behauptungen. Wir geben ihnen Fakten und Schlussfolgerungen auf der Basis solider geheimdienstlicher Erkenntnisse.“ Zu den „Fakten und Schlussfolgerungen“ gehört, dass der Irak weiterhin über biologische und chemische Waffen verfügt. „Hier wird getäuscht, hier wird versteckt und verborgen.“

Durch Lug und Trug war ein Krieg begründet worden. Der demokratische US-Senator Henry Waxman untersuchte ein Jahr nach Beginn des Irakkrieges alle Äußerungen der Bush-Regierung und registrierte bei 125 Auftritten 237 Irreführungen. Ausschmückungen, Unterlassungen, Verdrängungen und Übertreibungen waren die Regel, nicht die Ausnahme. 

(Malte Lehming: Als mich ein Lügner überzeugte. In: Der Tagesspiegel. 14.06.2019.) 

“I’m not convinced.” (Joschka Fischer)

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2003 kam es zu einem Wortlaut, der seither wie in Stein gemeißelt stets in Erinnerung gehalten werden sollte. 

You have to make the case,

and to make the case in a democracy

you have to be convinced yourself,

and excuse me I am not convinced.

Um in einer Demokratie eine Entscheidung zu treffen, müsse man erst mal selbst davon überzeugt sein. “Entschuldigung, aber ich bin nicht überzeugt und ich kann mich nicht vor die Öffentlichkeit stellen und sagen, laßt uns in den Krieg ziehen, wenn ich nicht daran glaube.“

Public Relations ist nur ein anderes Wort für Propaganda

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, heißt es. Nun, die Wahrheit ist das zweite Opfer des Krieges, weil die Neutralität schon vorher verloren geht.“

 

(Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde. 1. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2004. S.  287.) 

Es ist daher sehr zu empfehlen, genau darauf zu achten, welche Medien bei Hetzkampagnen mitmachen. Diese können nicht die Medien des Vertrauens sein, weil sie selbst den Beweis gegen ihre Vertrauenswürdigkeit antreten. 

Es kann einfach nicht mehr akzeptabel sein, daß Lügen immer wieder vergessen werden, verziehen auch?

„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“ 

 

(Edward Bernays, Meister der Manipulation, Papst der Propaganda, Erfinder der Public Relations)

Die Lizenz zur Lüge kann und darf keinem Land dieser Welt zugestanden werden.

Auf die Diskurse kommt es an, auf die Wahrheit, auf alle Wahrheiten. 

Alles, wirklich alles an Menschen- und Lebenserfahrung, alle erdenklichen Narrative raten dringend davon ab, durch fortgesetztes Lügen am Ende jede Vertrauenswürdigkeit zu verlieren.

Alle auf das Recht anderer Menschen bezogene Handlungen,
deren Maxime sich nicht mit der Publizität verträgt,
sind unrecht.

 

(Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. In: Werke, Bd. VI. S. 245.)

 

 

Nur ein Beispiel: Die Brutkastenlüge

Die besonders dreiste Baby-Lüge für den Ersten Irakkrieg stammt von einer PR-Agentur:

 


Mauern im Schlamm

Exakter Unsinn mit Metaphern

Das passiert, wenn man offenbar nur Virologie, bzw. Gesundheitsökonomie studiert hat. Dann fehlt die humanistische Bildung, was zu sehen ist an der grotesken Unfähigkeit, mit Metaphern überhaupt umgehen zu können. – Dabei sind Modellvorstellungen gerade in den Naturwissenschaften, die ja angeblich nicht reden, sondern nur rechnen, von außerordentlicher Bedeutung.

Bei diesem irrwitzigen Gestammel über Reifen, Schlammpisten, Berge und Mauern, bleibt nur Ludwig Wittgenstein: “Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.”

Es ist ein Anfängerfehler beim Metaphorisieren, den beide arglos begehen: Es ist zunächst einmal dringend zu vermeiden, etwas Organisches mit etwas Mechanischem gleichzusetzen. Eine solche Übertragung muß schief gehen. Beispiel: Frauen sind wie Blumen, Männer wie Rasenmäher.  – Der Witz entsteht allein durch die Unvereinbarkeit der Metaphern. Und selbstverständlich werden Manche diese Aussage als solche rhetorisch zu nutzen verstehen. Das ist so.

Wer sich auf Metaphern einläßt, sollte schon wissen, was dann geschieht. Wer das nicht kann, ist eigentlich nicht einmal Wissenschaftler, weil die Fähigkeit, sich in und mit Modellen auch allgemein verständlich zu machen, schlichtweg dazu gehört. – Man wird sich nämlich schon fragen, wenn so gestammelt wird, was Drosten und Lauterbach eigentlich wirklich verstehen und verstanden haben, wenn sie so unbeholfen reden und dabei völlig verlassen sind von allen guten Geistern, die in der Sprache wohnen.

Wenn etwa Einstein sagt: “Gott würfelt nicht”. Dann will er zwar keine Theologie betreiben, sondern “nur” den Universalanspruch der Mathematik behaupten. Dennoch hat er zugleich auch Theologie betrieben, denn wenn Gott überhaupt nicht würfelt, dann wäre er gar kein Thema mehr, nicht nur für die Physik. Also hat er Theologie betrieben und sich deshalb übernommen.

Das ist das Schöne, Amüsante und für Unberufene auch Bedrohliche beim Metaphorisieren. Man kann förmlich sehen, wie die aus mangelndem Sprachgefühl oder auch, weil nicht zu Ende gedacht worden ist, falsch gewählten Metaphern daraufhin postwendend über den Redner herfallen oder ihm heimtückische Fallen stellen. Nicht selten wird Rednern dann etwas in den Mund legen, was sie gar nicht gesagt haben wollten. Ein berühmtes Beispiel ist die Jenninger-Rede.
Wenn beispielsweise irgendwo die Leitung einer Institution weitergegeben wird, dann gibt es immer diese grotesken Unbeholfenheiten, die zugleich sehr tief blicken lassen. Die bei der “Wachablösung” allseits beliebte Metapher vom “Kapitän eines Schiffes”, also dem “Steuermann”, ist selten schwer beherrschbar. – Daher ist es immer besonders spannend, dabei zu sein, um zu sehen, wann und wie der Schiffbruch solcher Redner kommt, die nicht selten blank ziehen, ohne es zu wollen.
Hinter den Kulissen lassen sich aufgrund der heimtückischen Attacken widerspenstiger Narrative viele der eigentlichen Intentionen, der Selbstzweifel und auch der Anmaßungen ziemlich genau erkennen. Das geschieht unmittelbar dann, sobald eine Metaphorik fadenscheinig wird und aufgesetzt erscheint, also nur benutzt aber nicht auch als solche ernst gemeint werden soll. 
“Benutzen” lassen sich Metaphern schon mal gar nicht. – Das lassen sich die ansonsten so hilfreichen Geister überhaupt nicht bieten, also wenden sie sich gegen den, der sie als Geister rief. Und tatsächlich, wer sich den Sprachgeistern nicht würdig, dankbar und in gewisser Weise auch folgsam erweist, hat auch ansonsten wohl auch noch ganz andere Schwächen. – Und ei den meisten steckt nämlich Hybris dahinter und das fliegt auf, angesichts der Risiken, die die Seefahrt nicht nur metaphorisch nun einmal mit sich bringt. 
Mit Virologie hat das alles nichts zu tun, aber mit Sprache, Kultur, Vernunft und Geist, also mit einem Immunsystem, das von ganz anderer Klasse ist.
Schön ist dieser Beitrag, den ich hier empfehlen möchte deswegen, weil er mir erhebliche Arbeit abnimmt. Ich wollte die sprachliche Unbeholfenheit der Professoren Drosten und Lauterbach immer schon mal aufspießen, weil, wer so schlecht spricht, einfach Spott verdient.
Ich fand es aber irgendwie fies, mir das alles eigens noch einmal anzuhören, um es mit den Mitteln der Glosse dann noch aufzuführen.
Schön, das diese Unbeholfenheit hier ineinander geschnitten wurden.

Berühren verboten!

Aber Gedanken sind frei

Der Verlust an Nähe ist das eigentliche Problem. Ein Eisberg, von man die Tiefen nur ahnen kann.

Seit Ischgl wissen wir, es kommt auf die Viruslast an. Man infiziert sich kaum im Vorbeigehen, auf die Gefahren der Nähe kommt es an.

Kultur ist am Feuer entstanden. Vorne wird man gut angebraten und von hinten friert es. Also rückt man noch näher aneinander und reibt sich gegenseitig den Rücken. Und dazu werden berauschende Substanzen gereicht. Man starrt wie hypnotisiert ins Feuer, öffnet sich dem Anderen, dann wird erzählt…

So sind die ersten Geschichten der Menschheit ausgetauscht worden. Und während man da so sitzt, kreisen drumherum die Ungeheuer. Wohlige Schauer laufen über den Rücken. Das ist Geborgenheit.

Und dann steckt man die Köpfe zusammen. Wie oft saßen wir nächtelang schwitzend beieinander. Im Nebel aller erdenklicher Körperausdünstungen. – Menschen sind Säugetiere, sie machen sehr viel mit der Nase. Auch die Wahl von Partnern und Freunden geht über den Geruch.

Aber jetzt traut man sich nicht einmal mehr, die Nasenflügel zu blähen. Es liegt womöglich Corona in der Luft. Also besser nicht allzu tief und frei atmen. Als wäre Nähe inzwischen nur noch etwas für Lebensmüde.  

John Collier: Circe (1885).

Was der Verlust an Nähe mit den Menschen macht, dürfte ebenso gefährlich sein, wie die Ängste, die Kinder in den Suizid treiben. Wie soll man Kindern, Dementen und Sterbenden erklären, daß Nähe gefährlich geworden ist.

Es ist, wie eine Umprogrammierung. Man soll Nähe zulassen, sich berühren lassen, empathisch sein, andere auch gern einfach umarmen, weil es mehr ist als eine Geste, es ist ein Bekenntnis der Mitmenschlichkeit. – Und jetzt?

Das ist wohl der Grund, warum der Haß immer größer wird.

Berühren verboten! Nähe ist verdächtig geworden.

Kultur ist Nähe, also gefährlich. Denken sowieso.

Aber Philosophie findet im Kopf statt. Die Gedanken sind frei.

 

 

 


Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Über Menschenwürde und Impfzwang

Viel war immer von „Würde“ die Rede, gerade in Deutschland. Dieser Begriff war wie ein Fetisch, man hob ihn sehr hoch und höher. Aber den allermeisten war das Gemeinte so faßbar wie die Begriffe Leib und Seele.

Und da nun die „harten“ Wissenschaften keinen Zugang haben zu alledem, ist es eigentlich schlecht bestellt um das,  was gemeint sein könnte. Allenfalls wird widerwillig noch so etwas wie Psyche zugestanden aber dann auch nur mit einem Manko. Wenn etwas „psychologisch bedingt“ ist, dann ist es zugleich „nur psychologisch“.  – Es ist gewissermaßen grundlos, weil es ja nun keine „kausale“ Ursache gibt, oder?

Das ist der bornierte Materialismus einer Kultur, die inzwischen gefährlich geistlos geworden ist, wie sich an der aktuellen Debatte um den Impfzwang zeigt.

„Würde“ ist unfaßbar für alle diejenigen, die meinen, es gäbe nur eine einzige Wahrheit, nämlich diejenige, die sich in Zahlen messen und naturwissenschaftlich thematisieren läßt. Ja und Liebe wird zur Hormonstörung, ist es nicht so? Und Schönheit kommt von außen, tausend InfluencerInnen können nicht irren?

Alles, was nicht ins Prokrustenbett dieser Unbildung paßt, wird passend gemacht. Das geht so weit, daß BiologInnen in den Talkshows der Republik unwidersprochen zwischen Glauben und Wahrheit unterscheiden, um dann “die Wahrheit” für sich zu reklamieren. Und alles andere ist Hokuspokus? – Ich muß doch sehr bitten.

Das Niveau ist inzwischen unterirdisch. Die so scheel beäugte Psyche geht gerade über Hecken und Zäune. Es geht schon längst nicht mehr um körperliche Gesundheit. Wir haben es mit einer Massenhysterie zu tun, die nun Sündenböcke braucht, weil aus alledem, was man sich versprochen hat, durch Impfen wiederzugewinnen, nichts wie erwartet gekommen ist. – Dabei wurde von Anfang an rücksichtslos alles ins Opferfeuer geworfen, ob es das Seelenheil von Kindern ist, denen man sagte, sie würden den Tod bringen oder die Würde der Sterbenden und Dementen, die ohne jede menschliche Berührung wegdämmern und sterben. Die Liste ist inzwischen unübersehbar, was da an Schäden angerichtet worden ist.

„Würde“ ist ein höchst intimes Selbstverhältnis zwischen Ich und Selbst, Körper und Psyche, Leib und Seele, Sinnlichkeit und Geist. Es ist dieser seltsame Widerspruch, daß wir von den einen nicht einmal flüchtig berührt werden möchten, während wir uns den anderen mitunter vorbehaltlos hingeben können. Das hat etwas mit einem Vertrauen zu tun, das nicht eingefordert werden kann.

Was haben wir denn für Bilder im Kopf, wenn „unser Körper“ gerade mit etwas ringt? Das sind Narrative, die wir uns durch den täglichen Wissenschaftsjournalismus einfangen. Als ob das alles wäre, um zu sagen, wer und was „wir“ denn so alles „sind“.

Naiv sind weniger die der Esoterik Verbundenen, sie versuchen wenigstens eigene Worte zu finden für dieses Intimverhältnis. Während die anderen nur ihre Geistlosigkeit demonstrieren und einen längst arbeitslos gewordenen Kirchenglauben nunmehr auf „die“ Wissenschaft richten, ja welche denn? – Es gab zu allen Zeiten einfache Gemüter und diese wußten darum. Nur, inzwischen halten sich diese auch noch für aufgeklärt, wenn sie daran gehen, andere zu belehren, um sie auf den richtigen Glaubensweg zu bringen.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und das Leben ist der höchsten Güter nicht; – vieles, unendlich vieles ist schon gesagt worden darüber, daß es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, zwischen Körper und Geist, von denen sich unsere Wissenschafts-Weisheiten nun wirklich nicht einmal eine Vorstellung machen können.

Alle diese Schuster sollten bei ihren Leisten bleiben, denn es ist zwischen Technik- und Naturwissenschaften einerseits und zwischen Geistes- und Kulturwissenschaften andererseits zu unterscheiden. Und die Borniertheit mancher Fachvertreter und ihrer Nachbeter sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir es mit einer komplexen und auch tiefgründigen Wirklichkeit zu tun haben. – Wir haben eine Innenwelt, die es mit den unendlichen Weiten des Kosmos spielend aufnehmen kann, wenn man bedenkt, wer und was in unserer Phantasie so alles leibhaftig ist.

Als ich in einem Thinktank vorzeiten desöfteren interdisziplinäre Expertenkreise moderiert habe, gab es nicht selten diese Kindlichkeit im Auftreten von Sachverständigen, wenn sie mal für etwas nicht zuständig sind, sondern andere, noch dazu konkurrierende Disziplinen. Man mußte dann schon energisch werden, um sie dahin zu bewegen, nur über ihre Sache sprechen, wovon sie schließlich etwas verstehen aber nicht andere schlecht reden. – Genau das aber geschieht nun in dieser Gesellschaft. Da sucht eine aufgehetzte Mehrheit nach Sündenböcken und erklärt alle Andersdenkenden zu „Gefährdern“.

Die Mehrheit hat nicht das Recht, sich so eine Minderheit zu erschaffen, um dann über sie herzufallen, nur weil sie sich hat Angst machen und mit falschen Versprechungen und trügerischen Hoffnungen ins Bockshorn jagen lassen. Die Gesellschaft hat nicht das Recht, so zu tun, als sei sie eine Gemeinschaft und hätte dementsprechende Rechte. Gerade unsere real existierende Gesellschaft ist sozial kälter als viele andere, daher hat sie sogar noch weniger Rechte als jene. Der Staat hat nicht das Recht, ein Impfregister aufzubauen, denn bereits das verletzt die Würde im Datenschutz und die informationelle Selbstbestimmung. Und der Staat hat schon gar nicht das Recht, in das intime Verhältnis zwischen mir und meinem Körper einzugreifen. Das wäre mehr als die Verletzung meiner Würde, das wäre bereits Mißhandlung. Nur eine Vergewaltigung wäre noch übler.

Und für Neunmalkluge: Wenn ich in eine Alkoholkontrolle gerate und gefragt werden, ob ich mit einer „freiwilligen Alkoholkontrolle“ einverstanden sei, dann frage ich stets, was daran freiwillig sein soll. Wenn nicht, dann müsse ich eben mit zur Wache kommen, wo mir zwangsweise Blut für einen Alkoholtest abgenommen würde, erklärte mir der Beamte. Da habe ich ihm wiederum erklärt, daß das keine Freiwilligkeit sei. Verdeutlicht habe ich es ihm am Beispiel seiner Kollegin, die daneben stand. Wenn ich diese auffordern würde, mich nicht abzuweisen, wenn ich ihr würde nahetreten wollen, weil ich ansonsten „Maßnahmen“ ergreifen würde, was das dann wäre. Nötigung mindestens, vielleicht Freiheitsberaubung, vielleicht mehr.

Nur, wenn ich mit einem Fahrzeug am Straßenverkehr teilnehme, gebe ich gewissermaßen einen Teil meiner Grundrechte preis. Sollte mir das nicht geheuer sein, könnte aber auch auf das Fahren verzichten… – In der Corona-Krise habe ich diese Alternative nicht, ich kann nicht nicht leben oder mal eben auswandern.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, das ist eines der meistgeglaubten Standards, und dann werden immer wieder Analogien gesucht, wohl, weil wir dann doch aus den Fehlern der Geschichte lernen wollen. Ich denke in den letzten Wochen desöfteren an die berühmt-berüchtigte Schrift von Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat:

„Auf diese Weise konfrontiert der Staat nie das Innere eines, intellektuell oder moralisch, sondern nur seinen Körper, seine Sinne. Der Staat ist nicht mit überlegener Weisheit oder Redlichkeit ausgerüstet, er besitzt nur überlegene physische Stärke. Ich bin nicht geboren, um mich zwingen zu lassen. Ich will nach meiner eigenen Art atmen. Laßt uns sehen, wer der Stärkere ist.“ (Henry David Thoreau:

Uber die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. 1849. S. 9.)

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Georg Stefan Troller zum Hundertsten

Georg Stefan Troller zum Hundertsten

Er hat mich geprägt, denn er zeigt immer wieder, wie Verstehen möglich ist und wie fantastisch es sein kann. Dabei ist sein Verständnis oft etwas mutwillig hergeholt und genau damit wird er zum Vorbild. Ja, man kann verstehen, muß sich aber nicht gleichmachen. Aber vielleicht war und ist es ja auch “nur” die Sonne in seinem Herzen und das bei diesem Lebensweg, – vielleicht auch gerade deswegen.

 

Dieses Niveau ist einmalig. Der freundliche, leicht ironische Unterton, das stets bereitwillige Understatement, das zur Not auch betont hemdsärmelig daherkommt, von wegen, es müsse doch wohl so sein… Das ist höchste Kunst der Begegnung. Dabei kommt alles so leichtsinnig und flaneurhaft daher, aber es werden Tiefen erreicht, die oft nicht einmal erahnt werden.
Es ist schon bestechend, dabei zu sein, um mitzuerleben, wie leicht man auf wirklich Wichtiges kommt ohne diese stromlinienförmige Oberflächlichkeit, die nur so tut, als wäre da Tiefe. – Dann dieser Ton mit einer verlockenden Komplizenschaft für den Zuschauer, der mit ihm gern auf Erkundung. Man vertraut sich gern an.
Da weiß einer sehr viel zu erzählen und versteht sich auf das Verstehen und das auch noch in grotesken Begegnungen. Man spürt, wie die eine Zeit auf die andere folgt im Sauseschritt.
Stets sind es bereichernde Begegnungen und Erfahrungen, die sogleich ein Teil werden, als hätte man es selbst erlebt. Troller tut das, was die Mythen immer schon wollten, Weltvertrauen schaffen auf der Grundlage eines Understatements, das es sich leisten kann, sich zu riskieren.
Herzlichen Glückwunsch, Georg Stefan Troller!

Wir haben nicht nur Corona, – wir haben auch Demokratie

Es ist erstaunlich, wie wenig vertrauenserweckend die mentalen Widerstandskräfte sind, wenn es um „Gesundheit“ geht. – Es wäre wünschenswert, an Leib und Seele gesund zu sein, und ein wenig Glück dürfte auch noch mit dabei sein. Nicht zu vergessen die Liebsten und Freunde mit Nähe und Mitgefühl, des lebt und feiert sich in Gemeinschaft einfach besser.

Aber was ist denn aus der Nähe inzwischen geworden? Die ganze Gesellschaft fügt sich einem Medizin–Diskurs, wie ihn Michel Foucault schlimmer nicht hätte ausmalen können. – Dabei hat der Glaube an ‚die‘ Medizin selbst etwas Abergläubiges in der Erwartung, sie wäre „Wissenschaft“ und sonst gar nichts. Alles andere sei dagegen nichts weiter als Ketzerei, eine Abweichung vom einzig wahren Glauben und zuletzt einfach nur Querdenkertum und Hokuspokus.

Teaser. Das Erste: Hart aber fair. Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Welt ist aber viel komplexer, als es sich Politik und Medizin träumen lassen, die sich in dieser Krise zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu stützen. Herausgekommen sind Verhältnisse, als lebten wir noch im 19. Jahrhundert. Da gibt es eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen Arzt und Mediziner. – Letztere waren damals noch Staatsbeamte und sie standen zumeist auch im Militärdienst und so ist dann auch heute noch immer die Denkungsart.

Mein Doktorvater, Prof. Wilhelm Goerdt war Mitglied der ersten Ethik–Kommission in Deutschland. Er hat mir berichtet, daß es in den ersten Sitzungen über den sogenannten „Mündigen Patienten“ ging. Und er, der ein hervorragender Moderator in Seminardiskussionen war, weil man da stets ins Schwitzen kam auf der Suche nach besseren Argumenten, war völlig entsetzt und befremdet darüber, daß die Mediziner oft einfach nicht verstanden, nicht verstehen wollten und auch nicht konnten, was wohl mit dem „Mündigen Patienten“ gemeint sein könnte.

Nun hat sich die Politik im Zuge der Corona–Krise in einen Aktivismus verrannt. Sie hat Ängste geschürt und Panik verbreitet und glaubte, sie könnte diese globale Naturkatastrophe „in den Griff bekommen“, bewältigen und steuern. Dabei ist erheblicher Schaden angerichtet worden, nicht nur der Verlust an jahrzehntelang „ersparten“ Steuermilliarden, sondern auch seelische Schäden bei Kindern, psychische Belastungen bei jungen Leuten und viele, sehr viele verlorene Träume, um von den Traumatisierungen gar nicht erst zu sprechen. – Der französische Präsident hat den Kriegszustand ausgerufen und dann ist es auch zu unüberschaubaren Kollateralschäden gekommen.

Hinter alledem steckt ein obsoletes Menschenbild, das aus dem 19 Jahrhundert stammt und in dieser Krise fröhliche Urständ feiert, weil sich Politik und Medizin zusammengetan haben. – In der Pädagogik und in der Psychologie wird dagegen seit etwa 1900 von einem völlig anderen Menschenbild ausgegangen, daß der Mündigkeit, der Selbstfindung, der Selbstverantwortung, der Entwicklung und der Emanzipation.

Und jetzt, wo allmählich kaum noch abzustreiten ist, daß alle Maßnahmen die versprochene Wiederkehr zur Normalität einfach nicht bewirken, daß Geimpfte nicht etwas immun, sondern weiterhin ansteckend und auch gefährdet sind, daß viele der erbrachten Opfer eben nicht erbracht haben, was in Aussicht gestellt worden ist, jetzt wird nach den Schuldigen gesucht wie in einer Ketzerverfolgung. Aber die Verantwortung liegt in dieser fatalen Kooperation zwischen Politik und Medizin auf der Grundlage eine inhumanen Menschenbildes.

Eric Claptons Handabdrücke und seine Unterschrift auf dem Rock Walk; 9. Juli 2005, Hollywood. Foto: Nick Wille, via Wikimedia.

Wir haben nicht nur Corona, wir auch Demokratie und vieles wesentliche andere mehr. Die überbordenden Machphantasien, in denen Medizin und Politik sich verlieren, wenn und sobald sie sich zusammentun, sind pädagogisch kontraindiziert. Sie verunsichern, erzeugen Panik und machen krank. Die Gesellschaft wird polarisiert, nur, weil der Mut fehlt, zugeben zu können, daß der gute Wille mitunter die schlechtesten Ergebnisse erzielt. – Der Aktivismus, der Steuerungswahn, die Überheblichkeit, mit ganz wenigen, völlig fixierten Modellen zu kommen, um dann zu glauben, eine solche Krise ließe sich bewältigen mit nur ganz wenigen Hinsichten und Rücksichten, ist fahrlässig.

Alle Systeme haben inzwischen Schaden genommen, allem voran das Vertrauen in Politik, Staat, Medizin, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und auch in die offene Gesellschaft, die sich selbst zum Feind wird.

Ganz entsetzlich ist es, daß immer wieder neue Sündenböcke ausgerufen werden. Erst waren es die Kinder, dann die Jugendlichen und jetzt sind es die Ungeimpften. – Querdenker war mal eine ehrenvolle Bezeichnung für solche, die den Mut aufbrachten, sich des eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Jetzt wird auch noch das kreative, unkonventionelle, ergebnisoffene Denken verunglimpft.

Die Politik hat sich viel zu sehr einnehmen lassen von nur ganz wenigen Disziplinen, die nicht einmal Wissenschaft sind, sondern Technik. Aber der Technik werden eigentlich die Ziele vorgegeben. Und da hätten ganz andere Ziele gesetzt werden müssen, möglichst unbeschadet durch die Stromschnellen dieser Krise zu steuern. Aber man hat eine Ideologie daraus gemacht und erwartet Gehorsam, wo Vertrauen gar nicht vorhanden sein kann.

Dieser Staat und diese Medizin haben mit dieser, ihrer Geschichte ein wirklich großes Vertrauen einfach nicht verdient. Dieser Staat hat diese Gesellschaft mehrfach in schlimmste Katastrophen geführt und die Medizin stand ihm immer zur Seite dabei. Es ist an der Zeit, die vielzitierte Mündigkeit endlich in Anspruch zu nehme.

Tatsächlich haben immer nur die Patienten das letzte Wort, denn sie tragen auch alle Konsequenzen. Weil dem so ist, haben sie auch die Verantwortung dafür, wem sie sich anvertrauen. – Mag ein Arzt noch so überzeugt sein, von seiner Therapie, wir tragen die Verantwortung uns selbst gegenüber und Ärzte haben nicht das Recht, uns dann zu maßregeln.

Weil aber diese Disziplinen gar nicht in der Lage sind, die eigentliche Vulnerabilität der ganzen Gesellschaft in den Blick zu bekommen, stürzen sie sich auf das, was sie messen können. Aber das ist nicht das, worauf es einzig und allein ankommt, wenn es auf das große Ganze ankommt. Da nun aber inzwischen bereits exorbitant hohe, auch menschlich kostspielige Opfer gebracht worden sind, ohne daß sie wirklich geholfen haben, verlegt man sich nun auf die Spaltung der Gesellschaft. Das war immer so in vormodernen Zeiten, wenn und weil man sich vieles nicht erklären konnte, das sollte heute aber anders sein.

Die offene Gesellschaft neigt inzwischen dazu, sich selbst zu verletzen. Helfen könnte, endlich herunterzusteigen vom hohen Roß der Erregungskultur, in der sich stets die wichtig tun, die am wenigsten zu sagen haben. – Stattdessen findet ein Rückfall in urtümliche Zeiten statt, die zweimal schon zum Weltenbrand geführt haben.

Wer nun behauptet, es wäre jetzt aber wirklich angesagt, mal wieder auf den autoritären Charakter zu setzen und auf eine Hinterwelt–Pädagogik, in der Menschen wieder eingeschüchtert, gebrochen und umerzogen werden ist ein Feind der offenen Gesellschaft. – Allein schon der Flirt mit totalitären Systemen wie China ist ein geistiges Armutszeugnis.

 

55:55 Frank Plasbeck: „Darf ich mal ganz kurz einen Gedanken reinbringen. Wir reden ja vielleicht sogar über kindliche Fragen, wieviel Druck braucht ein Kind, um eine Verhaltensänderung zu haben. Und wenn Sie sich anschauen, wie sich Druck ausübt, auch jetzt steigen die Impfzahlen ja wieder…, plötzlich, wenn man das sieht, was zuvor immer wieder besprochen worden ist mit den Ärzten, in den Medien, dann hilft plötzlich Druck,…

59:50 Svenja Flaßpöhler:  Mir fällt nur auf, Sie haben ein völlig anders Demokratieverständnis als ich.  Sie reden von Kindern, auf die man Druck ausüben muß.  Sie sagen, man kann von Kindern lernen, daß, wenn man Druck auf sie ausübt, dann verändern sie ihr Verhalten… Wenn man wirklich über Bürgerinnen und Bürger redet und sie als Kinder bezeichnet, auf die man Druck ausüben muß, (lacht).  Also mein Demokratieverständnis ist sozusagen hundertprozentig ein anderes.“ Das Erste:  Hart aber fair.  Nur ja keinen Zwang:  Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Reaktionen gegenüber denen, die von der reinen Lehre abweichen, läßt nicht von ungefähr an mittelalterliche Verhältnisse denken mit Pranger, öffentlicher Demütigung und Exkommunikation. Aber man sollte sich eines vor Augen führen. Zu denen, die sich da, wenn auch erst allmählich zu Wort melden, zählen auch ganz bedeutende Künstler aus der Rock–Generation. 

Eric Clapton ist noch unter der Lüge aufgewachsen, seine Mutter sei seine Schwester. – Er gilt als Erfinder des Bluesrock, was darauf verweist, daß er sich mit der Musik der Schwarzen zu einer Zeit befaßt hat, als noch die Apartheit galt. – Wenn er dann deutlich macht, er wolle nicht, daß sein Publikum oder Teile seines Publikums diskriminiert würden, dann geschieht diese politische Demonstration vor diesem Hintergrund. 

Die Nachkriegszeit brachte einen epochalen Umbruch mit sich, gegen autoritäre, kriegerische, totalitäre und diskriminierende Verhältnisse, die seinerzeit noch normal zu sein schienen. Gerade der Bluesrock hat unendlich viel geöffnet und die Schmerzen gelindert, die die Sklaverei mit sich gebracht hat. Die Wunden zu heilen, dazu bedarf es allerdings noch sehr viel mehr. 

Derzeit ist der Zeitgeist offenbar wieder so weit, daß manche, die gar keine Ahnung haben, wie sich repressive Verhältnisse anfühlen, wenn sie ein wenig mehr Diktatur sich durchaus vorstelle könne, auf jeden Fall gegen die Anderen, wer immer das ist.  – Dagegen werden manche der alten Geister mit Gewißheit wieder aufstehen, um zu sagen, was zu sagen ist.

Do you wanna be a free man / Or do you wanna be a slave? / Do you wanna wear these chains / Until you’re lying in the grave?

Und natürlich wirkt der Vergleich der Corona–Maßnahmen mit der Sklaverei verstörend. Aber es geht nicht um eine Gleichsetzung. So etwas läßt sich niemals ins Verhältnis setzen, denn dann müßte gesagt werden, was denn nun mehr oder weniger “schlimm” war. – Es kann daher “nur” darum gehen, daß wir aus der Geschichte ernsthafte Konsequenzen ziehen, daß derartige Verhältnisse als solche nie wieder zugelassen werden sollen. 

Es geht darum, was Menschen anderen Menschen antun können, gerade am Anfang schon, wenn erste böse Gefühle aufkommen und verstärkt werden. – Wer Diskriminierung erfahren hat, wird sie nie wieder zulassen, nicht einmal ansatzweise. 


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