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ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Heinz–Ulrich Nennen

Psyche und Seele

Über Unterschiede, die wieder das Ganze in den Blick nehmen

Man glaubt, die Naturwissenschaften an die Stelle der Kirche setzen zu können und “alles” ist gut. Wissenschaft kann aber Religion gar nicht ersetzen. Außerdem gehörten dann auch die Geisteswissenschaften dazu.

Da man dann aber selbst denken und sich bilden müßte, bleibt man lieber auf der “sicheren” Seite, bei “den” Fakten und verpaßt letztlich alles, was Wert wäre, gelebt, empfunden, gefeiert, geliebt und sogar geheiligt zu werden.

Die Naturwissenschaften haben die Welt nur entzaubert und eine leere Welt geschaffen, in der dann ein nihilistischer Naturalismus die Leute erschreckt. Wichtig wäre, daß Naturwissenschaftler nicht über Sachen reden, für die sie nicht zuständig sind. – Wie Juri Gagarin, der erste Kosmonaut, der getreu seiner Partei verlautbaren ließ. Er wäre nach ein paar Erdumrundungen nun schon ziemlich weit im Kosmos herumgekommen, Gott habe er jedoch nicht gesehen. – Heilige Einfalt!

Es gibt nicht nur Materie, sondern auch Geist, und wie man sieht, auch die Disziplin der Geistlosigkeit. – Es gibt nicht nur naturwissenschaftliche Fakten, sondern auch Narrative. Das ist übrigens das, was in anderen Kulturen als der “Geist der Ahnen” bezeichnet wird. Es sind die Narrative, in denen dieser “Geist” aufbewahrt wird, so daß man ihn jederzeit zu Rate ziehen kann, in den alten Geschichten.

Es gibt nicht nur Körper und Psyche, sondern auch Leib und Seele. Und dann gibt es auch noch den Geist.

Vor allem der Unterschied zwischen Psyche und Seele hat es mir in letzter Zeit angetan. Um die Corona-Krise überhaupt noch verstehen zu können, habe ich gute alte Begriffe wieder reaktiviert, so daß ich sie nun aktiv verwende. Es sind die Begriffe “Leib, Seele” und “Geist”.

Ich vermute nämlich, daß die Psyche wohl eher ein Teil unseres Maskenspiel ist. Sie ist also nicht so authentisch, wie wir glauben.

Die Psyche ist eher wie das “schlechte Pferd” in Platons Seelenwagen. – Wenn diese Hypothese stimmt, dann wäre die Psyche ein Teil der “Maske”, wie wir sie tragen, um uns selbst und anderen etwas vorzumachen.

Während die Psyche viel Wert legt auf Äußerlichkeiten, ob die Inszenierung stimmt und den Vorbildern aus maßgeblichen Filmszenen “gerecht” werden kann. Legt die Seele, wenn man wiederum Platon folgt, großen Wert auf das, was der Psyche oft nur nachgesagt wird, echte Gefühle, wirkliche Verbundenheit, wahre Authentizität, tiefes Verstehen.

Das ist alles nicht schlimm sondern völlig in Ordnung: Wir brauchen alles, Mechanik, Materie, Naturwissenschaften, Fakten, Narrative, Psyche, Seele und Geist. – Man sollte nur eben immer auch wenigstens ahnen, worauf es jeweils ankommen könnte, auf welcher Ebene ein Phänomen angesprochen werden muß.

Wenn man in diesen Angelegenheiten etwas besser unterscheiden möchte, dann empfehle ich Platon. – Es ist berückend, wenn er im “Phaidros” erklärt, was mit der Seele ist.

Das wird einmal veranschaulicht durch einen Seelenwagen, der von zwei Pferden gezogen und von einem Wagenlenker geführten wird. Dabei wird die Bedeutung von Schönheit und Liebe für die Seele und deren Wiedergeburt zur Darstellung gebracht.

Einmal in tausend Jahren brechen die Götter zum Triumphzug über das Firmament, über die Milchstraße, auf, um bis an die Grenzen dieser Welt vorzudringen, um im Jenseits vom Jenseits die Ideen zu schauen. Mit dabei sind auch Menschen, die aber Mühe und Not haben, gewisse, schwierige Himmelspassagen zu meistern, mit einem guten und einem schlechten Pferd. – Das ist der Plot.

Ich habe schon oft darüber philosophiert, geschrieben und Vorträge gehalten, aber das Original ist eben Platon. – Es ist schön zu sehen, was er gesehen hat.

 

 


“I’m not convinced.”

001 –  Die Vorwahl für das Land mit der Lizenz zum Lügen

Am 5. Februar 2003 warf US-Außenminister Colin Powell dem Irak den Besitz von Massenvernichtungswaffen vor und begründete damit die US-Intervention im Irak. Später entschuldigte sich Powell für die in der Rede verbreiteten Lügen.

Die „Beweise“ für die Existenz von Massenvernichtungswaffen, die Powell an diesem Tag vorgelegt hatte und die als Begründung für die spätere Intervention herhalten mußten, bestanden aus Material, daß vom amerikanischen Geheimdienst manipuliert worden war.

Powell sagte: „Dies sind nicht Behauptungen. Wir geben ihnen Fakten und Schlussfolgerungen auf der Basis solider geheimdienstlicher Erkenntnisse.“ Zu den „Fakten und Schlussfolgerungen“ gehört, dass der Irak weiterhin über biologische und chemische Waffen verfügt. „Hier wird getäuscht, hier wird versteckt und verborgen.“

Durch Lug und Trug war ein Krieg begründet worden. Der demokratische US-Senator Henry Waxman untersuchte ein Jahr nach Beginn des Irakkrieges alle Äußerungen der Bush-Regierung und registrierte bei 125 Auftritten 237 Irreführungen. Ausschmückungen, Unterlassungen, Verdrängungen und Übertreibungen waren die Regel, nicht die Ausnahme. 

(Malte Lehming: Als mich ein Lügner überzeugte. In: Der Tagesspiegel. 14.06.2019.) 

“I’m not convinced.” (Joschka Fischer)

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2003 kam es zu einem Wortlaut, der seither wie in Stein gemeißelt stets in Erinnerung gehalten werden sollte. 

You have to make the case,

and to make the case in a democracy

you have to be convinced yourself,

and excuse me I am not convinced.

Um in einer Demokratie eine Entscheidung zu treffen, müsse man erst mal selbst davon überzeugt sein. “Entschuldigung, aber ich bin nicht überzeugt und ich kann mich nicht vor die Öffentlichkeit stellen und sagen, laßt uns in den Krieg ziehen, wenn ich nicht daran glaube.“

Public Relations ist nur ein anderes Wort für Propaganda

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, heißt es. Nun, die Wahrheit ist das zweite Opfer des Krieges, weil die Neutralität schon vorher verloren geht.“

 

(Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde. 1. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2004. S.  287.) 

Es ist daher sehr zu empfehlen, genau darauf zu achten, welche Medien bei Hetzkampagnen mitmachen. Diese können nicht die Medien des Vertrauens sein, weil sie selbst den Beweis gegen ihre Vertrauenswürdigkeit antreten. 

Es kann einfach nicht mehr akzeptabel sein, daß Lügen immer wieder vergessen werden, verziehen auch?

„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“ 

 

(Edward Bernays, Meister der Manipulation, Papst der Propaganda, Erfinder der Public Relations)

Die Lizenz zur Lüge kann und darf keinem Land dieser Welt zugestanden werden.

Auf die Diskurse kommt es an, auf die Wahrheit, auf alle Wahrheiten. 

Alles, wirklich alles an Menschen- und Lebenserfahrung, alle erdenklichen Narrative raten dringend davon ab, durch fortgesetztes Lügen am Ende jede Vertrauenswürdigkeit zu verlieren.

Alle auf das Recht anderer Menschen bezogene Handlungen,
deren Maxime sich nicht mit der Publizität verträgt,
sind unrecht.

 

(Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. In: Werke, Bd. VI. S. 245.)

 

 

Nur ein Beispiel: Die Brutkastenlüge

Die besonders dreiste Baby-Lüge für den Ersten Irakkrieg stammt von einer PR-Agentur:

 


Wenn Worte sich enthalten

Erlösung gibt es nur durch Sprache, aber was, wenn die Worte fehlen?

Wenn Worte fehlen, suchen wir stammelnd nach Beispielen: Es ist wie…, es ist wie…, es ist wie… – Ja wie denn?

Wenn etwas gesagt werden soll, aber eigentlich gar nicht klar ist, was denn jetzt und vor allem wie, dann stehen die, die sich jetzt mal äußern sollen wie Lehrer vor einer Klasse von Schülern, die den Teufel tun werden, sich jetzt zu melden. 

Keines der bekannten Worte wird sich bereit erklären für ein solches Himmelfahrtskommando, darstellen zu sollen, wie es denn so ist, ein Impfgegner zu sein und gegen den Strom zu schwingen. Ein Student sagte mal im Seminar, da müsse man aufpassen, nicht blaue Augen zu bekommen, wenn man gegen den Strom schwimmt. Auf Nachfrage erklärte er dann das köstliche Bild, die blauen Augen entstünden durch Zusammenstöße mit entgegenkommenden Fischen. 

Gustave Doré: Die
babylonische Sprachverwirrung
(1865ff.).

Im Corona-Diskurs ist Verstehen aus vielerlei Gründen ganz besonders schwierig, weil im Hintergrund tiefe religiöse Traumata das Orchester der Gefühle dirigieren und tagtäglich neue Ängste geschürt werden. Die meisten “Rechtgläubigen” bemerken nicht einmal, daß sie sich angepaßt haben und tunlichst nur angepaßte Worte verwenden aber gar nicht die eigenen. Viele beten nur nach und kommen dann auch sehr schnell ins Stammeln, wenn sie ihrerseits begründen sollen, was sie warum für richtig halten. 

Tatsächlich ist es ungeheuer schwer, etwas zu verstehen, in dem man sich gerade befindet. Man kann in einer Höhle nicht erklären, daß man sich in einer Höhle befindet, ohne daß die, denen man das gern mitteilen möchte, schon mal davon gehört haben, daß es auch ein Außerhalb gibt. Das ist die berühmte Allegorie in Platons Höhlengleichnis  mit dem sich Platon an den Athenern bis in aller Ewigkeit revanchiert, daß sie seinen geliebten Lehrer zum Tode verurteilt haben, weil er den Mainstream gestört hat beim Nichtdenken. 

Die Sprache ist das Haus des Seins, sagt Heidegger und in der Tat ist diese der “Weinberg”, von dem die Christen so gern reden. Die Erweiterung des Ausdrucksvermögens ist alles entscheidend.

Das ist ja gerade das Schlimme an einem Trauma, es lastet auf der Seele, ohne daß man sich davon erleichtern könnte. Das würde nur gehen, wenn man es mit-teilen würde. Aber dazu sind Worte nötig, die sich freiwillig melden und sagen: Ich versuche das jetzt mal.  Aber die meisten dieser mutigen Worte kommen dabei um. Mutig sein allein genügt nämlich nicht.

Außerdem ist da noch die Grammatik, und die ist weit mehr, als nur das, was man im Deutschunterricht zu hören bekommt. In der Philosophie gibt es “Ontologien”, das sind “Seinslehren”, die zu anderen Zeiten ernsthaft vertreten und auch geglaubt wurden, wo dann eben so Nebensächlichkeiten drin stehen, wie etwa die “Natur des Menschen, des Mannes oder auch der Frau”.

Man sollte nicht zu hart mit anderen Epochen ins Gericht gehen, denn diese hatten auch ihre Problem, nur andere als wir. – Man hat das eben geglaubt, daß es so etwas wie eine fixierte Natur gibt und das war wohl auch gut so, weil einem die Welt ohnehin bereits über den Kopf gewachsen war. 

Nun nimmt im Zuge der Kulturgeschichte das sprachliche Differenzierungsvermögen immer weiter zu. Daher braucht es ständig neue, bessere, tiefere Worte, aber auch die Grammatik muß sich öffnen für die neuen Fälle des Lebens. Sie darf und soll neuen Lebens- und Empfindungsformen nicht ihre Existenzberechtigung aberkennen, indem sie gar nicht zuläßt, das so etwas überhaupt gesagt werden kann. – Wenn die Worte falsch sind, führen sie in die Irre, wenn die Grammatik nicht mitspielt, dann bleibt nur Stammeln, das keiner versteht. 

Daher müssen wir mit dem, was wir zu sagen hätten, aber noch gar nicht wirklich mit-teilen können, ziemlich lange hadern. Wir müssen mit der Schulklasse unserer Worte viele Diskussionen führen, bis einige sagen, ich kenne da wen, der das kann, den hole ich mal.  – Wir brauchen die Musen dazu, denn erst sie schenken uns die nötigen Inspirationen, etwas Unsägliches doch zur Sprache zu bringen. 

Einer der Anklagepunkte im Prozeß gegen Sokrates, neben dem ehrenwerten Vorwurf, er würde die Jugend (zum Denken) verführen, bestand darin, er würde “fremde Götter” einführen. Man sollte hier nicht auf der Überholspur denken, sondern das Ganze erst einmal auf sich, wie auf ein Kind wirken lassen. Was kann das bedeuten, fremde Götter nicht einführen zu dürfen? – Das ist das Schöne am Denken, sich selbst dabei zusehen zu können, wie man “dahinterkommt”. 

Also, die Griechen hatten den Polytheismus und das muß man wiederum auch betrachten als ziemlich kostspielige Angelegenheit. Man kennt das noch in der Debatte über die Feiertage, wo doch damals die evangelische Kirche einen Feiertag abgetreten hat, nur um der armen Wirtschaft zu helfen. Ja, an Feiertagen wird in vielen Sektoren nicht gearbeitet, sondern gezahlt, vor allem von denen, die sonst immer kassieren. 

Sokrates sprach von seinem “Daimonion”, einer Art Geist, eine innere Stimme, die er hört. Sie würde ihm nie etwas anraten zu tun, sondern sich nur melden, sobald er etwas Ungutes zu tun beabsichtigen würde. – Wenn ich damals vom Athener Gericht mit einem Gutachten betraut worden wäre, hätte ich darzustellen versucht, daß es sich bei dieser Instanz nicht um einen neuen, fremden Gott handeln würde, der unerlaubterweise eingeführt worden sei, sondern um eine Ausdifferenzierung in der Psyche und in der Seele des Sokrates, die wegweisend werden sollte, die sich hier nur ausnahmsweise schon einmal melden würde. 

Ich stelle mir also vor, daß es so etwas wie eine Einfuhrbehörde für Götter gegeben haben muß. Wenn da also mit einer neuen Unterwerfung auch die neu unterworfenen Götter eingeführt werden müssen, dann wird man sich gefragt haben, also, haben wir die nicht schon, wer unsere Götter könnte das machen? So hat Zeus an die hunderte zusätzlicher Namen, das sind alles Götter aus einverleibten Häuptlingstümern oder Königreichen mit ihren höchst spezifischen Zuständigkeiten. 

Es ist unerläßlich, den Göttern und zwar allen das Ihrige zu geben, wo nicht, droht Ärger. Etwa als, kurz bevor die Athener in den Krieg zogen, irgendwelche Jugendlichen an den Hermesstauetten, die an den Straßen zu Hunderten standen, mal so eben die erigierten Penisse abgeschlagen haben. 

So ist etwa die Aphrodite mit rotem Haar, weil sie eben aus Zypern kommt, wo auch das Kupfer herstammt. Wenn man also die Aphrodite ungebührlich behandeln würde, verdirbt man es sich nicht nur mit der Schönheit, sondern auch mit den Frauen, mit der Rolle der Frau als solcher und dann auch noch mit den Zyprioten. – Daher muß allen Ernstes eine Kommission darüber entscheiden, was man denn mit einem konkreten Gott, der da neu aufgetreten ist, anstellen soll. Und man hat die neue Kompetenz des Sokrates einfach völlig falsch gedeutet und gar nicht verstanden. 

Wenn die Worte sich drücken, wenn die Grammatik die Arme verschränkt und bei so etwas nicht mitmachen will, dann gibt die Sprache mit Bedauern zu verstehen, daß sie da jetzt auch nicht weiterhelfen könnte. Dann hat man ein Problem mit sich und den Anderen. Man versteht sich selbst nicht wirklich, weil die Worte fehlen, man wird nicht verstanden, weil die Grammatik streikt für solche Fälle und zugleich spuken da noch tiefe religiöse Traumata, von denen die meisten nicht einmal etwas ahnen. 

Und dann wird zu Vergleichen gegriffen, die einfach schräg rüberkommen müssen. Historische Vergleiche sind immer problematisch, weil es ja konkrete Verhältnisse, Ereignisse und Folgen sind, die sich so, auf dieselbe Art und Weise, ganz gewiß nicht wiederholen. Andererseits sind wir darauf angewiesen, mit Analogien zu arbeiten, wenn kein Wort sich traut, überhaupt Stellung zu nehmen. 

Wir sollten das, was die Sprache ist und was sie ausmacht, was sie kann, wo sie ihre Grenzen hat und was wir tun können, uns mehr Ausdruck zu verschaffen, endlich anders sehen. Dieses nachrichtentechnische Modell von Sender, Empfänger und Botschaft ist grottenschlecht und absolut unangemessen.

Es ist vielmehr so, daß wir miteinander im Dialog kooperieren müssen, wenn wir etwas vorstellbar machen wollen, um dann erst das Urteil eines Freundes oder einer Freundin zu erbitten. Andere können uns erst dann wirklich etwas anraten, wenn sie uns ver-stehen, das heißt, wenn sie aus unserer Position heraus ihre Stellungnahme abgeben. – Zu hoch? Da kann ich dann auch nicht mehr helfen. 

Man achte bitte einmal darauf, wie viele “Regieanweisungen” da einander gegeben werden: “Nein, so ist das nicht. Du mußt Dir das anders vorstellen, etwa wie, wenn…” – Verstehen ist Arbeit, auch wenn das unter Freunden nicht so gesehen wird. Denken ist ähnlich, es ist ein Dialog der Seele mit sich selbst.

Und dieses Bohren ganz dicker Bretter, wie Max Weber die Politik charakterisiert, um Gesinnungstäter, Tugendwächter und Hitzköpfe von irgendeine Propaganda durch die Tat abzubringen, ist genau das. Politik ist, wenn sie wirklich etwas leistet, der Versuch, neue Zugänge zu finden, durch Sprache, Verstehen und neue Gemeinsamkeiten.

Das macht dann in der Tat den Jargon der Diplomatie so interessant. Was macht man, wenn man nicht einmal “Beziehungen” zueinander hat? Man besucht sich, spricht miteinander, sucht nach “Gemeinsamkeiten”, bis man dann eine “gemeinsame Gesprächsgrundlage” findet, auf der weitere “Konsultationen” stattfinden können. Und das wäre nur der alleranfänglichste Anfang.

Impfgläubige wollen immer gleich mit den Beitrittsverhandlungen beginnen. Sie sprechen den Ungläubigen einfach ab, daß es so etwas wie sie überhaupt geben könne.  – Es ist aber naiv zu erwarten, daß es in der Corona-Krise nur einen einzig richtigen Glauben gibt.

Corona ist nur so stark, weil viele unserer Systeme erstaunlich schwach sind. Es ist gut zu wissen, dann wird man in Zukunft weit weniger vertrauen, sondern sehr viel mehr kritisch sein und bleiben müssen. – Aber auch das muß erst einmal zur Sprache gebracht werden, mit den richtigen Worten und einer Grammatik, die neuen Gedanken aufgeschlossener ist als die Angstrhetorik unserer Tage.  

Es bleibt nur, mit dem Kopf immer wieder gegen die Grenzen der Sprache anzurennen und derweil die Musen darum zu bitten, das Gespür für die richtigen Metaphern zu schenken. 

 


Mauern im Schlamm

Exakter Unsinn mit Metaphern

Das passiert, wenn man offenbar nur Virologie, bzw. Gesundheitsökonomie studiert hat. Dann fehlt die humanistische Bildung, was zu sehen ist an der grotesken Unfähigkeit, mit Metaphern überhaupt umgehen zu können. – Dabei sind Modellvorstellungen gerade in den Naturwissenschaften, die ja angeblich nicht reden, sondern nur rechnen, von außerordentlicher Bedeutung.

Bei diesem irrwitzigen Gestammel über Reifen, Schlammpisten, Berge und Mauern, bleibt nur Ludwig Wittgenstein: “Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.”

Es ist ein Anfängerfehler beim Metaphorisieren, den beide arglos begehen: Es ist zunächst einmal dringend zu vermeiden, etwas Organisches mit etwas Mechanischem gleichzusetzen. Eine solche Übertragung muß schief gehen. Beispiel: Frauen sind wie Blumen, Männer wie Rasenmäher.  – Der Witz entsteht allein durch die Unvereinbarkeit der Metaphern. Und selbstverständlich werden Manche diese Aussage als solche rhetorisch zu nutzen verstehen. Das ist so.

Wer sich auf Metaphern einläßt, sollte schon wissen, was dann geschieht. Wer das nicht kann, ist eigentlich nicht einmal Wissenschaftler, weil die Fähigkeit, sich in und mit Modellen auch allgemein verständlich zu machen, schlichtweg dazu gehört. – Man wird sich nämlich schon fragen, wenn so gestammelt wird, was Drosten und Lauterbach eigentlich wirklich verstehen und verstanden haben, wenn sie so unbeholfen reden und dabei völlig verlassen sind von allen guten Geistern, die in der Sprache wohnen.

Wenn etwa Einstein sagt: “Gott würfelt nicht”. Dann will er zwar keine Theologie betreiben, sondern “nur” den Universalanspruch der Mathematik behaupten. Dennoch hat er zugleich auch Theologie betrieben, denn wenn Gott überhaupt nicht würfelt, dann wäre er gar kein Thema mehr, nicht nur für die Physik. Also hat er Theologie betrieben und sich deshalb übernommen.

Das ist das Schöne, Amüsante und für Unberufene auch Bedrohliche beim Metaphorisieren. Man kann förmlich sehen, wie die aus mangelndem Sprachgefühl oder auch, weil nicht zu Ende gedacht worden ist, falsch gewählten Metaphern daraufhin postwendend über den Redner herfallen oder ihm heimtückische Fallen stellen. Nicht selten wird Rednern dann etwas in den Mund legen, was sie gar nicht gesagt haben wollten. Ein berühmtes Beispiel ist die Jenninger-Rede.
Wenn beispielsweise irgendwo die Leitung einer Institution weitergegeben wird, dann gibt es immer diese grotesken Unbeholfenheiten, die zugleich sehr tief blicken lassen. Die bei der “Wachablösung” allseits beliebte Metapher vom “Kapitän eines Schiffes”, also dem “Steuermann”, ist selten schwer beherrschbar. – Daher ist es immer besonders spannend, dabei zu sein, um zu sehen, wann und wie der Schiffbruch solcher Redner kommt, die nicht selten blank ziehen, ohne es zu wollen.
Hinter den Kulissen lassen sich aufgrund der heimtückischen Attacken widerspenstiger Narrative viele der eigentlichen Intentionen, der Selbstzweifel und auch der Anmaßungen ziemlich genau erkennen. Das geschieht unmittelbar dann, sobald eine Metaphorik fadenscheinig wird und aufgesetzt erscheint, also nur benutzt aber nicht auch als solche ernst gemeint werden soll. 
“Benutzen” lassen sich Metaphern schon mal gar nicht. – Das lassen sich die ansonsten so hilfreichen Geister überhaupt nicht bieten, also wenden sie sich gegen den, der sie als Geister rief. Und tatsächlich, wer sich den Sprachgeistern nicht würdig, dankbar und in gewisser Weise auch folgsam erweist, hat auch ansonsten wohl auch noch ganz andere Schwächen. – Und ei den meisten steckt nämlich Hybris dahinter und das fliegt auf, angesichts der Risiken, die die Seefahrt nicht nur metaphorisch nun einmal mit sich bringt. 
Mit Virologie hat das alles nichts zu tun, aber mit Sprache, Kultur, Vernunft und Geist, also mit einem Immunsystem, das von ganz anderer Klasse ist.
Schön ist dieser Beitrag, den ich hier empfehlen möchte deswegen, weil er mir erhebliche Arbeit abnimmt. Ich wollte die sprachliche Unbeholfenheit der Professoren Drosten und Lauterbach immer schon mal aufspießen, weil, wer so schlecht spricht, einfach Spott verdient.
Ich fand es aber irgendwie fies, mir das alles eigens noch einmal anzuhören, um es mit den Mitteln der Glosse dann noch aufzuführen.
Schön, das diese Unbeholfenheit hier ineinander geschnitten wurden.

Amok und Nihilismus

Über transzendentale Obdachlosigkeit

Ich habe Amok nie verstanden. Bei Charles Bukowski, durch den man ebenso hindurch muß, wie durch Niklas Luhmann, geschieht das so nebenher. Irgendwer hat mal so richtig schlechte Laune, legt sich dann irgendwo auf die Lauer, nimmt sich ein Gewehr, wird Heckenschütze und ballert irgendwelche Leute ab, die einfach nur das Unglück haben, gerade in diesem Augenblick vor Ort zu sein.

Nun, mir geht es ums Verstehen, nicht unbedingt um Verständnis. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Man legt sich dann irgendwelche Erklärungen zurecht, so etwas die bei Schulmassakern, daß da jemand mit narzisstischer Störung zutiefst verletzt worden sein muß, der darauf “Rache” ausübt. Das ist auch dürftig, weil es nicht die tieferen Gründe erklärt. Wir alle sind schon mal so richtig mies verletzt worden und waren ernstzunehmend sauer, haben aber in der Regel nicht einmal daran gedacht, auf diese Weise damit umzugehen, um die Sache wieder “aus der Welt zu schaffen”.

Edvard Munch: Melancholie (1894f.).

Einmal habe ich, um besser zu empfinden, in meiner Vorlesung einen Amoklauf aus der Perspektive desjenigen Schülers versucht zu beschreiben, der nun mit seiner Waffe durch den Flur läuft, während die ihm persönlich bekannten und doch vielleicht auch ehedem freundschaftlich verbunden Mitschüler vor ihm fliehen. Darauf bin ich auf die Idee gekommen, daß es eine Exit-Strategie geben muß. Es kam mir nämlich so vor, als würde mancher Täter sich womöglich den Flüchtenden anschließen, gewissermaßen auf der Flucht vor sich selbst und dem eigenen Horror.

Aber bei dem Anschlag in Heidelberg waren es Studenten, die zumeist persönlich einander gar nicht bekannt sein dürften. Hier entfällt also ein zentrales Argument, persönliche Rache aufgrund persönlicher Demütigungen sei der Grund und der Anlaß. – Also, wie kommt einer dazu, Leute zu “bestrafen”, die so rein gar nichts mit irgendetwas zu tun haben? Was ist dann deren “Schuld”?

Mir tut es leid für alle die, die da in diesem Hörsaal waren, für die Verletzten und noch mehr für die Toten, ihre Angehörigen, Freunde und Freundesfreunde. Sie alle haben mein Mitgefühl.

Dennoch will man immer etwas über die Motive hören, als ob es doch irgendwelche zureichende Gründe gäbe. Fast schon entlastend wirkt da, wenn diese Motive religiöser oder politischen Natur sind. Dadurch wird die Absurdität nicht geringer, aber irgendwie hat die Ratio dann etwas, an dem sie sich halten kann.

Eines ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich von dem Amokläufer an der Uni in Heidelberg hörte. Er soll per Whatsapp kurz zuvor mitgeteilt und angekündigt haben, nachdem er sich die Waffen zuvor im Ausland beschafft hatte, „daß Leute jetzt bestraft werden müssen“. Dieses “Motiv” hat weiter gearbeitet in mir. Irgendwie scheint das ein Schlüssel zu sein für ein tieferes Verstehen ohne Verständnis.

Dabei ist mir aufgefallen, daß diese Formel vom “Bestrafen” häufig verwendet wird, nicht nur von religiös motivierten Amoktätern, sondern auch von solchen, die eigentlich nicht religiös motiviert sein dürften, weil ihnen dazu jeder Backround fehlt. Dann bin ich heute beim Verfassen eines Textes auf den Zeitgeist der Moderne zu sprechen gekommen und darauf, daß mit der Entzauberung der Welt, mit dem Verlust eines Glaubens und einer transzendentalen Obdachlosigkeit diese grundverzweifelten Leute zunächst in Russland aufkommen, wie sie Dostojewski so eindringlich zur Darstellung bringt.

Das hilft nun den Opfern und allen Betroffenen nicht wirklich, weil ihnen das die gesuchte und nicht zu findende Erklärung nicht geben kann. Und dennoch, es hat mit dem “Bestrafen” eine eigene Bewandtnis. Strafe, Sühne und Buße sind nämlich als Motive zutiefst religiös in einem tiefenpsychologischen Sinne. Das bedeutet, man muß nicht unbedingt auf irgendeine Weise gläubig sein, diese Archetypen sind einfach vorhanden im kollektiven Unbewußten.

Edvard Munch: Der Schrei.

Also, in der Moderne, wo nicht einmal mehr die Idee vom großen Ganzen noch möglich scheint, dort zerspringt die Welt in tausend Stücke und alle diese Fragmente erscheinen nur noch profan. Darauf wird dann die unselige Profanität selbst zum Skandal und zum verzweifelten Anlaß für Selbstverletzung, sei es am eigenen Leib oder auch am ›Körper‹ der Gemeinschaft. — Der Grund scheint zu sein, daß die Seele der Akteure in der von ihnen verachteten Welt seit geraumer Weile keine Nahrung mehr findet, zumal der Blick für Seelennahrung entweder gar nicht entwickelt oder eingetrübt ist.

Auf diese Weise läßt sich nachvollziehen, warum es unter psychologisch prekären Umständen in den völlig entzauberten und profanisierten Fragmenten moderne Welten immer wieder zu diesen äußerst spektakulären und demonstrativen Terrorakten kommt, und woher die vielen religiösen Motive vor allem doch bei eigentlich religiös gar nicht motivierten Tätern rühren.

Es läßt sich spekulieren, ob das Unvorstellbare nicht doch vorstellbar wird, wenn wir ernst nehmen, was viele dieser Täter als Motiv bekunden, sie wollten ›strafen‹. Als würde da ein geistig vollkommen entwurzeltes Prophetentum exerziert. Tatsächlich läßt sich aber annehmen, daß die Verletzungen in der Tat eine Art ›Buße‹ sein sollen, nur, in einem Kontinuum, das selbst völlig verirrt ist.

Das hat Fjodor Michailowitsch Dostojewski in der ganzen seelischen Dramatik vor Augen geführt. Er war ein Seismograph der Konflikte, in die der Mensch mit dem Anbruch der Moderne geriet. In seinen Werken spiegelte er die irrlichternde menschliche Seele, ihre Sehnsüchte, Regungen und Träume, dann aber auch die Zwänge und Befreiungsversuche bis hin zum Verbrechen.

Seit die Welt nur noch in Fragmenten erscheint, die allesamt nur noch profaner Natur sein können, konzentriert man sich ersatzhalber auf Äußerlichkeiten, spricht allenfalls von ›Werten‹ und verliert jede Vorstellung von Geist und Vernunft in ihrem Bezug zum Schönen, Erhabenen und daher auch zum Göttlichen. — Folgerichtig führt Friedrich Nietzsche dieser Befund zu einer verheerenden Diagnose: Nihilismus.

Der junge Nietzsche selbst verwarf bereits in jungen Jahren diese Weltsicht der Haltlosigkeit und wandte sich der Philosophie von Arthur Schopenhauer zu, die nicht nur die Verzweiflung auf eine sehr konstruktive Weise deutet, sondern die auch eine Philosophie des Mitleids entwickelt und dabei bedeutende Gemeinsamkeiten mit fernöstlichem Denken entwickelt. – Es gäbe also schon philosophische Alternativen, die vor allem eigenes Handeln wieder möglich machen und nicht nur die aktive Weltverneinung und noch dazu die völlig unberechtigte “Bestrafung” zufällig anwesender Menschen, die dann zu Opfern werden. Kein Gott, kein Geist und nicht einmal ein Ungeist wird ein solches Opfer akzeptieren.

Das ist keine Erklärung, die Trost spenden kann, es ist allerdings eine beunruhigende Einsicht in die seelische Kälte unserer Welt, die manche einfach nicht ertragen, schon gar nicht dann, wenn sie sich Hilfe nicht einmal mehr vorstellen können sondern meinen, sie könnten durch solche Taten irgendetwas bewirken, was alten Wunden heilt. – Stattdessen werden neue aufgerissen.


Die Narrative der Metaphern

Über die Magie der Sprache und die Macht der Bilder 

Narrative, immer wieder ist von Narrativen die Rede in letzter Zeit. Es ist eigentlich nur ein anderes Wort für eine Metaphorik, wobei das Narrativ scheinbar oder tatsächlich noch etwas Bekenntnishaftes hat, als wäre es ein Glaubensbekenntnisse. Man kann mitunter tatsächlich auch den Begriff “Weltanschauung” einsetzen. – Narrative sind zunächst einmal nichts weiter als Erzählungen, mustergültige Typen von Erzählungen, die wir einsetzen, um etwas zu verdeutlichen aber auch, um andere über den Tisch zu ziehen. 

Narrative sind Metaphern, also “Übertragungen” von Sinnzusammenhängen, die zumeist mit der Sache eigentlich nicht das geringste zu tun haben. Nur wir stellen die Verknüpfung her, weil wir das Bild verstehen und glauben, wenn es sich mit der Sache auch so verhält, tatsächlich auch die Sache selbst verstehen zu können. – Man muß sich nicht schämen, so schwer von Begriff zu sein. Das ist typisch menschlich und kommt in den härtesten Naturwissenschaften vor.

Interessanterweise arbeiten gerade die Natur- und Technikwissenschaften, die sich so viel darauf zu Gute halten, daß sie rechnen und nicht reden, mit erstaunlich vielen Metaphern. Wenn Einstein behauptet, “Gott würfelt nicht”, dann will er keine Theologie betreiben, sondern den universellen Anspruch von Mathematik deutlich machen. – Sollte aber der Schöpfer rein gar nicht gewürfelt haben, dann braucht der Physiker gar keinen Gott mehr, dann ginge alles wie von selbst, eben “evolutionär”. Und schon haben wir das nächste hochwissenschaftlich-literarische Bild vom Prozeß natürlicher Genese, wie Darwin es beschrieben hat.

Interessant ist nun, daß Einstein, obwohl es ihm um Mathematik ging, zugleich auch Theologie betrieben hat, mit diesem Narrativ. Ob er es wollte oder nicht, der Geist dieser von ihm gewählten Formel besteht darauf, daß er auch das habe gesagt haben wollen soll.  Das ist nun der springende Punkt, Metapher unterschieben uns Aussagen, die konsequenterweise aus dem Narrativ folgen, aber sie unterstellen es in der Sache, also Vorsicht!

Darwin als Affe, eine Anspielung auf seine Evolutionstheorie, die seinerzeit ungeheuerlich erschien. In: The Hornet magazine, 22. März 1871.

Wer hat nicht immerzu dieses darwinsche Narrativ im Kopf, das zumeist auch falsch verstanden wird. Aber es ist nicht nur schön, sondern vor allem bequem. Man kann sich damit manches erklären, solange man sich genügend kosmische Zeit nimmt. Aber das Narrativ entstammt dem seinerzeit so rasenden Frühkapitalismus. Dieses dauernde Gerede vom Überleben des Stärksten ist typisch deutsch, weil im Original von “to fit in”, also vom Eingepaßtsein gesprochen wird. Es überlebt also unter Selektionsbedingungen genau dasjenige Individuum, das am besten “angepaßt ist”, nämlich an seine Umwelt. – Es ist schön, über Narrative zu verfügen, so weit die Füße tragen. Interessant wird es, wenn sie aber kollabieren. 

Die Zeit ist nämlich dankbar, verweist sie doch so gern kapitalistisch auf die als Naturzustand beschriebenen Verhältnisse der freien Wildbahn, was angeblich auf die “freie Wirtschaft” und vor allem auf die “freien Märkte”  zutreffen soll. Dabei wird schnell sichtbar, daß es auch Ammenmärchen sind, die gern erzählt werden, wenn mit solchen Narrativen eine unsolidarische Politik des wirtschaftlichen Freibeutertums als “natürlich” legitimiert werden soll. – Ein russischer Anarchist, Fürst Igor Kropotkin, hat ein anderes Narrativ dagegen gesetzt, das auch mit der Darwinschen Evolutionstheorie kompatibel ist, das Prinzip von der “Gegenseitigen Hilfe”, daß sich eben die Beutetiere zusammentun können, um den Habicht abstürzen zu lassen, eben durch Schwarmintelligenz. 

Nun dürfte klar geworden sein, wie sehr mit Narrativen die Richtlinien der Politik bestimmt werden, durch die Macht der Bilder. Dagegen wiederum kann man sich nur verwahren durch ein wenig humanistische Bildung und durch Metaphorologie. Es macht aber auch Freude, ein solches Bild ernst zu nehmen wie ein Kind, um dann immer weiter zu fragen: Also wenn in der Natur die Zeit reichlich knapp ist wegen der Feinde und der dringend notwendigen Fortpflanzung, wieviel Zeit hat eigentlich eine Orchidee, wenn sie mit einer Innovation herauskommen möchte, um am “Markt” zu bestehen?

Jean-Baptiste Barla: Flore illustrée de Nice et des Alpes-Maritimes, Iconographie des orchidées. Nice 1868.

Also, wenn sich eine Orchidee eine Innovation hat einfallen lassen wie die, einen Hummelhintern zu simulieren, nebst dazu passender Pheromone, um Hummelmännchen rasend wild zu machen, so daß sie die Blüte begatten und dabei mißbraucht werden, um Bestäubungsarbeit für die Pflanze zu leisten, dann möchte ich gern wissen, wie lange Zeit die Orchidee hatte, den Hummelhinter doch einigermaßen echt hinzubekommen. Wenigstens fallen die Männchen einmal darauf herein, dann sinkt die Begeisterung statistisch gesehen rapide ab. 

Genauso verhält sich das mit den Bildern, sie sind wie Zauberkünstler und machen uns was vor. Man sollte aber immer dorthin schauen, wovon man abgelenkt wird durch die Macht der Bilder. Es ist so schön, etwas verstanden zu haben, es ist aber schlimm, auf einem Holzweg zu sein. – Viele derer, die von Narrativen sprechen, meinen vor allem die manipulative Macht, die sie selbst nutzen oder vielleicht auch aufklären helfen. 

Seit Goethes Zauberlehrling ist es offiziell, daß man die Geister, die man ruft auch wieder loswerden muß. Es ist eine Erfahrung, die jedes Kind macht, daß eine kleine Flamme nur ein wenig Nahrung braucht und schon wächst sie einem über den Kopf. – Man sollte also bei der Wahl der Metaphorik ganz besonders vorsichtig sein. Darum geht es eigentlich, wenn in der Diplomatie so schön verklausuliert von der Suche nach einer “gemeinsamen Gesprächsgrundlage” gesprochen wird, das sind die entscheidenden Narrative.  

Wenn beispielsweise in der aktuellen Corona-Krise so etwas wie eine “moralische Pflicht” konstatiert wird, sich aus Gründen der “Solidarität” impfen zu lassen, dann steckt ein Narrativ dahinter, das man nicht wirklich teilen muß. Man kann nicht nur, sondern sollte zurückfragen, ob diese, unsere Gesellschaft denn ihrerseits solidarisch ist, oder nicht vielmehr betont lieblos. Nimmt sie denn die Rücksicht auf die Armen und Schwachen, denen es im Verlauf dieser Krise immer schlechter ergeht? Nimmt sie denn Rücksicht auf die Pflegekräfte und nicht vielmehr auf marode Verhältnisse im Gesundheitssystem, die sie selbst zu verantworten hat, als man Kliniken zu Spekulationsobjekten gemacht hat? 

Der Zaubertrick, den man durchschauen sollte, liegt darin, bewußt die Unterschiede zu verdecken zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft kann und darf Solidarität ihren Mitgliedern abverlangen und sogar erwarten, eine Gesellschaft wie die unsere, kann es, je weniger sie vom Geist der Gemeinschaft beseelt ist, umso weniger. So erklären sich auch die Unterschiede im Staatsvertrauen. Die Nordländer sind nie so verführt, betrogen und mißbraucht worden von ihrem eigenen Staat wie die Deutschen. Da wäre mal Abbitte zu leisten. Die Sonntagsreden an den Kranzabwurfstellen der Republik sind inzwischen nicht mehr statthaft. Wer will das denn noch glauben, daß hier in unserem Lande die Grundrechte gewahrt werden, wenn sie bei der ersten Belastung ausgesetzt werden?

Ganz anders, wenn es sich um wirkliche Gemeinschaft handelt. In der Afrikanischen Philosophie ist „Ubuntu“, der afrikanische Glaube daran, daß wir das, was wir sind, den Menschen um uns herum verdanken. – Während es hier bei uns nur eine Leihmutter, eine Nanny und eine Privatschule braucht, um ein Kind zu ‘erziehen’, nehmen Afrikaner bekanntlich ganze Dörfer dazu.

So gesehen ist der ‘freie’ Westen einfach nur geistig-soziales Entwicklungsland. Wir sollten daher die Philosophie der Afrikaner endlich zur Kenntnis nehmen, dann würde es auch bei uns mit der Solidarität funktionieren. – Nur Gemeinschaften können Solidarität zu erwarten, Gesellschaften mitnichten.

Daher steht in solchen Kulturen der Ausgang eines Rituals oftmals von vornherein fest, Beschlüsse können nur einstimmig gefaßt werden. Alles wird getan, auf daß bloß keine Antagonismen auftreten. Es soll und darf keine Verlierer geben. – Ein in diesem Zusammenhang beliebtes und instruktives Beispiel stammt von dem Ethnologen K. E. Read:
“Als die Gahuku-Gama auf Neuguinea anfingen, Fußball zu spielen, konnten zwei gegnerische Klans tagelang um den Ausgang spielen – so lange, wie es notwendig war, um ein Unentschieden zu erzielen”. (K. E. Read: Leadership and Consensus in a New Guinea Society. In: American Anthropologist, 1959, N.S., 61 (3). S. 428, zit. n.: Heinz-Ulrich Nennen: Ökologie im Diskurs. Zu Grundfragen der Anthropologie und Ökologie und zur Ethik der Wissenschaften. Mit einem Geleitwort von Dieter Birnbacher; Opladen 1991. S. 51.)

‘Gewinnen’ bedeutet im Symbolismus solcher Kulturen ‘töten’. – Ich frage mich da immer: Wer sind eigentlich die Primitiven? 

Metaphern sind fremde, eigensinnige aber auch hilfreiche Geister der Sinnstiftung, auf die wir angewiesen sind, weil wir ansonsten “nur Bahnhof verstehen”, wie jene Soldaten, die nur nach Hause wollten, also “Bahnhof” hören wollten. – Da wir nun einmal die Sachen nicht gleich durchschauen, sondern nur mit übertragenen Bildern indirekt deuten können, müssen wir uns behelfen mit Sprachbildern, Dialogen und Diskursen. 

Der Jargon der Diplomaten in seiner trockenen, übersachlichen, minutiösen Kleinkariertheit läßt durchblicken, worauf es ankommt, wenn man sich auf eine “Formel” als “gemeinsame Gesprächsgrundlage” einigt, so daß bald die “Verhandlungen auf dieser Grundlage” beginnen können. – Die Wahl des Narrativs ist aber auch wie ein Gottesurteil, denn niemand weiß im Voraus genau, ob die gewählte Metapher für die eigenen Interessen die notwendigen Gelegenheiten bieten wird, um möglichst viel herausverhandeln zu können für die eigenen Seite. 

Unsere Sprache ist ein Wunderwerk, bei dem wir uns zu behelfen wissen, um Sachen zur Sprache zu bringen, für die die Worte versagen. Es hat etwas mit Magie zu tun, dann zu sehen, wie ein Bild die Imagination augenblicklich gefangen nimmt und alles glaubt, urplötzlich zu verstehen. Dabei versteht man vor allem das Bild und glaubt, damit auch in der Sache weiterzukommen. Vorsicht!

Wenn eine Metaphorik im Verlauf eines Gesprächs aus dem Ruder läuft und immer mehr in eine unerwünschte, nicht mehr konstruktive Richtung verläuft, dann sollte man das sagen und daraufhin vorschlagen, gemeinsam die Richtung zu verändern. Es ist wie im Netzplan einer U-Bahn. Wichtig ist, sich zuvor möglichst offen und höflich und dankbar von der nunmehr zu verlassenden metaphorischen “Linie” zu verabschieden.

Sie muß offiziell verabschiedet werden, wie ein Geist, der ansonsten ungemütlich werden könnte. Auch kommen Zuhörer, die nicht ganz bei der Sache sind, mit abstrusen Rückfragen, worauf ein heilloses Durcheinander entstehen kann. – Daher trifft das Bild vom “Mitnehmen” solche Prozesse der Verständigung über Verstehen so gut. 

Immerhin tut man sich da mit mächtigen Geistern zusammen, die erhebliche Probleme bereiten können und schnell eine gewisse Eitelkeit an den Tag legen, wenn sie nicht gewürdigt werden. Metaphern wollen im Geiste ihres Narrativ gewürdigt werden, es darf und kann daher nur das gesagt werden, was diesem Geist entspricht. – Wenn das aber beim besten Willen nicht geht, muß die Metaphorik ausgetauscht werden. Aber die anderen müssen dabei mitgehen, ansonsten wird man unter Umständen das Nachsehen haben. 

Caspar David Friedrich: Das Eismeer (1823f.)

Wer sich auf eine Metaphorik einläßt, verspricht sich etwas davon, also einen Gewinn von Verstehen, einen Zugewinn an Sinn oder vielleicht auch die Überzeugung Andersdenkender. Aber das kann alles scheitern. Es gibt daher zwei Metaphern, die unser Sein darstellen, die Metapher vom Theater und die von der Seefahrt. Dabei können die Planken, die beim Untergang bleiben, zu den Brettern werden, die die Welt bedeuten. 

Narrative zu benutzen, ist abenteuerlich wie eine Seefahrt aufs offene Meer, was zu anderen Zeiten noch viel riskanter war. Die Risiken beim Metaphorisieren sind derweil nicht etwa kleiner, sondern eher größer geworden, weil unsere Ansprüche auf Begründungen selbst größer geworden sind.

Wenn ein Redner seinen Schiffbruch erleidet, dann vermerkt das Protokoll im Bundestag darüber eine “allgemeine Heiterkeit” vor allem dann, wenn einer am Geist einer selbst gewählten Metaphorik scheitert, wie etwa der FDP-Abgeordnete Günter Verheugen, der eine etwas degoutante Vorlage von Joschka Fischer versuchte, in einen Treffer zu verwandeln aber ein Eigentor schießt: 

“Immerhin gelingt es auch Günter Verheugen in seiner Rede, Kohl und das Hohe Haus zu amüsieren. Verheugen spricht kritisch von einem ‘Kanzler des Stillstands, der in sich ruht wie ein chinesischer Buddha’. Kohl ruft dazwischen: ‘Gefällt mir gut.’ Verheugen fassungslos: ‘Gefällt Ihnen gut?'” Man sieht, wie Kohl augenblicklich von der Regierungsbank zum Telefonhörer greift. 

Minuten später erläutert Kohl, “warum er den Vergleich mit Buddha so schätze. Von der Regierungsbank aus habe er sich telefonisch informiert und aus einem Lexikon erfahren, daß Buddha als Persönlichkeit ‘sich durch Lebensernst, Sinn für das Wirkliche und Nötige, Mäßigung und Ausdauer’ ausgezeichnet habe. Jetzt muß selbst Verheugen lachen. Kohl bedankt sich für soviel Lob von der SPD und sagt: ‘So hat mich meine Partei nie verwöhnt.’ Was Buddhas Eigenschaften angehe, so sei er bereit, ‘all das zu akzeptieren’. Eine Einschränkung macht der Pfälzer jedoch: ‘Mit der Mäßigung hab’ ich gewisse Probleme, die teile ich mit dem Vorsitzenden der Grünen-Fraktion, eine der wenigen Gemeinsamkeiten. Kohl vergleicht sich im Parlament mit Joschka Fischer.” (Martin S. Lambeck: “So hat mich meine Partei nie verwöhnt”. Schlagabtausch mit Respekt: “Buddha” Kohl zwischen Fischers Häme und Verheugens “Lob”. In: Die Welt, 9.11.1995.)

Die Titanic, die Metapher aller Schiffsmetaphern, als Inbegriff von Hybris und als Demütigung des modernen Größenwahns.

Es gibt einige wirklich schillernde Bespiele für die Eigendynamik der Narrative und den Schiffbruch von Rednern. – Eine Metaphorik hat eben ihr Narrativ und dem muß man folgen. Wer einen solchen Geist ruft, wird sich nolens volens auf das Schicksal einlassen müssen, unmittelbar darauf nicht mehr wirklich der Herr des Verfahrens zu sein, so auch bei einer Begebenheit, die der Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg erwähnt.

“In der Haushaltsdebatte schildert ein Abgeordneter der Regierungskoalition den festen Kurs, den das Staatsschiff dank der koalierten Besatzung habe, und vergleicht die Opposition mit unruhigen Passagieren, die einen Nachholkurs in Navigation nehmen müßten, um eines Tages wieder auf die Kommandobrücke zu kommen.
Zwischenruf der Opposition: ›Wir sitzen nicht in einem
Boot.‹ —
Redner: ›Ich spreche von dem Schiff unseres Landes, und
dazu gehören Sie doch!‹ —
Zwischenruf Wehner: ›Er ist ein blinder Passagier!‹ —
Zwischenruf Opposition: ›Sie sitzen bald auf Grund, wenn
Sie so weitermachen.‹ —
Als der Redner seinen Vortrag mit nochmaligem Gebrauch
der Metapher schließt: ›Weil dieses Schiff den richtigen
Kurs hat und damit es weiterhin gute Fahrt macht …,‹
bekommt er beim Abgang als letzten Ruf:
›Und Sie sind der Klabautermann.‹”

(Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt am Main 1979. Anm. 5, S. 14.)

Die Wahl der Metapher ist entscheidend, je nachdem erhält man Zuspruch vom Geist einer Metapher und ihrem Narrativ oder aber eine Abfuhr. Dabei haben wir die Wahl zwischen Hafen und offener See nicht wirklich. Betrachtet aus der unmenschlichen Langeweile im Paradiesgarten war die neue App vom Baum der Erkenntnis, also selbstständig zwischen dem Guten und dem Bösen unterscheiden zu können, einfach zu verlockend.

Aber auch damals schon wurde das Kleingedruckte im Paradiesvertrag zu schnell weggeklickt, denn dort steht, daß es unendlich lang dauern könnte, bis Menschen zu Göttern werden, mit allem, was dazu gehört nicht nur an Mächten, sondern auch an Kompetenzen.

Einstweilen sollte gut überlegt werden, ob man nun die “Ehe als Hafen” mit paradiesischer Langeweile betrachtet oder eher als “Seefahrt” mit der Aussicht auf Katastrophen. Der in allem sehr zurückhaltende Caspar David Friedrich hat lieber ein Seestück gewählt, denn er mochte sich erst spät überhaupt dazu entschließen.
Caspar David Friedrich und Caroline Bommer verlobten sich im Jahr 1816. Mit seiner Berufung in die Dresdner Akademie im Dezember 1816 bekam der Maler 150 Taler Gehalt und konnte sich somit eine Familie leisten. Er war damals 42 Jahre alt.

Bei dem Paar handelt es sich um den Künstler selbst und seine junge Frau Caroline Bommer. Friedrich galt zeitlebens als ,,menschenscheuer Melancholiker“. Umso größer war das Erstaunen seiner Freunde und Bekannten, als der 44-Jährige am 21. Januar 1818 die 19 Jahre jüngere Caroline Bommer heiratete. 

Bei dem im Bild dargestellten Paar handelt es sich um den Künstler selbst und seine junge Frau Caroline Bommer. Die Hochzeit fand am 21. Januar 1818 in der Dresdner Kreuzkirche statt, ohne Friedrichs Verwandtschaft. – Der Ehemann setzte seine Verwandten erst eine Woche nach der Eheschließung per Brief darüber in Kenntnis, nachdem seine Frau ihn dazu gedrängt hatte. In dem Brief offenbarte er auch seine Anschauungen über den neuen Zustand der Ehe:

„… meine Frau fängt bereits an, unruhig zu werden und hat mich wiederholt malen erinnert zu schreiben; denn auch sie will schreiben um mit ihren neuen Brüdern bekannter zu werden. Es ist doch ein schnurrig Ding wenn man eine Frau hat, schnurrig ist wenn man eine Wirthschaft hat, sei sie auch noch so klein; schnurrig ist wenn meine Frau mir Mittags zu Tische zu kommen einladet. Und endlich ist es schnurrig wenn ich jetzt des Abends fein zu Hause bleibe, und nicht wie sonst im Freien umher laufe. Auch ist es mir gar schnurrig daß alles was ich jetzt unternehme immer mit Rücksicht auf meine Frau geschieht und geschehen muß.“ (Zit. n.: Wikipedia: Caroline Friedrich.)


Der Staat als Pate

Sind Sie mit einer freiwilligen Impfpflicht einverstanden?

Über ein Angebot, das niemand ablehnen soll

Gleich nach dem Studium hatte ich einen Lehrauftrag an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Dortmund: „Ethik für Polizei-Beamte“. Das ist Pflichtprogramm vor dem Hintergrund der Gleichschaltung in Nazideutschland.
Ich habe dort viel erfahren über das Innenleben der Polizei. Einerseits wachsam in der Kontrolle mit Argusaugen, andererseits der permanente Wunsch, Grenzen zu übertreten, wohl weil der ständige Druck zu groß ist. Also, man benahm sich provokant, wollte den starken Macho-Mann geben und keine Schwäche zeigen. Daß keine Papierflieger aufstiegen, war alles. Dort waren keine Frauen darunter, die Luft war also ziemlich würzig.
Damals spürte ich, wie es intern zugeht bei denen, die wenige Jahre zuvor in der RAF-Rasterfahndung mich immer rausgewunken haben, mit meinen langen Haaren, dem klapprigem R4 mit Achsschaden und Hippiebemalung, um mich zu kontrollieren mit Maschinengewehr im Rücken. Das ist eine seltsame Form der Prominenz.
Aber wie und wer sind die, die eine solche Performance auf Befehl liefern, wenn “der” Staat, also die, die sich für “den” Staat halten und das Sagen haben, meinen, “der” Staat müsse mal zeigen, wo der Frosch die Locken hat und der Bartel den Most holt.

Der Pate (Originaltitel: The Godfather) ist ein US-amerikanischer Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mario Puzo, der gemeinsam mit Coppola auch das Drehbuch verfasste. Der Film mit Marlon Brando und Al Pacino in den Hauptrollen war für elf Oscars nominiert, von denen er drei gewann. Der Pate zählt zu den künstlerisch bedeutendsten Werken der Filmgeschichte.

Intern herrscht eine ungeheuerliche Disziplinierungskultur. Sobald in den Seminaren einer „ausscherte“ und irgendein Verständnis für Minderheiten zum Ausdruck brachte, fiel die Gruppe augenblicklich über ihn her: Ach, so einer bist Du also?!
Empathie und alles “Weiche”, gewissermaßen Unmännliche war ein Ausdruck von Schwäche. Es ging zu wie im Schwabenland, wo viele in der schwäbischen Freikirche sozialisiert wurden und sich einen ähnlichen Schliff eingefangen haben. So wurden diese überaus wachsame Mitmenschen dressiert, eifrig in höherem Auftrag augenblicklich dabei zu stören, falls einer sich mal vergessen haben und irgendwie verträumt und selbstvergessen in Glücksmomenten schwelgen sollte. Wenn man von diesen Mitmenschen erwischt wird beim Menschsein, dann führen sie einen augenblicklich zurück auf den richtigen Weg des Unwohlseins im Sein.
Eine ältere Dame im münsterländischen Wallfahrtsort Telgte erklärte mir mal: “Der Herrgott hat uns ja auch nicht erschaffen, damit wir es uns hier unten gut gehen lassen!” – Das ist philosophisch gar nicht so leicht zu kontern, denn man müßte dann mit dem Terminus “Herrgott” einigermaßen versiert umgehen können. Heute würde ich es mir zutrauen, aber damals war ich höflich sprachlos.
Ähnliches muß ich den polizeilichen Anwärtern auf den höheren Dienst auch zugestehen, daß sie mich entwaffnet haben mit dem Bekenntnis: „Immer müssen wir dorthin, wo alle anderen weglaufen”. – Ja, das ist der Job, und für nicht wenige ist genau das sogar Berufung. Sie haben meinen Respekt, wirklich.
Tatsächlich sind Polizeibeamte bei ihrer Berufswahl ähnlich motiviert wie Lehrer. Es sind Ideale im Spiel, aber Polizisten bekommen es richtig dicke auf die Mütze, während es für Lehrer bei weitem nicht so belastend ist, weil man vieles persönlich gestalten kann. Aber genau das möchte man von der Polizei gerade nicht, daß sie persönlich was gestaltet.
Vor diesem Hintergrund ist es auch amüsant für mich, in eine Verkehrs-Kontrolle zu geraten, weil ich noch immer wie ein Lehrer empfinde. Und wenn dann ein Beamter mich fragt: „Sind Sie mit einem freiwilligen Atemtest zur Alkoholkontrolle einverstanden?“, dann bekommt er von mir einen sokratischen Dialog, das bin ich ihm und mir schuldig.
Was denn daran freiwillig sei, will ich wissen. Der Beamte wiederholt, ich hätte doch die Wahl!? Was denn wäre, würde ich mich nicht einverstanden erklären, frage ich zurück. Dann müßte ich mit auf die Wache, wo mir auch mit körperlicher Gewalt das Blut für einen Alkoholtest abgenommen würde. Was denn daran freiwillig sei, frage ich zurück. Er wiederholt nur, versteht nicht oder will nicht verstehen.
Ich sage ihm, das sei keine Freiwilligkeit. Ich würde ihm das jetzt mal vor Augen führen und zwar am Beispiel seiner danebenstehenden Kollegin. Wenn ich seine Kollegin als Frau fragen würde, ob sie mit einer freiwilligen körperlichen Nähe einverstanden wäre, weil ich ansonsten andere Mittel einsetzen würde, was das wohl wäre: Nötigung durch Androhung von Gewalt mindestens, wenn nicht mehr. – Er habe jetzt keine Zeit, sagt der Beamte und geht.
Lauterbach hat für die Nahelegung einer „freiwilligen Impflicht” eine ähnliche rhetorische Figur gewählt, die selbstverständlich von Sokrates in den höchsten Tönen als der Weisheit letzter Schluß gelobt würde. Das geht immer so, wenn er wieder mal schwer beeindruckt ist. Wehe dem, wer so einen Bock geschoßen hat, denn man wird dann vor aller Augen rhetorisch geteert und gefedert.
Es beginnt damit, auf eine viel zu laute, unmögliche, ja unerträgliche Weise über den grünen Klee gelobt zu werden. – Diese Gegenfigur wird als Hyperbel bezeichnet, das ist die Keimzelle vernichtender Ironie im Gewande des Lobgesangs, der nur eine Richtung kennt, nach oben, höher und höher des Lobes voll – und dann im Sturzflug runter, direkt auf den Boden der Tatsachen.
Auch in der Musik funktioniert das hervorragend. Jimi Hendrix präsentierte auf dem Festival in Woodstock von 1969 eine verzerrt dröhnende, mit martialischen Bomber- und Maschinengewehrsalven durchsetzte, alsbald weltbekannte Interpretation der US-Nationalhymne “The Star-Spangled Banner”. Er hob sie hoch und höher, um sie fallen zu lassen wie einen Bomber, der im Sturzflug zum Angriff übergeht. Verblüffend deutlich sind Fliegerangriffe und Geschoßeinschläge zu hören, Vietnam.
Die freiwillige Impfpflicht als der Weisheit letzte Schluß von Lauterbach würde Sokrates gewiß hoch über alles heben, um diese absurde These dann umso tiefer abstürzen zu lassen. Natürlich ist es lächerlich, weil Lauterbach gar nicht versteht, was der Unterschied zwischen Körper und Leib ist, ebensowenig wie der Polizist, der nun einmal im stählernen Gehäuse der Hörigkeit seiner Dienstpflichten lebt.
Dieser Zwang zum freiwilligen Selbstzwang hat nicht nur etwas von einer Vergewaltigung, es ist eine. Und der Täter ist der Staat. Und der Staat ist ein Schläger, einer, der hundertmal schon versichert hat, er wolle sich bessern und hätte schon manche Therapiesitzung absolviert, sich nicht wieder in der Gewalt zu vergreifen an der Gesellschaft. Aber dann ist er doch bei der nächsten Gelegenheit wieder rückfällig geworden.
Das alles läßt sich demonstrieren, ich habe darüber Bücher geschrieben. Aber es bereitet auch Freude, sich darüber lustig zu machen, über so etwas Ehrenwertes wie die ehrenwerte Gesellschaft, die der Staat letztendlich ist.
Das läßt nicht von ungefähr an einen zeitlosen US-amerikanischen Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola denken, mit Marlon Brando, überwältigend in der Rolle des Vito Corleone, als der Pate (Originaltitel: The Godfather). – Aber ja doch, Mafia. Das Problem ist, daß der Staat von Hause aus selbst nichts anderes als “Mafia” ist, höchst ehrenwert versteht sich, nur daß es eben nicht beides zugleich geben kann.
Wenn Staat, dann nur in Ketten wie ein Ungeheuer. Das bedeutet Gewaltenteilung, Balance of Power und ist so gemeint, daß die eine Gewalt der anderen bitteschön nicht einmal die Wurst auf dem Brot gönnen sollte. Da möchte man nun wirklich nicht von Bundesverfassungsrichtern hören, die zum Dinner ins Kanzleramt fahren, um sich dort, ja was eigentlich, wohl zu fühlen oder geehrt oder geachtet? Da lobe ich mir die Polizisten.
Unübertroffen der Spruch des Paten: Man mache ihnen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.
Das läßt mich wieder an meine freundlich gemeinte, hypothetische Avance der Polizistin gegenüber denken, mir gefällig zu sein.
Wie lautet der Spruch? – Du willst es doch auch!
Freiwillig? Aus eigenem Antrieb?
Weil sie selber es will?
Es gibt einen Unterschied zwischen “Körper haben und Leib sein”, sagt Helmuth Plessner.
Und ich sage, daß ich der Souverän bin in diesem intimen Raum zwischen meinem Leib und meiner Seele, alles andere ist Vergewaltigung.

Schweigen der Lämmer

Schafe sind nie schuld, oder?

Eine chinesische Verwünschung lautet: Mögest Du in interessanten Zeiten leben! – Was heißt „interessant“, wohl unruhig, unsicher, bedroht, voller Zweifel, verängstigt, vielleicht sogar panisch.

Seit Menschengedenken wird darauf mit Opferkulten reagiert. Man verlangt sich was ab und opfert das Teuerste den Göttern. – Nichts dagegen, ich halte viel davon, den richtigen Göttern die richtigen Opfer zum richtigen Zeitpunkt zu bieten, in der Erwartung, daß man durch eine solche Meditation auf göttliche Kompetenzen kommt, wenn man denn die richtige Wahl trifft. – Sorry, ich sehe das Impfen von Kindern in diesem Sinne, das alles wirkt auf mich, als wären es Kindsopfer.

Der Hintergrund dürfte der sein, daß viele Kinder es sich selbst wünschten und die eigenen Eltern bedrängt haben, einfach nur, um endlich wieder „normal“ zu sein mit dem Recht darauf, die eigene Kindheit leben zu dürfen. – Das hat mich von Anfang an befremdet von dieser Politik, diesem Staat und dieser Gesellschaft. Ungeheuer zornig gemacht hat mich die Dreistigkeit, über Kinder und Jugendliche herzufallen, ihnen die Unbeschwertheit zu nehmen, ihnen Begegnungen, Feiern, Selbsterfahrungen zu vereiteln. Gerade die Ausgangssperre war speziell gegen junge Leute gerichtet. – Und der Oberpriester, der diese Kindsopfer von Anfang an wider besseres Wissen gefordert hat, war der allseits geschätzte Virologe Drosten, der gewiß keine Ahnung hat von Pädagogik und Psychologie. Darf sich so einer bei so etwas irren? Nein! 

Ähnlich hat man aber auch die Erwachsenen mit fadenscheinigen Aussichten erpreßt, mit allen erdenklichen Versprechungen, die dann nicht gehalten. sondern gebrochen wurden. Ständig neue Ziele wurden gesetzt, so daß alsbald der Eindruck entstehen mußte, ein fauler Zauber sollte aufrechterhalten werden, aber nicht irgend etwas Rationales. Der Schein von Rationalität wurde erzeugt und zur Einschüchterung gegen Andersdenkenden eingesetzt. – Ach und es war so oft aus unberufenen Mündern von Rationalität und Wissenschaftlichkeit die Rede, man hat alledem einen Bärendienst erwiesen.

Was nun?

Jetzt ist eine Situation entstanden, in der Omikron zeigt, wie falsch die Hybris war, zu glauben, man könnte in der Liga mitspielen, in diesem Jahrmillionen währenden Kampf zwischen den Wirten und den Viren, in dem so etwas wie permanentes Wettrüsten vor sich geht, aber auch Konstruktives. Man denke doch nur an die Mitochondrien, die höheres Leben erst möglich machen. Es sind viele Schnipsel davon im Genetischen Code, alles potentielle Innovationen, die über Viren „hereingekommen“ sind.

Was können „wir“, nicht viel! Was wissen wir, so gut wie nichts! – Von Anfang an war klar, daß da die Evolution ihre Spiele spielt. Es wäre klug gewesen und nicht einfach nur „rational“, sondern vielleicht sogar vernünftig, das zu tun, was die Moskowiter getan haben, als Napoleon mit seinen Invasionstruppen kam. Man hat Moskau verlassen und den Feind „ausgehungert“.

Von den 400 Milliarden, die der Wahn gekostet hat, hätte man die Kliniken und Altersheime aufrüsten können in sichere Burgen mit Kontakt- und Berührungsmöglichkeit. Technik kann so gut wie alles, man muß nur das Zauberwort sagen: Koste es was es wolle! – Warum wurden die Kliniken nie wirklich optimiert? Warum hat man das Personal so allein gelassen. Warum hat man nicht gesagt, es gibt das Doppelte und Verhältnisse, in denen die Motivation nicht korrumpiert wird? Wer sich jetzt zur Ausbildung einschreibt, der bekommt erst einmal den roten Teppich und ja, die autoritären und jetzt auch noch kapitalistischen Verhältnisse im Gesundheitswesen sind einfach kontraproduktiv und haben nur dann etwas Menschliches, wenn sich Mitarbeiter bis zum Burnout übernehmen.

Aber der Staat hat sich wie üblich an der Gesellschaft vergriffen, weil er ein Schläger ist und nie vertrauenswürdig war. Nicht von ungefähr stellt ihn die Mythologie der Ägypter als Monstrum dar, der Pharao hat einen Löwenkörper und die schrecklichen Augen einer Sphinx. Als solche ist er eiskalt, unberechenbar und unbezwingbar. – Das ist auch noch unser Staatsverständnis, daher wurde die Gewaltenteilung erfunden.

Aber die Balance of Power hat versagt wie die Notstromaggregate in Fukushima, als dort die Welle kam. – Die Gewaltenteilung hat versagt. Die Obersten Richter haben sich nicht getraut, der Politik „rote Linien“ zu weisen. Man hat die Köpfe zusammengesteckt beim Dinner im Kanzleramt, ein Ding der Unmöglichkeit!

Die Menschheit ist je fortschrittlicher umso mehr auf den Zufall angewiesen, daß, ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommt, keine Duckmäuser und exzellente Unfähigkeiten an den entscheidenden Stellen sitzen. Da lobe ich mir die antike griechische Demokratie. Die Ämter wurden verlost, jeder mußte ran und zwar sofort. – Wer zum Richter ernannt wurde, mußte sofort und unverzüglich in den Prozeß, durfte nicht erst mit anderen sprechen, konnte also gar nicht manipuliert werden.

Was nach Omikron kommt? Das konnte man schon bei Delta sehen, es ist nicht im Interesse eines Virus, seinen Wirt umzubringen. Wenn er das tut, ist er jung und noch ziemlich dumm. – Warum wissen das unsere auch so wissenschaftlichen Fachwissenschaftler nicht und wenn, warum sagen sie es nicht? Man muß nur Darwin lesen. – Stattdessen wurde stets die Dramaqueen gegeben. Dabei merkte man förmlich bei den Statements, das sich fast alle schnell auf die Zunge bissen, wenn irgendwas gar nicht so schlecht aussah. Wie in der Werbung hat man die Mutanten verkauft, jetzt noch schneller, noch tödlicher, noch heimtückischer.

Die Angstmacherein der letzten viel zu langen Monate war nicht nur unverantwortlich, sie hat vor allem zur Demontage der Demokratie und zum Niedergang der politischen Kultur geführt. Die Leute reden ja gar nicht mehr miteinander, man prüft den Anderen erst, ob da bestimmte Trigger sind und dann wird gecancelt. Gespräche finden nur noch unter Gleichgeschalteten statt. Oder man schweigt. Tatsächlich, die Mehrheit schweigt, seit Monaten. Und es ist in der Tat harte Arbeit, in dieses Schweigen hineinzurufen.

Das ist aber nun mal mein Job. Mir ist es gleich, was man mir nachsagt. Und die vielen gutgemeinten Aufforderungen, mal nicht ganz so laut zu sein beim Reinrufen, sind falsch. – Es ist meiner Reputation als Philosophen nicht abträglich, ich bin es ihr vielmehr schuldig, genau das zu tun, was ich immer schon getan habe, widersprechen, auch dann, wenn fast alle auf Tauchstation gehen. So habe ich mich schon vorzeiten mit meiner ganzen Kollegenschaft angelegt, als ich über den Diskurs der Sloterdijk-Debatte ca. 700 Seiten geschrieben habe mit minutiösen Analysen darüber, daß es auch unter Philosophen angepaßtes Denken und eben auch Nichtdenken gibt. Das Buch hat ein Namensverzeichnis, man kann sich also sofort nachschlagen. – Gern denke ich noch heute an die wenigen, die einfach exzellente Noten verdient hatten, eben weil sie das richtige Gespür mit Vernunft zusammenbringen konnten.

Umkehr
Es ist ungeheuer viel geopfert worden und es hat so gut wie nichts davon geholfen. Ja, ja, es hätte, sollte, würde, müßte alles noch viel schlimmer gekommen sein, wenn nicht? Nein!Corona ist stark, weil die Gesellschaft so schwach ist, weil der Staat ihr nicht beisteht, sondern sich darin gefällt, die Gesellschaft zappeln zu lassen und den großen Zampano zu geben. – Aber jetzt ist es eine interessante Zwischenphase wie bei einer Minutenpause in der Musik. Danach kommt was. Alles weiß, daß es jetzt kippen muß. Alle erdenklichen Vorzeichen sind bereits zu erkennen und werden eindeutiger. – Und als sie ihr Scheitern bemerkten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen. Ja, aber auch das geht nicht ewig so weiter.
Jetzt fehlt eigentlich ein Skandal oder einer, der das Zeug hat, hinreichend aufgebauscht zu werden. Wie wäre es mit falschen Zahlen, wie Söder sie sich geleistet hat? Aber es müßte schon noch ein wenig mehr sein. Alles wartet doch jetzt auf die Lösung des Rätsels der Erfolglosigkeit aller Anstrengungen. Es scheint ja inzwischen schon fast so, als wären die Ungeimpften sicherer, ja doch wohl auch deswegen, weil sie sich nicht auf einen „Schutz“ verlassen können und weil sie ja nun aus erzieherischen Gründen leider überall draußen bleiben müssen. – Ich lasse mich nicht erziehen, ich bin selbst Erziehungswissenschaftler für Erwachsenenbildung und hatte das als Nebenfach in Münster.

Während die Impfpflicht eher nur noch von den unteren Chargen verfolgt wird und sich alle erdenklichen Zuträger, Beiträger, Mitläufer, Berufsbetroffene, Gläubige, Scharf- und Angstmacher so langsam unsicher umdrehen, wer noch alles bei ihnen steht, lichten sich die Reihen. Es wendet sich das Wetter, das gesellschaftliche Klima kippt. Nur wer möchte sich denn jetzt mal einfach so eingestehen, daß der Club der Kaiser schon seit Monaten nackt ist?

Derweil will noch niemand wirklich genauer hinsehen, weil man schon viel zu viel und viel zu lange aufs falsche Pferd gesetzt hat. – Das sagen auch die Mörder in den allabendlichen Mordorgien der Krimis im Fernsehen immerzu, man habe jetzt schon so viel auf dem Gewissen, da käme es auf etwas mehr auch nicht mehr an. Wenn dieser Spruch fällt, ist jemand wirklich von allen guten Geistern verlassen.

Was die Rationalitäten nicht auf den Schirm bekommen

In der theologischen Sprache gibt es manche Begriffe, die in Vergessenheit geraten sind, weil wir ja unsere wissenschaftlich-wissenschaftlichen Rationalitäten haben. Ich frage dann immer gern nach den Bedeutungen, um ganz schnell eine plötzlich aufkommende Bescheidenheit zu provozieren, zur Not auch zu erzwingen. Ein Mangel an Demut ist das Problem. Auch der Begriff der „Sünde“ ist von Interesse. Was mag es bedeuten, wenn gesagt wird, man habe sich an etwas versündigt? – Was die Kinder, die jungen Leute, die Alten, Dementen und Sterbenden betrifft, sehe ich das so. Da ist eine riesige Schuld entstanden und wer trägt sie wieder ab?
Sobald das spürbar wird, daß man sich aufgrund von Sturheit, Selbstherrlichkeit und Maßlosigkeit schon seit geraumer Zeit auf einem Holzweg befunden hat, kommt es zu einem Impuls, für den es in der Theologie einen weiteren Begriff gibt. Dieser Begriff heißt „Umkehr“. Heidegger hat es mal mit „Kehre“ versucht, aber das ist und bleibt düster. Auch „Wende“ ist so eine Phrase, aber auch das bleibt eine nur äußerliche Sache, als würde man sich mal einfach so umdrehen. – Worte, die den Tiefen unserer Psyche gerecht werden sollen, müssen selbst Tiefgang haben, sonst brauchen sie gar nicht erst anzutreten.
Nein, „Umkehr“, wenn man denn dem Begriff seine theologische Bedeutung auch zugesteht, das bedeutet „Eingeständnis der Schuld“, „Zugeben, sich versündigt zu haben“ und schließlich „Buße“. Dann erst kann es weitergehen. Dann kann die Katharsis, also die „Reinigung“, die „Entsühnung“, die „Vergebung“ und die „Freisprechung von der Schuld“ überhaupt vonstatten gehen. – Und da sind wir jetzt, noch kurz vor der Einsicht in die Schuld.

Théodore Géricault: Das Floß der Medusa (1819). Nun, die Katastrophe um das Floß der Medusa entstand, weil ein unfähiger aber hochwohlgeborener Kapitän auch noch resistent war gegen guten Rat. – Die Unglücklichen wurden ausgesetzt und sehen am Horizont das rettende Schiff, aber von links kommt eine haushohe Welle.

Man wird sich nicht mehr lange stellvertretend an den Ungeimpften vergreifen können, um in ihnen die „Sündenböcke“ zu sehen, die einfach für alles verantwortlich sind.
Bar jeder Vernunft sind sie nun monatelang als die wahrhaft „Bösen“ verkauft worden, nur, weil sie den angeblich ganz kleinen Piks mit dem ganz tiefen Vertrauen in einen Wissenschaftsglauben, der selbst wissenschaftsfeindlich ist, nicht mitmachen mochten, aus vielerlei Gründen. – Ja, selig sollen die sein, die nicht (selbst ein-)sehen und doch glauben. Das hätten die „Hirten“ gerne.
Aber wenn jetzt die Ungeimpften als Ketzer, Ungläubige, Teufelsmenschen, UnholdInnen und Staatsfeinde nicht mehr zur Verfügung stehen, was dann? Die diskursive Formation muß dann dieser Tage kollabieren. Wer soll das denn jetzt alles gewesen sein? Also werden Ablenkungen vorgenommen. Herr Wieler vom RKI könnte abgesetzt werden, da hätte man schon mal ein Baueropfer, irgendwie. Boris Johnson, der offenbar jeden Freitag in der Downing Street nicht unberauschende Feste gegeben hat, wird jetzt abgesägt. Und Söder hat schon vor Wochen Kreide gefressen, denn seine Fähigkeit, sich äußerlich zu wandeln, haben etwas von einem Chameleon. – Politik macht es erforderlich immer mal die Farben zu wechseln, aber nur äußerlich, also „glaubwürdig“.
Eines muß man dem Söder Markus neidvoll zugestehen. Ich hätte es ihm von Herzen gewünscht, daß er für seine narzißtischen Big-Man-Allüren abgestraft würde, daß man ihm als Scharfmacher vorhalten würde, was er alles mit angerichtet hat in der Corona-Krise, was so ungeheuer schief gelaufen ist. Ach ja und Frau Merkel, die nie vom Ende hergedacht hat, wenn überhaupt. Herr Spahn kann sich glücklich schätzen, daß er „weg“ ist. – Manches Mal habe ich gedacht, was ist das nur für ein Job, permanent Erklärungen, Beteuerungen und Versprechen abzugeben, wie etwa zum hundertsten Mal, daß es keine Impflicht gäbe. Und dann läßt sich das alles nicht halten, weil man vor anderem Hintergrund wieder die Farbe wechseln muß.
Ja, die Rente ist sicher, ebenso sicher wie das Grundgesetz. Auch die Daten in der Luca-App sind sicher vor staatlichem Zugriff. – Viel von dem Vertrauen, das Staat, Politik und Medien noch hatten, ist weg.

Nichts ist heilig

Wie hieß es noch in einer dieser unverschämten Werkekampagnen zum geistig-moralischen Downgrade: „Ich bin doch nicht blöd!“ Aber ja doch, geraden mit dieser Einstellung, was könnte blöder sein als dieser Spruch. – Da war dann die Polizei in Mainz auch echt nicht blöd und auch die vom Gesundheitsamt. Man hat auf dem Wege der „Amtshilfe“ eine Infektion einfach mal so gefaked, weil man es kann und dann sind die lieben Kollegen an die Daten herangekommen. – Geht doch!
Nicht mal Ehrlichkeit, Lauterkeit, Prinzipientreue, Verläßlichkeit geht. Man hätte sich viel, sehr viel zusätzliches Vertrauen verdienen können. Aber nun? – Jetzt kommt das Scherbengericht. Und der Söder Markus hat schon vor Wochen das Södern ganz sein lassen. Da ist dann FDP-Kubicki, der viel zu still war, als er hätte laut werden müssen, auch erst dann über ihn hergefallen, als sich die Änderung im politischen Klima längst abzuzeichnen begann.
Ja, hinterher sind immer alle überaus klug. Aber wer erhebt denn von Anfang an Protest? Wer hat denn den Mut, aus der Reihe zu tanzen? Manche haben es ja am Anfang getan, sie wurden aber auf der Stelle exkommuniziert. Es sollte nur einen Gott und nur einen Hohepriester geben und der verlangte den Lockdown, um den Chinesen mal zu zeigen, daß wir so etwas auch können. Eine Gesellschaft, die so dumm ist, hat in der Tat auch keine bessere Politik verdient. – Und was mich am allermeisten stört, auch in der anstehenden Buße wird gelogen und betrogen werden. Allerdings wird es dann auch keine „Vergebung“ geben.
Um das zu verstehen, muß niemand gläubig sein, es geht auch mit Tiefenpsychologie. Wer so viel falsch gemacht hat, wie Politik, Staat und Gesellschaft die letzten Monate, hat viele Leichen im Keller. Täter werden es am Anfang glatt ablehnen, die Verantwortung oder gar Schuld anzuerkennen. Leugnung, dann Verdrängung und schließlich Relativierung sind typische Stationen im Prozeß einer jeden Läuterung.
Das Problem von Tätern ist nur, daß sie ständig auf der Hut sein und permanent darauf achten müssen, daß niemand was merkt. Aber spätestens seit der Systemischen Therapie kann man auch ohne humanistische Bildung wissen, daß es gar keine Geheimnisse geben kann, weil wir alle erdenklichen psychoaktiven Antennen besitzen. Wir haben den Neokortex entwickelt, weil das Sozialverhalten ansonsten viel zu viel Kopfschmerzen bereitet. Ja, es gibt Dinge, die sich unsere Rationalitäten nicht einmal träumen können.
Ich frage mich aber, wie das gehen soll, dieses Scherbengericht? Wie sollen wir denn einander allesmögliche verzeihen? Die neugeschaffenen Traumata, die Verletzungen der Würde, die Mißhandlungen der Freiheit, dieser unübersehbare Vertrauensverlust, das alles läßt sich doch gar nicht wieder heilen. Natürlich werden die Montagsdemonstrationen größer, man wird immer weniger herzhaft darüber herziehen können. Derweil versucht man es noch immer mit Dämonisierung und Exkommunikation. Wenn jetzt noch mehr Gutbürgerliche „da“ einfach hingehen? Was soll man denn tun, wenn man was tun möchte gegen den Verfall der Kultur?
Hauptsache, es kommt jetzt nicht auch noch zur Inszenierung von Gewalt.
Ich denke, der Mainstream sollte jetzt auch mal Farbe bekennen und dazu stehen, daß man sich hat Angst machen und einschüchtern lassen, daß man sich benommen hat, wie ein artiges Kind, daß man sich die Würde nicht nur hat nehmen lassen, sondern daß man sie freiwillig abgeliefert hat. So viel Hausarrest, wofür eigentlich?
Aber wie gewinnen wir die verlorene Nähe wieder? Geraten wir nicht alle inzwischen in Atemnot, wenn uns jemand „zu nahe“ kommt?
Oh wie ist das alles krank, psychisch krank!
Wieder einmal hat sich die Gesellschaft von falschen Hirten auf Irrwege führen und mißhandeln lassen. Wer trägt die Verantwortung?
Schafe sind nie schuld, oder?

Ironie in Zeiten Coronas

Wie es ist, Hypochonder zu sein

Ein vielbeachteter Aufsatz von Thomas Nagel geht der Frage nach, wie es wohl sein würde, eine Fledermaus zu sein.

Schnell stößt der Autor auf Grenzen, nämlich jene, die Ludwig Wittgenstein konstatiert hat: „Die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner Welt“.

Ich war nie sonderlich angetan vom Hype um diesen Aufsatz von Nagel, denn ich kannte längst die berührenden Expeditionen in die Wahrnehmungswelten der Tiere von Jacob von Uexküll, etwa über die Stubenfliege oder, ganz besonders „einfühlsam“ über die Zecke. Da hat man nämlich den Eindruck, zum besagten Tier zu werden, weil die Sinne reduziert werden auf das, was noch bleibt: Bei der Zecke ist es ein Geruchssinn für Buttersäure, um Säugetiere wahrzunehmen und dann noch ein Wärmesinn, um dorthin zu krabbeln, wo warmes frisches Blut fließt.

Auch Nagel kommt auf jene Problematik, die hinter alledem steht, was der Anthropologie Helmuth Plessner einmal auf die Formel gebracht hat vom „Unterschied zwischen Körper-Haben und Leib-Sein“. Da gibt es in der Tat einige Differenzen, da geht einiges nicht auf und das liegt nicht an der Philosophie, sondern es ist selbst phänomenal, daß und was da nicht aufgeht. – So wird dieser Tage viel Wert gelegt auf  „Achtsamkeit“, auch als eine Form der Selbstaufmerksamkeit. Aber auch da zeigt sich dieses Problem, daß wir genau dort, wo es ums Verstehen dieser Differenzen geht, einfach nicht nahe genug herankommen.

Wieviel Selbstaufmerksamkeit ist genug, was wäre zu wenig und was zu viel? Das läßt sich gar nicht beantworten, weil man dann erst irgendwo Maß nehmen müßte.  Maßnehmen woran?

Aber man kann in solchen Fällen auch mit Extremen arbeiten, die selbst etwas Besonderes haben im Verhältnis zwischen Psyche und Körper, Leib und Seele. So wie es Unaufmerksamkeit gibt, so läßt sich auch eine gesteigerte Aufmerksamkeit beobachten, die dann irgendwann etwas viel wird.

Viele sind dann schnell mit der Etikettierung bei der Hand, etwas sei „krankhaft“. Das ist so schrecklich bei Aristoteles in der von vielen so geschätzten „Nikomachischen Ethik“. Als wäre das Mittlere immer die richtige Wahl, niemals zu viel oder zu wenig, immer in Maßen. Als ob es das wäre.

Aristoteles konnte den Epigrammatiker Friedrich Freiherr von Logau (1605-1655) noch nicht kennen, dessen Spruch die unterbelichtete Ethik spielend ad absurdum führen kann, wie es Diogenes nicht besser hätte tun können: „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.“ – Und  jene selbstberufenen Menschen, die mit Urteilen aus der Hüfte schießen, um garantiert nicht zu treffen, sind auch nicht hilfreich, wenn es heißt, Hypochondrie sei „krankhaft“. Zugegeben, es ist eine etwas angespannte, ziemlich permanente Aufmerksamkeit, die Friedrich Nietzsche dazu gezwungen hat, tagtäglich den eigenen Gesundheits- und Krankenstand in ein eigenes Tagebuch des Wohl- und eher Unwohlseins zu schreiben.


Bild: Albrecht Dürer: Selbstportrait (1528). Skizze in der er auf vergrößerte Milz zeigt.

Wie ist es, Hypochonder zu sein? Das ist die Frage, die nun von besonderem Interesse ist, wegen der Impfung, der Personalie und der unbeholfenen Skandalisierung um Harald Schmidt. Ich hatte schon vor geraumer Zeit darüber spekuliert, ob er ist oder nicht ist, also „geimpft“. Und es hat mir ein sardonisches Vergnügen bereitet, darüber zu spekulieren, daß nun ja wirklich zwei Herzen in seiner Brust schlagen müßten. Einerseits ist das die Angst vor Krankheit, andererseits ist da die Angst vor der Impfung. – Ja, an alle Wenigdenker, das geht auch! Die Philosophie hat sogar einen Namen dafür, es ist eine Aporie, eine „Weglosigkeit“, die eben „tertium non datur“, ohne ein Drittes, also ohne Ausweg ist.  

Ich bin damals zu dem Schluß gekommen, er hat nicht und er ist nicht. Richtig! Er ist noch immer nicht.

Das kam auf eine köstlich verklausulierte Weise über den Kontext heraus. Lustig ist, daß die Impf-Sitten-Wächter das noch immer nicht bemerkt haben. Und natürlich äußert sich sein Management zu dieser Petitesse nicht. Er sei gerade im Urlaub. Sie würden dem begnadeten Entertainer damit ja seine Pointe und seine Extra-Lektion in Rhetorik vermiesen, die er einer entsetzten Öffentlichkeit verabreicht hat.

Noch lustiger ist, daß sich niemand traut, über Harald Schmidt herzufallen wie über Sportler oder Schauspieler auf eine mitunter einfach nur unverschämte Art und Weise. Man hätte es allerdings mit einem rhetorisch gnadenlos Begnadeten zu tun. – Hat sich Lauterbach eigentlich schon zum Impfstatus von Schmidt geäußert?

Das Argument von der „Vorbildfunktion von Prominenten“ lese ich gerade, oh. Es mag Prominente geben, deren Beruf es ist, prominent zu sein, aber bei Harald Schmidt wäre zu klären, wie es wohl sein mag, Hypochonder zu sein. – Das mag selbst schon wieder heikel erscheinen, das derart an die große Glocke zu hängen, hätte er sich nicht selbst in einer köstlichen Stehgreif-Parodie darüber lustig gemacht, wie es ist, Hypochonder zu sein.

Aber gewiß ist der Impfstatus privat. Das geht niemanden etwas an und genauso hält er es auch. Dabei sind überall Ironiesignale aber nur wenige checken es. Was seinen Impfstatus, die Frage aller Fragen betrifft, so müsse er vorsichtig sein, sonst gäbe es etwas auf den Aluhut und dann kommt die verschmitzt zurechtgelegte Formel im Wortlaut des Scholzomaten, er sei auf dem besten Wege zu 2G. – Köstlich!

Aber fast alles irrlichtert in der gar nicht mehr so freiheitlichen Republik. Manche möchten sich gern darüber sehr erregen, daß er dann auch noch Witze über Corona macht.

Nur wenige sind nicht hereingefallen und haben sich nicht vorführen lassen im Nichtdenken. In der Welt vom 7. Januar konstatiert Mladen Gladić den geistigen Niveauverfall unter dem Titel: „Harald Schmidt und sein Impfstatus“. Köstlich, weil sich da einer einschwingt in den Sound. –  Philosophieren ist eben wie Jazz, man sollte den Einsatz nicht verpassen und improvisieren können. Und zu Recht wird moniert, daß unsere Gegenwart kaum noch fähig ist, sich auf diesen Sound einzulassen:

„Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen“, sagt Harald Schmidt in einem Interview. Und alles rätselt: Ist Schmidt ungeimpft, gar Impfgegner? Warum unsere Gegenwart kaum noch fähig ist, sich auf den Schmidt-Sound einzulassen. Und was die Sätze des Ex-Talkers signalisieren.

Im jüngsten Interview mit Harald Schmidt in der „Neuen Zürcher Zeitung“ bemerkt sein Gesprächspartner gleich am Anfang: „Wir dürfen uns nicht im Hotel treffen, weil Sie weder geimpft noch genesen sind.“ Schmidts Antwort: „Daß ich nicht geimpft sei, das behaupten Sie einfach so, und ich lasse das mal so stehen. Mittlerweile habe ich mir eine Olaf-Scholz-Formulierung überlegt: ‚Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen.’ Das läßt alles offen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, sonst gibt’s schnell was auf den Aluhut.“ Eine Antwort, die uns merklich überfordert und prompt der Skandalisierung anheimgefallen ist.

Alles hat auch eine andere Seite, die meist nicht gesehen werden soll, das gilt für das Rauchen, ebenso wie für Hypochondrie. Die erhöhte Aufmerksamkeit auf Differenzen zwischen Leib und Seele, Psyche und Körper sorgt auch für ein hohes Niveau einer Achtsamkeit, die ein Entertainer wie Schmidt stets mit einer gewissen Leichtigkeit bewiesen hat. Schön waren immer die Passagen, in denen er hat durchblicken lassen, wie er es macht. Zum Beispiel die Lacher, von denen es welche gäbe, die Grenzwertigkeit signalisieren. – Ich schließe daraus, daß die erhöhte Aufmerksamkeit sich sonstwohin ausgedehnt hat, Befindlichkeiten wahrnehmen zu können, die auch dem Intellekt bei alledem Freude bereiten, eine, die ganz gern auch mal die vorführen, die andere immerzu vorführen, in dem Glauben, sie hätten die Moral für sich gepachtet. Denken bräuchte es nicht, wenn man ohnehin schon im Recht ist.  

Übrigens, schon mal vom “Morbus Google” gehört, auch die Hypochondrie geht mit der Zeit als Cyberchondrie. – Meine persönliche Erfahrung ist, daß sich vieles aufs erste Mal googeln läßt aber nicht das, was Ärzten regelmäßig auf Partys widerfährt, wenn sie sich als ebensolche outen. Sogleich robben sich manche heraus, nutzen die Gelegenheit, machen sich schon mal ein wenig frei und weisen dann auf sich selbst, sie hätten da so ein Ziehen, manchmal auch ein Stechen.

Ich wollte mal Heilpraktiker werden, war schon im Standardkurs an der Uni in Münster: “Physiologie für Psychologen”. Bis ich dann gemerkt habe, daß ich mit manchen Kranken nicht klarkomme. Jetzt bin ich es nur so nebenher und das erleichtert sehr.


Demut schützt vor Hybris

Hochmut kommt vor dem Fall

Es ist mehr als nur eine Geste der Bescheidenheit, es ist auch eine Verneigung, wenn man konstatiert, bei aller Größe sei man selbst nun auch nicht voraussetzungslos. – Wie irre muß man eigentlich sein, das als Demütigung zu empfinden. Tatsächlich geht es um die Würde der Gesellschaft.

Ähnlich irre meinen ja auch Vertreter der Wirtschaft, daß sie der Gesellschaft von Nutzen sei, einfach weil sie Geschäfte macht, um dabei die Infrastruktur, die Bildung, das Rechtsystem und die Infrastruktur einfach kostenlos zu nutzen. Wieso soll man sich denn an den Voraussetzungen beteiligen?

Das ist auch die wirklich gemeingefährliche Vision der Superreichen, die offenbar dabei sind, genau diese Dystopie wirklich werden zu lassen. – Die Gated community, die geschlossenen und bewachten Wohnanlagen, in denen Privatrecht herrscht, sind bereits das erste Zeichen dieser unheilvollen Entwicklung. Dort gibt es ja schon Privatpolizei, wie wäre es denn mit einem eigenen Rechtssystem?

Es ist ein Gebot von Demut und Bescheidenheit, generell anzuerkennen, daß das, was man ist, kann und geleistet hat, ob Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage, im Zweifelsfall den Göttern oder sonstigen höheren Mächten zu verdanken ist. Wo das nicht geschieht, dort wird es immer gefährlicher, denn dann kommt Hybris auf. Das ist nicht nur Hochmut, sondern Dummheit, weil man sich und die eigenen Kompetenzen dabei ganz erheblich überschätzt. Natürlich muß es dann zu Katastrophen kommen.

Man sieht das in der Corona-Krise, wo die Politik an ihrem eigenen Machbarkeitswahn schier ausrastet wie der französische Präsident dieser Tage, der Andersdenkende einfach nur noch „anpinkeln“ und „ankacken“ will. – So etwas kommt vor dem tiefen Fall, denn natürlich wollen und können Hochmögende gar nicht zugeben, daß sie selbst alles verk*t haben.  

Die Demutsformel von den „Voraussetzungen, die man selbst nicht geschaffen hat“, muß wirklich von Herzen kommen. Denn dann versteht man sich als das, was man ist, ein ziemlich kleines Teil eines reichlich großen Ganzen, das man nicht nur nicht in der Hand hat, sondern zumeist nicht einmal versteht. Ich empfehle zunächst eine Roßkur mit Luhmann-Lektüre gerade für Weltverbesserer, wie ich selbst einer bin. Und darüber hinaus muß auf jeden Fall sehr viel mehr Philosophie in die öffentlichen Debatten, denn es ist einfach ganz schrecklich, was da so tagein tagaus an Böcken geschossen wird. Als würde neuerdings mangelndes Denken belohnt.

Es besteht die Gefahr, daß man mit dem besten Willen und noch besseren Absichten ganz schlimmes Unheil anrichten kann. – Daher hat man die Gewaltenteilung erfunden und den Monotheismus auf der Ebene von Staatstheorie und Rechtsphilosophie schon seit langem überwunden. Nur, daß die Leute es nicht verstehen, weil sie größtenteils noch in Märchenwelten leben. Immerzu wird gequatscht, wie im Kindergarten, es sollten für alle dieselben Regeln herrschen, das müsse doch alles zentralistisch, aus einem Guß, ohne Ausnahmen, selbstverständlich mit hartem, härtestem, ach, drakonischen Maßnahmen. Seufz. – Nein!

Das Gegenteil ist richtig. Auch Schwarmintelligenz braucht erst einmal Zeit, sich zu entwickeln und eine gute Pädagogik, die Gelegenheiten schafft, daß sie sich auch entfalten kann.

Was tut man, das Gegenteil. Jetzt soll auch noch telegram verboten werden, so wie es den totalitären Staaten nun auch nicht gefällt, daß die Leute einfach so, also unkontrolliert miteinander reden. Sorry, geht es noch?

Das Gegenzeit ist richtig! Es soll eine argwöhnische und eifersüchtige Feindschaft zwischen den staatlichen Gewalten herrschen! Es soll, darf und kann nicht alles in einer Hand liegen. – Diese Lektion sollten alle aus der Geschichte längst bezogen haben.

Wieso kommt das Gesundheitsamt in Mainz dieser Tage einer Bitte der Polizei nach und simuliert einen Infektionsfall, um an Daten der Luca-App zu kommen, um eine Straftat aufzuklären? Ich habe meine Teilnahme nunmehr deinstalliert. – Wer „pragmatisch“ wird, ist nur ein Mensch ohne Prinzipien und sollte gar nicht in Staatsdienste übernommen werden. Wo zum Pragmatismus aufgefordert wird, wollen Leute pfuschen und nur das. Warum, weil sie die Demutsformel nicht beherrschen.

Das Leben ist komplizierter und auch das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und Identität ist es. Es ist einfach grober Unfug, wenn so getan wird, Gesellschaft und Staat, das alles sei dasselbe. Nein, ist es überhaupt nicht! – Im Prozeß der Zivilisation haben Könige kleine Häuptlingstümer unterworfen und in Gesellschaften gezwungen. So sind die ersten Staaten entstanden.

Staaten sind in diesem Sinne noch immer die Unterdrücker ganzer Gesellschaften und die Unterjocher von Gemeinschaften, die dann als Minderheiten tituliert und darüber hinaus verunglimpft und entmenschlicht werden. Das sieht man allenthalben aber nun auch immer unverblümter im angeblich freien Westen. Im Westen galt bisher noch ein gewisser Stil.

Der Staat lebt nicht für, sondern von der Gesellschaft, ebenso wie die Wirtschaft. Sie ist die Kuh, die alle besitzen, melken und am liebsten schlachten würden.  

Im wohlverstandenen eigenen Interesse ist jedoch wärmstens zu empfehlen, sich die Demutsformel zu Herzen zu nehmen. Denn ein Parasit ohne Wirt sieht alt aus. Es wäre viel klüger, wenn der Parasit zum Symbionten wird. Genau das steckt ja auch hinter der Gewaltenteilung. Und dieses Theater wird auch schon häufig inszeniert. Es kommt aber noch immer nicht von Herzen.

Die uralte Brutalität, die übrigens erst mit der Zivilisation in die Welt gekommen ist, schlägt noch immer durch. – Daher nun mal kein historischer Vergleich, sondern eine Allegorie.

Der Staat ist ein Schläger, immer schon, ein brutaler Ausbeuter und nicht eben ein Freund der Gesellschaft, sondern ihr Unterdrücker, eigentlich  ihr Zuhälter. Natürlich ist diesem am Wohlergehen seiner „Liebste“ gelegen. – Aber wie macht man daraus allmählich ein ausgewogenes Verhältnis?

Wie oft ist es allein in den letzten 200 Jahren dazu gekommen, daß der Staat die Gesellschaft mißbraucht, geschändet, verkauft, geschädigt, ausgebeutet, erniedrigt und auf den falschen Weg geführt hat? Heraus aus dem Glück und der Hochkultur in der Aufbruchstimmung um 1900, hinein in den Krieg. Warum? Weil eine „Elite“ keine Demokratisierung wollte. – Moderne ja, aber nur nach militaristischer Manier, später dann als Faschismus. Man will die Vorzüge, aber nicht die Nachtteile, nämlich „mehr Demokratie“ wagen.

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ (Perikles, um 500 – 429 v. Chr., athenischer Politiker und Feldherr, Quelle: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges.)

Genau das spielte sich damals ab im alten Athen, als die Griechen sich gegen die übermächtigen Perser wehren mußten. Sogar das Orakel von Delphi lag falsch. Natürlich war es unwahrscheinlich, daß die Griechen das durchstünden. Aber es gab da einen Mann namens Perikles, ein begnadetet Stratege und Rhetor, der dafür sorgte, daß der gemeine Mann auf eigene Kosten mit in den Krieg zog und nicht nur der Adel, der ja im Zweifelsfalle doch ein wenig schwach ist, wenn es wirklich darauf ankommt.

Aber und das ist der Gag: Also forderte der gemeine Mann dann aber auch bei der Herrschaft im Staat mitzuwirken. So entstand die erste Demokratie, in der nicht in Ämter gewählt wurde, sondern sie wurden verlost und es war Pflicht, dem nachzukommen. Man sollte vielleicht wieder das Los entscheiden lassen, dann hätte das Glück wenigstens eine Chance.

Das Bundesverfassungsgericht trägt den größten Teil der Verantwortung für den Niedergang der Demokratie in der Corona-Krise, für die Spaltung der Gesellschaft und dafür, daß die Politik inzwischen über Hecken und Zäune geht. Es wäre an der Zeit gewesen, die Demutsformel in Erinnerung zu rufen und zu konstatieren, daß der Zweck die Mittel nicht heiligen kann, wenn es gegen Grundgesetze geht und einfach alles, was heilig ist.

Hätte das nicht mehr ehrenwerte Gericht doch die Politik in Grenzen verwiesen. Das hätte die Politik entlastet, denn sie hätte immer sagen können, es seien ihr nun mal die Hände gebunden. Sie könne nur und müssen daher mehr Eigenverantwortung wagen, der Staat wäre darauf angewiesen, daß die Gesellschaft ihm Voraussetzungen schafft, die er nicht herbeizwingen kann.

Schön wäre es gewesen, wir hätten dann eine Zivilgesellschaft mit Achtung vor dem Gesetz und der Gesellschaft und vor Andersdenkenden bekommen. Wir hätten eine Solidargemeinschaft, die heute nur noch angeführt wird, um Druck gegen Andersdenkende zu erzeugen. Wir hätten den Schritt vom Obrigkeitsstaat in die Zivilgesellschaft geschafft, das wäre nach 1989 so etwas gewesen wie eine Metamorphose. Aus der häßlichen Raupe der Deutschen wäre ein Schmetterling geworden…

Klingt das zu naiv, nun, naiv sind vor allem die Moralisten dieser Tage, denn sie geben vor, alles abzuwägen, dabei sind sie nur Denkverweigerer. Und so fragt man sich: Was ist schlimmer, Querdenken oder Nichtdenken?

Franz von Stuck: Dissonanz (1910).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Berühren verboten!

Aber Gedanken sind frei

Der Verlust an Nähe ist das eigentliche Problem. Ein Eisberg, von man die Tiefen nur ahnen kann.

Seit Ischgl wissen wir, es kommt auf die Viruslast an. Man infiziert sich kaum im Vorbeigehen, auf die Gefahren der Nähe kommt es an.

Kultur ist am Feuer entstanden. Vorne wird man gut angebraten und von hinten friert es. Also rückt man noch näher aneinander und reibt sich gegenseitig den Rücken. Und dazu werden berauschende Substanzen gereicht. Man starrt wie hypnotisiert ins Feuer, öffnet sich dem Anderen, dann wird erzählt…

So sind die ersten Geschichten der Menschheit ausgetauscht worden. Und während man da so sitzt, kreisen drumherum die Ungeheuer. Wohlige Schauer laufen über den Rücken. Das ist Geborgenheit.

Und dann steckt man die Köpfe zusammen. Wie oft saßen wir nächtelang schwitzend beieinander. Im Nebel aller erdenklicher Körperausdünstungen. – Menschen sind Säugetiere, sie machen sehr viel mit der Nase. Auch die Wahl von Partnern und Freunden geht über den Geruch.

Aber jetzt traut man sich nicht einmal mehr, die Nasenflügel zu blähen. Es liegt womöglich Corona in der Luft. Also besser nicht allzu tief und frei atmen. Als wäre Nähe inzwischen nur noch etwas für Lebensmüde.  

John Collier: Circe (1885).

Was der Verlust an Nähe mit den Menschen macht, dürfte ebenso gefährlich sein, wie die Ängste, die Kinder in den Suizid treiben. Wie soll man Kindern, Dementen und Sterbenden erklären, daß Nähe gefährlich geworden ist.

Es ist, wie eine Umprogrammierung. Man soll Nähe zulassen, sich berühren lassen, empathisch sein, andere auch gern einfach umarmen, weil es mehr ist als eine Geste, es ist ein Bekenntnis der Mitmenschlichkeit. – Und jetzt?

Das ist wohl der Grund, warum der Haß immer größer wird.

Berühren verboten! Nähe ist verdächtig geworden.

Kultur ist Nähe, also gefährlich. Denken sowieso.

Aber Philosophie findet im Kopf statt. Die Gedanken sind frei.

 

 

 


Verstehen

Über Sacha Lobos „Denkpest“

und die Steingärten des Denkens

Hannah Arendt stellte sich im Interview mit Günther Gaus vor mit dem Satz: „Ich will verstehen!“ Das spricht mir aus dem Herzen. –  Ich muß, was ich verstehen will, überhaupt nicht teilen und derselben Meinung sein. Ich muß es nur nachvollziehen können, denn Verstehen ist eine Art Mit-Sein. Nicht-Verstehen, Unverständnis, Falschverstehen, Mißverstehen, das alles ist problematisch und gewissermaßen unphilosophisch.

Sollten wir nämlich auf falscher Grundlage zu einem Urteil oder zu einer Reaktion gelangen, ist das alles natürlich auch falsch. Wir hätten dann ja rein gar nichts verstanden, glaubten aber dennoch, darüber auch noch abschließend urteilen zu können. Die Kunst des Zuschauers verlangt daher, ohne Ansicht der Person, der Partei und auch ohne Ansehen der eigenen Vorurteile möglichst alles in Betracht zu ziehen. – In der Denkpraxis ist das binäre Kodieren, wonach alles entweder ganz wahr oder ganz falsch ist, natürlich völlig naiv. Es gibt immer irgendein Fünkchen Wahrheit und sei es noch so klein.

Ein Wort von Sacha Lobo dieser Tage läßt tief durchblicken und erahnen, wie militant Parteilichkeit praktiziert wird. Er spricht allen Ernstes von der „Denkpest“ dieser Tage. Er meint wohl, andere sollen nicht so viel nachdenken, es sei denn, man dächte das Denken der Vorbeter, wie er einer ist. – Denken ist aber nun mal kein Nachbeten.

Ich habe mehrfach in meinem Buch ernsthafte Versuche unternommen, den Gipfel der Verschwörungstheorien zu erklimmen, den QAnon-Mythos. Der Mega-Plot hat was, denn wir leben ja angeblich darin.

Das ist ja alles auch spannend: Also, in der Nähe des einzig wahren Präsidenten Trump soll sich ein gewisser Herr Q aufhalten, der wie ein guter Geist diesem gescheitesten aller Präsidenten dabei helfen soll, den „Deep State“, den Sumpf einer verschworenen Elite und das ganze Machtkartell ihrer Privilegien auszutrocknen. – Anweisung von der Regie: Bitte nicht darauf achten, daß Trump doch selbst einer von denen ist…

Generalanweisung der Regie: Generell bitte nicht zu sehr auf Widersprüche und vor allem nicht auf Selbstwidersprüche achten. Auch das Ockhams Rasiermesser, also das Prinzip der Denkökonomie, darf vorerst nicht zum Einsatz kommen! – Es gibt eine ganze Reihe philosophischer Methoden, die bei diesem Selbstversuch nicht zum Einsatz kommen dürfen, will man den Gipfel dieser Verschwörung erklimmen.

Die Kunst des Zuschauers macht es erforderlich, jede beliebige Perspektive einnehmen zu können, also auch solche. Es ist allerdings abenteuerlich, dort überhaupt hinzugelangen. Am besten versorgt man sich gleich zu Beginn dieses Weges mit passenden Allegorien. Zum Beispiel wirkt der Weg, um auf den Berg dieser Verschwörung zu kommen, eher märchenhaft. Es scheint, als wäre es eine verrückte Welt, besser noch, als wäre es nicht wirklich diese Welt, sondern eine mit sehr viel Phantasie und Absurditäten.

Das fiel mir auf, als ich heute einen Artikel las über diesen QAnon-Schamanen beim Sturm auf das Kapitol. Ich habe sodann versucht, mir – aus seiner Perspektive – seine Motive zu eigenen zu machen, ohne sie zu teilen. Ich will einfach nur verstehen, wie man ticken muß, um wie er zu sein.

Es sei kein Angriff auf dieses Land gewesen, das sei nicht sein Motiv, sagte Jake Angeli dem US-Sender CBS News in seinem ersten Interview nach seiner Verhaftung. „Ich habe ein Lied gesungen, das ist Teil des Schamanismus. Es geht darum, positive Energie in einer heiligen Kammer zu erzeugen“. Seine Absicht sei es gewesen, „Gott zurück in den Senat zu bringen“. Deswegen habe er dort „ein Gebet gesprochen.“ – Nun das klingt subjektiv glaubwürdig.

Er wußte also, daß er einen Ort mit großer Bedeutung doch eigentlich als Unberufener einfach so besetzt und damit doch vielleicht eher selbst entweiht hat. – Ich hätte nicht übel Lust auf einen Disput mit ihm genau darüber.

Übrigens kommen jetzt gewiß bei einigen Nicht-Facklern und Durchgreifern die üblichen Formulierungen auf wie: „Spielt doch keine Rolle, was er sich dabei gedacht hat. Ab ins Gefängnis und Schluß mit der Debatte!“

Vorsicht, das Bild dieses singenden QAnon-Schamanen ist zur Ikone geworden, vielleicht auch, weil es das schlechte Gewissen bedient, den indianischen Ureinwohnern gegenüber. Diese Bildikone ist in aller Köpfe und wirkt, auch auf die stolzen Besitzer von Steingärten des Denkens, in denen garantiert nichts mehr wächst.

Aber genau darum geht es doch eigentlich: Gedanken anzuzüchten wie in der Infektiologie, um zu sehen, was sie eigentlich für welche sind. Und natürlich treffen auch Philosophen ihre Schutzmaßnahmen. – Ich muß zugeben, daß das Verstehen-Wollen manchmal etwas zu viel wird. Mir ist mehrfach wie bei einem kollossalen Systemfehler das ganze Denken zusammengebrochen. Ratsam wäre es, wenigstens nicht auch noch an den Ästen sägen, auf denen man gerade sitzt.

Nun macht das Verschwörungsdenken ja deswegen so große Probleme, weil man es „nachwollziehen“ will, um es aus seiner Perspektive zu verstehen, weil aber immerzu behauptet wird, das alles sei wirklich wirklich wirklich. Also das mit der Pizzeria, in deren Keller kleine Kinder verkauft werden, das mit der Schuppenhaut von “Bill Gates”, den ich in seiner Rolle als angemaßter Weltgesundheitsminister völlig inakzeptabel finde, das mit dem “Deep State” oder auch das mit dem “Great Reset”, also dem „Menschenaustausch“. 

Alle diese Theoreme bringen denkerisch ganz erhebliche Belastungen mit sich, es sind Attacken, die schnell zur Systemüberlastung führen, so daß zusammenbrechen muß, was eigentlich obligatorisch wäre. Das macht die Gespräche mit aktiven Verschwörungstheorie-Anhängern so schwierig, weil man schnell konfus wird darüber, daß sie von eins aufs andere kommen. Alles hängt mit allem zusammen, gewiß, nur sieht man es auch beim besten Willen nicht. 

Mein Lieblingssatz aus der Ethologie lautet folgendermaßen: Der Schamane Katka sieht auf einem Baum eine Hexe. Ich sehe, wie Katka die Hexe sieht, sehe aber selbst die Hexe nicht. – Nun damit sollte man schon klarkommen, als Ethnologe und auch als Philosoph.

Mit dem hypothetischen Für-Wahr-Halten ist das so eine Sache. Da irren die Steingarten-Besitzer nicht. Und die Denkpest von Sacha Lobo fordert tatsächlich ihre Opfer, wenn man denn keine Methoden hat und noch dazu die Hosen voll. Es könnte sich ja irgendwas Ungeheuerliches als wahr herausstellen und was dann? Daher die Steingärten, in denen gleich gar nichts wächst. 

Aber ich habe mich nie damit zufriedengegeben, nur über Verschwörungstheorie zu reden und mich darüber billig zu amüsieren. Ich habe es mehrfach und immer wieder anders versucht, obwohl so ein Breakdown ziemlich viel kostet. Es dauert, bis man danach einigermaßen auf der Höhe ist und sich wieder selbst über den Weg trauen kann, von wegen: All Systems Running.

Ich hatte bereits bei vorangegangenen Untersuchungen feststellen können, daß manche der Ereignisse, von denen in den Verschwörungs-Theoremen gesprochen wird, tatsächlich in der Menschheitsgeschichte vorgekommen sind, wie etwas der “Menschen-Austausch”, etwa mehrfach durch die Pest oder auch durch die Sintflut, also den Einbruch des Schwarzen Meeres, was inzwischen nachweisbar geworden ist.

Mit der Hypothese, daß wir das alles präsent haben im kollektiven Unbewußten, läßt sich dann auch nachvollziehen, warum diese Horrorvorstellungen präsenter erscheinen als sie es sind. – Das ist dann auch der entscheidende Aspekt, daß so etwas stattfinden kann und auch bereits geschehen ist, daß man aber – jetzt kommt Ockhams Rasiermesser doch zum Einsatz – nicht ohne weiteres behaupten darf, daß beispielsweise jetzt der “Great Reset” wieder unmittelbar bevorstünde.

Man macht diese Behauptung gern fest anhand eines Appells von Klaus Schwab, dem Leiter des Bonzenfestivals in Davos, genannt Weltwirtschaftsforum. Auch da läßt sich die Perspektive durchaus übernehmen. Es ist vom „Great Reset“ die Rede, weil es um die menschengemachte Welt ökologisch, ökonomisch und politisch überhaupt nicht gutsteht. Es braucht in der Tat einen Kurswechsel, ein Update, einen Reboot, um die Metapher voll zur Geltung zu bringen. –  Aber nun anzunehmen, es käme dabei auf einen Gen-Austausch etc. an, ist reichlich bei den Haaren herbeigezogen und bedürfte daher eigens einer hinreichenden Begründung, warum das denn doch gelten soll, warum diese Behauptung glaubhaft sein soll.

So weit so gut. Das genügt mir aber noch nicht, denn es ist noch nicht hinreichend für das Verstehen. Bis ich heute darauf kam, wie man auch und ganz bewußt mit Verschwörungstheorien umgehen könnte.

Es sind Träume. Daher haben sie alle Rechte von Träumen und so gut wie keine Pflichten. Denn Träume machen ja nun wirklich, was sie wollen. Und dabei regen wir uns auch nicht darüber auf, daß sie wirr sind, unrealistisch, blödsinnig und sonstwie für den hemdsärmeligen Intellekt einfach ein Ärgernis, weil er nicht weiß, wie und wo er anpacken soll.

Anders geht damit jedoch unser Geist um, über den wir auch verfügen sollten, falls wir keine stolzen Steingarten-Besitzer sind und auch nicht Sacha Lobo heißen. Der Geist kann mitunter Träume deuten, und das ist die Lösung des Problems. Es sind „Träume“, zumeist Horrorträume, oft ohne Sinn und Botschaft aber auch das ist ja nun etwas, das wir den Träumen zugestehen müssen. Wir sollten die Zeichen darin sehen und erkennen, um ihnen die Bedeutung zuzugestehen, wie wir sie manchmal auch Träumen geben, wenn sie uns etwas zu Verstehen geben, zumeist auf symbolischer Ebene. 

Am Ende kommt es darauf an, was der Zuschauer im Rücken des Zuschauers sieht. Was er glaubt, ganz allmählich verstehen und dann sogar auch in eigenen Worten vertreten zu können. Das ist dann wiederum der Abstieg aus den massiven Gebirgen unserer Phantasien, die wer weiß wo in den unendlichen Weiten unseres Unbewußten zu besuchen sind, denn dort sind sie in der Tat „real“.   

Es liegt an den Grenzen der Sprache, denn zumeist fehlen einfach die Worte. Und im übrigen regelt die Grammatik das Privileg der Phänomene generell, ob sie für die Wirklichkeit überhaupt in Frage kommen. Wir können aber nun unser Denken nicht erweitern, wenn wir uns von der Grammatik das Denkmögliche vorbeten lassen. – Die deutsche Sprache hat einige Entwicklungen noch nicht genommen. Sie verfügt über keinen Irrealis als eigenständigen Modus, jedoch über das Konzept.

Der Konjunktiv II kann dazu benutzt werden, einen Irrealis der Gegenwart und einen Irrealis der Vergangenheit zu bilden, der als irreales bzw. unerfüllbares Konditionalgefüge erscheint:

Wenn ich gedanklich reich wäre, also keinen Steingarten des Denkens hätte und auch nicht Sacha Lobo hieße, böten sich mir mehr Möglichkeiten des Verstehens. (Irrealis der Gegenwart, mit Konjunktiv II)

 

 

 

 

 

 

 

 


Querkopf II

Worum es geht? Darum, daß wir alle selbst denken

Als das Orakel von Delphi mit dem Spruch herauskam, Sokrates sei der Weiseste unter den Athenern, hatte er nichts Besseres zu tun, als daran zu zweifeln. – Jetzt müßte der Chor des Mainstreams energisch ausrufen: Das ist Gotteslästerung gegenüber Apollon, dem Herrn des Orakels zu Delphi!

War es das? Vielleicht ja, vielleicht nein. Wir wissen nicht, was Apollon gesagt hätte.

Aber Sokrates hatte nun einmal nicht den Eindruck von sich, wirklich weise zu sein. Also „testete“ er alle anderen, von denen er annehmen mußte, sie verstünden wenigstens was von ihrer Sache und da er nun mal von gar nichts was wußte, mußten sie ja nun nachvollziehbar auch als weiser erscheinen. – Er hat dann ganz Athen gegen sich aufgebracht, aber das ist eine längere Geschichte…

Das bei derartigen Untersuchungen etwas Überraschendes herauskommt und eben keine Petitio Principii, ist ja der Grund, warum man sich überhaupt solcher Mühen unterzieht, an allem zu Zweifeln. Und Descartes als Vater der Methode des systematischen Zweifels hatte zeitlebens Angst vor der Inquisition.

 Man wird aber auch immer mal wieder belohnt dafür, sich mit Zweifeln abzugeben.

Erst so kommt man zur eigenen Sicht, zu Inspirationen, zu Vorstellungen, daß irgend etwas auch ganz anders gesehen, gewesen oder sein könnte. – Das ist der Moment, wo im Krimi der Kommissar nach der vermeintlichen Lösung des Falles einem entsetzten Kollegen sagt: Das war zu einfach, wir fangen jetzt noch einmal von vorne an!

Mir ist nun derweil tatsächlich etwas Überraschendes untergekommen, als ich versucht habe, dahinterzukommen, was denn wohl die Motive der Impfverweigerer sein könnten. So arbeite ich und das ist meine Methode: Man glaubt einfach alles, tritt gutwillig wie ein Kind voller Vertrauen heran und versucht alles nachzuempfinden, um aus der Perspektive des Anderen einfach nur zu verstehen. Dabei muß man die Einstellung nicht wirklich übernehmen oder gar teilen. Es genügt bereits, die Beweggründe nur nachvollzogen zu haben.

Als Philosoph weiß ich nun wiederum aus Erfahrung, daß die meisten Thesen schon bei der Vorstellung in sich zusammenbrechen, sie können sich einfach nicht halten aus vielerlei Gründen. Oft haben sie gar kein Fundament. Sobald sie stabil erscheinen, mache ich Belastungstests wie die Brückenbauer es tun. Ich will genauer wissen, wie belastbar eine These ist und wann sie, unter welchen Umständen, wie schnell kollabiert.

Das Besondere an den allseits verteufelten Ungeimpften scheint mir zu sein, daß sie es sich nicht leichtgemacht haben, zu ihrer Entscheidung zu kommen und dann auch dazu zu stehen. Mich reizt immer die Qualität von Begründungen, daher teste ich möglichst vieles tagtäglich auf philosophische Dignität. Ich teste nicht auf Kompatibilität zu den Glaubensbekenntnissen des Mainstreams. Da interessiert mich vieles andere, etwa, woher diese Kirchengläubigkeit kommt, die jetzt „die“ Wissenschaft zum einzig wahren Glauben erklärt und in allen Zweiflern nur gemeingefährliche Ketzer sieht.

Es geht um sehr viel mehr in der Corona-Kris. Und auch beim Philosophieren geht es um alles. Das Ganze ist immer das, was man mit Spekulationen andauernd in Erfahrung zu bringen versucht, das Ganze ist die Vernunft. Die vielbeschworenen Rationalitäten, im Plural, stehen immer nur für einen Teil des Ganzen.

Meinen vielen Untersuchungen zufolge ist es die Aufgabe der Vernunft, Modell-Vorstellungen vom großen Ganzen zu entwickeln. Also wann wäre etwa eine Expertenrunde vollständig, welche Positionen müssen einfach vertreten werden? Das war mein Job in der Technikfolgenabschätzung über viele Jahre, – so etwas zu organisieren, zu moderieren und den Diskurs darüber zu initiieren. – Wenn ich dagegen heute sehe, wie engstirnig, ja hochnotpeinlich einseitig die öffentlichen Debatten verlaufen, dann bin ich auf der falschen Party.

Wir haben es, so meine Diagnose, mit multiplen Systemversagen zu tun, was nicht hätte müssen sein. Die Hauptlast der Verantwortung liegt beim Bundesverfassungsgericht und dann bei den Medien, weil sie von Anfang an in Konkurrenz zum Internet auf Eskalation gesetzt haben. Die Politik hat sich verführen lassen, den großen Zampano zu geben.

Genau davor hat der heilige Niklas (Luhmann) immer gewarnt, zu glauben, man könnte den Autopiloten der Systeme mal abschalten und auf Handsteuerung gehen. Sorry, die Pilotenkanzel ist unbesetzt! Ja es gibt sie nicht einmal, die Hebel der Macht. – Da irren viele derer, die wirklich was dafür geben würden, wenn es die eine Geschichte von dem einen Bösen, also vom Haupt der Verschwörung wirklich gäbe, so wie bei James Bond, den ich deswegen mit Eifer schaue, weil er so rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Philosophie ist die Mutter aller Wissenschaften, daher haben wir auch einen Zugang zu allen Disziplinen. Als sie sich emanzipiert haben, um selbständige Wissenschaft zu werden, haben sie die radikalsten Fragen in der Philosophie zurückgelassen. Daher und daran läßt sich zu jeder Zeit sehr leicht anknüpfen. Wir haben jeder Zeit jeden Zugang. – Aber Philosophie ist auch eine Wissenschaft, was mich damals, als ich anfing, schwer begeistert hat, daß sogar die Denkfehler einen Namen haben, wie gute alte Bekannte. – Aber Philosophie ist auch Literatur, also arbeitet sie mit Metaphern, Mythen, mit allen erdenklichen Motiven für Idealvorstellungen, wie es die Götter für uns sind.

Worum es geht? Darum, daß wir alle selbst denken, auch auf die Gefahr hin, schief angesehen zu werden, was man sich denn wohl einbildet. Das ist nun mal der Preis. Und im übrigen besteht die Gefahr, ganz enorm daneben zu liegen.

Vieles ist eine Frage der Methode, und es gibt ein paar ziemlich gute Methoden. Ich bezeichne eine davon als die „Kunst des Zuschauers“, die andere als „Philosophie in Echtzeit“. – Und über allem hängt als Damoklesschwert der Leitspruch meiner Philosophie: Und hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Querkopf

Bekenntnisse eines Selbstdenkers

Jacques-Louis David: Der Tod des Sokrates (1787).

Ich bekenne nicht ohne Stolz, daß ich schon immer ein Querkopf war. Das hat mich früh in die Philosophie getrieben, der einzige Ort, wo die böse Warum-Frage ausgehalten werden muß und jeder Gedanke seine Chance bekommt. – Auch Gefühle und Inspirationen gehören dazu, sogar das, wofür noch gar keine Worte vorhanden sind.  

Querköpfe sind eher unbequeme Charaktere. Meinen Eltern war das ein Graus. Tatsächlich hat mein Vater im Zorn einmal zu mir gesagt: „Nie beugst Du Deinen Rücken!“ – Da war ich baß erstaunt, denn was konnte für einen angehenden Denker größer sein als dieses Lob. Und meine Mutter sagte: „Nie machst Du es so, wie alle anderen es machen. Immer machst Du alles auf Deine Weise!“ – Ja, auch das stimmt. Nur nehme ich diese Kritiken als Lob der Anerkennung.  

Neulich habe ich einen Freund besucht, ehemaliger WG-Genosse, lange Zeit mein Hausarzt, auch da habe ich immer meinen Kopf durchgesetzt. Auf dem Weg zu ihm, in Vorahnung auf die Ermahnungen dachte ich amüsiert über mich selbst nach: Ich nehme keine Betablocker, höre nicht wirklich auf den Rat von Ärzten, lasse mich allenfalls beraten und bilde mir mein eigenes Urteil vor dem Hintergrund meiner Kenntnisse. Ich schnalle mich im Auto nicht an, weil ich der Auffassung bin, daß der Staat nicht das Recht hat, mir das abzuverlangen. Ich bin gegen das Rauchverbot, obwohl ich selbst seit Jahrzehnten nur noch rauchen lasse. – Es gibt diese Eigentümlichkeit bei Rauchern, daß sie irgendwie „wacher“ sind und für mich und meinen Geist einfach oft die besseren Gesprächspartner.

Und noch nie habe ich eine Grippeschutzimpfung machen lassen, und wie selbstverständlich bin ich auch gegen Corona rein gar nicht geimpft. Und natürlich verwende ich auch die Alte Rechtschreibung. Da kommt also einiges zusammen: Ungeimpft, Gefährder, Wissenschaftsfeind, Covidiot, Verschwörungstheoretiker, Esoteriker.  

Seit Februar 2020 schreibe ich an einem Buch zur Philosophie über die Krise, vor allem auch über die „Schließung der Diskurse“. Ganz früh wurden nämlich sehr viele Perspektiven einfach ausgeschlossen. Wer dann noch so etwas überhaupt ansprechen wollte, war schon draußen, exkommuniziert wie in der Kirche. Und viele Medienvertreten haben sich dann auch noch ereifert mit Verunglimpfungen jeglicher Art. Man hat die Kritiker nie ernst genommen, weil man einfach daran glaubt, den richtigen Glauben zu haben, streng wissenschaftlich natürlich.

Alles im Namen „der“ Wissenschaft, welcher eigentlich? Seither gelten Glaubensbekenntnisse, die viele bereits im Halbschlaf herunterbeten.

Ja, die Gesellschaft polarisiert sich, weil der Eindruck erzeugt wird, die Ungeimpfen seien verantwortlich dafür, daß die ganze Gesellschaft sich bisher noch nicht „freiimpfen“ konnte. 

Daran sind wie üblich die Ungläubigen schuld. – Die Impfung ist zur Taufe geworden, es geht zu wie im Mittelalter. Aber der Kirchenglaube hält sich inzwischen auch noch für aufgeklärt. Man sieht kausale Zusammenhänge: Wer sich nicht impfen läßt, kommt ins Fegefeuer, das sei so sicher wie das Amen in der Kirche. – Aber die Diskurse laufen weiter, wenn nicht in den üblichen Medien, dann eben im Netz. Inzwischen gibt es schon Dating-Portale für Ungeimpfte.

Mir ist neuerdings etwas Phänomenales aufgefallen, was ich mir bislang noch nicht erklären kann. Man fragt sich ja inzwischen den Impfstatus ab: Männlich, weiblich, divers, geimpft oder ungeimpft? ­- Dabei ist mir aufgefallen, daß mir „die“ Ungeimpften oft die sympathischeren Menschen sind. Nein, nicht weil sie ungeimpft sind, sondern weil sie ihre eigenen Gründe haben, nicht geimpft zu sein. Und das hat wiederum etwas mit meinem Querkopf zu tun, denn sie haben auch einen, über den sich immer zu Reden lohnst. – Man ist doch gern in guter Gesellschaft.

Die mir lieb gewesene Bezeichnung vom „Querdenker“ ist inzwischen bereits verbrannt. Aber meinen Querkopf lasse ich mir nicht nehmen.

Philosophen sind nun in der Höhle nicht sehr beliebt, sie stören den Normalverlauf, daher das Urteil gegen Sokrates. Früher als der Prophet der Christen ist da einer für seine Denkungsart in den Tod gegangen. Er hätte sich retten können, denn alles war arrangiert, der Wächter bestochen, die Gefängnistüre offen und dahinter standen schon die Pferde für die Flucht nach Sparta, wie sie Protagoras wohl 10 Jahre früher bereits absolviert haben soll. – Wenn man nun darüber nachdenkt, warum Sokrates geblieben ist, dann kommt man irgendwann darauf, daß er in Athen bleiben mußte, um weiterhin Sokrates zu sein. Er hätte sich selbst verraten, wäre er geflohen.

Das ist dann auch die Geste, die dann vom Christentum gekapert worden ist. Nicht auf den christlichen Himmel, auf die göttlichen Ideen kommt es an! Ja, das wäre die allerbeste Gesellschaft.   

 


Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Über Menschenwürde und Impfzwang

Viel war immer von „Würde“ die Rede, gerade in Deutschland. Dieser Begriff war wie ein Fetisch, man hob ihn sehr hoch und höher. Aber den allermeisten war das Gemeinte so faßbar wie die Begriffe Leib und Seele.

Und da nun die „harten“ Wissenschaften keinen Zugang haben zu alledem, ist es eigentlich schlecht bestellt um das,  was gemeint sein könnte. Allenfalls wird widerwillig noch so etwas wie Psyche zugestanden aber dann auch nur mit einem Manko. Wenn etwas „psychologisch bedingt“ ist, dann ist es zugleich „nur psychologisch“.  – Es ist gewissermaßen grundlos, weil es ja nun keine „kausale“ Ursache gibt, oder?

Das ist der bornierte Materialismus einer Kultur, die inzwischen gefährlich geistlos geworden ist, wie sich an der aktuellen Debatte um den Impfzwang zeigt.

„Würde“ ist unfaßbar für alle diejenigen, die meinen, es gäbe nur eine einzige Wahrheit, nämlich diejenige, die sich in Zahlen messen und naturwissenschaftlich thematisieren läßt. Ja und Liebe wird zur Hormonstörung, ist es nicht so? Und Schönheit kommt von außen, tausend InfluencerInnen können nicht irren?

Alles, was nicht ins Prokrustenbett dieser Unbildung paßt, wird passend gemacht. Das geht so weit, daß BiologInnen in den Talkshows der Republik unwidersprochen zwischen Glauben und Wahrheit unterscheiden, um dann “die Wahrheit” für sich zu reklamieren. Und alles andere ist Hokuspokus? – Ich muß doch sehr bitten.

Das Niveau ist inzwischen unterirdisch. Die so scheel beäugte Psyche geht gerade über Hecken und Zäune. Es geht schon längst nicht mehr um körperliche Gesundheit. Wir haben es mit einer Massenhysterie zu tun, die nun Sündenböcke braucht, weil aus alledem, was man sich versprochen hat, durch Impfen wiederzugewinnen, nichts wie erwartet gekommen ist. – Dabei wurde von Anfang an rücksichtslos alles ins Opferfeuer geworfen, ob es das Seelenheil von Kindern ist, denen man sagte, sie würden den Tod bringen oder die Würde der Sterbenden und Dementen, die ohne jede menschliche Berührung wegdämmern und sterben. Die Liste ist inzwischen unübersehbar, was da an Schäden angerichtet worden ist.

„Würde“ ist ein höchst intimes Selbstverhältnis zwischen Ich und Selbst, Körper und Psyche, Leib und Seele, Sinnlichkeit und Geist. Es ist dieser seltsame Widerspruch, daß wir von den einen nicht einmal flüchtig berührt werden möchten, während wir uns den anderen mitunter vorbehaltlos hingeben können. Das hat etwas mit einem Vertrauen zu tun, das nicht eingefordert werden kann.

Was haben wir denn für Bilder im Kopf, wenn „unser Körper“ gerade mit etwas ringt? Das sind Narrative, die wir uns durch den täglichen Wissenschaftsjournalismus einfangen. Als ob das alles wäre, um zu sagen, wer und was „wir“ denn so alles „sind“.

Naiv sind weniger die der Esoterik Verbundenen, sie versuchen wenigstens eigene Worte zu finden für dieses Intimverhältnis. Während die anderen nur ihre Geistlosigkeit demonstrieren und einen längst arbeitslos gewordenen Kirchenglauben nunmehr auf „die“ Wissenschaft richten, ja welche denn? – Es gab zu allen Zeiten einfache Gemüter und diese wußten darum. Nur, inzwischen halten sich diese auch noch für aufgeklärt, wenn sie daran gehen, andere zu belehren, um sie auf den richtigen Glaubensweg zu bringen.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und das Leben ist der höchsten Güter nicht; – vieles, unendlich vieles ist schon gesagt worden darüber, daß es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, zwischen Körper und Geist, von denen sich unsere Wissenschafts-Weisheiten nun wirklich nicht einmal eine Vorstellung machen können.

Alle diese Schuster sollten bei ihren Leisten bleiben, denn es ist zwischen Technik- und Naturwissenschaften einerseits und zwischen Geistes- und Kulturwissenschaften andererseits zu unterscheiden. Und die Borniertheit mancher Fachvertreter und ihrer Nachbeter sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir es mit einer komplexen und auch tiefgründigen Wirklichkeit zu tun haben. – Wir haben eine Innenwelt, die es mit den unendlichen Weiten des Kosmos spielend aufnehmen kann, wenn man bedenkt, wer und was in unserer Phantasie so alles leibhaftig ist.

Als ich in einem Thinktank vorzeiten desöfteren interdisziplinäre Expertenkreise moderiert habe, gab es nicht selten diese Kindlichkeit im Auftreten von Sachverständigen, wenn sie mal für etwas nicht zuständig sind, sondern andere, noch dazu konkurrierende Disziplinen. Man mußte dann schon energisch werden, um sie dahin zu bewegen, nur über ihre Sache sprechen, wovon sie schließlich etwas verstehen aber nicht andere schlecht reden. – Genau das aber geschieht nun in dieser Gesellschaft. Da sucht eine aufgehetzte Mehrheit nach Sündenböcken und erklärt alle Andersdenkenden zu „Gefährdern“.

Die Mehrheit hat nicht das Recht, sich so eine Minderheit zu erschaffen, um dann über sie herzufallen, nur weil sie sich hat Angst machen und mit falschen Versprechungen und trügerischen Hoffnungen ins Bockshorn jagen lassen. Die Gesellschaft hat nicht das Recht, so zu tun, als sei sie eine Gemeinschaft und hätte dementsprechende Rechte. Gerade unsere real existierende Gesellschaft ist sozial kälter als viele andere, daher hat sie sogar noch weniger Rechte als jene. Der Staat hat nicht das Recht, ein Impfregister aufzubauen, denn bereits das verletzt die Würde im Datenschutz und die informationelle Selbstbestimmung. Und der Staat hat schon gar nicht das Recht, in das intime Verhältnis zwischen mir und meinem Körper einzugreifen. Das wäre mehr als die Verletzung meiner Würde, das wäre bereits Mißhandlung. Nur eine Vergewaltigung wäre noch übler.

Und für Neunmalkluge: Wenn ich in eine Alkoholkontrolle gerate und gefragt werden, ob ich mit einer „freiwilligen Alkoholkontrolle“ einverstanden sei, dann frage ich stets, was daran freiwillig sein soll. Wenn nicht, dann müsse ich eben mit zur Wache kommen, wo mir zwangsweise Blut für einen Alkoholtest abgenommen würde, erklärte mir der Beamte. Da habe ich ihm wiederum erklärt, daß das keine Freiwilligkeit sei. Verdeutlicht habe ich es ihm am Beispiel seiner Kollegin, die daneben stand. Wenn ich diese auffordern würde, mich nicht abzuweisen, wenn ich ihr würde nahetreten wollen, weil ich ansonsten „Maßnahmen“ ergreifen würde, was das dann wäre. Nötigung mindestens, vielleicht Freiheitsberaubung, vielleicht mehr.

Nur, wenn ich mit einem Fahrzeug am Straßenverkehr teilnehme, gebe ich gewissermaßen einen Teil meiner Grundrechte preis. Sollte mir das nicht geheuer sein, könnte aber auch auf das Fahren verzichten… – In der Corona-Krise habe ich diese Alternative nicht, ich kann nicht nicht leben oder mal eben auswandern.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, das ist eines der meistgeglaubten Standards, und dann werden immer wieder Analogien gesucht, wohl, weil wir dann doch aus den Fehlern der Geschichte lernen wollen. Ich denke in den letzten Wochen desöfteren an die berühmt-berüchtigte Schrift von Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat:

„Auf diese Weise konfrontiert der Staat nie das Innere eines, intellektuell oder moralisch, sondern nur seinen Körper, seine Sinne. Der Staat ist nicht mit überlegener Weisheit oder Redlichkeit ausgerüstet, er besitzt nur überlegene physische Stärke. Ich bin nicht geboren, um mich zwingen zu lassen. Ich will nach meiner eigenen Art atmen. Laßt uns sehen, wer der Stärkere ist.“ (Henry David Thoreau:

Uber die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. 1849. S. 9.)

Civil_Disobedience


Wir haben nicht nur Corona, – wir haben auch Demokratie

Es ist erstaunlich, wie wenig vertrauenserweckend die mentalen Widerstandskräfte sind, wenn es um „Gesundheit“ geht. – Es wäre wünschenswert, an Leib und Seele gesund zu sein, und ein wenig Glück dürfte auch noch mit dabei sein. Nicht zu vergessen die Liebsten und Freunde mit Nähe und Mitgefühl, des lebt und feiert sich in Gemeinschaft einfach besser.

Aber was ist denn aus der Nähe inzwischen geworden? Die ganze Gesellschaft fügt sich einem Medizin–Diskurs, wie ihn Michel Foucault schlimmer nicht hätte ausmalen können. – Dabei hat der Glaube an ‚die‘ Medizin selbst etwas Abergläubiges in der Erwartung, sie wäre „Wissenschaft“ und sonst gar nichts. Alles andere sei dagegen nichts weiter als Ketzerei, eine Abweichung vom einzig wahren Glauben und zuletzt einfach nur Querdenkertum und Hokuspokus.

Teaser. Das Erste: Hart aber fair. Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Welt ist aber viel komplexer, als es sich Politik und Medizin träumen lassen, die sich in dieser Krise zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu stützen. Herausgekommen sind Verhältnisse, als lebten wir noch im 19. Jahrhundert. Da gibt es eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen Arzt und Mediziner. – Letztere waren damals noch Staatsbeamte und sie standen zumeist auch im Militärdienst und so ist dann auch heute noch immer die Denkungsart.

Mein Doktorvater, Prof. Wilhelm Goerdt war Mitglied der ersten Ethik–Kommission in Deutschland. Er hat mir berichtet, daß es in den ersten Sitzungen über den sogenannten „Mündigen Patienten“ ging. Und er, der ein hervorragender Moderator in Seminardiskussionen war, weil man da stets ins Schwitzen kam auf der Suche nach besseren Argumenten, war völlig entsetzt und befremdet darüber, daß die Mediziner oft einfach nicht verstanden, nicht verstehen wollten und auch nicht konnten, was wohl mit dem „Mündigen Patienten“ gemeint sein könnte.

Nun hat sich die Politik im Zuge der Corona–Krise in einen Aktivismus verrannt. Sie hat Ängste geschürt und Panik verbreitet und glaubte, sie könnte diese globale Naturkatastrophe „in den Griff bekommen“, bewältigen und steuern. Dabei ist erheblicher Schaden angerichtet worden, nicht nur der Verlust an jahrzehntelang „ersparten“ Steuermilliarden, sondern auch seelische Schäden bei Kindern, psychische Belastungen bei jungen Leuten und viele, sehr viele verlorene Träume, um von den Traumatisierungen gar nicht erst zu sprechen. – Der französische Präsident hat den Kriegszustand ausgerufen und dann ist es auch zu unüberschaubaren Kollateralschäden gekommen.

Hinter alledem steckt ein obsoletes Menschenbild, das aus dem 19 Jahrhundert stammt und in dieser Krise fröhliche Urständ feiert, weil sich Politik und Medizin zusammengetan haben. – In der Pädagogik und in der Psychologie wird dagegen seit etwa 1900 von einem völlig anderen Menschenbild ausgegangen, daß der Mündigkeit, der Selbstfindung, der Selbstverantwortung, der Entwicklung und der Emanzipation.

Und jetzt, wo allmählich kaum noch abzustreiten ist, daß alle Maßnahmen die versprochene Wiederkehr zur Normalität einfach nicht bewirken, daß Geimpfte nicht etwas immun, sondern weiterhin ansteckend und auch gefährdet sind, daß viele der erbrachten Opfer eben nicht erbracht haben, was in Aussicht gestellt worden ist, jetzt wird nach den Schuldigen gesucht wie in einer Ketzerverfolgung. Aber die Verantwortung liegt in dieser fatalen Kooperation zwischen Politik und Medizin auf der Grundlage eine inhumanen Menschenbildes.

Eric Claptons Handabdrücke und seine Unterschrift auf dem Rock Walk; 9. Juli 2005, Hollywood. Foto: Nick Wille, via Wikimedia.

Wir haben nicht nur Corona, wir auch Demokratie und vieles wesentliche andere mehr. Die überbordenden Machphantasien, in denen Medizin und Politik sich verlieren, wenn und sobald sie sich zusammentun, sind pädagogisch kontraindiziert. Sie verunsichern, erzeugen Panik und machen krank. Die Gesellschaft wird polarisiert, nur, weil der Mut fehlt, zugeben zu können, daß der gute Wille mitunter die schlechtesten Ergebnisse erzielt. – Der Aktivismus, der Steuerungswahn, die Überheblichkeit, mit ganz wenigen, völlig fixierten Modellen zu kommen, um dann zu glauben, eine solche Krise ließe sich bewältigen mit nur ganz wenigen Hinsichten und Rücksichten, ist fahrlässig.

Alle Systeme haben inzwischen Schaden genommen, allem voran das Vertrauen in Politik, Staat, Medizin, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und auch in die offene Gesellschaft, die sich selbst zum Feind wird.

Ganz entsetzlich ist es, daß immer wieder neue Sündenböcke ausgerufen werden. Erst waren es die Kinder, dann die Jugendlichen und jetzt sind es die Ungeimpften. – Querdenker war mal eine ehrenvolle Bezeichnung für solche, die den Mut aufbrachten, sich des eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Jetzt wird auch noch das kreative, unkonventionelle, ergebnisoffene Denken verunglimpft.

Die Politik hat sich viel zu sehr einnehmen lassen von nur ganz wenigen Disziplinen, die nicht einmal Wissenschaft sind, sondern Technik. Aber der Technik werden eigentlich die Ziele vorgegeben. Und da hätten ganz andere Ziele gesetzt werden müssen, möglichst unbeschadet durch die Stromschnellen dieser Krise zu steuern. Aber man hat eine Ideologie daraus gemacht und erwartet Gehorsam, wo Vertrauen gar nicht vorhanden sein kann.

Dieser Staat und diese Medizin haben mit dieser, ihrer Geschichte ein wirklich großes Vertrauen einfach nicht verdient. Dieser Staat hat diese Gesellschaft mehrfach in schlimmste Katastrophen geführt und die Medizin stand ihm immer zur Seite dabei. Es ist an der Zeit, die vielzitierte Mündigkeit endlich in Anspruch zu nehme.

Tatsächlich haben immer nur die Patienten das letzte Wort, denn sie tragen auch alle Konsequenzen. Weil dem so ist, haben sie auch die Verantwortung dafür, wem sie sich anvertrauen. – Mag ein Arzt noch so überzeugt sein, von seiner Therapie, wir tragen die Verantwortung uns selbst gegenüber und Ärzte haben nicht das Recht, uns dann zu maßregeln.

Weil aber diese Disziplinen gar nicht in der Lage sind, die eigentliche Vulnerabilität der ganzen Gesellschaft in den Blick zu bekommen, stürzen sie sich auf das, was sie messen können. Aber das ist nicht das, worauf es einzig und allein ankommt, wenn es auf das große Ganze ankommt. Da nun aber inzwischen bereits exorbitant hohe, auch menschlich kostspielige Opfer gebracht worden sind, ohne daß sie wirklich geholfen haben, verlegt man sich nun auf die Spaltung der Gesellschaft. Das war immer so in vormodernen Zeiten, wenn und weil man sich vieles nicht erklären konnte, das sollte heute aber anders sein.

Die offene Gesellschaft neigt inzwischen dazu, sich selbst zu verletzen. Helfen könnte, endlich herunterzusteigen vom hohen Roß der Erregungskultur, in der sich stets die wichtig tun, die am wenigsten zu sagen haben. – Stattdessen findet ein Rückfall in urtümliche Zeiten statt, die zweimal schon zum Weltenbrand geführt haben.

Wer nun behauptet, es wäre jetzt aber wirklich angesagt, mal wieder auf den autoritären Charakter zu setzen und auf eine Hinterwelt–Pädagogik, in der Menschen wieder eingeschüchtert, gebrochen und umerzogen werden ist ein Feind der offenen Gesellschaft. – Allein schon der Flirt mit totalitären Systemen wie China ist ein geistiges Armutszeugnis.

 

55:55 Frank Plasbeck: „Darf ich mal ganz kurz einen Gedanken reinbringen. Wir reden ja vielleicht sogar über kindliche Fragen, wieviel Druck braucht ein Kind, um eine Verhaltensänderung zu haben. Und wenn Sie sich anschauen, wie sich Druck ausübt, auch jetzt steigen die Impfzahlen ja wieder…, plötzlich, wenn man das sieht, was zuvor immer wieder besprochen worden ist mit den Ärzten, in den Medien, dann hilft plötzlich Druck,…

59:50 Svenja Flaßpöhler:  Mir fällt nur auf, Sie haben ein völlig anders Demokratieverständnis als ich.  Sie reden von Kindern, auf die man Druck ausüben muß.  Sie sagen, man kann von Kindern lernen, daß, wenn man Druck auf sie ausübt, dann verändern sie ihr Verhalten… Wenn man wirklich über Bürgerinnen und Bürger redet und sie als Kinder bezeichnet, auf die man Druck ausüben muß, (lacht).  Also mein Demokratieverständnis ist sozusagen hundertprozentig ein anderes.“ Das Erste:  Hart aber fair.  Nur ja keinen Zwang:  Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Reaktionen gegenüber denen, die von der reinen Lehre abweichen, läßt nicht von ungefähr an mittelalterliche Verhältnisse denken mit Pranger, öffentlicher Demütigung und Exkommunikation. Aber man sollte sich eines vor Augen führen. Zu denen, die sich da, wenn auch erst allmählich zu Wort melden, zählen auch ganz bedeutende Künstler aus der Rock–Generation. 

Eric Clapton ist noch unter der Lüge aufgewachsen, seine Mutter sei seine Schwester. – Er gilt als Erfinder des Bluesrock, was darauf verweist, daß er sich mit der Musik der Schwarzen zu einer Zeit befaßt hat, als noch die Apartheit galt. – Wenn er dann deutlich macht, er wolle nicht, daß sein Publikum oder Teile seines Publikums diskriminiert würden, dann geschieht diese politische Demonstration vor diesem Hintergrund. 

Die Nachkriegszeit brachte einen epochalen Umbruch mit sich, gegen autoritäre, kriegerische, totalitäre und diskriminierende Verhältnisse, die seinerzeit noch normal zu sein schienen. Gerade der Bluesrock hat unendlich viel geöffnet und die Schmerzen gelindert, die die Sklaverei mit sich gebracht hat. Die Wunden zu heilen, dazu bedarf es allerdings noch sehr viel mehr. 

Derzeit ist der Zeitgeist offenbar wieder so weit, daß manche, die gar keine Ahnung haben, wie sich repressive Verhältnisse anfühlen, wenn sie ein wenig mehr Diktatur sich durchaus vorstelle könne, auf jeden Fall gegen die Anderen, wer immer das ist.  – Dagegen werden manche der alten Geister mit Gewißheit wieder aufstehen, um zu sagen, was zu sagen ist.

Do you wanna be a free man / Or do you wanna be a slave? / Do you wanna wear these chains / Until you’re lying in the grave?

Und natürlich wirkt der Vergleich der Corona–Maßnahmen mit der Sklaverei verstörend. Aber es geht nicht um eine Gleichsetzung. So etwas läßt sich niemals ins Verhältnis setzen, denn dann müßte gesagt werden, was denn nun mehr oder weniger “schlimm” war. – Es kann daher “nur” darum gehen, daß wir aus der Geschichte ernsthafte Konsequenzen ziehen, daß derartige Verhältnisse als solche nie wieder zugelassen werden sollen. 

Es geht darum, was Menschen anderen Menschen antun können, gerade am Anfang schon, wenn erste böse Gefühle aufkommen und verstärkt werden. – Wer Diskriminierung erfahren hat, wird sie nie wieder zulassen, nicht einmal ansatzweise. 


Technikethik

Technikethik:

Technische Entwicklungen kontrovers reflektieren

Kolloquium 

WS 2021 | donnerstags | 14:00–15:30 | Online
Beginn: 28. Okt. 2021 | Ende: 10. Febr. 2022

Zum Kommentar als PDF

Von Verantwortung ist immer wieder die Rede. Ja, sie ist vakant und der Lauf der Welt ist alles andere als vertrauenserweckend. Der gute Wille allein genügt nicht. Zu unterscheiden sind mindestens das Subjekt der Verantwortung, der Verantwortungsbereich und die Verantwortungsinstanz, (ehedem Gott und jetzt?).

Es gilt näher hinzusehen, wenn wir Fragen der Verantwortung angehen wollen, denn der Begriff ist mehrdimensional. Der Karlsruher Technikphilosoph Günter Ropohl hat das Ganze auf eine Formel mit sieben Variablen gebracht: Wer verantwortet was, wofür, weswegen, wovor, wann, wie? Wir müssen doch nicht alles machen, was wir können. Wie weit geht ihre (persönliche) Verantwortung wirklich?

Dieses Kolloquium soll Fragen der Technikethik praktisch erfahrbar machen. Das wird anhand von Fallstudien aus ihren eigenen zukünftigen Berufsfeldern geschehen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren lassen. Dabei kommt es weniger auf das Ergebnis an, sondern auf die Qualität und den Austausch der vorgebrachten Argumente.

Betreiben wir also Technikethik ganz konkret. Nehmen wir uns reale Situationen vor: seien es der Abgasskandal, Stellungnahmen zum Einsatz von Genmanipulation, der Einsturz der Brücke in Genua, Unfälle im Rahmen von Fahrten mit autonomen Pkw — oder was immer Sie umtreibt. Tun wir so, als wären wir unmittelbar dabei und hätten etwas zu sagen. Inszenieren wir die Kontroversen, in denen Techniklinien gestaltet werden, um sie am eigenen Leib zu
erfahren. Die Veranstaltung soll Ihnen dazu dienen, Erfahrungen zu machen, die später womöglich auf Sie zukommen. Es ist dann fast wie ein Privileg, sich später daran zurückerinnern zu können, so etwas Ähnliches schon einmal durchgespielt zu haben.

Nein, wir müssen es nicht.
Aber?
Aber wir werden es machen.
Und weshalb?
Weil wir nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt,
ob wir es wirklich können.

(Hans Blumenberg)

Dirck van Baburen: Prometheus wird von Vulkan angekettet (1623). — Quelle: Public Domain via Wikimedia. — Prometheus, der Gott des Fortschritts, wird auf Geheiß des Zeus, unter Aufsicht des Götterboten Hermes, vom Gott der Technik Vulkan an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet. Sein Vergehen: Er hat aus Menschenliebe die Technik zu den Menschen gebracht. Diese sollten darauf den Fortschritt einige Jahrtausende nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Zeiten sind vorbei, als Ingenieure und Ingenieurinnen fast jede weitere Verantwortung noch zurückwiesen mit den Worten, sie würden die Technik nur herstellen, seien aber nicht verantwortlich dafür, was daraus würde. — Aber machen wir uns nichts vor, Versuche, den technischen Fortschritt auf ›bessere‹ Bahnen zu lenken, gab es viele. Unvergessen ist das Wort von Ulrich Beck: Die Ethik spielt im Modell der verselbständigten Wissenschaften die Rolle einer Fahrradbremse am Intercontinental Flugzeug. 

Forderungen nach Ethik, Verantwortung, Technikfolgenabschätzung, nachhaltigem Wachstum und Kilmaschutz werden tagtäglich erhoben und sind nicht unproblematisch, denn es ist auch Überforderung im Spiel. Wofür sind wir als Einzelne verantwortlich und wie soll denn die Gesamtverantwortung wahrgenommen werden? Allmählich wird es Zeit. Wer gibt die Technikziele vor oder generieren sie sich selbst?

Was viele Verschwörungstheorien noch unterstellen: Es gibt sie nicht, die Schaltzentralen der Macht, in denen die Ziele des Fortschritts vorgegeben, der Kurs eingestellt und die Entwicklungen koordiniert werden. Zweifelsohne spielen Technik und Wirtschaft eine große Rolle, aber auch Politik und Kultur.

Der blaue Planet ist zur Anthroposphäre geworden. Inzwischen wurde bereits ein neues Erdzeitalter ausgerufen, das Anthropozän. Die Zivilisation ist nunmehr alles entscheidend für das Schicksal des ganzen Planeten und die Zukunft der Menschheit. Die Erde ist zum Raumschiff geworden. Wir rasen durch einen lebensfeindlichen Raum, hinter uns eine erst kurze Episode der Zivilisation und vor uns eine Zukunft, die mit sich selbst auf Kollisionskurs geht.

Wenn es sie denn gäbe, die Kommando–Brücke, in der die Navigation vorgenommen wird, wenn wir dorthinein gelangen könnten, es wäre der Schock unseres Lebens. Denn die Pilotenkanzel ist leer, alles steht auf Autopilot und niemand wäre in der Lage, den Flug ›von Hand‹ zu steuern. Dabei ist das Ganze keineswegs nur eine Frage der Technik, sondern auch eine von Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft und vielem anderen mehr.

Jan Cossiers: Carrying Fire (ca. 1630). Prometheus stiehlt das Feuer aus der Werkstatt des Vulkan. Es ist nicht das Herdfeuer, das hatten die Menschen schon sehr lang. Es ist das Metallurgenfeuer, womit die Bronzezeit begann und
dann auch die Zivilisation. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Daher genügt es längst nicht mehr, einfach nur ›gute‹ Technik zu machen, Probleme pragmatisch zu lösen, im Sinne des ›state of the art‹ zu entwickeln, Normen und Vorschriften einzuhalten usw. usf. — Darüber hinaus stellt sich vor allem auch die Frage, wie weit denn die persönliche Verantwortung reichen soll. Es ist nicht allein die Technik, die den Fortschritt bestimmt, es sind viele verschiedenen Faktoren, die eine Rolle spielen. — Die Rollen im Mythos vom Prometheus, der den technischen Fortschritt zur Darstellung bringt, lassen die Zusammenhänge erahnen.

Da ist der Menschenfreund Prometheus, der mit besten Absichten die Entwicklung anfacht, aber eigentlich nicht sehr glücklich agiert. Da ist Vulkan, der Techniker, der alles tut, was ihm aufgetragen wird. Er murrt zwar, als er den geschätzten Kollegen anketten soll, aber er tut es. Da ist Zeus, der ein ambivalentes Verhältnis zur Menschheit hat und daher hin und hergerissen ist über das Prometheus–Projekt. Da ist Athene, die Göttin der Weisheit, die den neuen Zivilisationsmenschen eine Seele einhaucht. Sie spendet auch die Wissenschaft und die Vernunft. Außerdem ist da noch Pandora, die mit allen Gaben Beschenkte, die die Gaben der abdankenden Götter zu den Menschen bringt, aber eben auch die damit verbundenen Übel. Und da ist noch Epimetheus, ein Melancholiker, der sich in Pandora verliebt. — Das dürfte genügen, die verschiedenen Seiten und Interessen zu charakterisieren, die dafür sorgen, daß der Fortschritt eben einen bestimmten Gang nimmt.

Als der Münchener Soziologie Ulrich Beck im Jahre 1958 den Eintritt in die Risikogesellschaft diagnostizierte, sah er den technisch–ökonomischen Fortschritt überlagert von immer größeren, ungeplanten Nebenfolgen, grenzüberschreitenden Umweltproblemen und globalen Folgen Es gibt inzwischen einen Grad an Komplexität, der sich nicht mehr steuern oder gar beherrschen läßt. Eigentlich müßten alle unsere Innovationen unterhalb dieser Schwelle bleiben, aber das Gegenteil ist der Fall. Also wofür sind Techniker, Ingenieure und Ingenieurinnen wirklich verantwortlich? Welcher Teil der Verantwortung fällt anderen zu?

Harry Bates: Akt (1891). Auf Geheiß des Zeus wurde von Vulkan eine Frau erschaffen, mit allen Gaben der Götter ausgestattet und von Hermes zu den Menschen gebracht. Sie brachte jedoch nicht nur die Fähigkeiten der Götter, sondern auch die damit verbundenen Übel auf die Erde. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Es ist keine unproblematische Entwicklung, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr Verantwortung auf Einzelne übertragen wurde, während die Gesamtverantwortung sich immer weiter verflüchtigt. Wer verantwortlich sein soll, muß gestalten, muß auch anders entscheiden können, erst dann kann Verantwortung zugeschrieben werden. — Insofern ist der Anspruch auf Ethik und Moral das eine, wie damit ganz praktisch umgegangen werden kann, ist das andere. Sich verantwortlich zu fühlen für Verhältnisse, die nicht in der eigenen Macht stehen, ist daher nicht unproblematisch. Wer Verantwortung übernimmt, muß ›Nein sagen‹ können oder ›So nicht!‹.

In diesem Seminar sollen solche Konflikte in Wertfragen, Zielkonflikten und der moralischen Integrität durchgespielt werden. Das geschieht anhand von Beispielen einschlägiger Dilemma–Situationen. Mitunter sind die Rahmenbedingungen schon problematisch, etwa wenn es gilt, unter den Bedingungen schlechter Kommunikationsverhältnisse und aus Sorge um die eigene Reputation fachlich kompetent und moralisch integer zu handeln. Dazu bedarf es einiger Erfahrungen, die genauso wichtig sind wie das ganze technische Know–how.

Dazu hat der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß eine hilfreiche Unterscheidung geprägt: Zum technischen Verfügungswissen gehört auch ein ebenso wichtiges Orientierungswissen. Das eine sagt uns wie, das andere aber wozu.  — Mitunter geraten aber das Wie und das Wozu in Widersprüche. Die Technikgeschichte ist voll solcher Beispiele, wo erst sehr viel später sich Nebenfolgen mit kolossalen Wirkungen zeigen, bis sie endlich wahrgenommen und thematisiert werden.

Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, ob es nicht doch eine ›bessere‹ Technik gibt, eine, die von vornherein weniger Nebenfolgen hat. Technikutopien sind daher eine wichtige Orientierungshilfe, vor allem dann, wenn kritisch damit umgegangen wird. Wesentlich ist es, die verschiedenen Aspekte erörtern zu können und nicht zuletzt, andere zu überzeugen. Dazu ist kritisches Denken erforderlich. Daher geht es um die ethische, politische, ökonomische und ökologische Verantwortung im Ingenieurwesen. Erst das macht ›gute‹ Technik möglich, ein ›gutes‹ Gewissen und nicht zuletzt gute Professionalität. 

Bandicoot Robot: Converting manhole to robohole (2018). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Nennen-Technikethik-WS21

Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft, Identität

Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft, Identität

Vom Clan zum globalen Dorf: Emanzipation ist Selbstorientierung

Philosophie motiviert den Mut, durch Selbstorientierung über sich selbst hinauszuwachsen, sich immer weiter zu emanzipieren von jeder Fremdbestimmung durch Natur, Clangeist, Gemeinschaft oder Gesellschaft, bis hin zum Staat, der auch nicht unbedingten Gehorsam verdient, allzumal, wenn dieser notwendigen Entwicklungen im Wege steht. – Philosophie ist wie ein guter Geist in finsteren Zeiten, der Zuversicht vermittelt, in der Emanzipation, der Individuation, der Selbstorientierung und im Wunsch nach einer Glückseligkeit, die es mit der der Götter aufnehmen kann.

Flammarion. Holzstich eines unbekannten Künstlers. In: Camille Flammarion: Die Atmosphäre. Populäre Meteorologie; Paris 1888. S. 163. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Philosophie muß nachvollziehbar sein, sie sollte sich daher in aller Offenheit entwickeln. Wir können Vernunft nicht besitzen, wir können uns nur bemühen, >vernünftig zu werden<, indem wir uns auf Dialoge und Diskurse einlassen, in denen die Ratschlüsse der Vernunft erst zustande gebracht werden müssen. – Es geht um das entscheidende Orientierungswissen, und wo das nicht hinreichend ist, sind Diskurse über Orientierungsorientierung erforderlich.

Selbstwerdung, Selbstorientierung steht auf dem Programm. Das kann nicht nur, das muß stets individuell vonstatten gehen. – Nicht von ungefähr wird jede Philosophie argwöhnisch betrachtet, vor allem, wenn sie sich anschickt, ihren Kopf durch die Wolkendecke der vorgegebenen Weltordnung zu stecken.

Im Verlauf der Anthropogenese, der Kultur- und der Zivilisationsgeschichte, läßt sich eine Tendenz von der Heteronomie zur Autonomie beobachten. Mit neuen Techniken kommen neue Lebensweisen auf und mit ihnen neue Götter und neue Anschauungsformen. Was zuvor ausgeschlossen schien, wird möglich, was zuvor üblich war, kann schnell obsolet werden.

Es versteht sich, daß jeder Wandlungsprozeß immer Verlierer und Gewinner erzeugt. Etablierte Autoritäten können fast über Nacht eine zuvor noch unumstrittene Anerkennung einbüßen. Neue Leitbilder entstehen, die stets an den Bruchlinien zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft verlaufen, aber auch an denen zwischen Individuum und Gesellschaft. – Gerade mit dem Individualismus, der allmählich in den Städten aufkommt, gehen immense subjektive und intersubjektive Belastungen einher.

Mit jeder neuen Zeit betreten neue Götter und Priesterschaften die Bühne der Kulturgeschichte: Das war so, als die Schrift erfunden wurde und neue Götter aufkamen, die im Buch des Lebens lesen und zu Gericht sitzen sollten, doch vor allem, um die Verhältnisse in den neuen urbanen Welten zu stabilisieren.

Im Verhältnis zur tierischen Herkunft liegt das Geheimnis des Menschseins darin, daß wir mithilfe von Sprache und Kultur allmählich alle erdenklichen Erfahrungen, die einzelne Menschen jemals gemacht haben, miteinander teilen, nachvollziehen und uns leibhaftig aneignen können. – Zivilisation steigert die Prozesse der Erfahrung von Erfahrungen um ein Vielfaches. Das verschafft sehr viel mehr Lebens- und Ausdrucksmöglichkeiten, es erzeugt zugleich aber auch sehr viel mehr Unsicherheit. Insofern ist Zivilisation wie ein Joker, alles Lernen, jede Erfahrung, Einsichten, Erkenntnisse und Impressionen zählt plötzlich sehr viel mehr, weil, wenn und sobald wir sie mitteilen, also mit anderen teilen können.

Thomas Cole: The Course of Empire. Third Episode: The Consummation of Empire. 1835/6, New–York, Historical Society. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Der Staat muß alle diese Koexistenzen gewährleisten, und er wird kollabieren, wenn es ihm nicht gelingt, eine Vielfalt von Gemeinschaften in und mit ihren Interessen dauerhaft miteinander zu vergesellschaften. – Der Staat kann zwar nicht wissen, was die Gesellschaft umtreibt, aber es ist seine Aufgabe, ihr zu dienen und nicht über sie zu herrschen. Ihm fehlt schlichtweg die Phantasie, auch nur annähernd beurteilen zu können, was gerade gesellschaftlich von Bedeutung ist, warum und wozu.

In diesem Kontext spielen neue Überwachungs- und Spionagemöglichkeiten, insbesondere der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine wegweisende Rolle. Auf der Agenda der Weltgeschichte steht die Alternative: Entweder Totalitarismus oder Demokratie, entweder Misanthropismus oder Humanismus.

Derzeit schlittern nicht wenige auch westliche Staaten auf den Weg in die umfassende Überwachung des Öffentlichen Raums und aller sozialen Netze. Nie war die Gelegenheit so greifbar, göttergleich alles zu sehen, zu wissen und zu deuten, um damit zu machen, was auch immer irgendwelchen Machthabern gefällt, wenn, wo und solange sie nicht durch rechtsstaatliche Sicherungen, Verfassungen und Gerichte davon abgehalten werden.

Manche denken auch daran, den Prozeß der Zivilisation zu stoppen und die ganze Entwicklung mehr oder minder wieder umzukehren oder sie einzufrieren wie die Amischen, eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft, die den Fortschritt stillgestellt haben kurz vor Einführung von Auto und Elektromotor.

Thomas Cole: The Course of Empire. Fourth Episode: Destruction (1836). New–York, Historical Society. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Tatsächlich sind Verluste zu verzeichnen, die im Prozeß der Zivilisation mit aufgekommen sind, wovon einige äußerst schmerzhaft sind. Eigentlich entspricht es dem Wesen jener Kulturen, die vor jeder Zivilisation ihren Bestand hatten, Geschichte als solche erst gar nicht aufkommen zu lassen. – Also wurde jede Dynamik verhindert, kein Ungleichgewicht sollte aufkommen und wo doch, dort wurde alles unmittelbar wieder ausgeglichen durch Opfer, die das Errungene gleich wieder neutralisierten, auf daß keine >Geschichte< in Gang kommen kann.

Nach dem Bruch mit dem Geist geschichtsloser Kultur sind immer wieder Versuche dazu gemacht worden und ebensooft sind sie gescheitert. Offenbar gelingt es später nicht mehr, aus der Dynamik auszusteigen, um wieder ein alles umgreifendes geistiges umgreifendes Gleichgewicht zu schaffen und in einer Kultur als gelebtes Leben zu etablieren.

Utopien spielen mit diesen Visionen, sie spekulieren wie Sisyphus darauf, daß es >einmal< doch gelingen kann. – Sobald es aber wirklich ernsthaft versucht worden ist, Utopien in die Tat umzusetzen, bleibt davon oft nur schlechter Utopismus.

Aus der Zivilisationsgeschichte zu lernen bedeutet viel, u.a. zu wissen, daß es nicht gelingen kann, nach mittelalterlichem Muster die Gesellschaft in eine Zwangsgemeinschaft zu verwandeln. – Differenzen lassen sich weder religiös noch ideologisch einfach verbieten. Die einzige Möglichkeit den Geist einer alles umgreifenden humanen Kultur aufkommen zu lassen, wäre die einer humanen Demokratie, in der Partizipation gelebt wird.

Conchita Wurst für Österreich mit dem Lied „Rise Like a Phoenix“ bei der er- sten Kostümprobe für das Finale des Eurovision Song Contest 2014 Kopen- hagen. — Quelle: Albin Olsson, Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Public Domain via Wikimedia.

Im Prozeß der Psychogenese kommt ganz allmählich immer mehr Individualität auf. Zunächst langsam, dann immer schneller wird eine historische Dynamik entfacht, die sich inzwischen selbst perpetuiert. — Von Epoche zu Epoche werden immer neue Ansprüche auf persönlichen Ausdruck immer radikaler geltend gemacht, gegen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft. Erst diese Differenzen bringen die Zivilisationsgeschichte in Gang. Sie generieren die Dynamik der Zivilisationsgeschichte und beschleunigen die Wandlungsprozesse inzwischen immer mehr.

Gegenwärtig bringen Debatten über individualistische, singuläre Identitäten zusätzliche Irritationen mit sich und lösen einen weiteren Schub der Individualisierung aus. — Nachdem die binäre Differenzierung, entweder weiblich oder aber männlich ›sein‹ zu müssen, immer weiter dekonstruiert wurde, werden verschiedene Aspekte des Männlichen und Weiblichen beliebig miteinander kombinierbar. Zugleich steigt damit aber auch die allgemeine Verunsicherung.

Es geht inzwischen nicht mehr nur um Individualität, sondern immer mehr auch um die Selbstinszenierung der eigenen Singularität und darum, gegen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft ganz neu motivierte Forderungen auf Achtung, Anerkennung und Schutz geltend zu machen. — Auch die Individualisierung kommt im Prozeß der Zivilisation auf, sie ist das eigentliche Movens. Die Lebensverhältnisse wandeln sich, also läßt sich auch die ganze Selbstorientierung verändern. Nach diesem Metaprinzip bricht jede Individuation mit ›altehrwürdigen‹ Traditionen.

Zugleich kommt allgemeine Verunsicherung auf, weil immer auch Erwartungssicherheiten darüber verloren gehen und immer mehr Ambivalenzen und Ambiguitäten spürbar werden. Gerade die ganz neuen Freiheiten, Individualisierungen und Singularitäten haben einen besonders hohen Preis, weil zusätzliche psychische aber auch soziale Belastungen damit aufkommen.

Jede neue Freiheit geht mit Freiheitsschmerzen einher. Sich etwas davon ›herauszunehmen‹, damit Irritationen auszulösen und womöglich auch Zorn auf sich zu ziehen, ist das eine. Neue und andere Maßstäbe aber auf Dauer zu leben, ist etwas ganz anderes. — Individuation ist das treibende Moment, das den Prozeß der Zivilisation zunächst überhaupt erst in Gang gebracht hat und ihn seither durch immer neue Spannungen und Widersprüche immer schneller über sich hinaustreibt.

Nennen-Staat-Gesellschaft-Gemeinschaft-Identitaet-WS21

 


Worauf es wirklich ankommt.

Vortrag: Bildungshaus Batschuns, Österreich, 11.06.2021

In einer Krise zeigt sich, wer wir sind und worauf wir uns wirklich verlassen können und wie stabil die Verhältnisse wirklich sind.  Ob wir es wollen oder nicht:  Krisen sind Bewährungsproben, dann zeigt sich, ob wir uns anpassen, verändern oder vielleicht sogar über uns hinauswachsen können.

Reden stärkt, vor allem Verstehen.  Angst schwächt, ebenso wie Hetzkampagnen, das alles verwirrt und schmälert die Kräfte.  – Neue Stärken entstehen, sobald wir lähmende Ängste behutsam überwinden.

Eine Krise kann vorübergehend sein, im psychologischen Sinne sind Krisen jedoch nur der Anfang umfassender Wandlungsprozesse. – In Märchen und Mythen macht die Krise den Anfang, dann folgt zunächst die Katharsis und darauf die Transformation.

Vor allem für die Pädagogik zeigen die Erfahrungen der letzten 15 Monate, daß die Welt von Menschen gemacht und zu verantworten ist. Auch die Menschenbilder, die Unkultur öffentlicher Debatten, der Rückfall in fast religiöse Ängste, das alles gibt zu denken.

Diese Welt, so wie sie ist, hat keine Zukunft. Dabei ist die Klimafrage nur wie die Spitze eines Eisbergs. Wichtig wäre es, endlich auch in der Politik ein positives Menschenbild an den Tag zu legen, wie es in Pädagogik und Psychologie schon seit den 70er Jahren üblich ist. Staat, Politik und Behörden gehen aber immer noch vom Obrigkeitsstaat aus, wenn sie meinen, mündige Menschen vor sich selbst schützen zu müssen.

Das Bild vom Guten Hirten und seiner Herde ist obsolet, es sollte den vielen Autokraten überlassen werden. Der in der Corona-Krise erstarkte Staat wird bleiben. Daher müssen die Gegengewichte gestärkt werden, also brauchen wir mehr Demokratie und mehr Gerichtshöfe, an denen sich Staat und Politik rechtfertigen müssen.

Das wird aber alles nicht reichen, wenn man bedenkt, was eigentlich alles inzwischen zur Neige geht. Allerdings war die Zivilisation, seit sie vor 12.000 Jahren entstand, immer schon eine instabile Angelegenheit.

Vor allem jene Entwicklungen, auf die Pädagogik, Psychologie und Philosophie besonders Wert legen, sind überhaupt nicht mitgekommen. –  Das Fehlende nachzuholen ist und bleibt eine Aufgabe, in der es vor allem sehr viel sehr professionelle Pädagogik braucht. Schließlich ist jeder Mensch einzigartig, darin liegen Hoffnungen, nur niemanden zu verlieren.


LIVE! music, life et cetera .

Talk mit Prof. Dr. Heinz–Ulrich Nennen

19:30 – 22:00
Hemingway Lounge . Uhlandstr. 26 . 76135 Karlsruhe

LIVE! . music, life et cetera . “Von Freiheitsliebe und der Sehnsucht nach Kontrolle” .

Ullrich Eidenmüller im Talk mit Prof. Dr. Heinz–Ulrich Nennen

Was hat das Corona – Virus mit uns gemacht? Wie weit hat es die Welt verändert und wird sie noch verändern? Welche Tiefen hat das Virus in der Gesellschaft bloßgelegt? Könnte es zu solchen Fragen am Beginn der „Rückkehr der Freiheit“ einen kompetenteren Gesprächspartner geben als ein Professor für Philosophie an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)? Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen Gesprächspartner von Ullrich Eidenmüller beim traditionellen Talk in der Hemingway Lounge sein. Der Philosoph, der seine Zeitgeist-Analysen seit Jahren aus seinem Wohnmobil am Kanal in Münster schreibt, analysiert die Auswirkungen auf das tägliche Leben, den „Verlust an Nähe, den wir zu verkraften haben, die Unkultur der Verunglimpfung Andersdenkender, das frühe Schließen der gesellschaftlichen Diskurse schon im März 2020“.

Freuen Sie sich auf ein spritziges und tiefgehendes Gespräch in der wiedereröffneten Lounge, untermalt wie immer von der Musik, die Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen mitbringt.


Heilsame Phase innerer Einkehr

Die Pandemie zwischen kritischer und positive Betrachtung

Interview, Vorarlberger Nachrichten,  5. Juni 2021

Die Pandemie zwischen kritischer und positiver Betrachtung.

Es ist sehr viel die Rede von einer verlorenen Generation. Ist es wirklich so schlimm? 

NENNEN Wer von einer „verlorenen Generation“ spricht, stellt einen Vergleich her, der nicht angemessen sein kann. Bezeichnet wurden damit die Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs. Erst allmählich verstehen wir, was das bewirkt hat an Leiden. Da sind nicht physische, sondern psychische Existenzen auf Dauer vernichtet worden. Wir können heute erst allmählich nachvollziehen, was Traumatisierung eigentlich bedeutet. Erschreckend ist vor allem eines: dass so etwas weitergegeben wird, weil eine Generation überfordert ist mi der Aufarbeitung solcher Erlebnisse.

Oft verwehren sich Jugendliche gegen eine solche Bezeichnung. Ist die Jugend doch stärker, als wir es ihr zutrauen?

NENNEN Es kommt immer auf die Relation an. Corona hat die üblichen Erwartbarkeiten erheblich verunsichert, gerade das würde ich nicht als schlimm betrachten, sondern eher als Chance. Unsichere Zeiten bieten immer auch neue Möglichkeiten. Wir leben ohnehin in einer Zeit, in der die Jugend im Aufwind begriffen ist. Corona war nur eine Verzögerung des anstehenden Generationenwechsels.

Insofern ist es ein solider Selbstbezug, sich nicht in die Opferrolle drängen zu lassen. Es ist keine verlorene, es ist eine kommende Generation. Was mir aber von Studierenden mitgeteilt wird, zeigt, dass die Belastungen gerade für die unter 30–Jährigen ganz erheblich sind.

Können/sollten da nicht eher die Erwachsenen etwas lernen?

NENNEN Allerdings. Es sind von Anfang an in der Coronakrise bestimmte Zeichen gesetzt worden, die ein generelles Misstrauen in die Jugend signalisiert haben. Das widerspricht den Prinzipien humaner Pädagogik und humaner Psychologie. Offenbar sind Gesellschaft und Staat noch immer nicht reif genug, vom Obrigkeitsdenken abzusehen.

Aber dieser Paradigmenwechsel ist längst überfällig. Es ist zu erwarten, dass vieles, was bislang für unmöglich gehalten wurde, plötzlich nicht nur machbar, sondern lebbar werden kann.

Wo spielt sich der größte Wandel ab, wenn es denn einen solchen gibt?

NENNEN Der größte Wandel spielt sich in Machtfragen ab. Fast über Nacht sind Politik und Staat ermächtigt worden, die Geschicke der Gesellschaft nicht nur zu bestimmen, sondern auch zu formen. Das wird so bleiben. Die Krise hat uns vor Augen geführt, wie verwundbar unsere Systeme sind. Das Gleichgewicht der Gewalten ist gestört, daher müssen die Gegengewichte stärker werden. Wir brauchen mehr Partizipation, auch Basisdemokratie und vor allem auch mehr Richter und richterliche Unabhängigkeit.

Zu Beginn der Pandemie wurde viel von neuen Tugenden gesprochen, wie Entschleunigung, bewussteres Wahrnehmen von allem usw. Was wird davon bleiben?

NENNEN Es war eine heilsame und immer wieder verlängerte Phase der inneren Einkehr. Man konnte die Erfahrung machen, was so alles von den vielen Selbstverständlichkeiten eigentlich auch verzichtbar sein kann. Aber Corona war nicht gleich und schon gar nicht gerecht, es hat die Schwächeren sehr viel härter getroffen. Darauf muss eine Gesellschaft reagieren, und der Staat hat die Aufgabe, ihr dabei zu helfen.

Gibt es Werte, von denen wir uns trennen sollten?

NENNEN Einige Haltungen, die zuvor noch Anerkennung fanden, haben sich selbst ad absurdum geführt: Konsumismus ist nicht Freiheit, Neoliberalismus ist nicht Verantwortung, Misanthropismus ist nicht Sorge, Glaubenskriege sind keine Diskurse. Das alles hilft überhaupt nicht, den Weg in eine Zukunft zu finden, in der die Menschheit allmählich den Weg zur Selbstverantwortung finden und gehen sollte.

Welche Werte sind es wert, beibehalten zu werden?

NENNEN Die „Werte“, von denen immerzu gesprochen wird, sind oft nicht wirklich die eigenen. Wir alle glauben zu wissen, wie Familienglück, Mutterliebe, wie Jugend, Liebe oder eine romantische Situation perfekt auszusehen haben, und wir alle können uns dabei beobachten, wie wir entscheidende Situationen so inszenieren, dass sie auch tatsächlich „richtig“ aussehen. Kurzum, wir inszenieren uns und unser Leben nach Maßstäben, die nicht die eigenen sind. Ich möchte in meinem Vortrag eine elementare Kritik an der Selbstorientierung, wie sie gerade gelebt wird, vorbringen. Zugleich möchte ich Wege weisen, wie es möglich sein könnte, tatsächlich zu sich selbst zu finden. 

Was sollte uns die Pandemie gelehrt haben?

NENNEN Wir sollten endlich gesehen und erkannt haben, wie kostbar menschliche Verbindungen sind und wie sehr es auf Berührungen ankommt, im umfassenden Sinne des Wortes. Das ist meines Erachtens die eigentliche Lehre aus der Pandemie.


Grundrechte in der Corona-Krise

 

Das Schweigen der Richter

Von der Mondlandung bis zum Lockdown

Wer die Mondlandung am Fernseher live miterlebt hat, hat vielleicht auch
dieses Erweckungserlebnis. Wenn so etwas möglich war, dann schien
eigentlich alles machbar. Dann kam es 1972 mit den Studien des Club of
Rome zu einer Fundamentalkrise aller dieser Hoffnungen. – Auch das
Grundgesetz hatte immer etwas von dieser Mondlandung, es war und ist
eine überzeitliche Leistung mit Ewigkeitscharakter. Dieses
Sicherheitsgefühl hat sich gehalten, wohl weil die Performance stets
stimmig schien, wenn >Karlsruhe< sprach.

      Ist die Corona-Politik mit dem Grundgesetz vereinbar?

Leben oder Freiheit – Ist die Corona-Politik mit dem Grundgesetz vereinbar? – SWR2-Forum,

Thomas Ihm diskutiert mit

Gigi Deppe, SWR-Rechtsexpertin,
Prof. Dr. Christian Kirchberg, Rechtsanwalt
Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen, Philosoph

Das hatte etwas von Delphi, wo die Priester in ihren Sitzungen darüber
berieten, was Apollo als Herr des Hauses wohl gesagt haben würde.
Allerdings ist ein Orakel wie das von Delphi auch nur ein Unternehmen
mit dem Bestreben, möglichst immer wieder konsultiert zu werden. Und
1000 Jahre kamen Menschen und Staatsvertreter aus dem ganzen
Mittelmeerraum mit höchst entscheidenden Fragen, es kann also kein
Hokuspokus gewesen sein.

Wenn die Richter in den roten Roben zusammentragen, dann hatte das etwas
von dieser Aura: Immer wenn bewegende Urteile anstanden, fand sich
mitunter auch eine Spur jener Weisheit, wie sie nun einmal einer
letzten Instanz anstehen. Auch das ist kein Hokuspokus, erforderlich
ist gutes Handwerk, hohe Intelligenz, Diskursvermögen und vor allem
eines, der gemeinsame Wille im Kollegium, herauszubringen, was wohl die
Stimme der Vernunft gesagt haben würde.

 

(Mein Beitrag beginnt ab: 23:30)

Tiefen und Untiefen der Corona-Krise
Online-Diskussion vom 9. Februar 2021.  Einf. u. Mod.:  Ullrich Eidenmüller,

1. Vorsitzender des Fördervereins FORUM RECHT e. V.
Referenten:
Prof. Dr. Christian Kirchberg (* 1947), Rechtsanwalt in Karlsruhe und Vorsitzender des Verfassungsrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer.

Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen (* 1955), Professor für Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). 

Blackout mit Notstromdiesel

Wer am 31. Januar 2008 gegen 17:35 Uhr per Straßenbahn die
Innenstadt von Karlsruhe auf dem Weg zum Hauptbahnhof passieren
wollte, konnte erleben, wie ein Stromausfall sich vor Ort darstellt:
Das Licht ging aus, die Bahn hielt mitten auf der Strecke, draußen war
nichts mehr zu sehen. Spärliches Licht flackerte auf, die Umgebung
wirkte gespenstisch. Nur schemenhaft war erkennbar, wie Personal an den
Türen der Geschäfte sich postierte.

Carl Spitzweg: Das Auge des Gesetzes (Justitia) (1857).

Carl Spitzweg: Das Auge des Gesetzes (Justitia) (1857).

Ich entschloß mich, die Notentriegelung der Straßenbahntür zu betätigen, auszusteigen und ein Taxi zu nehmen, um die Fahrt zum Bahnhof weiter fortzusetzen. Die Impressionen auf dieser Taxifahrt waren beeindruckend und lehrreich: Der Weg führte an der Badischen Landesbank vorbei. Sie war beleuchtet, die Notstromversorgung war also angesprungen. Dann fiel der nächste Blick auf das Bundesverfassungsgericht. Das Gebäude war hell erleuchtet, so, als wenn nichts wäre.

Derweil lag die Universität Karlsruhe im Dunklen und nur das Rechenzentrum hatte spärliches Licht. Ein einziger Hotelflur war noch beleuchtet. – An einem Krankenhaus führte der Weg nicht vorbei. Dabei ist es wesentlich, daß gerade auch dort die störungsfreie Stromversorgung gewährleistet sein muß. Auch der Hauptbahnhof war hell erleuchtet, denn die Deutsche Bundesbahn verfügt über ein eigenes Netz und eigene Stromversorgung. Man hatte nicht einmal etwas bemerkt von der Störung.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, wie fragil unsere soziotechnischen Welten eigentlich sind. Es braucht nur kleine Unbedachtsamkeiten, die zum Supergau führen können. – Ein warnendes Beispiel dazu sind die nicht überflutungssicher installierten Notstromaggregate der Kernkraftwerksblöcke 1-3 von Fukushima I.

Multiples Systemversagen

Wir erwarten von unserer Technik, daß Notfallsysteme automatisch
hochfahren, das wird regelmäßig geprobt – in der Technik. Dabei
sollten wir dieselben Anforderungen auch an die Sozialen Systeme
stellen. Gerade in Krisen sind wir darauf angewiesen, daß schlicht und
ergreifend längst Vorkehrungen getroffen worden sind.

Immer wieder wurde die Unverbrüchlichkeit des Grundgesetzes beschworen.
Planspiele und Szenarien für Ausnahmezustände wären besser gewesen als
Sonntagsreden. Tatsächlich haben wir es mit einem multiplen
Systemversagen zu tun. – Das Gleichgewicht der Kräfte ist in der
Corona-Krise von Anfang an ins Ungleichgewicht geraten und es hat 
>sich< auch nicht wieder eingependelt. Was das bedeutet, läßt sich an
einem Plattenspieler erläutern, wenn auf der einen Seite der Tonarm,
also die Exekutive und auf der anderen Seite das Gegengewicht,
also die Judikative und vor allem auch die Legislative
für den richtigen Ausgleich sorgen.

Am 14. Mai 2020 hat das oberste Gericht zwei Verfassungsbeschwerden um
Corona und Grundrechte nicht zur Entscheidung angenommen. Dabei
boten gerade diese beiden, fast mustergültigen Verfassungsklagen
die Gelegenheit für die Verfassungsrichter, sich generell in Sachen
Corona zu äußern. Das hätte dann wiederum der Politik
sehr viel mehr Orientierung gegeben.

Durch Nichteinlassung haben die Karlsruher Richter
jedoch selbst das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Legislative,
Judikative, Exekutive und auch zwischen Bund und Ländern aus
dem Gleichgewicht und außer Kontrolle gebracht. – Hätten die Richter
sich überwunden, den Mut und die Weitsicht gefunden, im laufenden Prozeß
der Corona-Krise das Spektrum des verfassungsrechtlich Gebotenen
zu skizzieren, sie hätten die Politik davor bewahrt, zum Opfer der
eigenen Angstpolitik zu werden.

Schönwetterdemokratie?

Das Parlament als Ort öffentlicher Meinungsbildung wurde
kurzerhand ersetzt durch eine verfassungsrechtlich gar nicht vorgesehene
Ministerpräsidenten-Konferenz unter Leitung der Bundeskanzlerin, in der
man seit einem Jahr alle entscheidenden Erwägungen unter Ausschluß der
Öffentlichkeit vornimmt. – Dabei wurde immer wieder der
Föderalismus schlecht geredet, der allerdings ein unverfügbares Gebot
der Verfassung darstellt. Am Beispiel von Frankreich läßt sich
zeigen, was es bedeutet, wenn keine effektiven kommunalen Strukturen vor
Ort vorhanden sind.

Auch die immer wieder aufgebrachte Forderung nach
Gleichbehandlung, ohne Rücksicht auf die vor Ort tatsächlich
vorliegenden Verhältnisse, ist stets unwidersprochen erhoben worden.
Dagegen kam nur noch durch die Länderhoheit überhaupt noch so etwas wie
eine Pflicht zur Verhandlung ins Spiel. Insofern wurde das Land durch
den Föderalismus vor einem radikalen Zentralismus mit
noch mehr Kollateralschäden bewahrt.

Alle diese Vorkehrungen der Gewaltenteilung sind vor dem
Hintergrund der Erfahrungen mit der Weimarer Republik und der
Möglichkeit einer >Gleichschaltung< getroffen worden. Aus
guten Gründen wurde ein durchdachtes Konzept von Checks and
Balances mit dem Grundgesetz etabliert. Alle diese
verbrieften Sicherungen durch das systematische Ausbalancieren der
Gewalten galten bislang als vertrauenswürdig, verläßlich, ja eigentlich
als robust und geradezu unverwüstlich. Dabei stellte sich im Zuge der
Corona-Krise heraus, daß viel davon offenbar nur >gefühlte
Sicherheit< war.

Die Vertrauenswürdigkeit des Grundgesetzes und seiner Organe
wurde in Sonntagsreden immer wieder gefeiert. Als es aber zum Schwur
kam, da schwiegen die hohen Richter. Das Mobilé der Gewalten kam aus
dem Gleichgewicht und verhakte sich endgültig. Verhältnisse kamen auf,
die nicht hatten möglich sein sollen, auch und gerade in einer
Krise nicht. – Für den Satz >Not kennt kein Gebot< gibt
es nicht einen einzigen denkbaren Anwendungsfall, weil eine Verfassung
genau dann verläßlich sein muß, wenn es darauf ankommt. Wir leben nicht
in einer Schönwetterdemokratie. Ganz offenbar fehlt allerdings
ein fundamentaler Diskurs über Notstand und Grundgesetz.
Kevin allein zu Haus

Nun war die Politik ganz >allein zu Hause<. Keine anderen
Gewalten, keine Lobbys und auch keine Kritiker mochten sich noch zu Wort
melden, denn viele von ihnen waren bereits exkommuniziert. In den
vielen Talkshows sah man immer wieder die Anspannung in den Gesichtern,
bloß nicht ein womöglich verräterisches Wort zu benutzen, das
unmittelbar zur Exkommunikation geführt hätte.

Dieser Zustand ist eine sozio-kulturelle Katastrophe, denn
diese Konstellation entspricht genau dem, wovor der Soziologe
Niklas Luhmann immer wieder gewarnt hat: Angstkommunikation
und Entdifferenzierung. Das bedeutet in Analogie nichts
geringeres als ein multiples Systemversagen. Es ist ein Rückfall in den
Absolutismus, wenn die Gesellschaft in künstliches Koma versetzt wird.
Die Politik ist völlig überfordert, sie kann nicht leisten, was sie sich
da aufbürden läßt. Daher werden die Maßnahmen immer radikaler und immer
endloser.

Das Schweigen der Richter

Gewaltenteilung, Föderalismus, Meinungsverschiedenheit, Diskurse, der Anspruch auf Selbstverantwortung und Mündigkeit, das alles sind keine Störungen, gerade in einer Krise nicht. Aber vielen wurde weisgemacht, daß dem so wäre. Manche gaben dem nach, andere blieben beim Zweifel und durch die Gesellschaft ging ein Riß, bei dem sich die unterschiedlichen Ansichten nicht mehr miteinander ins Gespräch bringen ließen. Dabei ist gerade die Vielfalt der Hinsichten die alles entscheidende Bedingung für die Möglichkeit einer umsichtigen Politik und einer zeitgenössischen Kultur, die dem Untertanengeist, Fremdbestimmung und der Bevormundung endgültig Valet sagen sollte. Die Corona-Krise bietet auch eine Chance, den Untertanengeist in Deutschland endlich zu überwinden, den autoritären Charakter und vor allem das misanthropische Menschenbild. Warum übertragen wir nicht den Geist der Reformpädagogik auch auf ein neues Verständnis einer zeitgemäßen Politik? In Psychologie und Pädagogik wird spätestens seit den 70er Jahren nicht mehr mit Bevormundung, sondern mit Einvernehmen agiert.

Wir müssen unbedingt unterscheiden zwischen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft. Wer das alles zusammenbringt, führt zumeist nichts Gutes im Schilde. – Ein Staat ist keine Gemeinschaft, auch eine Gesellschaft ist er nicht. Ungehindert vergeht sich der Staat nicht selten an der Gesellschaft, denn Staat und Gesellschaft ziehen nicht unbedingt an einem Strang. Daher ist die Verfassung so entscheidend, weil sie erst die Rahmenbedingungen schafft und sicherstellt, daß alle diese Gewalten getrennter Wege gehen müssen. Sie sollen nicht eins sein, sie sollen und müssen miteinander ringen: “Auditatur et altera pars” – Man höre auch die andere Seite. Das findet wiederum im Art. 103 Abs. 1 des Grundgesetzes seine Entsprechung: Vor Gericht hat jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör.”

Die Prüfung der Verhältnismäßigkeit obliegt den Verfassungs- und Verwaltungsgerichten. Seit Beginn der Corona-Krise wurde erwartet, daß enorme Unverhältnismäßigkeiten konstatiert würden. Das war aber nicht der Fall. Auch war es nicht der Fall, daß klärende Worte durch oberste Richter gesprochen worden wären. – Ein nicht unbeträchtlicher Anteil an der Protestkultur läßt sich auch auf das Schweigen der Richter zurückführen und die Unsicherheit, in der die Gesellschaft sich selbst überlassen wurde.

Die Corona-Krise ist ein umfassender, mehr als nur politischer, sondern vielmehr soziokultureller Konflikt von höchster Brisanz. Über Wochen und Monate wurden grundsätzliche Urteile und Einlassungen des Bundesverfassungsgerichts förmlich gewartet, aber nichts geschah. – Es mutet an, als hätten die Richter in den roten Roben, wie weiland der römische Stadthalter Pontius Pilatus, sich eine Schüssel mit Wasser reichen lassen, um die Hände in Unschuld zu waschen.


“Tiefen und Untiefen der Corona-Krise”

Online-Diskussion vom 9. Februar 2021

Tiefen und Untiefen der Corona-Krise

Einführung und Moderation: 

Ullrich Eidenmüller, 1. Vorsitzender des Fördervereins FORUM RECHT e. V.

Referenten:

Prof. Dr. Christian Kirchberg (* 1947), Rechtsanwalt in Karlsruhe und Vorsitzender des Verfassungsrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer.

Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen (* 1955), Professor für Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Videomitschnitt:

https://www.youtube.com/watch?v=QPAxKbIIl3M….

(Mein Beitrag beginnt ab: 23:30)

Schnitt: Michael Börner – www.foerderverein-forum-recht.de | Karlsruhe 2021


Der Corona-Diskurs als Katharsis

Heinz–Ulrich Nennen: Philosophie in Echtzeit: Der Corona–Diskurs als Katharsis. Panik, Absturz, Krise und Transformation. (ZeitGeister4); Hamburg 2021. Titelbild: Wolfgang Ganter: Bacteriality, Work in Progress. Mit freundl. Genehm. durch Wolfgang Ganter, Berlin. (Alle Rechte vorbehalten!)

Erscheint im Herbst 2021

Seit Urzeiten waren Menschen fast immer auf Wanderschaft. Aber vor 12.000 Jahren kam die Seßhaftigkeit auf, also Städte, Kriege, Reichtum, Armut, Hochkultur, Luxus, Elend und Epidemien.

Innerhalb weniger Monate hat sich ein Virus weltweit ausbreiten können. Fast überall wurde der Ausnahmezustand ausgerufen mit tiefen Eingriffen in Grundrechte. Der Shut–Down schien vielen als einzig mögliche Konsequenz, ein Diskurs fand gar nicht erst statt.

Eine Riege auserwählter Virologen und Epidemiologen insinuierte die Richtlinien der Politik und diese betätigte darauf den Not–Aus–Schalter. Ganze Länder sind seither in Agonie, mit immensen Folgen für die Existenz, die Kultur und nicht zuletzt für die Psyche.

Dieses Buch wurde Mitte März 2020 in der Absicht begonnen, dem Zeitgeist eine Nasenlänge voraus zu sein, anfangs noch in der Erwartung, die Corona–Krise sei zwar eine lehrreiche Episode, aber bald schon wieder vorüber. Es galt, die Entwicklung im großen Ganzen zu verstehen, was war und sein würde, welche Verluste zu beklagen, welche sozialen, persönlichen, psychologischen und seelischen Katastrophen zu bewältigen sind. Dazu zählen neue Ängste, die bleiben, Traumata, die akut wurden und solche, die neu geschaffen worden sind. — Wie werden wir mit den vielen persönlichen Schicksalen umgehen in der Welt, die nach Corona kommt?

85% eines Eisbergs liegen unter Wasser, so verhält es sich hier auch. Unsere Diskurse sind oberflächlich, bei weitem nicht umfassend und sie gehen nicht in die Tiefe. Wir haben nur den sichtbaren Teil vor Augen. Es gibt sehr viel mehr, worauf zu achten wäre. Nicht minder entscheidend sind alle erdenklichen weiteren Folgen, kulturelle, existentielle und vor allem auch die psychischen und sozialen Nebenwirkung sämtlicher Maßnahmen.

Man bekommt das Ganze gar nicht erst in den Blick. Die herrschende Strategie wird wie üblich als alternativlos hingestellt. Weil viele Ängste im Spiel sind, wird fast alles mit einer Schicksalsergebenheit hingenommen, die gar nicht angebracht ist. — Auch wird immer wieder konstatiert, man dürfe Menschenleben nicht aufrechnen, aber genau das geschieht die ganze Zeit. Es werden andauernd heikle Entscheidungen in Ziel– und Wertkonflikten gefällt aber nicht offengelegt.

Es fehlt das Gespür für die angemessene Art, ergebnisoffene Debatten zu führen. Unsere Gesprächskultur hat sich im Zuge der Krise weiter verschlechtert. Mehr denn je wird Gesinnungskontrolle betrieben, Verunglimpfungen sind fast schon salonfähig geworden. Viele sind eingeschüchtert und wagen gar nicht mehr, sich überhaupt noch zu äußern. Wir haben viel zu wenig Phantasie und Diversität in den Debatten, weil ständig mit Exkommunikation bedroht wird, wer auch nur Anstalten macht, in Alternativen zu denken. — Man kann allerdings die Maßnahmen kritisch sehen, ohne Corona zu leugnen. Die Kurzformel von den Corona–Leugner oder gar von den Covidioten, Aluhut–Trägern und die Diffamierung jedweder Kritik ist zutiefst undemokratisch. Das alles sind keine Anzeichen für einen moralischen Fortschritt, ganz im Gegenteil.

Die monatelange Engführung der Debatten ist verheerend, so kann gar keine Vernunft in den Diskursen aufkommen. Nur bestimmte Perspektiven sind überhaupt zugelassen. Wer anderes anspricht, läuft Gefahr, exkommuniziert zu werden. Es ist ein Klima der Einschüchterung entstanden, dabei käme es darauf an, alle erdenklichen Alternativen offen und öffentlich zu diskutieren. — Das gilt insbesondere für Restaurants und Kultureinrichtungen, die längst bewiesen haben, daß sie es können. Man läßt sie nicht, warum?

›Sorge‹ ist oft gar nicht so selbstlos, wie sie sich gibt. Sie spiegelt sich gern selbst und glaubt, unverzichtbar zu sein. Dabei steht sie der tatsächlichen Entwicklung nur im Wege. Die Politik möchte ganz offenbar nichts von der neu hinzugewonnenen Macht wieder abgeben. Dagegen spricht neben der Gewaltenteilung ein weiteres Prinzip, die Gewalt staatlicher Macht einzuschränken, die Subsidiarität. — Demnach wird ein Problem generell zunächst auf der untersten Ebene gelöst, also individuell, familiär oder in der Gemeinde. Erst dann, wenn diese Möglichkeiten erschöpft sind, sollen, dürfen und müssen staatliche Institutionen eingreifen.

Für viele gibt es ausschließlich die Kategorien Richtig und Falsch. Was bedeutet diese Polarisierung für das Funktionieren der Gesellschaft? Das Beharren auf diese Unterscheidung entspricht einer bestimmten Entwicklungsstufe bei Kindern. Das Differenzierungsvermögen ist dann noch nicht so weit entwickelt. Tatsächlich ist aber erst dann die Übernahme persönlicher Verantwortung möglich. Je weniger Regeln vorgegeben sind, sondern nur noch Prinzipien, umso mehr muß man schon selbst sehen, was jeweils angemessen ist, auch auf die Gefahr hin, danebenzuliegen.

Die schwarze Pädagogik setzte da noch ganz auf Strafen, was nur dazu führt, die Intelligenz herauszufordern. Dann werden Regeln nicht aus eigenen Motivation eingehalten, sondern nur, weil man nicht erwischt werden möchte. So wird genau derjenige Untertanengeist erzeugt, den wir eigentlich hatten überwinden wollen. Schwarze Pädagogik, die mit Zwang und Strafe operiert, ist seit Jahrzehnten passé. Aber in Politik und Staat sind die alten Zöpfe aus dem Kaiserreich offenbar noch immer nicht abgeschnitten. — Selbstverantwortung ist eine Frage der Kultur, sie muß eingeübt und dann ausgeübt werden, weil man ganz gewiß immer mal an Grenzen stößt, über die die Entwicklung hinausführen muß.

Viel halten es aber nervlich nicht aus, sich selbst zu orientieren und das Denken in der Schwebe zu halten. Manche sehen sogar eine Schwäche darin, wenn nicht sofort entschieden und gehandelt wird, egal wie. Aber die, die das eilige Handeln versprechen, verfolgen oft ganz andere Interessen. — Noch immer herrscht die Vorstellung vor, beim Diskutieren ginge es ums Hauen und Stechen. Dabei fehlt das Lächeln der Weisen und die Freude daran, gemeinsam ein neues Denken zu entwickeln, um damit sehr viel mehr zu verstehen als jemals zuvor.

 

 


Pandora: Das schöne Übel

Heinz–Ulrich Nennen: Pandora: Das schöne Übel. Über die dunklen Seiten der Vernunft. (ZeitGeister 3); Hamburg 2019. Titelbild: Dante Gabriel Rossetti: Helen of Troy (1863). Hamburger Kunsthalle. — Quelle: Public Domain via Wikimedia. Im Hintergrund brennt Troja, siehe hierzu S. 59f.

Über die dunklen Seiten der Vernunft

Wenn mit der Zivilisation die ersten Städte aufkommen, dann verkörpert Pandora den Typus der mondänen Städterin. Sie steht allegorisch für die zunehmende Vielfalt in den Geschlechterrollen. Dabei zeigt sich eine neue Dialektik, die von der Heiligen und der Hure. — Pandora ist eine ebenso begnadete wie exaltierte Diva, ein seltsames Mischwesen, Göttin, Androidin und Mensch zugleich, auch ist sie der Prototyp der ›weiblichen Frauen‹.

Zu allen Zeiten glaubte man ohne viel Federlesens zu verstehen, wer sie ist, was mit ihr los sei. Entsprechend schnell sind ihre Interpreten mit Charakterstudien fertig, die doch nur unzulänglich sind: Ein durch und durch verruchtes Weib, eine Strafe der Götter soll sie sein, mit der alle Übel in die Welt gekommen sind … — So einfach kann man es sich machen, ganz so einfach ist es aber nicht. Es sind mit ihr nämlich auch alle göttlichen Gaben vom Himmel auf die Erde gebracht worden.

Die Entsendung der Pandora ist Teil einer zutiefst beeindruckenden Götterdämmerung. Was der Mythos den Göttern da unterstellt, könnte als Geste kaum generöser sein. Bevor sie abdanken, übergeben sie zuvor noch alle ihre vormaligen Zuständigkeiten — ganz. So erscheint die Sendung der Pandora in anderem Licht, als hätten die Götter damit sagen wollen: Dann macht doch alles selbst, wenn ihr ernsthaft glaubt, es besser zu können als wir!

Pandora ist zweifelsohne die Figur mit dem allergrößten Deutungspotential, denn sie steht als Allegorie für die  Selbstermächtigung des Menschen, für Willensfreiheit und dabei vor allem für jenen fragilen Individualismus, der erst sehr viel später mit der Moderne vollends zum Ausdruck kommen wird. Sie ist unvergleichlich in jeder Hinsicht, als Künstlerin, als Intellektuelle, als Frau, Femme fatale, als Muse und Freundin, aber auch ›nur‹ als Mensch.

Als schönes Übel verkörpert Pandora gediegenen Luxus. Wie auch anders? Sie ist in allen ihren Attributen göttlicher Natur! Aufgrund ihrer Schönheit, ihrer Attraktivität, ihrer Bedeutung und nicht zuletzt aufgrund ihrer Talente ist sie nicht von dieser Welt. Aber sie wird nicht aufgrund ihrer göttlichen Attribute geschätzt, sondern nur wegen der mitgebrachten Güter.

Für die Übel wird sie nur zu gern verantwortlich gemacht. Ansonsten entspricht alles dem neuen Frauenbild, daß sich erfolgreiche Jäger nur zu sehr gern mit ihr schmücken. Ihre verborgenen Kapazitäten werden nicht gesehen. Eigentlich ist sie nur eine Trophäe wie die Helena, nichts weiter als ein Zeichen des Erfolgs. — Wer die Schönste aller Frauen in seinen Besitz bringen konnte, war damit auch der Mächtigste unter denen, die seinerzeit dieses Projekt in Gang gesetzt hatten, das sich seither immer weiter selbst perpetuiert.

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Heinz-Ulrich Nennen

Profil

Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen, geb.1955 in Rheine im Emsland, ist Hochschullehrer für Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

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Nach dem Studium in Münster wurde Nennen im Jahre 1989 mit der Studie “Ökologie im Diskurs” promoviert. Dabei zeigte sich bereits der Schwerpunkt seiner Arbeit: Diskurse und Dialoge über Orientierungsfragen. — Nach 10-jähriger Tätigkeit als Wissenschaftler im Bereich “Diskurs” an der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Stuttgart, habilitierte sich Nennen mit einem philosophischen Experiment unter dem Titel: “Philosophie in Echtzeit. Die Sloterdijk-Debatte: Chronik einer Inszenierung.”

Nennen veranstaltet Philosophische Cafés, einen Philosophischen Salon in Karlsruhe und betreibt eine Philosophische Praxis im westfälischen Münster.

Themen: Anthropologie — Mythologie — Moral — Mythen, Märchen, Meistererzählungen — Heldenreise — Psychogenese, Orientierungswissen, Selbstorientierung — Zeitgeist- und Diskursanalysen — Körper, Seele, Liebe, Geist — Philosophische Psychologie

Philosophie entsteht, wenn die Götter schlecht gedacht werden. — Inzwischen verlieren Religion und Tradition immer mehr Autorität. Aber die Fragen bleiben. Daher ist es kaum verwunderlich, daß in letzter Zeit gerade die Philosophie immer mehr Interesse erweckt, darf man sich doch von ihr versprechen, selbst zu den Einsichten zu kommen, die immer notwendiger werden.

Wenn herkömmliche Orientierungsweisen unsicher werden, dann sind vormals fraglose Fragen urplötzlich wieder offen. Philosophieren bedeutet, sich im Denken zu orientieren.

Zur Reihe ZeitGeister:
Es ist atemberaubend, was die Zivilisation aus Menschen macht: Die Natur wird ›gezähmt‹, kehrt aber im Innern der Städte als Wildnis zurück. Individuelle Selbstoriertierung wird nötig, getrieben von einer bisher kaum beachteten Psychogenese. Alles beginnt mit der Stimme des Gewissens; inzwischen tragen wir die Götter in uns. — Grund genug, die einschlägigen Meistererzählungen erneut zu befragen.

Wir werden uns selbst besser verstehen, wenn wir die Mythen dazu bringen, uns neue, am besten »unsere« Antworten zu geben.

Die Bände der Reihe ZeitGeister sind der Psychogenese gewidmet. Mit dem Aufkommen der Städte entwickeln sich Menschen und Götter. Allmählich entsteht eine neue Souveränität in Fragen von Moral, Gefühl und Selbst. Der Weg führt vom ersten Gewissen bis zur multiplen Identität, immer auf der Suche nach Sinn, Glück und Geborgenheit.

 

 

 


Die Vernunft, die Musen und das Glück

Über Momente des Glücks, für die zu leben sich lohnt

In der Medizin setzen nicht-invasive Eingriffe inzwischen neue Maßstäbe. Derweil betreibt die Politik noch immer hemdsärmeligen Interventionismus. Vernunft oder gar Geist sind unerwünscht.

So ist die Homöopathie dieser Tage gestrichen worden von den Fortbildungen für Ärzten. Sie paßt nicht mehr in diese selbstverliebte Zeit. Man glaubt, größere Probleme nur mit schweren Waffen „lösen“ zu können. – Es wäre aber zu empfehlen, mehr über Soziale Systeme zur Kenntnis zu nehmen.

Die Maulaffen-Performance aus Coronas Zeiten wird unbeirrt weiter fortgesetzt. Dabei ist die Welt längst aus dem Rhythmus geraten, weil Politiker in vielen Ländern allen Ernstes meinten, sie könnten auf Handsteuerung umschalten. Größenwahn inmitten einer Krise ist das Dümmste, was passieren kann.

Es gibt nämlich gar kein Cockpit, keine Brücke mit Kapitän und Steuermann. Soziale Systeme haben alle ihren eigenen Autopiloten. Sie steuern sich selbst, ganz im Sinne ihrer internen Codes, ob Politik, Wissenschaft, Gesundheit, Recht, Religion, Kunst oder Liebe. – Es gibt keine Hebel der Macht. Das sind naive Vorstellungen, die eigentlich nie der Wirklichkeit entsprachen.

Allerdings gibt es mehr oder minder große Dummheiten, die anfangs noch naiv, dann aber fahrlässig und bald schon unverantwortlich werden. „Gut gemeint“ ist nicht „gut gemacht“, beileibe nicht.

Wer sich keinen Kopf macht, kann ihn auch nicht verlieren, das glauben wohl manche von denen, die immer vorneweg sind:

„So tu doch was!“

„Was soll ich denn tun?“

„Das weiß ich auch nicht. –

Aber tu doch endlich irgendwas!“

Auch das 9 Euro-Ticket ist wieder so eine prekäre Meisterleistung. Es ist überhaupt keine gute Idee, gleich ganze Systeme zu marodieren, so wie zuvor noch die Kliniken in der Corona-Krise. Inzwischen sitzen alle erdenklichen Leute spaßeshalber im Zug und nehmen denen die Plätze weg, die nur zur Arbeit fahren. – Das Bahn-Bashing ist jetzt zur Freizeitunterhaltung geworden.

Oder der staatliche Tankrabatt, der nicht wirklich an der Tanksäule ankommt, weil er vorher abgefischt wird. Und dann regen sich alle wieder auf über die bösen Spekulanten. – Es war seinerzeit eine Freude, als manche davon kalt erwischt wurden im Lockdown.

Sie hatten große Kontingente an Sprit in Termingeschäften erworben aber gar keine eigenen Lagerkapazitäten. Als sie die Ware zum erhöhten Preis abnehmen sollten, mußten manche draufzahlen, damit ihnen irgendwer das Zeug zum Dumpingpreis noch vor der Lieferung abkauft.

Was kann Politik? Wenn sie klug, vielleicht sogar vernünftig oder eventuell auch geistreich wäre, dann könnte sie einiges bewirken. Aber nicht durch Södern, Flickschusterei und Populismus. Jetzt mal eben eine Übergewinnsteuer zu beschließen, ist bereits am wissenschaftlichen Dienst gescheitert. Das geht glücklicherweise nicht auch noch, weil ein paar Grundgesetze im Wege stehen.

Wir haben Privatwirtschaft und diese setzt sich selbst ihre Ziele, wie jedes andere System auch. – Schlechte Politik bringt aber die Systeme derart aus der Routine, so daß Desaster nicht mehr ausgeschlossen sind. So war und ist der Umgang des Staates mit Bahn, Bildung und Gesundheit einfach nur katastrophal. Mal eben Kindergärten und Schulen schließen, das war auch wieder so eine Meisterleistung.

Ins Gesundheitswesen hat die Politik derart krass hineinregiert, so daß der eigentliche Zweck längst ins Hintertreffen geraten ist. Geht es wirklich noch um Gesundheit, wo die Fallpauschalen alles beherrschen?

Neuerdings sind bereits die ersten Investoren auf besonders lukrative Arztpraxen aufmerksam geworden? Krankenhäuser sind bereits Spekulationsobjekte, die natürlich nur noch vorhalten, was sich rentiert, nicht gesundheitlich, sondern eben ökonomisch. – Und die Vorfinanzierung teurer Geräte für Facharztpraxen ist offenbar die nächste Stufe.

Aber die Patienten spielen mit und lassen sich brav von Termin zu Termin schicken. Es passiert ja was, es wird ja was getan. Auf den Dossiers der Laboruntersuchungen finden sich Handreichungen für den werten Leser, für die man keinen Arzt mehr braucht. – Es ist ausgewiesen, was als “normal” gilt und was gemessen wurde. Aber die Normalität wurde als solche oft aus ganz anderen Gründen beschlossen, die mit Gesundheit selbst nichts zu tun hat. So sind die Werte für Blutdruck immer wieder gesenkt worden und die Zahl der Patienten stieg. Die wundersame Vermehrung gibt es also auch in der Medizin.

Wer wird sich da noch vertrauensvoll in die Hände solcher Weißkittel begeben? – Aber die Leute vertrauen doch nur zu gern, um die eigenen Verantwortung nicht spüren und schon gar nicht tragen zu müssen. Wir leben in Zeiten eines neuen Paternalismus.

Die Allermeisten konsumieren ihre eigene Unmündigkeit. Sie wollen mit der eigenen Erkrankung höchstselbst eigentlich nichts zu tun haben. Also sind sie auch nicht wirklich bei der Sache, dabei sollte es doch eigentlich um Heilung gehen.

Krankheit ist dann kein Weg mehr, sondern nur wie Kalk im Wasserkessel, der weggemacht werden soll. Wenn ein Leiden “nur” psychisch bedingt ist, dann ist es eher so etwas wie pure Einbildung. – Nur, was sich messen läßt, hat ein Recht darauf, überhaupt ernst genommen zu werden. Kann man Geistlosigkeit messen?

Der neue Diskurs über Depression, der interessanterweise von namhaften Comedians wie Schmidt, Sträter und Krömer angestoßen wurde, dürfte allerdings nicht ohne Wirkung bleiben. – Es gibt zu denken, daß ausgerechnet die Lustigsten unter den Mitmenschen die erforderliche Eloquenz aufbringen, endlich zu sagen, daß der Clown hinter seiner Maske weint und wie ihm dabei zu Mute ist.

Wir leben in bewegten Zeiten. Es ist Chaos genug, mehr geht eigentlich nicht. – Im Hintergrund steht eine Medienrevolution, die ihresgleichen sucht. Nur noch die Erfindung des Buchdrucks kann der Kulturrevolution, die nun ansteht, überhaupt noch das Wasser reichen.

Unter diesen Umständen verändert sich auch die Rolle von Politikern ganz radikal. Daher rühren auch die fortwährenden Versuche, das Netz der Netze unter Kontrolle zu bekommen. – Aber so viel läßt sich jetzt schon mit Gewißheit sagen: Es wird nicht gelingen. Wenn es eine Energiequelle gibt, von der die Kulturgeschichte angetrieben wird, dann ist es die Sehnsucht nach Individualität und individueller Anerkennung.

In diesen Zeiten ist ein „Tal der Ahnungslosen“, wie noch in der DDR, als die Antennen bei Dresden nicht hoch genug sein konnten, um Westfernsehen zu empfangen, gar nicht mehr denkbar. In den hinterletzten Winkeln der Welt wissen alle, daß woanders ein anderes Leben geführt und andere Werte gelebt werden. Die dogmatische Begründung der „Hirten“, Tugendwächter und Gesinnungswächter, verfängt einfach nicht mehr. Es gibt immer Alternativen!

Auch im gar nicht mehr ganz so freien Westen zeigen sich Veränderungen. Die Diskurse finden nicht mehr nur in der „Systempresse“ statt, sondern überall. Und sie werden derart divers, so daß sich manche Vertreter der Presse in Missionare verwandelt haben, die wie vor Zeiten in fremden Ländern den „Aberglauben“ bekämpften, um ihre „frohe Botschaft“ vorzubereiten. – Ganz so froh war die Botschaft für die Natives dann doch nicht, wenn man bedenkt, daß außereuropäischen Kulturen einfach der eigenen Identität beraubt wurde, um sie unter die Fuchtel fremder Herrschaft zu zwingen und Geschäfte auf ihre Kosten zu machen.

Der Westen hat unendliches Leid über alle erdenklichen Kulturen gebracht. Schweigen wir hier von den Niederlanden, von Belgien oder Frankreich. Um nur ein Beispiel zu bringen: Die Briten haben während ihrer Besatzungszeit den Indern die Sinnenfreude ausgetrieben, weil sie bei sich zuhause gerade ihren Viktorianismus hatten und den Frauen gar keine und schon gar keine eigene Lust zugestehen mochten. – Noch heute zeigen sich die traumatischen Spätfolgen in Indien anhand von Gewaltverbrechen mit sexuellem Hintergrund.

Die fremde Herrschaft ist zwar abgezogen, man hat aber seither keinen eigenen Umgang mit Sinnenfreuden mehr, sondern eine repressive Scheu und ein Schamempfinden, unter dem es brodelt und kocht. – Die Kultur wurde mutwillig zerstört, nur um Geschäfte zu machen. Es fehlt der Respekt vor dem Geist, wo immer nur aufs Materielle gestarrt wird.

Man denke nur an den Opiumhandel in China. Das geschah, um die eigentlich stabile Kultur in China empfindlich zu schwächen und das Land mithilfe dieser Sucht in die Kniee zu zwingen. – Der Westen möge sich also bitte nicht so aufspielen, er sollte erst einmal Buße tun, im Gedenken an diese Verbrechen. Und wenn man bedenkt, daß ein Gutteil der Landesgrenzen von den Briten gezogen wurde, in Afrika und in Asien, bewußt mitten durch Stammesgebiete, weil man den Hader immer wieder für eigene Zwecke instrumentalisieren wollte.

Man kann inzwischen erstaunlich viel über miese Machenschaften wissen. Das meiste davon ist nicht einmal mehr geheim, sondern läßt sich im Zweifelsfall mit Links sehr schnell dokumentieren. Das ist es, was das Netz ausmacht. – So war es eine Sternstunde, als die Planespotter an verschiedenen Flughäfen der Welt ihre Beobachtungen untereinander abstimmten und dann publik wurde, daß es regelrechte Folterflüge im Auftrag der CIA gab und daß die USA in Europa geheime Gefängnisse betreibt.

Wir stehen erst am Anfang einer neuen, unübersehbar mächtigen Kulturrevolution. So etwas dauert mehrere Generationen und das Netz läuft sich gerade erst warm.

Auf eine Medienrevolution folgt immer eine Kulturrevolution, weil ja nun noch mehr Menschen miteinander ins Gespräch kommen, ohne daß sich Herrscher oder Priester noch dazwischenschalten könnten.

Zuvor entschied die Kirche, ob und wie ein Text das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Aber der Buchdruck machte die Kontrolle der Kommunikation durch die Kirche unmöglich. Fortan entschieden schnell namhaft werdende Drucker, was sie drucken wollten, aus ganz eigenen Motiven heraus.  – Darauf ging die Zensur von der Kirche an den Staat über.

Martin Luther hielt nicht viel vom Buchdruck, aber bösartige Karikaturen über Papst und Kirche brachten seiner Reformation erst den richtigen Schwung. Der Papst als Schwein mit der dreifachen Krone, das konnten auch Leute verstehen, die noch nicht des Lesens mächtig waren.

Darauf kam die Zeitungspresse und mit ihr kamen Parlamente, Parteien und Politiker. Und mit dem Radio kamen totalitäre Systeme auf, wie Faschismus oder Sozialismus. Neue Medien sind zu vielerlei einsetzbar, im Guten wie auch im Bösen. – Derweil splittet „die“ Öffentlichkeit sich immer weiter auf. Es gibt nicht mehr die einzig wahre herrschende Meinung aller Wohlmeinenden und Wohlinformierten.

Manche unter den Politikern kommen in ihrer neuen Rolle gar nicht mehr an. Sie können sich nicht mehr als „Repräsentanten“ verstehen, als Volksvertreter, weil das „Volk“ selbst mündig geworden ist und niemanden mehr braucht, der noch das Wort stellvertretend ergreift.

Die Zeiten sind vergangen, als Politiker noch in aller Eitelkeit betonten, sie seien die nächste Woche wieder in der Hauptstadt. Dort würden sie dann turnusmäßig auf irgendeine Wichtigkeit von Mensch treffen, um bei Gelegenheit das gemeinsame Anliegen umso dringlicher vorzutragen. – Man sollte sich aufgehoben, ernst genommen, verstanden und vertreten fühlen.

Jetzt braucht es sie nicht mehr, diese Form der Repräsentative Demokratie, weil sich alle selbst ausdrücken und insofern auch repräsentieren können. Es gilt, endlich mehr Demokratie zu wagen. – Warum wählen wir den Bundespräsidenten nicht online? Wahlmänner braucht es nicht mehr, also auch nicht mehr eine Bundesversammlung.

Die Rolle von Religionsfürsten, Priestern und „Hirten“ ist vakant geworden. Daher ist es auch kein Skandal mehr, wenn sich ein Bischof aus dem Ruhrgebiet vor etwa 10 Jahren in voller Überzeugung noch gegen die gleichgeschlechtliche Elternschaft aussprach, von wegen, das sei „widernatürlich“, Kinder bräuchten nun einmal Vater und Mutter. Das ist inzwischen einfach nur noch eine beliebige Meinungsäußerung. – Rosa von Praunheim saß mit in der Diskussionsrunde und sagte baff nicht ohne Schmunzeln: Daß er das noch mal erleben dürfte!

Es ist alles auch ein bißchen viel, was sich in den letzten Jahrzehnten so alles radikal gewandelt hat. Und Manchen geht es noch immer nicht schnell genug. Dagegen hilft eine Sentenz von Niklas Luhmann: Viele würden immerzu noch mehr Veränderungen verlangen, ohne aber zu bedenken, „wie schnell wir schon fahren“.

Jede Intervention führt zu Gegen-Reaktionen von Seiten der Sozialen Systeme, die sich ihrerseits auf die veränderten “Umweltbedingungen” einstellen, wie die Mineralöl-Spekulanten, die bei der Gelegenheit ganz außerordentliche Gewinne erwirtschaften werden. – Das stützt übrigens auch einen schlimmen Verdacht, dem bedingungslosen Grundeinkommen gegenüber.

Im Prinzip kann man nur für ein Grundgehalt sein, wenn es denn wirklich so kommen würde, wie es im Traum erscheint: Eine Gesellschaft, in der Menschen einander durch Kreativität beglücken, die sich endlich darauf verstünde, die vielen schlummernden Talente in vielen von uns zu erwecken. Wäre das nicht wirklich lebenswert und sogar liebenswert? – Aber wie beim Tankrabatt würde schlußendlich nur eines die Folge eines solchen Grundeinkommens sein: Die Mieten würden steigen, weil Vermieter nun einmal mit Mietwohnraum spekulieren, um möglichst hohe Gewinne zu erzielen.

Nein, die Welt ist überhaupt nicht einfach. Das Getue von Politikern mit ihrem Hang zum Interventionismus ist Budenzauber. Deswegen hat man den Tankrabatt auch nicht an dem Großhandel gegeben, dann wäre er an den Tankstellen angekommen. Auf den Hype kam es an, auf die Show, what ever it costs.

Die Religion soll dieser Tage durch eine deterministische Wissenschaft ersetzt werden, die päpstlicher sein soll als der Papst. – „Follow the Science?“, da fragt sich nur wohin. Im übrigen, gibt es etwas Dümmeres als diesen Spruch?

Man kann eine Hürde auch nehmen, indem man sie nicht etwa überspringt, sondern “unterbietet”, wie Trump, Johnson, Erdogan, Putin, Jong-un oder auch wie die Taliban. Wenn man nur die Frauen oder auch die Andersdenkenden aus vorgeschobenen Glaubensgründen möglichst radikal unterdrückt, dann wird alles wieder gut. –  Sorry, welcher Gott sollte daran Gefallen finden?

Um abzulenken werden Probleme zur Not auch künstlich erzeugt und dann „gelöst“. Im Hintergrund stehen zumeist tiefer liegende Ressentiments gegen die Moderne, gegen jede Emanzipation und vor allem gegen Vernunft und Geist. Alles soll so bleiben wie es ist, besser noch, alles soll so werden, wie es einmal war, als alles angeblich noch gut war. – Aber auch das funktioniert mit Sicherheit nicht.

Der treibende Faktor im Prozeß der Zivilisation ist Individualisierung. Alle suchen so gut sie können nach sich selbst, wollen sich spüren und sehen lassen können in ihrer Einzigartigkeit. Aber die Wenigsten wissen von sich, wer sie eigentlich sind oder sein wollen, ganz unabhängig vom Sollen. – Was hilft?

Philosophie kann helfen, wenn es darum geht, mehr Boden unter die Füße zu bekommen. Man kann nicht alles zugleich anzweifeln und sollte schon gar nicht den Ast absägen, auf dem man sitzt. Der Reihe nach, also mit Methode geht das durchaus. – Wichtig und wesentlich ist aber vor allem eines, daß geredet wird. Es braucht Dialoge und Diskurse vor allem über das, was peinlich sein könnte, über Ängste, Gefühle, Sehnsüchte, Gelüste, Unsicherheiten, Rollenkonflikte. Wenn immer mehr Menschen einander authentisch begegnen, dann können Dialoge entstehen, die den Horizont wirklich erweitern. Dann könnte es auch sein, daß manche dieser Bannflüche brechen, mit denen wir uns und unseresgleichen immerzu klein machen und klein halten.

Derzeit ist jedoch allenthalben ein Mangel an Geist, an Bescheidenheit und ein Mangel an Gelassenheit zu verzeichnen. Man glaubt ernsthaft, überall hineinpfuschen zu können, ohne wirklich eine Ahnung zu haben von dem, was da eigentlich vor sich geht in den Systemen.

Wer hat denn die Endokrinologie wirklich so auf dem Schirm, daß die Wirkung künstlicher Hormongaben nicht nur so ungefähr verstanden wird, sondern in ihrer ganzen Wechselwirkung bis hinauf zur Seele, zur Psyche und bis hin zum Geist beurteilen zu können? – Es müßte schon ein Universalgenie sein, daß es so nicht mehr geben kann. Also braucht es den Streit der Fakultäten, aber keine Einheitspartei, keine Einheitswissenschaft und auch keinen Einheitsbrei.

In der Tat steht ein Kurswechsel an, der Ausstieg aus dem Carbon-Zeitalter und der Einstieg in die Welt der regenerativen Energie. – Politik kann im Namen des Staates die Rahmenbedingungen schaffen oder auch verändern. Populismus ist aber kontraproduktiv.

Ein schönes Beispiel für gelungene Politik ist das Patentrecht. Ein Erfinder wird seine Erfindung geheim halten wollen, weil er nichts davon hätte, wenn andere ernten, was er gesät hat. – Genau das aber wäre nicht im Sinne von Wirtschaft und Gesellschaft. Deren Interesse besteht vielmehr darin, daß Patente öffentlich gemacht werden.  – Also verbürgt sich der Staat dafür, daß die Rechte des Urhebers gewahrt bleiben. Dafür muß aber die Erfindung öffentlich gemacht werden, und der Erfinder erhält darauf sein Patent, mit dem er am Markt mit den Verwertern auftreten und verhandeln kann. Es braucht also eigentlich nicht viel, um ganz gewaltig etwas zu verändern, so daß es auf den richtigen Kurs kommt.

In der chinesischen Philosophie gibt es dazu ein Prinzip, es ist das „Wu Wei“, was bedeutet „Nicht-Tun“. Damit ist aber keineswegs „Nichtstun“ gemeint, vielmehr geht es um eine Philosophie der Intervention. Es kommt darauf an, mit geringfügigen Eingriffen die entscheidenden Reize zu setzen, um einen Kurswechsel in die gewünschte Richtung zu bewirken. Das macht gute Politik zur Kunst.

Das macht gute Pädagogik, gute Psychologie, gute Philosophie aus. In den Dialogen sind Mentoren nur anwesend und tun dabei, rein äußerlich betrachtet, nicht sonderlich viel.  Sie “moderieren” und sind wie die Katalysatoren in der Chemie oder in der Biologie. – Wenn und solange sie anwesend sind, wird aber das Unmögliche möglich.

Reaktionen, für die eigentlich anspruchsvolle Rahmenbedingungen erforderlich sind, gehen ohne Probleme vonstatten, als wäre ein ganz besonderer Zauber im Spiel. – Die Meme, also gute Ideen haben etwas von solcher Zauberkraft. Wesentlich ist, daß ein Geist aufkommt, der die Musen zur Hilfe rufen kann, so daß man sich vor Begeisterung vor so vieler guter Einfälle kaum noch erwehren kann.

Dann gilt es, mit bewußter Unterkühlung die einzelnen Optionen zu prüfen und womöglich ins Konzept zu bringen. Das wäre gute Politik, das ist aber bereits Kunst und vielleicht auch Philosophie, wenn denn das Gute, Schöne und Wahre wirklich zusammengebracht werden könnten.

Wenn sich im Dialog die erlösenden Worte einstellen, so daß wir endlich sagen können, was schon längst sollte gesagt und verstanden worden sein, erst dann kommen wir uns selbst und einander näher in einem Verstehen, das seine Basis gefunden hat. Das sind Momente des Glücks, für die es zu leben sich lohnt.

Die Wirklichkeit selbst wird immer vielfältiger, nur schwarz-weiß oder wenigsten grau zu denken, sie Sloterdijk anregt, ist noch immer nicht farbig. Aber das wäre vielleicht auch ein wenig zu viel des Guten. – Dagegen ist aber auch der kausalfetischistische Ungeist keineswegs dazu angetan, wirklich auf gute Ideen zu kommen.

Johan König: Athene und die Neun Musen an der Quelle von Hipokrene (1624).

Wie wäre es, wenn sich die Vernunft und die Musen zusammentun? – Wenn ich darüber spekuliere, wie die Vernunft es wohl macht, wenn sie ein Modell dessen erstellen soll, worauf es insgesamt ankommt, dann wird es doch wohl nicht im Sinne der MINT-Fächer sein, nicht im Sinne der vielberufene “Rationalität” oder “Wissenschaftlichkeit”, denn es gibt so viele davon wie Götter im Pantheon.

Der Leitstern kann nicht der allenthalben bemühte Kausal-Fetischismus sein, der in der Corona-Krise schon so viel geistige Verwirrung gestiftet hat. Nein, die Vernunft optimiert sich in Hinsicht auf Schönheit, als Einheit des Wahren, Schönen und Guten. – Dieser Meta-Diskurs sollte endlich an die Stelle der Papstkirche treten, um die alten Götter ebenso wie die Musen dazu zu bewegen, ihre uralten Kämpfe, Tänze und Inspirationen wieder aufzunehmen.


Ich bin dagegen, dafür sein zu müssen

Freiheit sei “Einsicht in die Notwendigkeit”, dieser Satz von Hegel hat es in sich. Und genau dieser Fall ist jetzt eingetreten. – Corona war nur der Vorkrieg, danach kam wirklicher Krieg und auch wieder die obligatorischen Denkverbote. Aber mit der entstandenen Zerrissenheit zwischen Herz und Kopf rechnen und leben zu lernen, ist das Gebot der Stunde.

Wie diese Wirklichkeit erzeugt und arrangiert wurde, ist das eine. Aber nun ist dieser Krieg in der Welt und daher stellt sich die Frage, wie damit umzugehen sei. – Und wieder sind die USA verantwortlich für die entstandene Situation. Man hätte einen anderen Putin haben können, aber die USA wollten eben diesen und keinen anderen. – Es liegt nicht im Interesse der USA, daß sich europäischer Geist und russische Weite zusammentun. Und natürlich wäre dabei sehr viel mehr Demokratie zu wagen gewesen, endlich auch in Russland, wo man von der Zarenherrschaft in die Diktatur und dann in Autokratie und Oligarchie geraten ist.

Was wäre geworden, wenn EU und RU im “Europäischen Haus” näher zusammengekommen wären, anstatt sich auseinander dividieren zu lassen? Natürlich wäre ein anderer Putin in einem anderen Russland am Ruder. Putin hätte ernten können, was Gorbatschow gesät hat. Ob er sich dann auch so demokratiefeindlich und despotisch entwickelt hätte, ist zwar noch immer eine Frage der Spekulation. Aber gerade auch die Interessen von Europa sind immer wieder mutwillig verletzt worden. Reihenweise wurden Nachbarstaaten von den USA destabilisiert, bis sich die Flüchtlingsströme in Bewegung setzten, was dann allenthalben zu unguten Tendenzen geführt hat.

Jean-Léon Gérôme: Die Wahrheit kommt aus ihrem Brunnen (1896).

Wer oder was ist also der “Feind”? Es sind demokratiefeindliche Staaten mit religiösen oder ideologischen Identitäten, die dazu neigen, Kriege anzuzetteln, um Demokratien zu hintergehen. Heuchelei spielt in der schwarzen Kunst der Kulissenschieberei eine ganz große Rolle. Darin liegt die Meisterschaft der USA, selbst herbeigeführte Entwicklungen so erscheinen zu lassen, daß die Welt wieder einmal in die Guten und die Bösen unterteilt werden kann. Dabei sind die Banker von Blackrock und die Söldner von Blackwater nur zwei Seiten derselben Medaille. Die dunkelsten Machenschaften werden von Privatarmeen betrieben, so daß die Staaten im Lichte der Öffentlichkeit ihre Hände heuchelnd in Unschuld waschen können.

Nicht die Medien sind das Problem, sondern manche ihrer Vertreter und vor allem jene darunter, die sich selbst zu Gesinnungswächtern ernannt haben und dazu neigen, mündige Bürger umerziehen zu wollen. Es ist einiges an neuer Unsicherheit entstanden, vieles, was verläßlich schien, hat sich als brüchig erwiesen. Die entwürdigenden Verunglimpfungen der Andersdenkenden ist gerade nicht der Ausdruck einer offenen Gesellschaft mit Demokratie und Gedankenfreiheit.

Die Impfskeptiker von gestern sind die “Putin-Versteher” von heute. Die Pazifisten haben die Rolle der “Covidioten” übernommen, und die Russen sind wie die Ungeimpften, die auch schon mal zur Umerziehung in Beugehaft genommen werden sollten, damit sie zur Einsicht kommen und sich “bessern”.

Alle diese Auseinandersetzungen sind allerdings auch “Anpassungsschwierigkeiten” an eine der größten Medien-Revolutionen seit Erfindung der Schrift. Urheber und Verstärker bei alledem ist die Kommunikation im Netz der Netze. Es läßt sich in der neueren Menschheitsgeschichte nachweisen, daß neu aufkommende Medien wie Sprache, Schrift, Buchdruck, Presse und Radio stets ganz gewaltige gesellschaftliche und kulturelle Umbrüchen auslösen.

Derweil halten sich die Despoten und Schlafwandler aller Zeiten viel darauf zugute, daß sie ja doch nur “gerechte” Kriege führen. Aber nicht auf die angeblich so “große” Vergangenheit längst untergegangener Reiche kommt es an, sondern auf die noch viel größere Zukunft des Menschseins. – Der geheime Plan der Natur, die im Menschen ein Auge aufschlägt, um sich selbst zu betrachten, ist allen Tendenzen und Latenzen im Zuge der Menschheitsentwicklung zufolge sehr eindeutig. Es geht um mehr Selbstorientierung, Individualität, Selbstbestimmung und Emanzipation, also um immer weniger angeblich fürsorgliche Entmündigungen.

Die Schafe brauchen keine Guten Hirten mehr, um sich führen, bevormunden und klein halten zu lassen. Der Despotismus muß zu immer mehr Gewalt greifen, weil er nicht mehr geduldet wird.  Emanzipation steht auf dem Programm der Weltgeschichte. Das Totalitäre muß untergehen, weil es der Menschheit kaum mehr zuträgliche Dienste leistet, sich tatsächlich weiter und höher zu entwickeln, durch Aufklärung, Bildung und individuelles Urteilsvermögen.

Im Verlauf der nächsten Zeit wird sich zeigen, wie wenig sich digitale Kommunikation wird zähmen lassen, so wie zuvor noch Menschen gezähmt, gebrochen und dressiert wurden. Nicht nur diese Pädagogik, auch dieses Politik ist von vorgestern. – Die Gedanken sind frei und seit erst die freie Kommunikation hinzukommen ist, ist unangepaßtes Denken bald schon in aller Munde.

Luther mochte seinerzeit den Buchdruck ganz und gar nicht, was ihn jedoch nicht daran gehindert hat, sich das neue Medium für seine Reformation zu Nutze zu machen. – Nicht einmal die Kirche hat darauf ihre despotische Macht zur Gedankenkontrolle wahren können, als der Buchdruck aufkam. Was erst wird sein, wenn die Kommunikation immer grenzenloser wird?

“Dialektik” ist nicht das, was die Einpeitscher verkünden, sondern ein ständiges Hin und Her für alle diejenigen, die sich selbst ein eigenes Urteil bilden möchten. – Natürlich muß dieser Krieg so schnell wie möglich durch Verhandlungen beendet werden. Aber es gibt auch Akteure, die ihn gar nicht beendet sehen wollen, weil manche ihr eigenes Süppchen kochen. Solche Kriegsspekulanten können in allen erdenklichen Lagern sitzen, um je nach Interesse wahlweise im Schafsfell oder auch im Wolfsfell aufzutreten.

Aber nun kommt dieser ominöse dialektische Umschlag: Die USA haben es durch Geheimpolitik und Kulissenschieberei wieder einmal  erreicht, daß es fast danach aussieht, als wäre so etwas wie “Armageddon”, dieser hochreligiös motivierte, apokalyptische “letzte Kampf zwischen den Mächten des Guten und denen des Bösen” nicht mehr ausgeschlossen werden kann. – Diesem religiös motivierten Wahn der USA stehen nicht minder unzeitgemäße Autokraten gegenüber, denen zuzutrauen ist, daß sie auch vor dem Einsatz von Atomwaffen nicht zurückschrecken. Und Europa ist jetzt der Spielball, um den gekämpft wird, auf den alle nur noch eintreten.

Das viel zu lang währende 19. Jahrhundert schien endlich beendet worden zu sein mit der Wiedervereinigung. Es war ein unendlich langer Abschied von Monarchien und Militärdiktaturen auf der ganzen Welt. Zwei Weltkriege wurden heraufbeschworen, nur weil die Mächtigen im Zuge der aufkommenden Moderne “ihre” Macht nicht teilen wollten. Und das alles nur, um irgendwelche Privilegien nach Altväter-Sitte gegen demokratische und humanistische “Verirrungen” zu verteidigen.

Nun ist ausgerechnet dieser reaktionäre Zeitgeist wie ein Untoter wieder auferstanden, in seiner ganzen unaufgeklärten, inhumanen und psychotischen Impertinenz. Und schon wird das Gerede wieder markig und zackig, wenn Waffen verschoben werden, als wären es Hilfsgüter ganz im Geist der Humanität.

Friedenstauben tragen  jetzt Uniform, man soll das Selberdenken einstellen, weil schon wieder nur noch möglichst schnelles, radikales Handeln besser sein soll als jedes Nachdenken. – Es war schon seltsam, daß immer mehr Frauen den Krieg erklären in den Talkshows und nicht mehr die Riege derer, die doch immer auch den Eindruck erweckten, als wäre der Krieg auch eine Lust.

Hat sich da etwas verändert? Hoffentlich ja, aber wenn, dann nur in der Theorie. Die Praxis steht noch aus, in dem Beweis, wie Demokratie und Humanität zu verteidigen sind. – Zunächst einmal ist diese Konstellation mutwillig herbeigeführt worden, der letzte Schritt war nur der, ihn dann auch zu beginnen. Die Falken haben es wieder einmal geschafft, den Tauben vorzugaukeln, sie seien welche von ihnen. – Die öffentliche Meinung ist das eigentliche Land, das angegriffen, verteidigt und erobert werden soll.

Ich bin dagegen, daß ich dafür sein muß, der putinschen Aggression die Stirn zu bieten. Ich bin dagegen, daß dieser Krieg zwischen Demokratie und Diktatur mutwillig vom Zaun gebrochen worden ist. So wird die anstehende Lektion nur noch schmerzvoller. – Es kann aber auch nicht mehr angehen, daß eine Riege von Oligarchen die Welt, die Gedanken, Reichtümer und Meinungen einfach unter sich aufteilt und anderen nicht einmal mehr Gedankenfreiheit gewährt. Allein der Zynismus der Macht spricht Bände.

Die erste wahrhafte Demokratie ist in Athen entstanden, in einer vergleichbaren Bedrohung durch das viel mächtigere Reich der Perser. Sogar das Orakel von Delphi wechselte vorsorglich die Seiten, riet zur Unterwerfung und setzte damit auf die falsche Seite, zum Nachteil der eigenen Reputation. – In dieser Situation konnte der hochwohlgeborene Adel die Lasten des anstehenden Krieges nicht mehr standesgemäß tragen und auch allein bewältigen. Es galt, eine Flotte zu bauen, um dann die Bürger zu motivieren, auf eigene Kosten in den Krieg zu ziehen. – Aber wer aus freien Stücken mit in den Krieg zieht, um die eigene Freiheit zu verteidigen, wird dieselbe Freiheit auch gegenüber dem eigenen Staat geltend machen, darauf entstand die erste Basis-Demokratie der Welt. 

Mit der Renaissance führte die Wiedererinnerung an diese Epoche zum Humanismus, und dieser steht seither immer wieder neu auf dem Spiel. Herausgefordert wird er durch üble Menschenbilder im Auftrag von Religionen, Ideologien, Wirtschafts- und vor allem Machtinteressen. – Daraufhin wurden oft barbarische Exzesse in Szene gesetzt, die eine Weiterentwicklung der Menschheit immer wieder um Jahrzehnte, wenn nicht um Jahrhunderte zurückwarfen. Dagegen das humanistische Menschenbild hochzuhalten und auch zu verteidigen, ist selbst ein ehrenwertes Motiv.

Aber gerade den Hitzköpfen ist in einer solchen Krise gar nicht zu trauen, schon gar nicht den Kulissenschiebern, und das allfällige Moralisieren ist nichts weiter als geistige Umweltverschmutzung. Da erdreisten sich manche, die eigene Einfalt zum Maß aller Dinge zu erklären. – Für wirklich große Fragen gibt es keine einfachen Lösungen, sondern nur eine reflektierende Haltung, die darauf Wert legt, die Würde zu wahren und Widersprüche auszuhalten. Nur dann sind wir wach genug, im Hin und Her zwischen Herz und Kopf immer wieder neu den Ausgleich für unsere Stellungnahmen und Entscheidungen zu finden.

Das ändert jedoch nichts daran, daß auch andere Konsequenzen gezogen werden müssen, vor allem das Ende der Nibelungentreue. Seit Jahren haben die USA mit ihrer ganzen Politik der Demütigung, Herabsetzung und mit der gezielten Einflußnahme in der Ukraine darauf hingearbeitet, für Russland ein neues Afghanistan zu erschaffen. Aber nun soll nicht mehr nur Russland, sondern zugleich auch die EU ganz entscheidend geschwächt werden. Beide sollen zu Provinzmächten werden, um in der nächsten Auseinandersetzung mit China nicht mehr stören zu können.

Zugleich besteht die Gefahr, daß der Humanismus erneut eine katastrophale Niederlage erlebt. Denn dieser ist es eigentlich, der gedemütigt werden soll. Die Angriffe richten sich gegen den alteuropäischen Geist, gegen Demokratie, Emanzipation, Individualismus, Meinungsfreiheit, Philosophie und gegen die Idee vom ewigen Frieden. – Europa muß sich endlich lösen von der Nibelungentreue zu den USA, die ihre Spiele spielen und ihre Interessen verfolgen, dabei aber immer wieder verheerende Konflikte auslösen, große Schäden anrichten und sehr viel neuen Haß erzeugen, der sich später wieder in neuen Konflikten entladen wird.

Im Zentrum stehen momentan aber Despoten, die von vorgestern sind. Sie wissen, daß ihre Zeit längst abgelaufen ist. Daher machte Putin diesen letzten Versuch, nach alter Manier einfach zu erobern, was sich nicht standhaft genug zu erwehren versteht. Und die Kollegen unter den Despoten werden derweil sehr genau beobachten, wie weit Putin mit seinen Übergriffen kommt, um sich an seinem Schicksal ein Beispiel zu nehmen. Und dennoch gilt: Gewalt ist keine Lösung sondern nur ein Zeugnis geistiger Armut.

Daher ist es nicht nur nachvollziehbar, sondern akzeptabel, mit dem Herzen anderer Meinung zu sein, im Widerspruch und im Widerstand zu den neunmalklugen Scharfmachern, die sich wieder einmal selbst berauschen am eigenen Wahn. – Wozu haben wir ein Gewissen? Was bedeutet uns die Fähigkeit, Zukünfte vorwegnehmen zu können, um daran das eigene Entscheiden und Handeln immer wieder neu auszurichten, wenn man ausgerechnet in der Krise auf Demagogen, Hitzköpfe oder auf die Manipulationen von Geheimdiensten, Propaganda und Gesinnungswächtern hereinfällt?

Ich bin von Herzen dagegen, daß ich aus Vernunftgründen dafür sein muß, diesen Fehdehandschuh aufzuheben. Aus Einsicht in die Notwendigkeit bin ich dafür, dieser Konfrontation, diesem Despotismus die Stirn zu bieten und das bedeutet: Es gilt, der Willkürherrschaft von Despoten und Kulissenschiebern endlich entgegenzutreten und dafür zu sorgen, daß deren Politik weltweit nicht mehr aufgeht. Die Zeiten, als im Absolutismus sich noch einzelne Herrscher selbst zum Staat erklärten und ebendas auch so meinten, wenn sie “wir” sagten, waren ein aberwitziges Durchgangsstadium in der Neueren Geschichte, das endlich vorbei sein sollte.

Es gibt nur einen Grund, die Verteidigung gegen diesen Krieg zu rechtfertigen, wenn es schlußendlich auf mehr Demokratie, mehr Humanität und weniger dunkle Machenschaften hinausläuft.  Es ist an der Zeit, dem ständige Zündeln der USA endlich Einhalt zu gebieten. Es scheint, als läge eines der Motive, die Welt andauernd mit neuen Konflikten zu überziehen auch darin, im eigenen Land von einem drohenden Bürgerkrieg abzulenken.  Man sorgt ständig für neue äußere Feinde, um den Haß im eigenen Land damit zu übertünchen.

Was bei alledem überhaupt nicht geheuer sein kann, ließ sich bereits in der  Corona-Krise beobachten. Es war ein Rückfall in vormalige Zeiten, in ein längst überwunden geglaubtes Stadium der Entwicklung – aus Gründen der Angst und der Panikmache. Genau damit spielen Despoten immer wieder, aber auch Politiker in Demokratien auf der Grundlage von Staaten, die wie Monster im Zaum gehalten werden müssen.

Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und die Balance of Power sind inzwischen unerläßlich geworden, es reicht aber noch immer nicht. Noch mehr Demokratie ist erforderlich, noch mehr Bildung, Entwicklung, Emanzipation. Also genau das Gegenteil dessen, was den Autokraten und den sich allenthalben bereichernden Oligarchen genehm ist. Sie sollen nicht mehr von dieser Welt sein, denn sie stammen aus dem letzten, eigentlich toten 19. Jahrhundert, das jetzt wie ein Zombie die Gemüter erschrickt. – Sich nicht einschüchtern zu lassen und nicht erpressbar zu sein, ist von größter Bedeutung. Auch und gerade Demokratien müssen wehrhaft sein, nur ganz anders, als es sich die Militaristen und Bellizisten wünschen.

Ein Krieg im Namen der Demokratie ist nur dann legitim, wenn mehr Demokratie dabei herauskommt. Erst dann läßt sich auch das Herz gewinnen. Es ist ein Ausdruck der Würde, sich nicht einschüchtern, verängstigen und unterdrücken zu lassen. – Aber in Russland sind demokratische Erfahrungen noch gar nicht gemacht, sondern immer nur verhindert worden. Und die Demütigungen, die zuletzt vom Westen her gezielt adressiert wurden, taten ihr übriges, eben nicht den Weg der Humanität in die Zukunft, sondern den der Gewalt in die Vergangenheit zu wählen.

Bei alledem sollte man den humanen Geist zu würdigen wissen, denn gerade der Umgang mit Gedemütigten ist ganz besonders heikel. In Krisen und Konflikten die Würde der Verlierer zu wahren und dafür verläßlich zu sorgen, daß sich gerade sie sich gewürdigt fühlen dürfen, können und auch sollen, das ist die höchste Kunst jeder Diplomatie. – Aber schon seit Jahren findet immer weniger Diplomatie statt, Demütigungen werden bewußt ausgesprochen, es wurde betont undiplomatisch provoziert, weil nicht der Frieden, sondern der Krieg gewählt worden ist, lange bevor Putin seinen Marschbefehl gab.


Man will den Esel strafen, schlägt aber den Sack

Über Sexismus und Sprachkritik
Es ist erklärungsbedürftig, was dieser, zugegeben nicht ganz tierliebe Spruch besagen soll. Deutlich wird, was gemeint ist, anhand der aktuellen Debatten über Sexismus.
Tatsächlich läßt sich ein nicht unwesentlicher Teil des Sexismus anthropologisch auf animalische Anteile zurückführen, die wir noch immer in uns tragen. Menschen sind herausgefallen aus ihrer vormaligen Tier-Natur im Paradies, es ist unser Schicksal, nie wieder “ganz” zu werden. – Rilke sagt über den Menschen,

 

“und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt.” (Rainer Maria Rilke:  Duineser Elegien.)

Das ist der Preis dafür, Mensch geworden zu sein: Daher die vielen Widersprüche in und zwischen uns. Und davon ist der zwischen „Körper haben“ und „Leib sein“ nur einer von vielen. – Wir beobachten uns, oft nicht gerade freundlich gestimmt. Auch sind wir nicht entweder das eine oder das andere, sondern mal das eine, mal das andere und das zumeist nicht wirklich voll und ganz.

Lucas Cranach der Ältere: Paradies (Ausschnitt) (1530).

An der Sprache nun andauernd neue Exempel wegen Sexismus vorzunehmen, ist auch keine Lösung im Umgang mit alledem. Genau das besagt offenbar dieser Spruch: Der „Esel“ ist also der Sexismus, den manche bestrafen möchten, aber nicht können. Daher wird die Sprache, also der „Sack“ geschlagen.
Viele dieser Hypothesen über Sprechen und Sprache haben den Tiefgang von Verschwörungstheorien. Sie geben sich viel zu schnell mit möglichst einfachen Erzählungen vom angeblich Bösen hinter den Kulissen zufrieden.
Nichts gegen mehr sprachliche Sensibilität und mehr Differenzierungsvermögen. Nur das kann helfen. Aber das geht nicht auf dem Umweg über Sprechverbote, sondern nur auf dem Umweg über noch mehr, noch bessere Worte, noch mehr Nebensätze und nur durch tiefere Dialoge, in denen die Empathie immer mehr zur Einfühlung kommen kann.
Durch neu errichtete Tabus werden aus Widersprüchen nur noch größere Probleme, weil auch diese Aspekte des Menschlichen ein Recht darauf haben, Gehör, Ausdruck und Verständnis zu finden. – Über die angemessene Form läßt sich allerdings trefflich streiten. Es war schon immer eine Frage der Kultur, zu „kultivieren“, was, wie zum Ausdruck gebracht werden kann und auch soll.
Allerdings hat der alltägliche Sexismus auch biologische Grundlagen, die noch aus dem Tierreich stammen. Das kann jede Frau am eigenen Leib erfahren. Spätestens dann, wenn ab einem gewissen Alter die begehrlichen Blicke seltener werden.
Und mir als Mann entlockt es ein Schmunzeln über meine eigene Tiernatur, wenn ich sehe, wie mein Blick „fremdgesteuert“ wird. Allein vom Klackern höherer Absätze geht ein unwiderstehlicher Reiz aus. Dabei ist den TrägerInnen der richtige Klackerton offenbar von Bedeutung. Wären die Pumps stumm, blieben sie in den Regalen. – Aber ich muß ja nun nicht die Steuerung aus der Hand geben. Natürlich kann Mann sich über die eigene Tiernatur hinwegsetzen.
Auf “Sexuelle Bildung” kommt es an, der Weg dorthin ist aber anspruchsvoller als gedacht. Vor allem geht es darum, möglichst viele solcher Widersprüche in angemessene Worte zu kleiden. – Wir können Weine degustieren und winden Worte zu Girlanden des ereignisreichen Geschmacksgeschehens, aber über Orgasmen reden, über Erotik und über die Spannung dieser Widersprüche, das können wir nicht.
Nicht weniger, sondern sehr viel mehr neue Worte sind die Lösung. Nicht neue Tabus, nicht die Einschränkung, sondern erst die Erweiterung des Ausdrucksvermögens ist “Bildung”. – Der Baum der Erkenntnis hat noch viele Früchte, die allesamt verkostet werden sollten. Das “Verbotene” an diesen Früchten besteht allerdings darin, daß es immer auch ein Wagnis ist, sich zu öffnen, um sich zu erklären und einander zu verstehen.
Wichtig ist jedoch nicht nur Reden, entscheidend ist erst das Verstehen. – Nur, wo mindestens zwei Menschen beisammen sind und einander verstehen, nicht allgemein, sondern ganz konkret in einer ganz bestimmten, höchst heiklen Angelegenheit, dort ist auch der Geist unter ihnen, der die Sicherheit verschaffen kann, sich aufgehoben zu fühlen, für Momente des Glücks.

Nähe und Enge

Wenn es eng wird ums Herz

“Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen.” (Christa Wolf: Kassandra. Voraussetzungen einer Erzählung. Frankfurter Poetik-Vorlesungen; Darmstadt, Neuwied 1983. S. 76f.)

Es gibt einen ethisch nicht zulässigen Tierversuch:  Zwei Ratten werden in einen Käfig gesperrt, der eine ziemlich klar definierte Größe unterschreitet.  Dann gehen sich beide augenblicklich an die Gurgel, bis nur noch eine übrig bleibt.
Auf mehrtägigen Veranstaltungen gibt es diesen magischen 3. Tag.  Auch da gehen sich Teilnehmer aus einem inneren Zwang heraus an, weil irgendeine Geduld am Ende ist und man vom vielen Weglächeln allmählich Gesichtskrämpfe bekommt. –  Es ist auch komisch, wenn gleich ganz viele wie auf ein geheimes Kommando ziemlich unvermittelt und aufgrund von Nichtigkeiten plötzlich aufeinander losgehen.
Wenn man als Referent später dazu kommt und wissen möchte, wie die Stimmung so ist, kann man sehr gut Teilnehmerinnen befragen.  Frauen haben es wie selbstverständlich auf dem Schirm, wer mit wem, warum nicht und weswegen.  – Ich bin da immer bass erstaunt, wie leicht frau Gruppendynamik durschauen kann, weil ich dazu mit Bordmitteln ziemlich lange brauche, bis ich es auch sehe.

Jérôme-Martin Langlois: Cassandra fleht Minerva an, sich an Ajax zu rächen (1810).

Es ist überaus wichtig, hinter die Kulissen zu schauen.  Das ist auch der Sinn von Höflichkeit, denn es gilt, anderen zuvorkommend zu begegnen, so daß sie gar nicht erst Beklemmungen bekommen, sondern sich wohlfühlen, verstanden, geachtet, gewürdigt.  – Das läßt sich sehr schön bei Knigge studieren, dem es mitnichten um den Einsatz des Fischmessers geht.
Tatsächlich ist Gesellschaft immer auch Theater.  Wir spielen unsere Rollen und dabei uns selbst und anderen etwas vor.  Aber was wäre die Alternative?  – Der Untertitel bei Knigge lautet, vom Umgang mit Menschen.  Dabei geht es um eine Diplomatie, die alles andere ist als Schmeichelei oder Manipulation.  Allerdings ist dazu ein wenig Lebensart und Lebenserfahrung erforderlich und vor allem ein humanistischer Geist.
Das Rollenspiel ist ja selbst wieder ein Medium, eine Sprache, mit der wir uns darstellen.  Das wird einem klar bei einer Empfehlung, die Knigge gibt:  Seinerzeit war die Bewegungsfreiheit nicht so wie heute. Nur Adelige und Handwerksgesellen durften und mußten reisen, um sich in der weiten Welt zu beweisen.  In der Tat lernt man sich selbst am besten in der Fremde kennen und vor allem dann, wie man mit dem Unbekannten umgehen muß.
Wenn man in der Stadt eine Kutsche gemietet hat und die Kutscher wie verrückt losfahren, sollte man sich keineswegs darüber beschweren.  Es geht nur um eine Belastungsprobe.  Wenn nämlich die Räder schwach sind, dann sollten sie hier und jetzt brechen – aber nicht im Wald, wo bekanntlich die Räuber sind.
Die meisten Probleme entstehen durch nicht thematisiertes Mißverstehen. Es ist falsche Höflichkeit, irgendeine Form zu wahren, aber nicht auf das zu sprechen zu kommen, was wirklich von Bedeutung ist, um einander zu verstehen.  – Das ist voraussetzungsreicher als gedacht.  Zunächst müßte man erst einmal sich selbst verstehen und dann auch den Anderen. Dann braucht man eine gemeinsame Gesprächsgrundlage, wie es schon im Jargon der Diplomaten heißt.  Das alles verlangt der Sprache derart viel ab, so daß viele lieber alles weglächeln und Meta-Toleranz-Gepflogenheiten vor sich hertragen oder auch Parteinahmen, je nach Tagesbefehl, was noch mehr Probleme bereitet.
Die Welt ist in der Tat abhängig vom Willen und von der Vorstellung, die man sich darüber macht oder auch nur machen läßt.  Das hat die Corona-Krise leidlich unter Beweis gestellt.  Die Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft, wurden ständig verletzt.  Man hat sich in eine Stimmung aus Panik, Furcht und Bedrohung versetzen und dauerhaft halten lassen.
Und jetzt erscheint es so, als wäre Corona nur eine Art Vorkrieg gewesen.  Die Polarisierung der Gesellschaft, der Kultur, mancher Gemeinschaften und das Gefühl, im Anderen eine infektiöse Bedrohung zu sehen und Nähe generell fürchten zu müssen, sich auf nichts mehr verlassen zu können, schon gar nicht auf das eigene Immunsystem, das hat alles sehr viel mehr Schaden angerichtet, als manche bereit wären, sich zuzugestehen.
Auch ist es kein Zufall, daß nunmehr mit möglichst großer Öffentlichkeit dieses toxische Männlichkeitsgehabe wieder fröhliche Urstände feiert.  – Wie war es noch, als Deutsche in den Krieg fuhren? Das taten sie ja nur, um dort mit ihrer neuen, französischen Geliebten auf der Chaussee de Elysee flanieren zu gehen.  Zurück kamen sie, wenn überhaupt, zutiefst traumatisiert.
Die Weltkriege haben diese Schattenfiguren des prekären Maskulinismus erzeugt, einen manisch-depressiven Männertyp, der nicht sprechen kann über die Scheußlichkeiten, die nicht wieder verschwinden wollen.  Also liegt er den ganzen Tag auf der Couch, bekommt aber einmal am Tag seinen Anfall, die ganze Familie zu vermöbeln.
Das gegenwärtige, affenhafte Brustklopfen der Machomanie ist ja nur das, was im Vorkrieg demonstriert wird.  Später wird sich die Gesellschaft in großer Dankbarkeit für die erbrachten Opfer von diesen Helden nur noch angewidert abwenden.  Also was soll das?
Es ist kein Kunststück, gegen den Krieg zu sein, gegen jeden, weil das einfach für nichts gut ist.  Außerdem befand man sich schon immer in der besseren Gesellschaft mit denen, die sich ein eigenes Urteilsvermögen zutrauen und auch zumuten mochten.  – Zwischen der Zustimmung zur Impfung und der Zustimmung zum Krieg gibt es eine gespenstische Gemeinsamkeit.
I am not convinced.  – Wo kommt nur das Bedürfnis nach Haß her?  Ist es nicht eine viel zu späte Reaktion darauf, daß man sich wieder einmal hat viel zu viel Duldsamkeit abverlangt, zu viel Nähe zugemutet und zu wenig Verstehen aufgebracht hat?  Warum wehren sich so wenige gegen Übergriffe und lächeln sich weg?  Warum kommt es dazu, daß man irgendwann einfach platzt, wenn es bereits zu spät ist? Das ist falsche Höflichkeit, das ist Feigheit, Unbedarftheit, Unselbstständigkeit, Unsicherheit, Unmündigkeit.
Warum haben so viele die Gelegenheit zum Bashing nicht verstreichen lassen, um auch mal ganz kräftig auszuteilen?  – Die Gründe liegen woanders, in einem allgemeinen Unglücklichsein, das mit dem eigentlichen Anlaß kaum etwas zu tun hat.  In einem Mangel an Denken und Sprache liegen die eigentlichen Gründe.  Daher laufen die Konflikte völlig aus dem Ruder nach dem Motto:  Und was ich Dir überhaupt immer schon mal sagen wollte…! Machtworte sind Verlautbarungen einer Ohnmacht, aus Gründen der Sprache, des Denkens und aus Mangel an Geist.
Als Ethologen einem Volk ohne Fernseher vom Weltkrieg erzählten, haben sich diese zunächst köstlich amüsiert.  So etwas bräuchten sie auch mal. Offenbar dachten sie an eine zünftige Wirtshausschlägerei, die sie auch noch nicht kannten.  – In einem Science Fiction las ich mal über eine fremde Spezies, sie seien ursprünglich sehr kriegerisch gewesen, dann aber hätten sie sich selbst immer weiter pazifiziert.  Aber von Zeit zu Zeit bräuchten sie noch eine Drangwäsche, ein bemerkenswertes Wort für das, was da gerade vor sich geht.
Es ist vielen zu eng geworden.  Es wäre aber besser, einander mehr Raum zu gewähren.  Raum gewähren kann man auch durch mehr Verständnis, etwa für die, die sich gerade völlig verunsichert in den Geschäften bewegen, daß jetzt keine Maskenpflicht mehr herrscht.  Aber wo kommen wir da jetzt hin, wenn jeder wieder macht was er oder sie will!  – Genau das ist das Problem, dieses unausgesprochene Mißtrauen, der verborgene Selbst- und Menschenhaß.
Der Liberalismus steht einer rechtskatholische Tiefengesinnung gegenüber und einer Reihe von selbstüberzeugten Besserwissern, die in sich das Potential zum guten Diktator verspüren.  Nicht nur Krieg, sondern auch Diktatur scheint wieder machbar.
Aber der Liberalismus hat den Humanismus auf seiner Seite.  Er kann sagen, warum wir uns in unserer Freiheit selbst finden und entwickeln müssen.  Nur so wird aus Menschen das, was sich aus ihrer Emanzipationsgeschichte längst herauslesen läßt, Wesen individueller Weisheit, Selbstverantwortung, Empathie, Authentizität und einem immens gestiegenen Verbalisierungsvermögen.
Erst wenn wir sagen können, was mit uns und der Welt nicht stimmt, wenn wir auch in der Bewegtheit noch die Contenance bewahren können, um uns gleichwohl nicht unterbuttern zu lassen, erst dann sind wir auf dem richtigen Weg.  – Dabei ist die Bezeichnung Homo sapiens bislang nur eine Anmaßung.
Die letzte aller Kompetenzen ist die schwerste von allen, das ist in jeder Entwicklung so. Sich selbst moderieren zu können,
freundschaftlich, verständnisvoll und hoffnungsvoll, das ist einzig das, was zählt. Der Staat hat überhaupt nicht das Recht, sich da einzumischen. Er hat nicht die Aufgabe, über die Gesellschaft zu herrschen, er hat ihr zu dienen, um sie darin zu unterstützen, zu sich selbst zu kommen. – In Pädagogik und Psychologie ist das der state of the art, alle Eltern wissen das.

Der Staat als Monster

Entscheidend, ob er der Gesellschaft dient oder über sie herrscht

Alles  was uns wertvoll erscheint, ist es immer nur in Hinsicht auf einen äußeren Zweck. Aber Menschen tragen ihren Zweck in sich selbst und verfügen über Freiheit und Autonomie, um sich selbst Zwecke zu setzen. In diesem Selbstzweck und im Recht auf Selbstbestimmung liegt die Würde des Menschen. — Mit diesem Beweis gelingt Immanuel Kant in der Metaphysik der Sitten die Begründung einer Ethik der Menschenwürde, die nicht mehr auf die Theologie der Ebenbildlichkeit angewiesen ist.

Frontispiz von Hobbes’ Leviathan.

Aber Staaten haben sich aus vielerlei Gründen immer wieder an der Selbstzwecksetzung und an der Freiheit und Autonomie von Menschen und ganzen Gesellschaften systematisch vergriffen. — Dabei wurden und wird vielen die Emanzipation vorenthalten oder auch ganz vereitelt.

Nicht selten erzeugen Staaten gezielt gewünschte Verhältnisse, so wie sie ihren Interessen zuträglich sind. — Das geschieht aus beliebigen anderweitigen Interessen, die nicht im Dienste der Humanität stehen, bei denen es ums Haben geht, aber nicht um Sein; um Macht, aber nicht um Geist.

Die im Prozeß der Zivilisation entstandenen Staaten vergötzen sich selbst. Sie neigen dazu, die anvertrauten Gesellschaften bei Gelegenheit für die eigenen Zwecke zu mißbrauchen, mitunter im Ungeist einer zynischen Menschenverachtung, die einem jeden Humanismus spottet. — Der Staat ist ein Monster, daher ist es entscheidend, ob er der Gesellschaft dient oder über sie herrscht; ob er in seiner titanischen Macht beherrscht und kontrolliert wird oder selbst herrscht.

Staaten sind eher an Untertanen interessiert. Sollten sie nicht ausnahmsweise dem Geist des Humanismus verpflichtet sein, so halten sie nach Möglichkeit ›ihre‹ Gesellschaft ganz bewußt klein und führen sie bei Gelegenheit auch hinters Licht, — Noch immer muß dazu das Ammenmärchen herhalten, ›der‹ Mensch sei als solcher gar nicht in der Lage, sich selbst zu führen und könne gar nicht ohne Vormundschaft, von sich aus das Richtige einsehen und auch tun können.

Ein weiteres Ammenmärchen ist die Rede vom ›guten Hirten‹, auf dessen Führung ›seine‹ Schafe angeblich angewiesen sind. Die Freiheit, die Autonomie und der Selbstzweck des Menschen, das macht dieses alte Narrativ eigentlich obsolet. Noch immer herrscht ein Menschenbild der Menschenverachtung vor. — Es ist an der Zeit, mit der Emanzipation der Gesellschaft und der Höherentwicklung der politischen Kultur durch das Projekt der Direkten Demokratie endlich zu beginnen.

 


EPG II b (online und Block)

Oberseminar

EPG II b (Online)

Ethisch–Philosophisches Grundlagenstudium II

SS 2022 | Beginn: 30. Juni 2022 | Ende: 14. August 2022 | Online und Block
Ab 30. Juni 2022: 5 Seminare online | donnerstags: 14:00–15:30 Uhr, sowie
3 Workshops im Block: 12., 13., 14. August 2022 | 14–19 Uhr | Raum: 30.91-110

Zum Kommentar als PDF

Universe333: YogaBeyond Honza & Claudine Bondi; Beach, Australia 2013. — Quelle: Public Domain via Wikimedia Commons.

Zwischen den Stühlen

Eine Rolle zu übernehmen bedeutet, sie nicht nur zu spielen, sondern zu sein. Wer den Lehrerberuf ergreift, steht gewissermaßen zwischen vielen Stühlen, einerseits werden höchste Erwartungen gehegt, andererseits gefällt sich die Gesellschaft in abfälligen Reden. — Das mag damit zusammenhängen, daß jede(r) von uns eine mehr oder minder glückliche, gelungene, vielleicht aber eben auch traumatisierende Schulerfahrung hinter sich gebracht hat.

Es sind viele potentielle Konfliktfelder, die aufkommen können im beruflichen Alltag von Lehrern. Daß es dabei Ermessenspielräume, Handlungsalternativen und vor allem auch Raum gibt, sich selbst und die eigenen Ideale mit ins Spiel zu bringen, soll in diesem Seminar nicht nur thematisiert, sondern erfahrbar gemacht werden.

Das Selbstverständnis und die Professionalität sind gerade bei Lehrern ganz entscheidend dafür, ob die vielen unterschiedlichen und mitunter paradoxen Anforderungen erfolgreich gemeistert werden: Es gilt, bei Schülern Interesse zu wecken, aber deren Leistungen auch zu bewerten. Dabei spielen immer wieder psychologische, soziale und pädagogische Aspekte mit hinein, etwa wenn man nur an Sexualität und Pubertät denkt. — Mitunter ist es besser, wenn möglich, lieber Projekt–Unterricht anzuregen, wenn kaum mehr was geht.

Es gibt klassische Konfliktlinien, etwa Eltern–Lehrer–Gespräche, in denen nicht selten die eigenen, oft nicht eben guten Schul–Erfahrungen der Eltern mit hineinspielen. Aber auch interkulturelle Konflikte können aufkommen. Das alles macht nebenher auch Kompetenzen in der Mediation erforderlich. — Einerseits wird individuelle Förderung, Engagement, ja sogar Empathie erwartet, andererseits muß und soll gerecht bewertet werden. Das alles spielt sich ab vor dem Hintergrund, daß dabei Lebenschancen zugeteilt werden.

Gerade in letzter Zeit sind gestiegene Anforderungen bei Inklusion und Integration hinzugekommen. Auch Straf– und Disziplinarmaßnahmen zählen zu den nicht eben einfachen Aufgaben, die allerdings wahrgenommen werden müssen. — Ein weiterer, immer wieder akuter und fordernder Bereich ist das Mobbing, das sich gut ›durchspielen‹ läßt anhand von Inszenierungen.

Es gibt nicht das einzig richtige professionelle Verhalten, sondern viele verschiedene Beweggründe, die sich erörtern lassen, was denn nun in einem konkreten Fall möglich, angemessen oder aber kontraproduktiv sein könnte. Pädagogik kann viel aber nicht alles. Bei manchen Problemen sind andere Disziplinen sehr viel erfahrener und auch zuständig. — Unangebrachtes Engagement kann selbst zum Problem werden.

Wichtig ist ein professionelles Selbstverständnis, wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen, und mitunter auch einfach mehr Langmut an den Tag zu legen. Zudem werden die Klassen immer heterogener, so daß der klassische Unterricht immer seltener wird. — Inklusion, Integration oder eben Multikulturalität gehören inzwischen zum Alltag, machen aber Schule, Unterricht und Lehrersein nicht eben einfacher.

Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit setzen zwar hohe Erwartungen in Schule und Lehrer, gefallen sich aber zugleich darin, den ganzen Berufstand immer wieder in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken. — Unvergessen bleibt die Bemerkung des ehemaligen Kanzlers Gehard Schröder, der ganz generell die Lehrer als faule Säcke bezeichnet hat.

„Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

Dieses Bashing hat allerdings Hintergründe, die eben darin liegen dürften, daß viel zu viele Schüler*innen ganz offenbar keine guten Schulerfahrungen gemacht haben, wenn sie später als Eltern ihrer Kinder wieder die Schule aufsuchen.

Ausbildung oder Bildung?

Seit 2001 ist das Ethisch–Philosophische Grundlagenstudium (EPG) obligatorischer Bestandteil des Lehramtsstudiums in Baden–Württemberg. Es besteht aus zwei Modulen, EPG I und EPG II. — Ziel des EPG ist es, zukünftige LehrerInnen für wissenschafts– und berufsethische Fragen zu sensibilisieren und sie dazu zu befähigen, solche Fragen selbständig behandeln zu können. Thematisiert werden diese Fragen im Modul EPG II.

Um in allen diesen Konfliktfeldern nicht nur zu bestehen, sondern tatsächlich angemessen, problembewußt und mehr oder minder geschickt zu agieren, braucht es zunächst einmal die Gewißheit, daß immer auch Ermessens– und Gestaltungsspielräume zur Verfügung stehen. Im Hintergrund stehen Ideale wie Bildung, Entfaltung der Persönlichkeit, die Erfahrung erfüllender Arbeit und Erziehungsziele, die einer humanistischen Pädagogik entsprechen, bei der es eigentlich darauf ankäme, die Schüler besser gegen eine Gesellschaft in Schutz zu nehmen, die immer fordernder auftritt. In diesem Sinne steht auch nicht einfach nur Ausbildung, sondern eben Bildung auf dem Programm.

Auf ein– und dasselbe Problem läßt sich unterschiedlich reagieren, je nach persönlicher Einschätzung lassen sich verschiedene Lösungsansätze vertreten. Es ist daher hilfreich, möglichst viele verschiedene Stellungnahmen, Maßnahmen und Verhaltensweisen systematisch durchzuspielen und zu erörtern. Dann läßt sich besser einschätzen, welche davon den pädagogischen Idealen noch am ehesten gerecht werden.

So entsteht allmählich das Bewußtsein, nicht einfach nur agieren und reagieren zu müssen, sondern bewußt gestalten zu können. Nichts ist hilfreicher als die nötige Zuversicht, in diesen doch sehr anspruchsvollen Beruf nicht nur mit Selbstvertrauen einzutreten, sondern auch zuversichtlich bleiben zu können. Dabei ist es ganz besonders wichtig, die Grenzen der eigenen Rolle nicht nur zu sehen, sondern auch zu wahren.

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Studienleistung

Eine regelmäßige und aktive Teilnahme am Diskurs ist wesentlich für das Seminargeschehen und daher obligatorisch. — Studienleistung: Gruppenarbeit, Präsentation und Hausarbeit.

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