Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Utopie

Demut schützt vor Hybris

Hochmut kommt vor dem Fall

Es ist mehr als nur eine Geste der Bescheidenheit, es ist auch eine Verneigung, wenn man konstatiert, bei aller Größe sei man selbst nun auch nicht voraussetzungslos. – Wie irre muß man eigentlich sein, das als Demütigung zu empfinden. Tatsächlich geht es um die Würde der Gesellschaft.

Ähnlich irre meinen ja auch Vertreter der Wirtschaft, daß sie der Gesellschaft von Nutzen sei, einfach weil sie Geschäfte macht, um dabei die Infrastruktur, die Bildung, das Rechtsystem und die Infrastruktur einfach kostenlos zu nutzen. Wieso soll man sich denn an den Voraussetzungen beteiligen?

Das ist auch die wirklich gemeingefährliche Vision der Superreichen, die offenbar dabei sind, genau diese Dystopie wirklich werden zu lassen. – Die Gated community, die geschlossenen und bewachten Wohnanlagen, in denen Privatrecht herrscht, sind bereits das erste Zeichen dieser unheilvollen Entwicklung. Dort gibt es ja schon Privatpolizei, wie wäre es denn mit einem eigenen Rechtssystem?

Es ist ein Gebot von Demut und Bescheidenheit, generell anzuerkennen, daß das, was man ist, kann und geleistet hat, ob Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage, im Zweifelsfall den Göttern oder sonstigen höheren Mächten zu verdanken ist. Wo das nicht geschieht, dort wird es immer gefährlicher, denn dann kommt Hybris auf. Das ist nicht nur Hochmut, sondern Dummheit, weil man sich und die eigenen Kompetenzen dabei ganz erheblich überschätzt. Natürlich muß es dann zu Katastrophen kommen.

Man sieht das in der Corona-Krise, wo die Politik an ihrem eigenen Machbarkeitswahn schier ausrastet wie der französische Präsident dieser Tage, der Andersdenkende einfach nur noch „anpinkeln“ und „ankacken“ will. – So etwas kommt vor dem tiefen Fall, denn natürlich wollen und können Hochmögende gar nicht zugeben, daß sie selbst alles verk*t haben.  

Die Demutsformel von den „Voraussetzungen, die man selbst nicht geschaffen hat“, muß wirklich von Herzen kommen. Denn dann versteht man sich als das, was man ist, ein ziemlich kleines Teil eines reichlich großen Ganzen, das man nicht nur nicht in der Hand hat, sondern zumeist nicht einmal versteht. Ich empfehle zunächst eine Roßkur mit Luhmann-Lektüre gerade für Weltverbesserer, wie ich selbst einer bin. Und darüber hinaus muß auf jeden Fall sehr viel mehr Philosophie in die öffentlichen Debatten, denn es ist einfach ganz schrecklich, was da so tagein tagaus an Böcken geschossen wird. Als würde neuerdings mangelndes Denken belohnt.

Es besteht die Gefahr, daß man mit dem besten Willen und noch besseren Absichten ganz schlimmes Unheil anrichten kann. – Daher hat man die Gewaltenteilung erfunden und den Monotheismus auf der Ebene von Staatstheorie und Rechtsphilosophie schon seit langem überwunden. Nur, daß die Leute es nicht verstehen, weil sie größtenteils noch in Märchenwelten leben. Immerzu wird gequatscht, wie im Kindergarten, es sollten für alle dieselben Regeln herrschen, das müsse doch alles zentralistisch, aus einem Guß, ohne Ausnahmen, selbstverständlich mit hartem, härtestem, ach, drakonischen Maßnahmen. Seufz. – Nein!

Das Gegenteil ist richtig. Auch Schwarmintelligenz braucht erst einmal Zeit, sich zu entwickeln und eine gute Pädagogik, die Gelegenheiten schafft, daß sie sich auch entfalten kann.

Was tut man, das Gegenteil. Jetzt soll auch noch telegram verboten werden, so wie es den totalitären Staaten nun auch nicht gefällt, daß die Leute einfach so, also unkontrolliert miteinander reden. Sorry, geht es noch?

Das Gegenzeit ist richtig! Es soll eine argwöhnische und eifersüchtige Feindschaft zwischen den staatlichen Gewalten herrschen! Es soll, darf und kann nicht alles in einer Hand liegen. – Diese Lektion sollten alle aus der Geschichte längst bezogen haben.

Wieso kommt das Gesundheitsamt in Mainz dieser Tage einer Bitte der Polizei nach und simuliert einen Infektionsfall, um an Daten der Luca-App zu kommen, um eine Straftat aufzuklären? Ich habe meine Teilnahme nunmehr deinstalliert. – Wer „pragmatisch“ wird, ist nur ein Mensch ohne Prinzipien und sollte gar nicht in Staatsdienste übernommen werden. Wo zum Pragmatismus aufgefordert wird, wollen Leute pfuschen und nur das. Warum, weil sie die Demutsformel nicht beherrschen.

Das Leben ist komplizierter und auch das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und Identität ist es. Es ist einfach grober Unfug, wenn so getan wird, Gesellschaft und Staat, das alles sei dasselbe. Nein, ist es überhaupt nicht! – Im Prozeß der Zivilisation haben Könige kleine Häuptlingstümer unterworfen und in Gesellschaften gezwungen. So sind die ersten Staaten entstanden.

Staaten sind in diesem Sinne noch immer die Unterdrücker ganzer Gesellschaften und die Unterjocher von Gemeinschaften, die dann als Minderheiten tituliert und darüber hinaus verunglimpft und entmenschlicht werden. Das sieht man allenthalben aber nun auch immer unverblümter im angeblich freien Westen. Im Westen galt bisher noch ein gewisser Stil.

Der Staat lebt nicht für, sondern von der Gesellschaft, ebenso wie die Wirtschaft. Sie ist die Kuh, die alle besitzen, melken und am liebsten schlachten würden.  

Im wohlverstandenen eigenen Interesse ist jedoch wärmstens zu empfehlen, sich die Demutsformel zu Herzen zu nehmen. Denn ein Parasit ohne Wirt sieht alt aus. Es wäre viel klüger, wenn der Parasit zum Symbionten wird. Genau das steckt ja auch hinter der Gewaltenteilung. Und dieses Theater wird auch schon häufig inszeniert. Es kommt aber noch immer nicht von Herzen.

Die uralte Brutalität, die übrigens erst mit der Zivilisation in die Welt gekommen ist, schlägt noch immer durch. – Daher nun mal kein historischer Vergleich, sondern eine Allegorie.

Der Staat ist ein Schläger, immer schon, ein brutaler Ausbeuter und nicht eben ein Freund der Gesellschaft, sondern ihr Unterdrücker, eigentlich  ihr Zuhälter. Natürlich ist diesem am Wohlergehen seiner „Liebste“ gelegen. – Aber wie macht man daraus allmählich ein ausgewogenes Verhältnis?

Wie oft ist es allein in den letzten 200 Jahren dazu gekommen, daß der Staat die Gesellschaft mißbraucht, geschändet, verkauft, geschädigt, ausgebeutet, erniedrigt und auf den falschen Weg geführt hat? Heraus aus dem Glück und der Hochkultur in der Aufbruchstimmung um 1900, hinein in den Krieg. Warum? Weil eine „Elite“ keine Demokratisierung wollte. – Moderne ja, aber nur nach militaristischer Manier, später dann als Faschismus. Man will die Vorzüge, aber nicht die Nachtteile, nämlich „mehr Demokratie“ wagen.

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ (Perikles, um 500 – 429 v. Chr., athenischer Politiker und Feldherr, Quelle: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges.)

Genau das spielte sich damals ab im alten Athen, als die Griechen sich gegen die übermächtigen Perser wehren mußten. Sogar das Orakel von Delphi lag falsch. Natürlich war es unwahrscheinlich, daß die Griechen das durchstünden. Aber es gab da einen Mann namens Perikles, ein begnadetet Stratege und Rhetor, der dafür sorgte, daß der gemeine Mann auf eigene Kosten mit in den Krieg zog und nicht nur der Adel, der ja im Zweifelsfalle doch ein wenig schwach ist, wenn es wirklich darauf ankommt.

Aber und das ist der Gag: Also forderte der gemeine Mann dann aber auch bei der Herrschaft im Staat mitzuwirken. So entstand die erste Demokratie, in der nicht in Ämter gewählt wurde, sondern sie wurden verlost und es war Pflicht, dem nachzukommen. Man sollte vielleicht wieder das Los entscheiden lassen, dann hätte das Glück wenigstens eine Chance.

Das Bundesverfassungsgericht trägt den größten Teil der Verantwortung für den Niedergang der Demokratie in der Corona-Krise, für die Spaltung der Gesellschaft und dafür, daß die Politik inzwischen über Hecken und Zäune geht. Es wäre an der Zeit gewesen, die Demutsformel in Erinnerung zu rufen und zu konstatieren, daß der Zweck die Mittel nicht heiligen kann, wenn es gegen Grundgesetze geht und einfach alles, was heilig ist.

Hätte das nicht mehr ehrenwerte Gericht doch die Politik in Grenzen verwiesen. Das hätte die Politik entlastet, denn sie hätte immer sagen können, es seien ihr nun mal die Hände gebunden. Sie könne nur und müssen daher mehr Eigenverantwortung wagen, der Staat wäre darauf angewiesen, daß die Gesellschaft ihm Voraussetzungen schafft, die er nicht herbeizwingen kann.

Schön wäre es gewesen, wir hätten dann eine Zivilgesellschaft mit Achtung vor dem Gesetz und der Gesellschaft und vor Andersdenkenden bekommen. Wir hätten eine Solidargemeinschaft, die heute nur noch angeführt wird, um Druck gegen Andersdenkende zu erzeugen. Wir hätten den Schritt vom Obrigkeitsstaat in die Zivilgesellschaft geschafft, das wäre nach 1989 so etwas gewesen wie eine Metamorphose. Aus der häßlichen Raupe der Deutschen wäre ein Schmetterling geworden…

Klingt das zu naiv, nun, naiv sind vor allem die Moralisten dieser Tage, denn sie geben vor, alles abzuwägen, dabei sind sie nur Denkverweigerer. Und so fragt man sich: Was ist schlimmer, Querdenken oder Nichtdenken?

Franz von Stuck: Dissonanz (1910).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Berühren verboten!

Aber Gedanken sind frei

Der Verlust an Nähe ist das eigentliche Problem. Ein Eisberg, von man die Tiefen nur ahnen kann.

Seit Ischgl wissen wir, es kommt auf die Viruslast an. Man infiziert sich kaum im Vorbeigehen, auf die Gefahren der Nähe kommt es an.

Kultur ist am Feuer entstanden. Vorne wird man gut angebraten und von hinten friert es. Also rückt man noch näher aneinander und reibt sich gegenseitig den Rücken. Und dazu werden berauschende Substanzen gereicht. Man starrt wie hypnotisiert ins Feuer, öffnet sich dem Anderen, dann wird erzählt…

So sind die ersten Geschichten der Menschheit ausgetauscht worden. Und während man da so sitzt, kreisen drumherum die Ungeheuer. Wohlige Schauer laufen über den Rücken. Das ist Geborgenheit.

Und dann steckt man die Köpfe zusammen. Wie oft saßen wir nächtelang schwitzend beieinander. Im Nebel aller erdenklicher Körperausdünstungen. – Menschen sind Säugetiere, sie machen sehr viel mit der Nase. Auch die Wahl von Partnern und Freunden geht über den Geruch.

Aber jetzt traut man sich nicht einmal mehr, die Nasenflügel zu blähen. Es liegt womöglich Corona in der Luft. Also besser nicht allzu tief und frei atmen. Als wäre Nähe inzwischen nur noch etwas für Lebensmüde.  

John Collier: Circe (1885).

Was der Verlust an Nähe mit den Menschen macht, dürfte ebenso gefährlich sein, wie die Ängste, die Kinder in den Suizid treiben. Wie soll man Kindern, Dementen und Sterbenden erklären, daß Nähe gefährlich geworden ist.

Es ist, wie eine Umprogrammierung. Man soll Nähe zulassen, sich berühren lassen, empathisch sein, andere auch gern einfach umarmen, weil es mehr ist als eine Geste, es ist ein Bekenntnis der Mitmenschlichkeit. – Und jetzt?

Das ist wohl der Grund, warum der Haß immer größer wird.

Berühren verboten! Nähe ist verdächtig geworden.

Kultur ist Nähe, also gefährlich. Denken sowieso.

Aber Philosophie findet im Kopf statt. Die Gedanken sind frei.

 

 

 


Verstehen

Über Sacha Lobos „Denkpest“

und die Steingärten des Denkens

Hannah Arendt stellte sich im Interview mit Günther Gaus vor mit dem Satz: „Ich will verstehen!“ Das spricht mir aus dem Herzen. –  Ich muß, was ich verstehen will, überhaupt nicht teilen und derselben Meinung sein. Ich muß es nur nachvollziehen können, denn Verstehen ist eine Art Mit-Sein. Nicht-Verstehen, Unverständnis, Falschverstehen, Mißverstehen, das alles ist problematisch und gewissermaßen unphilosophisch.

Sollten wir nämlich auf falscher Grundlage zu einem Urteil oder zu einer Reaktion gelangen, ist das alles natürlich auch falsch. Wir hätten dann ja rein gar nichts verstanden, glaubten aber dennoch, darüber auch noch abschließend urteilen zu können. Die Kunst des Zuschauers verlangt daher, ohne Ansicht der Person, der Partei und auch ohne Ansehen der eigenen Vorurteile möglichst alles in Betracht zu ziehen. – In der Denkpraxis ist das binäre Kodieren, wonach alles entweder ganz wahr oder ganz falsch ist, natürlich völlig naiv. Es gibt immer irgendein Fünkchen Wahrheit und sei es noch so klein.

Ein Wort von Sacha Lobo dieser Tage läßt tief durchblicken und erahnen, wie militant Parteilichkeit praktiziert wird. Er spricht allen Ernstes von der „Denkpest“ dieser Tage. Er meint wohl, andere sollen nicht so viel nachdenken, es sei denn, man dächte das Denken der Vorbeter, wie er einer ist. – Denken ist aber nun mal kein Nachbeten.

Ich habe mehrfach in meinem Buch ernsthafte Versuche unternommen, den Gipfel der Verschwörungstheorien zu erklimmen, den QAnon-Mythos. Der Mega-Plot hat was, denn wir leben ja angeblich darin.

Das ist ja alles auch spannend: Also, in der Nähe des einzig wahren Präsidenten Trump soll sich ein gewisser Herr Q aufhalten, der wie ein guter Geist diesem gescheitesten aller Präsidenten dabei helfen soll, den „Deep State“, den Sumpf einer verschworenen Elite und das ganze Machtkartell ihrer Privilegien auszutrocknen. – Anweisung von der Regie: Bitte nicht darauf achten, daß Trump doch selbst einer von denen ist…

Generalanweisung der Regie: Generell bitte nicht zu sehr auf Widersprüche und vor allem nicht auf Selbstwidersprüche achten. Auch das Ockhams Rasiermesser, also das Prinzip der Denkökonomie, darf vorerst nicht zum Einsatz kommen! – Es gibt eine ganze Reihe philosophischer Methoden, die bei diesem Selbstversuch nicht zum Einsatz kommen dürfen, will man den Gipfel dieser Verschwörung erklimmen.

Die Kunst des Zuschauers macht es erforderlich, jede beliebige Perspektive einnehmen zu können, also auch solche. Es ist allerdings abenteuerlich, dort überhaupt hinzugelangen. Am besten versorgt man sich gleich zu Beginn dieses Weges mit passenden Allegorien. Zum Beispiel wirkt der Weg, um auf den Berg dieser Verschwörung zu kommen, eher märchenhaft. Es scheint, als wäre es eine verrückte Welt, besser noch, als wäre es nicht wirklich diese Welt, sondern eine mit sehr viel Phantasie und Absurditäten.

Das fiel mir auf, als ich heute einen Artikel las über diesen QAnon-Schamanen beim Sturm auf das Kapitol. Ich habe sodann versucht, mir – aus seiner Perspektive – seine Motive zu eigenen zu machen, ohne sie zu teilen. Ich will einfach nur verstehen, wie man ticken muß, um wie er zu sein.

Es sei kein Angriff auf dieses Land gewesen, das sei nicht sein Motiv, sagte Jake Angeli dem US-Sender CBS News in seinem ersten Interview nach seiner Verhaftung. „Ich habe ein Lied gesungen, das ist Teil des Schamanismus. Es geht darum, positive Energie in einer heiligen Kammer zu erzeugen“. Seine Absicht sei es gewesen, „Gott zurück in den Senat zu bringen“. Deswegen habe er dort „ein Gebet gesprochen.“ – Nun das klingt subjektiv glaubwürdig.

Er wußte also, daß er einen Ort mit großer Bedeutung doch eigentlich als Unberufener einfach so besetzt und damit doch vielleicht eher selbst entweiht hat. – Ich hätte nicht übel Lust auf einen Disput mit ihm genau darüber.

Übrigens kommen jetzt gewiß bei einigen Nicht-Facklern und Durchgreifern die üblichen Formulierungen auf wie: „Spielt doch keine Rolle, was er sich dabei gedacht hat. Ab ins Gefängnis und Schluß mit der Debatte!“

Vorsicht, das Bild dieses singenden QAnon-Schamanen ist zur Ikone geworden, vielleicht auch, weil es das schlechte Gewissen bedient, den indianischen Ureinwohnern gegenüber. Diese Bildikone ist in aller Köpfe und wirkt, auch auf die stolzen Besitzer von Steingärten des Denkens, in denen garantiert nichts mehr wächst.

Aber genau darum geht es doch eigentlich: Gedanken anzuzüchten wie in der Infektiologie, um zu sehen, was sie eigentlich für welche sind. Und natürlich treffen auch Philosophen ihre Schutzmaßnahmen. – Ich muß zugeben, daß das Verstehen-Wollen manchmal etwas zu viel wird. Mir ist mehrfach wie bei einem kollossalen Systemfehler das ganze Denken zusammengebrochen. Ratsam wäre es, wenigstens nicht auch noch an den Ästen sägen, auf denen man gerade sitzt.

Nun macht das Verschwörungsdenken ja deswegen so große Probleme, weil man es „nachwollziehen“ will, um es aus seiner Perspektive zu verstehen, weil aber immerzu behauptet wird, das alles sei wirklich wirklich wirklich. Also das mit der Pizzeria, in deren Keller kleine Kinder verkauft werden, das mit der Schuppenhaut von “Bill Gates”, den ich in seiner Rolle als angemaßter Weltgesundheitsminister völlig inakzeptabel finde, das mit dem “Deep State” oder auch das mit dem “Great Reset”, also dem „Menschenaustausch“. 

Alle diese Theoreme bringen denkerisch ganz erhebliche Belastungen mit sich, es sind Attacken, die schnell zur Systemüberlastung führen, so daß zusammenbrechen muß, was eigentlich obligatorisch wäre. Das macht die Gespräche mit aktiven Verschwörungstheorie-Anhängern so schwierig, weil man schnell konfus wird darüber, daß sie von eins aufs andere kommen. Alles hängt mit allem zusammen, gewiß, nur sieht man es auch beim besten Willen nicht. 

Mein Lieblingssatz aus der Ethologie lautet folgendermaßen: Der Schamane Katka sieht auf einem Baum eine Hexe. Ich sehe, wie Katka die Hexe sieht, sehe aber selbst die Hexe nicht. – Nun damit sollte man schon klarkommen, als Ethnologe und auch als Philosoph.

Mit dem hypothetischen Für-Wahr-Halten ist das so eine Sache. Da irren die Steingarten-Besitzer nicht. Und die Denkpest von Sacha Lobo fordert tatsächlich ihre Opfer, wenn man denn keine Methoden hat und noch dazu die Hosen voll. Es könnte sich ja irgendwas Ungeheuerliches als wahr herausstellen und was dann? Daher die Steingärten, in denen gleich gar nichts wächst. 

Aber ich habe mich nie damit zufriedengegeben, nur über Verschwörungstheorie zu reden und mich darüber billig zu amüsieren. Ich habe es mehrfach und immer wieder anders versucht, obwohl so ein Breakdown ziemlich viel kostet. Es dauert, bis man danach einigermaßen auf der Höhe ist und sich wieder selbst über den Weg trauen kann, von wegen: All Systems Running.

Ich hatte bereits bei vorangegangenen Untersuchungen feststellen können, daß manche der Ereignisse, von denen in den Verschwörungs-Theoremen gesprochen wird, tatsächlich in der Menschheitsgeschichte vorgekommen sind, wie etwas der “Menschen-Austausch”, etwa mehrfach durch die Pest oder auch durch die Sintflut, also den Einbruch des Schwarzen Meeres, was inzwischen nachweisbar geworden ist.

Mit der Hypothese, daß wir das alles präsent haben im kollektiven Unbewußten, läßt sich dann auch nachvollziehen, warum diese Horrorvorstellungen präsenter erscheinen als sie es sind. – Das ist dann auch der entscheidende Aspekt, daß so etwas stattfinden kann und auch bereits geschehen ist, daß man aber – jetzt kommt Ockhams Rasiermesser doch zum Einsatz – nicht ohne weiteres behaupten darf, daß beispielsweise jetzt der “Great Reset” wieder unmittelbar bevorstünde.

Man macht diese Behauptung gern fest anhand eines Appells von Klaus Schwab, dem Leiter des Bonzenfestivals in Davos, genannt Weltwirtschaftsforum. Auch da läßt sich die Perspektive durchaus übernehmen. Es ist vom „Great Reset“ die Rede, weil es um die menschengemachte Welt ökologisch, ökonomisch und politisch überhaupt nicht gutsteht. Es braucht in der Tat einen Kurswechsel, ein Update, einen Reboot, um die Metapher voll zur Geltung zu bringen. –  Aber nun anzunehmen, es käme dabei auf einen Gen-Austausch etc. an, ist reichlich bei den Haaren herbeigezogen und bedürfte daher eigens einer hinreichenden Begründung, warum das denn doch gelten soll, warum diese Behauptung glaubhaft sein soll.

So weit so gut. Das genügt mir aber noch nicht, denn es ist noch nicht hinreichend für das Verstehen. Bis ich heute darauf kam, wie man auch und ganz bewußt mit Verschwörungstheorien umgehen könnte.

Es sind Träume. Daher haben sie alle Rechte von Träumen und so gut wie keine Pflichten. Denn Träume machen ja nun wirklich, was sie wollen. Und dabei regen wir uns auch nicht darüber auf, daß sie wirr sind, unrealistisch, blödsinnig und sonstwie für den hemdsärmeligen Intellekt einfach ein Ärgernis, weil er nicht weiß, wie und wo er anpacken soll.

Anders geht damit jedoch unser Geist um, über den wir auch verfügen sollten, falls wir keine stolzen Steingarten-Besitzer sind und auch nicht Sacha Lobo heißen. Der Geist kann mitunter Träume deuten, und das ist die Lösung des Problems. Es sind „Träume“, zumeist Horrorträume, oft ohne Sinn und Botschaft aber auch das ist ja nun etwas, das wir den Träumen zugestehen müssen. Wir sollten die Zeichen darin sehen und erkennen, um ihnen die Bedeutung zuzugestehen, wie wir sie manchmal auch Träumen geben, wenn sie uns etwas zu Verstehen geben, zumeist auf symbolischer Ebene. 

Am Ende kommt es darauf an, was der Zuschauer im Rücken des Zuschauers sieht. Was er glaubt, ganz allmählich verstehen und dann sogar auch in eigenen Worten vertreten zu können. Das ist dann wiederum der Abstieg aus den massiven Gebirgen unserer Phantasien, die wer weiß wo in den unendlichen Weiten unseres Unbewußten zu besuchen sind, denn dort sind sie in der Tat „real“.   

Es liegt an den Grenzen der Sprache, denn zumeist fehlen einfach die Worte. Und im übrigen regelt die Grammatik das Privileg der Phänomene generell, ob sie für die Wirklichkeit überhaupt in Frage kommen. Wir können aber nun unser Denken nicht erweitern, wenn wir uns von der Grammatik das Denkmögliche vorbeten lassen. – Die deutsche Sprache hat einige Entwicklungen noch nicht genommen. Sie verfügt über keinen Irrealis als eigenständigen Modus, jedoch über das Konzept.

Der Konjunktiv II kann dazu benutzt werden, einen Irrealis der Gegenwart und einen Irrealis der Vergangenheit zu bilden, der als irreales bzw. unerfüllbares Konditionalgefüge erscheint:

Wenn ich gedanklich reich wäre, also keinen Steingarten des Denkens hätte und auch nicht Sacha Lobo hieße, böten sich mir mehr Möglichkeiten des Verstehens. (Irrealis der Gegenwart, mit Konjunktiv II)

 

 

 

 

 

 

 

 


Georg Stefan Troller zum Hundertsten

Georg Stefan Troller zum Hundertsten

Er hat mich geprägt, denn er zeigt immer wieder, wie Verstehen möglich ist und wie fantastisch es sein kann. Dabei ist sein Verständnis oft etwas mutwillig hergeholt und genau damit wird er zum Vorbild. Ja, man kann verstehen, muß sich aber nicht gleichmachen. Aber vielleicht war und ist es ja auch “nur” die Sonne in seinem Herzen und das bei diesem Lebensweg, – vielleicht auch gerade deswegen.

 

Dieses Niveau ist einmalig. Der freundliche, leicht ironische Unterton, das stets bereitwillige Understatement, das zur Not auch betont hemdsärmelig daherkommt, von wegen, es müsse doch wohl so sein… Das ist höchste Kunst der Begegnung. Dabei kommt alles so leichtsinnig und flaneurhaft daher, aber es werden Tiefen erreicht, die oft nicht einmal erahnt werden.
Es ist schon bestechend, dabei zu sein, um mitzuerleben, wie leicht man auf wirklich Wichtiges kommt ohne diese stromlinienförmige Oberflächlichkeit, die nur so tut, als wäre da Tiefe. – Dann dieser Ton mit einer verlockenden Komplizenschaft für den Zuschauer, der mit ihm gern auf Erkundung. Man vertraut sich gern an.
Da weiß einer sehr viel zu erzählen und versteht sich auf das Verstehen und das auch noch in grotesken Begegnungen. Man spürt, wie die eine Zeit auf die andere folgt im Sauseschritt.
Stets sind es bereichernde Begegnungen und Erfahrungen, die sogleich ein Teil werden, als hätte man es selbst erlebt. Troller tut das, was die Mythen immer schon wollten, Weltvertrauen schaffen auf der Grundlage eines Understatements, das es sich leisten kann, sich zu riskieren.
Herzlichen Glückwunsch, Georg Stefan Troller!

Kunst, Künstler und Gesellschaft

Video: Anmerkungen zum Projekt Hawerkamp

Seit 1988/89 hat sich auf dem ehemaligen Gewerbegelände „Am Hawerkamp“ in Münster mit städtischer Duldung bzw. Unterstützung ein „Kulturgelände“ entwickelt. Dort finden sich Ateliers für Künstler, Clubs, Bühnen, Werkstätten und Initiativen.

Der Videokünstler Jürgen Hille hat mit „Projekt Hawerkamp“ im Frühsommer 2021 an diesem Ort mit einer Reihe von Interviews und Filmszenen auf seine Weise eine „Realitätsforschung“ betrieben, um den Geist des Ortes zu charakterisieren.

Meine „Philosophische Ambulanz“ findet sich in Sichtweite, wenige Projekte, wie etwa mein „Public Writing“ haben ich auch schon dort inszeniert. – Also wurde ich zum Interview gebeten. Dabei nahm ich die Gelegenheit wahr, einmal das Verhältnis zwischen Kunst, Künstlertum und Gesellschaft zur Sprache zu bringen.

Jürgen Hille: Realitätsforschung, 2021.  

Der Ursprung von Kunst hat immer etwas Sakrales. Sie dient dem Ausdruck einer Schönheit, hinter der etwas Heiliges steht. – Im Hintergrund steht der wiederkehrende Wunsch nach Begegnungen mit dem Heiligen. In dieser Tradition, in diesen Diensten stehen die Künste von Anfang an.

Je weiter der Prozeß der Zivilisation voranschreitet, umso weiter kommt es zur Entzauberung der Welt. Umso mehr brauchen wir die Künste, weil sie etwas bewahren, was Zivilisationsmenschen aufgeben, weil es jenseits der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis liegt.

Insofern sind Künstler ganz besondere, nicht selten eigenartige Menschen, die gern über den Zaun schauen. Insofern ist es die Aufgabe von Kunstwerken, daß sich Geheimnisse aufdecken. – Auf diese besonderen Begegnungen mit dem Geheimnisvollen kommt es an. Daher sind solche Soziotope von immenser Bedeutung.

Aber unserer Gesellschaft fehlt inzwischen bereits sehr viel mehr. Eine Welt, die nur auf Geld aus ist und glaubt, sich Seelenheil erkaufen zu können durch Selbstinszenierungen, die ohne Herz und Seele sind, ist kaum mehr zu retten und eigentlich auch nicht der Rettung wert. – Was die Kunst als Arbeits- und Lebenswelt vor Augen führt, ist das gerade Gegenteil der Aufspaltung in Lebenswelt und Arbeitswelt, in Leben und Gegenleben.

Die Arbeits- und Lebenswelten sind offenbar nur erträglich, wenn es immer wieder „Urlaub“ von alledem gibt. Nur ist diese Trennung selbst das Problem. Wir haben Lebenskonzepte, die eigentlich gar nicht zum Leben da sind, sondern dazu, daß wir arbeiten und konsumieren sollen. – Daher ist es so schön, daß es Künstler gibt, die einfach von diesen vorgefertigten Lebenswegen abweichen, die das Ihre tun und der Gesellschaft vorführen, was alles anders sein kann.

 


Wir haben nicht nur Corona, – wir haben auch Demokratie

Es ist erstaunlich, wie wenig vertrauenserweckend die mentalen Widerstandskräfte sind, wenn es um „Gesundheit“ geht. – Es wäre wünschenswert, an Leib und Seele gesund zu sein, und ein wenig Glück dürfte auch noch mit dabei sein. Nicht zu vergessen die Liebsten und Freunde mit Nähe und Mitgefühl, des lebt und feiert sich in Gemeinschaft einfach besser.

Aber was ist denn aus der Nähe inzwischen geworden? Die ganze Gesellschaft fügt sich einem Medizin–Diskurs, wie ihn Michel Foucault schlimmer nicht hätte ausmalen können. – Dabei hat der Glaube an ‚die‘ Medizin selbst etwas Abergläubiges in der Erwartung, sie wäre „Wissenschaft“ und sonst gar nichts. Alles andere sei dagegen nichts weiter als Ketzerei, eine Abweichung vom einzig wahren Glauben und zuletzt einfach nur Querdenkertum und Hokuspokus.

Teaser. Das Erste: Hart aber fair. Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Welt ist aber viel komplexer, als es sich Politik und Medizin träumen lassen, die sich in dieser Krise zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu stützen. Herausgekommen sind Verhältnisse, als lebten wir noch im 19. Jahrhundert. Da gibt es eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen Arzt und Mediziner. – Letztere waren damals noch Staatsbeamte und sie standen zumeist auch im Militärdienst und so ist dann auch heute noch immer die Denkungsart.

Mein Doktorvater, Prof. Wilhelm Goerdt war Mitglied der ersten Ethik–Kommission in Deutschland. Er hat mir berichtet, daß es in den ersten Sitzungen über den sogenannten „Mündigen Patienten“ ging. Und er, der ein hervorragender Moderator in Seminardiskussionen war, weil man da stets ins Schwitzen kam auf der Suche nach besseren Argumenten, war völlig entsetzt und befremdet darüber, daß die Mediziner oft einfach nicht verstanden, nicht verstehen wollten und auch nicht konnten, was wohl mit dem „Mündigen Patienten“ gemeint sein könnte.

Nun hat sich die Politik im Zuge der Corona–Krise in einen Aktivismus verrannt. Sie hat Ängste geschürt und Panik verbreitet und glaubte, sie könnte diese globale Naturkatastrophe „in den Griff bekommen“, bewältigen und steuern. Dabei ist erheblicher Schaden angerichtet worden, nicht nur der Verlust an jahrzehntelang „ersparten“ Steuermilliarden, sondern auch seelische Schäden bei Kindern, psychische Belastungen bei jungen Leuten und viele, sehr viele verlorene Träume, um von den Traumatisierungen gar nicht erst zu sprechen. – Der französische Präsident hat den Kriegszustand ausgerufen und dann ist es auch zu unüberschaubaren Kollateralschäden gekommen.

Hinter alledem steckt ein obsoletes Menschenbild, das aus dem 19 Jahrhundert stammt und in dieser Krise fröhliche Urständ feiert, weil sich Politik und Medizin zusammengetan haben. – In der Pädagogik und in der Psychologie wird dagegen seit etwa 1900 von einem völlig anderen Menschenbild ausgegangen, daß der Mündigkeit, der Selbstfindung, der Selbstverantwortung, der Entwicklung und der Emanzipation.

Und jetzt, wo allmählich kaum noch abzustreiten ist, daß alle Maßnahmen die versprochene Wiederkehr zur Normalität einfach nicht bewirken, daß Geimpfte nicht etwas immun, sondern weiterhin ansteckend und auch gefährdet sind, daß viele der erbrachten Opfer eben nicht erbracht haben, was in Aussicht gestellt worden ist, jetzt wird nach den Schuldigen gesucht wie in einer Ketzerverfolgung. Aber die Verantwortung liegt in dieser fatalen Kooperation zwischen Politik und Medizin auf der Grundlage eine inhumanen Menschenbildes.

Eric Claptons Handabdrücke und seine Unterschrift auf dem Rock Walk; 9. Juli 2005, Hollywood. Foto: Nick Wille, via Wikimedia.

Wir haben nicht nur Corona, wir auch Demokratie und vieles wesentliche andere mehr. Die überbordenden Machphantasien, in denen Medizin und Politik sich verlieren, wenn und sobald sie sich zusammentun, sind pädagogisch kontraindiziert. Sie verunsichern, erzeugen Panik und machen krank. Die Gesellschaft wird polarisiert, nur, weil der Mut fehlt, zugeben zu können, daß der gute Wille mitunter die schlechtesten Ergebnisse erzielt. – Der Aktivismus, der Steuerungswahn, die Überheblichkeit, mit ganz wenigen, völlig fixierten Modellen zu kommen, um dann zu glauben, eine solche Krise ließe sich bewältigen mit nur ganz wenigen Hinsichten und Rücksichten, ist fahrlässig.

Alle Systeme haben inzwischen Schaden genommen, allem voran das Vertrauen in Politik, Staat, Medizin, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und auch in die offene Gesellschaft, die sich selbst zum Feind wird.

Ganz entsetzlich ist es, daß immer wieder neue Sündenböcke ausgerufen werden. Erst waren es die Kinder, dann die Jugendlichen und jetzt sind es die Ungeimpften. – Querdenker war mal eine ehrenvolle Bezeichnung für solche, die den Mut aufbrachten, sich des eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Jetzt wird auch noch das kreative, unkonventionelle, ergebnisoffene Denken verunglimpft.

Die Politik hat sich viel zu sehr einnehmen lassen von nur ganz wenigen Disziplinen, die nicht einmal Wissenschaft sind, sondern Technik. Aber der Technik werden eigentlich die Ziele vorgegeben. Und da hätten ganz andere Ziele gesetzt werden müssen, möglichst unbeschadet durch die Stromschnellen dieser Krise zu steuern. Aber man hat eine Ideologie daraus gemacht und erwartet Gehorsam, wo Vertrauen gar nicht vorhanden sein kann.

Dieser Staat und diese Medizin haben mit dieser, ihrer Geschichte ein wirklich großes Vertrauen einfach nicht verdient. Dieser Staat hat diese Gesellschaft mehrfach in schlimmste Katastrophen geführt und die Medizin stand ihm immer zur Seite dabei. Es ist an der Zeit, die vielzitierte Mündigkeit endlich in Anspruch zu nehme.

Tatsächlich haben immer nur die Patienten das letzte Wort, denn sie tragen auch alle Konsequenzen. Weil dem so ist, haben sie auch die Verantwortung dafür, wem sie sich anvertrauen. – Mag ein Arzt noch so überzeugt sein, von seiner Therapie, wir tragen die Verantwortung uns selbst gegenüber und Ärzte haben nicht das Recht, uns dann zu maßregeln.

Weil aber diese Disziplinen gar nicht in der Lage sind, die eigentliche Vulnerabilität der ganzen Gesellschaft in den Blick zu bekommen, stürzen sie sich auf das, was sie messen können. Aber das ist nicht das, worauf es einzig und allein ankommt, wenn es auf das große Ganze ankommt. Da nun aber inzwischen bereits exorbitant hohe, auch menschlich kostspielige Opfer gebracht worden sind, ohne daß sie wirklich geholfen haben, verlegt man sich nun auf die Spaltung der Gesellschaft. Das war immer so in vormodernen Zeiten, wenn und weil man sich vieles nicht erklären konnte, das sollte heute aber anders sein.

Die offene Gesellschaft neigt inzwischen dazu, sich selbst zu verletzen. Helfen könnte, endlich herunterzusteigen vom hohen Roß der Erregungskultur, in der sich stets die wichtig tun, die am wenigsten zu sagen haben. – Stattdessen findet ein Rückfall in urtümliche Zeiten statt, die zweimal schon zum Weltenbrand geführt haben.

Wer nun behauptet, es wäre jetzt aber wirklich angesagt, mal wieder auf den autoritären Charakter zu setzen und auf eine Hinterwelt–Pädagogik, in der Menschen wieder eingeschüchtert, gebrochen und umerzogen werden ist ein Feind der offenen Gesellschaft. – Allein schon der Flirt mit totalitären Systemen wie China ist ein geistiges Armutszeugnis.

 

55:55 Frank Plasbeck: „Darf ich mal ganz kurz einen Gedanken reinbringen. Wir reden ja vielleicht sogar über kindliche Fragen, wieviel Druck braucht ein Kind, um eine Verhaltensänderung zu haben. Und wenn Sie sich anschauen, wie sich Druck ausübt, auch jetzt steigen die Impfzahlen ja wieder…, plötzlich, wenn man das sieht, was zuvor immer wieder besprochen worden ist mit den Ärzten, in den Medien, dann hilft plötzlich Druck,…

59:50 Svenja Flaßpöhler:  Mir fällt nur auf, Sie haben ein völlig anders Demokratieverständnis als ich.  Sie reden von Kindern, auf die man Druck ausüben muß.  Sie sagen, man kann von Kindern lernen, daß, wenn man Druck auf sie ausübt, dann verändern sie ihr Verhalten… Wenn man wirklich über Bürgerinnen und Bürger redet und sie als Kinder bezeichnet, auf die man Druck ausüben muß, (lacht).  Also mein Demokratieverständnis ist sozusagen hundertprozentig ein anderes.“ Das Erste:  Hart aber fair.  Nur ja keinen Zwang:  Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Reaktionen gegenüber denen, die von der reinen Lehre abweichen, läßt nicht von ungefähr an mittelalterliche Verhältnisse denken mit Pranger, öffentlicher Demütigung und Exkommunikation. Aber man sollte sich eines vor Augen führen. Zu denen, die sich da, wenn auch erst allmählich zu Wort melden, zählen auch ganz bedeutende Künstler aus der Rock–Generation. 

Eric Clapton ist noch unter der Lüge aufgewachsen, seine Mutter sei seine Schwester. – Er gilt als Erfinder des Bluesrock, was darauf verweist, daß er sich mit der Musik der Schwarzen zu einer Zeit befaßt hat, als noch die Apartheit galt. – Wenn er dann deutlich macht, er wolle nicht, daß sein Publikum oder Teile seines Publikums diskriminiert würden, dann geschieht diese politische Demonstration vor diesem Hintergrund. 

Die Nachkriegszeit brachte einen epochalen Umbruch mit sich, gegen autoritäre, kriegerische, totalitäre und diskriminierende Verhältnisse, die seinerzeit noch normal zu sein schienen. Gerade der Bluesrock hat unendlich viel geöffnet und die Schmerzen gelindert, die die Sklaverei mit sich gebracht hat. Die Wunden zu heilen, dazu bedarf es allerdings noch sehr viel mehr. 

Derzeit ist der Zeitgeist offenbar wieder so weit, daß manche, die gar keine Ahnung haben, wie sich repressive Verhältnisse anfühlen, wenn sie ein wenig mehr Diktatur sich durchaus vorstelle könne, auf jeden Fall gegen die Anderen, wer immer das ist.  – Dagegen werden manche der alten Geister mit Gewißheit wieder aufstehen, um zu sagen, was zu sagen ist.

Do you wanna be a free man / Or do you wanna be a slave? / Do you wanna wear these chains / Until you’re lying in the grave?

Und natürlich wirkt der Vergleich der Corona–Maßnahmen mit der Sklaverei verstörend. Aber es geht nicht um eine Gleichsetzung. So etwas läßt sich niemals ins Verhältnis setzen, denn dann müßte gesagt werden, was denn nun mehr oder weniger “schlimm” war. – Es kann daher “nur” darum gehen, daß wir aus der Geschichte ernsthafte Konsequenzen ziehen, daß derartige Verhältnisse als solche nie wieder zugelassen werden sollen. 

Es geht darum, was Menschen anderen Menschen antun können, gerade am Anfang schon, wenn erste böse Gefühle aufkommen und verstärkt werden. – Wer Diskriminierung erfahren hat, wird sie nie wieder zulassen, nicht einmal ansatzweise. 


Diese Website verwendet das großartige -Plugin.