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ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Diskurs

EPG II (Online)

Oberseminar

EPG II

Ethisch–Philosophisches Grundlagenstudium II

WS 2021 | freitags | 14:00-15:30 Uhr | online 

Beginn: 22. Oktober 2021 | Ende: 10. Februar 2022

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Universe333: YogaBeyond Honza & Claudine Bondi; Beach, Australia 2013. — Quelle: Public Domain via Wikimedia Commons.

Zwischen den Stühlen

Eine Rolle zu übernehmen bedeutet, sie nicht nur zu spielen, sondern zu sein. Wer den Lehrerberuf ergreift, steht gewissermaßen zwischen vielen Stühlen, einerseits werden höchste Erwartungen gehegt, andererseits gefällt sich die Gesellschaft in abfälligen Reden. — Das mag damit zusammenhängen, daß jede(r) von uns eine mehr oder minder glückliche, gelungene, vielleicht aber eben auch traumatisierende Schulerfahrung hinter sich gebracht hat.

Es sind viele potentielle Konfliktfelder, die aufkommen können im beruflichen Alltag von Lehrern. Daß es dabei Ermessenspielräume, Handlungsalternativen und vor allem auch Raum gibt, sich selbst und die eigenen Ideale mit ins Spiel zu bringen, soll in diesem Seminar nicht nur thematisiert, sondern erfahrbar gemacht werden.

Das Selbstverständnis und die Professionalität sind gerade bei Lehrern ganz entscheidend dafür, ob die vielen unterschiedlichen und mitunter paradoxen Anforderungen erfolgreich gemeistert werden: Es gilt, bei Schülern Interesse zu wecken, aber deren Leistungen auch zu bewerten. Dabei spielen immer wieder psychologische, soziale und pädagogische Aspekte mit hinein, etwa wenn man nur an Sexualität und Pubertät denkt. — Mitunter ist es besser, wenn möglich, lieber Projekt–Unterricht anzuregen, wenn kaum mehr was geht.

Es gibt klassische Konfliktlinien, etwa Eltern–Lehrer–Gespräche, in denen nicht selten die eigenen, oft nicht eben guten Schul–Erfahrungen der Eltern mit hineinspielen. Aber auch interkulturelle Konflikte können aufkommen. Das alles macht nebenher auch Kompetenzen in der Mediation erforderlich. — Einerseits wird individuelle Förderung, Engagement, ja sogar Empathie erwartet, andererseits muß und soll gerecht bewertet werden. Das alles spielt sich ab vor dem Hintergrund, daß dabei Lebenschancen zugeteilt werden.

Gerade in letzter Zeit sind gestiegene Anforderungen bei Inklusion und Integration hinzugekommen. Auch Straf– und Disziplinarmaßnahmen zählen zu den nicht eben einfachen Aufgaben, die allerdings wahrgenommen werden müssen. — Ein weiterer, immer wieder akuter und fordernder Bereich ist das Mobbing, das sich gut ›durchspielen‹ läßt anhand von Inszenierungen.

Es gibt nicht das einzig richtige professionelle Verhalten, sondern viele verschiedene Beweggründe, die sich erörtern lassen, was denn nun in einem konkreten Fall möglich, angemessen oder aber kontraproduktiv sein könnte. Pädagogik kann viel aber nicht alles. Bei manchen Problemen sind andere Disziplinen sehr viel erfahrener und auch zuständig. — Unangebrachtes Engagement kann selbst zum Problem werden.

Wichtig ist ein professionelles Selbstverständnis, wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen, und mitunter auch einfach mehr Langmut an den Tag zu legen. Zudem werden die Klassen immer heterogener, so daß der klassische Unterricht immer seltener wird. — Inklusion, Integration oder eben Multikulturalität gehören inzwischen zum Alltag, machen aber Schule, Unterricht und Lehrersein nicht eben einfacher.

Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit setzen zwar hohe Erwartungen in Schule und Lehrer, gefallen sich aber zugleich darin, den ganzen Berufstand immer wieder in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken. — Unvergessen bleibt die Bemerkung des ehemaligen Kanzlers Gehard Schröder, der ganz generell die Lehrer als faule Säcke bezeichnet hat.

„Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

Dieses Bashing hat allerdings Hintergründe, die eben darin liegen dürften, daß viel zu viele Schüler*innen ganz offenbar keine guten Schulerfahrungen gemacht haben, wenn sie später als Eltern ihrer Kinder wieder die Schule aufsuchen.

Ausbildung oder Bildung?

Seit 2001 ist das Ethisch–Philosophische Grundlagenstudium (EPG) obligatorischer Bestandteil des Lehramtsstudiums in Baden–Württemberg. Es besteht aus zwei Modulen, EPG I und EPG II. — Ziel des EPG ist es, zukünftige LehrerInnen für wissenschafts– und berufsethische Fragen zu sensibilisieren und sie dazu zu befähigen, solche Fragen selbständig behandeln zu können. Thematisiert werden diese Fragen im Modul EPG II.

Um in allen diesen Konfliktfeldern nicht nur zu bestehen, sondern tatsächlich angemessen, problembewußt und mehr oder minder geschickt zu agieren, braucht es zunächst einmal die Gewißheit, daß immer auch Ermessens– und Gestaltungsspielräume zur Verfügung stehen. Im Hintergrund stehen Ideale wie Bildung, Entfaltung der Persönlichkeit, die Erfahrung erfüllender Arbeit und Erziehungsziele, die einer humanistischen Pädagogik entsprechen, bei der es eigentlich darauf ankäme, die Schüler besser gegen eine Gesellschaft in Schutz zu nehmen, die immer fordernder auftritt. In diesem Sinne steht auch nicht einfach nur Ausbildung, sondern eben Bildung auf dem Programm.

Auf ein– und dasselbe Problem läßt sich unterschiedlich reagieren, je nach persönlicher Einschätzung lassen sich verschiedene Lösungsansätze vertreten. Es ist daher hilfreich, möglichst viele verschiedene Stellungnahmen, Maßnahmen und Verhaltensweisen systematisch durchzuspielen und zu erörtern. Dann läßt sich besser einschätzen, welche davon den pädagogischen Idealen noch am ehesten gerecht werden.

So entsteht allmählich das Bewußtsein, nicht einfach nur agieren und reagieren zu müssen, sondern bewußt gestalten zu können. Nichts ist hilfreicher als die nötige Zuversicht, in diesen doch sehr anspruchsvollen Beruf nicht nur mit Selbstvertrauen einzutreten, sondern auch zuversichtlich bleiben zu können. Dabei ist es ganz besonders wichtig, die Grenzen der eigenen Rolle nicht nur zu sehen, sondern auch zu wahren.

Stichworte für Themen

#„ADHS“ #Aufmerksamkeit #Bewertung in der Schule #Cybermobbing #Digitalisierung #Disziplinarmaßnahmen #Elterngespräche #Erziehung und Bildung #Genderdiversity #Heldenreise und Persönlichkeit in der Schule #Inklusion #Interesse–Lernen–Leistung #Interkulturelle Inklusion #Islamismus #Konflikte mit dem Islam in der Schule #Konfliktintervention durch Lehrpersonen #LehrerIn sein #Lehrergesundheit #Medieneinsatz #Medienkompetenz #Mitbestimmung in der Schule #Mobbing #Online-Unterricht #Political Correctness #Professionelles Selbstverständnis #Projektunterricht #Pubertät #Referendariat #Respekt #Schule und Universität #Schulfahrten #Schulverweigerung #Sexualität und Schule #Strafen und Disziplinarmaßnahmen #Ziviler Ungehorsam

Studienleistung

Eine regelmäßige und aktive Teilnahme am Diskurs ist wesentlich für das Seminargeschehen und daher obligatorisch. — Studienleistung: Gruppenarbeit, Präsentation und Hausarbeit.

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Technikethik

Technikethik:

Technische Entwicklungen kontrovers reflektieren

Kolloquium 

WS 2021 | donnerstags | 14:00–15:30 | Online
Beginn: 28. Okt. 2021 | Ende: 10. Febr. 2022

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Von Verantwortung ist immer wieder die Rede. Ja, sie ist vakant und der Lauf der Welt ist alles andere als vertrauenserweckend. Der gute Wille allein genügt nicht. Zu unterscheiden sind mindestens das Subjekt der Verantwortung, der Verantwortungsbereich und die Verantwortungsinstanz, (ehedem Gott und jetzt?).

Es gilt näher hinzusehen, wenn wir Fragen der Verantwortung angehen wollen, denn der Begriff ist mehrdimensional. Der Karlsruher Technikphilosoph Günter Ropohl hat das Ganze auf eine Formel mit sieben Variablen gebracht: Wer verantwortet was, wofür, weswegen, wovor, wann, wie? Wir müssen doch nicht alles machen, was wir können. Wie weit geht ihre (persönliche) Verantwortung wirklich?

Dieses Kolloquium soll Fragen der Technikethik praktisch erfahrbar machen. Das wird anhand von Fallstudien aus ihren eigenen zukünftigen Berufsfeldern geschehen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren lassen. Dabei kommt es weniger auf das Ergebnis an, sondern auf die Qualität und den Austausch der vorgebrachten Argumente.

Betreiben wir also Technikethik ganz konkret. Nehmen wir uns reale Situationen vor: seien es der Abgasskandal, Stellungnahmen zum Einsatz von Genmanipulation, der Einsturz der Brücke in Genua, Unfälle im Rahmen von Fahrten mit autonomen Pkw — oder was immer Sie umtreibt. Tun wir so, als wären wir unmittelbar dabei und hätten etwas zu sagen. Inszenieren wir die Kontroversen, in denen Techniklinien gestaltet werden, um sie am eigenen Leib zu
erfahren. Die Veranstaltung soll Ihnen dazu dienen, Erfahrungen zu machen, die später womöglich auf Sie zukommen. Es ist dann fast wie ein Privileg, sich später daran zurückerinnern zu können, so etwas Ähnliches schon einmal durchgespielt zu haben.

Nein, wir müssen es nicht.
Aber?
Aber wir werden es machen.
Und weshalb?
Weil wir nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt,
ob wir es wirklich können.

(Hans Blumenberg)

Dirck van Baburen: Prometheus wird von Vulkan angekettet (1623). — Quelle: Public Domain via Wikimedia. — Prometheus, der Gott des Fortschritts, wird auf Geheiß des Zeus, unter Aufsicht des Götterboten Hermes, vom Gott der Technik Vulkan an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet. Sein Vergehen: Er hat aus Menschenliebe die Technik zu den Menschen gebracht. Diese sollten darauf den Fortschritt einige Jahrtausende nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Zeiten sind vorbei, als Ingenieure und Ingenieurinnen fast jede weitere Verantwortung noch zurückwiesen mit den Worten, sie würden die Technik nur herstellen, seien aber nicht verantwortlich dafür, was daraus würde. — Aber machen wir uns nichts vor, Versuche, den technischen Fortschritt auf ›bessere‹ Bahnen zu lenken, gab es viele. Unvergessen ist das Wort von Ulrich Beck: Die Ethik spielt im Modell der verselbständigten Wissenschaften die Rolle einer Fahrradbremse am Intercontinental Flugzeug. 

Forderungen nach Ethik, Verantwortung, Technikfolgenabschätzung, nachhaltigem Wachstum und Kilmaschutz werden tagtäglich erhoben und sind nicht unproblematisch, denn es ist auch Überforderung im Spiel. Wofür sind wir als Einzelne verantwortlich und wie soll denn die Gesamtverantwortung wahrgenommen werden? Allmählich wird es Zeit. Wer gibt die Technikziele vor oder generieren sie sich selbst?

Was viele Verschwörungstheorien noch unterstellen: Es gibt sie nicht, die Schaltzentralen der Macht, in denen die Ziele des Fortschritts vorgegeben, der Kurs eingestellt und die Entwicklungen koordiniert werden. Zweifelsohne spielen Technik und Wirtschaft eine große Rolle, aber auch Politik und Kultur.

Der blaue Planet ist zur Anthroposphäre geworden. Inzwischen wurde bereits ein neues Erdzeitalter ausgerufen, das Anthropozän. Die Zivilisation ist nunmehr alles entscheidend für das Schicksal des ganzen Planeten und die Zukunft der Menschheit. Die Erde ist zum Raumschiff geworden. Wir rasen durch einen lebensfeindlichen Raum, hinter uns eine erst kurze Episode der Zivilisation und vor uns eine Zukunft, die mit sich selbst auf Kollisionskurs geht.

Wenn es sie denn gäbe, die Kommando–Brücke, in der die Navigation vorgenommen wird, wenn wir dorthinein gelangen könnten, es wäre der Schock unseres Lebens. Denn die Pilotenkanzel ist leer, alles steht auf Autopilot und niemand wäre in der Lage, den Flug ›von Hand‹ zu steuern. Dabei ist das Ganze keineswegs nur eine Frage der Technik, sondern auch eine von Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft und vielem anderen mehr.

Jan Cossiers: Carrying Fire (ca. 1630). Prometheus stiehlt das Feuer aus der Werkstatt des Vulkan. Es ist nicht das Herdfeuer, das hatten die Menschen schon sehr lang. Es ist das Metallurgenfeuer, womit die Bronzezeit begann und
dann auch die Zivilisation. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Daher genügt es längst nicht mehr, einfach nur ›gute‹ Technik zu machen, Probleme pragmatisch zu lösen, im Sinne des ›state of the art‹ zu entwickeln, Normen und Vorschriften einzuhalten usw. usf. — Darüber hinaus stellt sich vor allem auch die Frage, wie weit denn die persönliche Verantwortung reichen soll. Es ist nicht allein die Technik, die den Fortschritt bestimmt, es sind viele verschiedenen Faktoren, die eine Rolle spielen. — Die Rollen im Mythos vom Prometheus, der den technischen Fortschritt zur Darstellung bringt, lassen die Zusammenhänge erahnen.

Da ist der Menschenfreund Prometheus, der mit besten Absichten die Entwicklung anfacht, aber eigentlich nicht sehr glücklich agiert. Da ist Vulkan, der Techniker, der alles tut, was ihm aufgetragen wird. Er murrt zwar, als er den geschätzten Kollegen anketten soll, aber er tut es. Da ist Zeus, der ein ambivalentes Verhältnis zur Menschheit hat und daher hin und hergerissen ist über das Prometheus–Projekt. Da ist Athene, die Göttin der Weisheit, die den neuen Zivilisationsmenschen eine Seele einhaucht. Sie spendet auch die Wissenschaft und die Vernunft. Außerdem ist da noch Pandora, die mit allen Gaben Beschenkte, die die Gaben der abdankenden Götter zu den Menschen bringt, aber eben auch die damit verbundenen Übel. Und da ist noch Epimetheus, ein Melancholiker, der sich in Pandora verliebt. — Das dürfte genügen, die verschiedenen Seiten und Interessen zu charakterisieren, die dafür sorgen, daß der Fortschritt eben einen bestimmten Gang nimmt.

Als der Münchener Soziologie Ulrich Beck im Jahre 1958 den Eintritt in die Risikogesellschaft diagnostizierte, sah er den technisch–ökonomischen Fortschritt überlagert von immer größeren, ungeplanten Nebenfolgen, grenzüberschreitenden Umweltproblemen und globalen Folgen Es gibt inzwischen einen Grad an Komplexität, der sich nicht mehr steuern oder gar beherrschen läßt. Eigentlich müßten alle unsere Innovationen unterhalb dieser Schwelle bleiben, aber das Gegenteil ist der Fall. Also wofür sind Techniker, Ingenieure und Ingenieurinnen wirklich verantwortlich? Welcher Teil der Verantwortung fällt anderen zu?

Harry Bates: Akt (1891). Auf Geheiß des Zeus wurde von Vulkan eine Frau erschaffen, mit allen Gaben der Götter ausgestattet und von Hermes zu den Menschen gebracht. Sie brachte jedoch nicht nur die Fähigkeiten der Götter, sondern auch die damit verbundenen Übel auf die Erde. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Es ist keine unproblematische Entwicklung, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr Verantwortung auf Einzelne übertragen wurde, während die Gesamtverantwortung sich immer weiter verflüchtigt. Wer verantwortlich sein soll, muß gestalten, muß auch anders entscheiden können, erst dann kann Verantwortung zugeschrieben werden. — Insofern ist der Anspruch auf Ethik und Moral das eine, wie damit ganz praktisch umgegangen werden kann, ist das andere. Sich verantwortlich zu fühlen für Verhältnisse, die nicht in der eigenen Macht stehen, ist daher nicht unproblematisch. Wer Verantwortung übernimmt, muß ›Nein sagen‹ können oder ›So nicht!‹.

In diesem Seminar sollen solche Konflikte in Wertfragen, Zielkonflikten und der moralischen Integrität durchgespielt werden. Das geschieht anhand von Beispielen einschlägiger Dilemma–Situationen. Mitunter sind die Rahmenbedingungen schon problematisch, etwa wenn es gilt, unter den Bedingungen schlechter Kommunikationsverhältnisse und aus Sorge um die eigene Reputation fachlich kompetent und moralisch integer zu handeln. Dazu bedarf es einiger Erfahrungen, die genauso wichtig sind wie das ganze technische Know–how.

Dazu hat der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß eine hilfreiche Unterscheidung geprägt: Zum technischen Verfügungswissen gehört auch ein ebenso wichtiges Orientierungswissen. Das eine sagt uns wie, das andere aber wozu.  — Mitunter geraten aber das Wie und das Wozu in Widersprüche. Die Technikgeschichte ist voll solcher Beispiele, wo erst sehr viel später sich Nebenfolgen mit kolossalen Wirkungen zeigen, bis sie endlich wahrgenommen und thematisiert werden.

Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, ob es nicht doch eine ›bessere‹ Technik gibt, eine, die von vornherein weniger Nebenfolgen hat. Technikutopien sind daher eine wichtige Orientierungshilfe, vor allem dann, wenn kritisch damit umgegangen wird. Wesentlich ist es, die verschiedenen Aspekte erörtern zu können und nicht zuletzt, andere zu überzeugen. Dazu ist kritisches Denken erforderlich. Daher geht es um die ethische, politische, ökonomische und ökologische Verantwortung im Ingenieurwesen. Erst das macht ›gute‹ Technik möglich, ein ›gutes‹ Gewissen und nicht zuletzt gute Professionalität. 

Bandicoot Robot: Converting manhole to robohole (2018). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

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Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft, Identität

Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft, Identität

Vom Clan zum globalen Dorf: Emanzipation ist Selbstorientierung

Philosophie motiviert den Mut, durch Selbstorientierung über sich selbst hinauszuwachsen, sich immer weiter zu emanzipieren von jeder Fremdbestimmung durch Natur, Clangeist, Gemeinschaft oder Gesellschaft, bis hin zum Staat, der auch nicht unbedingten Gehorsam verdient, allzumal, wenn dieser notwendigen Entwicklungen im Wege steht. – Philosophie ist wie ein guter Geist in finsteren Zeiten, der Zuversicht vermittelt, in der Emanzipation, der Individuation, der Selbstorientierung und im Wunsch nach einer Glückseligkeit, die es mit der der Götter aufnehmen kann.

Flammarion. Holzstich eines unbekannten Künstlers. In: Camille Flammarion: Die Atmosphäre. Populäre Meteorologie; Paris 1888. S. 163. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Philosophie muß nachvollziehbar sein, sie sollte sich daher in aller Offenheit entwickeln. Wir können Vernunft nicht besitzen, wir können uns nur bemühen, >vernünftig zu werden<, indem wir uns auf Dialoge und Diskurse einlassen, in denen die Ratschlüsse der Vernunft erst zustande gebracht werden müssen. – Es geht um das entscheidende Orientierungswissen, und wo das nicht hinreichend ist, sind Diskurse über Orientierungsorientierung erforderlich.

Selbstwerdung, Selbstorientierung steht auf dem Programm. Das kann nicht nur, das muß stets individuell vonstatten gehen. – Nicht von ungefähr wird jede Philosophie argwöhnisch betrachtet, vor allem, wenn sie sich anschickt, ihren Kopf durch die Wolkendecke der vorgegebenen Weltordnung zu stecken.

Im Verlauf der Anthropogenese, der Kultur- und der Zivilisationsgeschichte, läßt sich eine Tendenz von der Heteronomie zur Autonomie beobachten. Mit neuen Techniken kommen neue Lebensweisen auf und mit ihnen neue Götter und neue Anschauungsformen. Was zuvor ausgeschlossen schien, wird möglich, was zuvor üblich war, kann schnell obsolet werden.

Es versteht sich, daß jeder Wandlungsprozeß immer Verlierer und Gewinner erzeugt. Etablierte Autoritäten können fast über Nacht eine zuvor noch unumstrittene Anerkennung einbüßen. Neue Leitbilder entstehen, die stets an den Bruchlinien zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft verlaufen, aber auch an denen zwischen Individuum und Gesellschaft. – Gerade mit dem Individualismus, der allmählich in den Städten aufkommt, gehen immense subjektive und intersubjektive Belastungen einher.

Mit jeder neuen Zeit betreten neue Götter und Priesterschaften die Bühne der Kulturgeschichte: Das war so, als die Schrift erfunden wurde und neue Götter aufkamen, die im Buch des Lebens lesen und zu Gericht sitzen sollten, doch vor allem, um die Verhältnisse in den neuen urbanen Welten zu stabilisieren.

Im Verhältnis zur tierischen Herkunft liegt das Geheimnis des Menschseins darin, daß wir mithilfe von Sprache und Kultur allmählich alle erdenklichen Erfahrungen, die einzelne Menschen jemals gemacht haben, miteinander teilen, nachvollziehen und uns leibhaftig aneignen können. – Zivilisation steigert die Prozesse der Erfahrung von Erfahrungen um ein Vielfaches. Das verschafft sehr viel mehr Lebens- und Ausdrucksmöglichkeiten, es erzeugt zugleich aber auch sehr viel mehr Unsicherheit. Insofern ist Zivilisation wie ein Joker, alles Lernen, jede Erfahrung, Einsichten, Erkenntnisse und Impressionen zählt plötzlich sehr viel mehr, weil, wenn und sobald wir sie mitteilen, also mit anderen teilen können.

Thomas Cole: The Course of Empire. Third Episode: The Consummation of Empire. 1835/6, New–York, Historical Society. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Der Staat muß alle diese Koexistenzen gewährleisten, und er wird kollabieren, wenn es ihm nicht gelingt, eine Vielfalt von Gemeinschaften in und mit ihren Interessen dauerhaft miteinander zu vergesellschaften. – Der Staat kann zwar nicht wissen, was die Gesellschaft umtreibt, aber es ist seine Aufgabe, ihr zu dienen und nicht über sie zu herrschen. Ihm fehlt schlichtweg die Phantasie, auch nur annähernd beurteilen zu können, was gerade gesellschaftlich von Bedeutung ist, warum und wozu.

In diesem Kontext spielen neue Überwachungs- und Spionagemöglichkeiten, insbesondere der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine wegweisende Rolle. Auf der Agenda der Weltgeschichte steht die Alternative: Entweder Totalitarismus oder Demokratie, entweder Misanthropismus oder Humanismus.

Derzeit schlittern nicht wenige auch westliche Staaten auf den Weg in die umfassende Überwachung des Öffentlichen Raums und aller sozialen Netze. Nie war die Gelegenheit so greifbar, göttergleich alles zu sehen, zu wissen und zu deuten, um damit zu machen, was auch immer irgendwelchen Machthabern gefällt, wenn, wo und solange sie nicht durch rechtsstaatliche Sicherungen, Verfassungen und Gerichte davon abgehalten werden.

Manche denken auch daran, den Prozeß der Zivilisation zu stoppen und die ganze Entwicklung mehr oder minder wieder umzukehren oder sie einzufrieren wie die Amischen, eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft, die den Fortschritt stillgestellt haben kurz vor Einführung von Auto und Elektromotor.

Thomas Cole: The Course of Empire. Fourth Episode: Destruction (1836). New–York, Historical Society. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Tatsächlich sind Verluste zu verzeichnen, die im Prozeß der Zivilisation mit aufgekommen sind, wovon einige äußerst schmerzhaft sind. Eigentlich entspricht es dem Wesen jener Kulturen, die vor jeder Zivilisation ihren Bestand hatten, Geschichte als solche erst gar nicht aufkommen zu lassen. – Also wurde jede Dynamik verhindert, kein Ungleichgewicht sollte aufkommen und wo doch, dort wurde alles unmittelbar wieder ausgeglichen durch Opfer, die das Errungene gleich wieder neutralisierten, auf daß keine >Geschichte< in Gang kommen kann.

Nach dem Bruch mit dem Geist geschichtsloser Kultur sind immer wieder Versuche dazu gemacht worden und ebensooft sind sie gescheitert. Offenbar gelingt es später nicht mehr, aus der Dynamik auszusteigen, um wieder ein alles umgreifendes geistiges umgreifendes Gleichgewicht zu schaffen und in einer Kultur als gelebtes Leben zu etablieren.

Utopien spielen mit diesen Visionen, sie spekulieren wie Sisyphus darauf, daß es >einmal< doch gelingen kann. – Sobald es aber wirklich ernsthaft versucht worden ist, Utopien in die Tat umzusetzen, bleibt davon oft nur schlechter Utopismus.

Aus der Zivilisationsgeschichte zu lernen bedeutet viel, u.a. zu wissen, daß es nicht gelingen kann, nach mittelalterlichem Muster die Gesellschaft in eine Zwangsgemeinschaft zu verwandeln. – Differenzen lassen sich weder religiös noch ideologisch einfach verbieten. Die einzige Möglichkeit den Geist einer alles umgreifenden humanen Kultur aufkommen zu lassen, wäre die einer humanen Demokratie, in der Partizipation gelebt wird.

Conchita Wurst für Österreich mit dem Lied „Rise Like a Phoenix“ bei der er- sten Kostümprobe für das Finale des Eurovision Song Contest 2014 Kopen- hagen. — Quelle: Albin Olsson, Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Public Domain via Wikimedia.

Im Prozeß der Psychogenese kommt ganz allmählich immer mehr Individualität auf. Zunächst langsam, dann immer schneller wird eine historische Dynamik entfacht, die sich inzwischen selbst perpetuiert. — Von Epoche zu Epoche werden immer neue Ansprüche auf persönlichen Ausdruck immer radikaler geltend gemacht, gegen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft. Erst diese Differenzen bringen die Zivilisationsgeschichte in Gang. Sie generieren die Dynamik der Zivilisationsgeschichte und beschleunigen die Wandlungsprozesse inzwischen immer mehr.

Gegenwärtig bringen Debatten über individualistische, singuläre Identitäten zusätzliche Irritationen mit sich und lösen einen weiteren Schub der Individualisierung aus. — Nachdem die binäre Differenzierung, entweder weiblich oder aber männlich ›sein‹ zu müssen, immer weiter dekonstruiert wurde, werden verschiedene Aspekte des Männlichen und Weiblichen beliebig miteinander kombinierbar. Zugleich steigt damit aber auch die allgemeine Verunsicherung.

Es geht inzwischen nicht mehr nur um Individualität, sondern immer mehr auch um die Selbstinszenierung der eigenen Singularität und darum, gegen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft ganz neu motivierte Forderungen auf Achtung, Anerkennung und Schutz geltend zu machen. — Auch die Individualisierung kommt im Prozeß der Zivilisation auf, sie ist das eigentliche Movens. Die Lebensverhältnisse wandeln sich, also läßt sich auch die ganze Selbstorientierung verändern. Nach diesem Metaprinzip bricht jede Individuation mit ›altehrwürdigen‹ Traditionen.

Zugleich kommt allgemeine Verunsicherung auf, weil immer auch Erwartungssicherheiten darüber verloren gehen und immer mehr Ambivalenzen und Ambiguitäten spürbar werden. Gerade die ganz neuen Freiheiten, Individualisierungen und Singularitäten haben einen besonders hohen Preis, weil zusätzliche psychische aber auch soziale Belastungen damit aufkommen.

Jede neue Freiheit geht mit Freiheitsschmerzen einher. Sich etwas davon ›herauszunehmen‹, damit Irritationen auszulösen und womöglich auch Zorn auf sich zu ziehen, ist das eine. Neue und andere Maßstäbe aber auf Dauer zu leben, ist etwas ganz anderes. — Individuation ist das treibende Moment, das den Prozeß der Zivilisation zunächst überhaupt erst in Gang gebracht hat und ihn seither durch immer neue Spannungen und Widersprüche immer schneller über sich hinaustreibt.

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Welche Werte zählen nach Corona

Unter Corona wurde „Nähe“ paradox:  Zuvor hieß es immerzu, man solle sich berühren lassen, Nähe zulassen und dann kamen die Masken und das Abstandhalten.

Das hat viel ausgelöst: Alte Werte gehen unter, andere treten auf.  Innere Werte werden wichtiger, Äußerlichkeiten geraten ins Hintertreffen. Es fehlten echte und tiefe Begegnungen, in denen Gefühle tatsächlich mitgeteilt werden. Die Corona-Krise hat viele Ängste, Zweifel, Sorgen und Nöte bewußt gemacht, die bislang verdrängt wurden.

Die Corona-Krise hat eine innere Einkehr erzwungen, die selbst zum Problem wurde. Viele möchten, wollen und können sich mit dem eigenen Selbst aber nicht auseinandersetzen. Dann kämen Fragen auf, die bodenlos scheinen, obwohl sie es eigentlich nicht sind. – Albert Camus spricht von „Selbstmord“, ohne sich tatsächlich umzubringen. Das Aufgehen in permanenter Sorge ist ein solcher Fall, sich durch Selbstüberforderung permanent abzulenken vom eigenen Selbst.

Viele Meistererzählungen schildern dieses Wagnis, sich tatsächlich auf die imaginäre Reise zu begeben, um dem eigenen Selbst zu begegnen. Es gilt, sich wirklich mit dem dunklen Selbst auseinanderzusetzen und sich nicht abzulenken von dem, was unsere eigentliche Aufgabe wäre, unsere inneren Werte zu suchen, zu finden und zu entfalten.

Woher stammen eigentlich die eigenen Werte? Wir glauben zu wissen, wie eine romantische Begegnung auszusehen hat und inszenieren sie nur. Wir glauben zu wissen, wie ein Kuß ausschauen muß, um als Ausdruck von Zuneigung, Liebe oder Begehren zu gelten. Immerzu geht es nur um die Inszenierung von etwas, das erstrebenswert scheint.

Das zur Sprache zu bringen, habe ich mir theoretisch und praktisch zur Aufgabe gemacht in einer Kombination, die ich als philosophische Psychologie betreibe.

 


Worauf es wirklich ankommt.

Vortrag: Bildungshaus Batschuns, Österreich, 11.06.2021

In einer Krise zeigt sich, wer wir sind und worauf wir uns wirklich verlassen können und wie stabil die Verhältnisse wirklich sind.  Ob wir es wollen oder nicht:  Krisen sind Bewährungsproben, dann zeigt sich, ob wir uns anpassen, verändern oder vielleicht sogar über uns hinauswachsen können.

Reden stärkt, vor allem Verstehen.  Angst schwächt, ebenso wie Hetzkampagnen, das alles verwirrt und schmälert die Kräfte.  – Neue Stärken entstehen, sobald wir lähmende Ängste behutsam überwinden.

Eine Krise kann vorübergehend sein, im psychologischen Sinne sind Krisen jedoch nur der Anfang umfassender Wandlungsprozesse. – In Märchen und Mythen macht die Krise den Anfang, dann folgt zunächst die Katharsis und darauf die Transformation.

Vor allem für die Pädagogik zeigen die Erfahrungen der letzten 15 Monate, daß die Welt von Menschen gemacht und zu verantworten ist. Auch die Menschenbilder, die Unkultur öffentlicher Debatten, der Rückfall in fast religiöse Ängste, das alles gibt zu denken.

Diese Welt, so wie sie ist, hat keine Zukunft. Dabei ist die Klimafrage nur wie die Spitze eines Eisbergs. Wichtig wäre es, endlich auch in der Politik ein positives Menschenbild an den Tag zu legen, wie es in Pädagogik und Psychologie schon seit den 70er Jahren üblich ist. Staat, Politik und Behörden gehen aber immer noch vom Obrigkeitsstaat aus, wenn sie meinen, mündige Menschen vor sich selbst schützen zu müssen.

Das Bild vom Guten Hirten und seiner Herde ist obsolet, es sollte den vielen Autokraten überlassen werden. Der in der Corona-Krise erstarkte Staat wird bleiben. Daher müssen die Gegengewichte gestärkt werden, also brauchen wir mehr Demokratie und mehr Gerichtshöfe, an denen sich Staat und Politik rechtfertigen müssen.

Das wird aber alles nicht reichen, wenn man bedenkt, was eigentlich alles inzwischen zur Neige geht. Allerdings war die Zivilisation, seit sie vor 12.000 Jahren entstand, immer schon eine instabile Angelegenheit.

Vor allem jene Entwicklungen, auf die Pädagogik, Psychologie und Philosophie besonders Wert legen, sind überhaupt nicht mitgekommen. –  Das Fehlende nachzuholen ist und bleibt eine Aufgabe, in der es vor allem sehr viel sehr professionelle Pädagogik braucht. Schließlich ist jeder Mensch einzigartig, darin liegen Hoffnungen, nur niemanden zu verlieren.


LIVE! music, life et cetera .

Talk mit Prof. Dr. Heinz–Ulrich Nennen

19:30 – 22:00
Hemingway Lounge . Uhlandstr. 26 . 76135 Karlsruhe

LIVE! . music, life et cetera . “Von Freiheitsliebe und der Sehnsucht nach Kontrolle” .

Ullrich Eidenmüller im Talk mit Prof. Dr. Heinz–Ulrich Nennen

Was hat das Corona – Virus mit uns gemacht? Wie weit hat es die Welt verändert und wird sie noch verändern? Welche Tiefen hat das Virus in der Gesellschaft bloßgelegt? Könnte es zu solchen Fragen am Beginn der „Rückkehr der Freiheit“ einen kompetenteren Gesprächspartner geben als ein Professor für Philosophie an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)? Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen Gesprächspartner von Ullrich Eidenmüller beim traditionellen Talk in der Hemingway Lounge sein. Der Philosoph, der seine Zeitgeist-Analysen seit Jahren aus seinem Wohnmobil am Kanal in Münster schreibt, analysiert die Auswirkungen auf das tägliche Leben, den „Verlust an Nähe, den wir zu verkraften haben, die Unkultur der Verunglimpfung Andersdenkender, das frühe Schließen der gesellschaftlichen Diskurse schon im März 2020“.

Freuen Sie sich auf ein spritziges und tiefgehendes Gespräch in der wiedereröffneten Lounge, untermalt wie immer von der Musik, die Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen mitbringt.


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