Begriff und Realisierung

Diskurs ist italienischen Ursprungs, frühen Belegstellen zufolge werden damit genau jene Gesprächsverläufe bezeichnet, die von Zuhörern als ausgesprochen enervierend empfunden worden sein dürften. Im Unterschied zur offenen Atmosphäre eines Gesprächs erscheint der Diskurs in seiner ursprünglichen Bedeutung zunächst als eine nicht leicht zu ertragende, monologisierende weit ausschweifende Redefolge, bei der die Wortführer selbst zwischenzeitlich offenbar die Orientierung darüber verlieren, was sie eigentlich hatten sagen wollen. Die Teilnehmer kommen dann – wie es in einem zeitgenössischen Text heißt – nach langem Herumirren aus dem Wald heraus als solche, die viel reden, aber nichts sagen.

Wäre die Wortbedeutung bei diesem rein negativen Bild geblieben, so würde uns der Begriff heute vermutlich kaum noch etwas wesentliches sagen. Aber im Verlauf der Begriffsgeschichte läßt sich die Integration gegenläufiger Motive nachweisen, und dabei geht es um das entgegengesetzte Moment der ursprünglichen Feststellung, um Orientierung inmitten des Herumirrens. Das Ziel derartiger Exkurse sei vielmehr, so ein Rhetorik-Buch aus dem 16. Jhrd. überAngelegenheiten des Gemeinwesens so zu reden, wie es ihrem Charakter angemessen ist.

Das Wortfeld Diskurs, Diskursivität, diskursiv leitet sich ab von lat.:  discurrere, ‚auseinanderlaufen, Erörterung, Verhandlung‘, auch ‚heftiger Wortwechsel‘. Diskursiv wird ein Denken genannt, das sukzessiv verfährt, dabei wird das Ganze zunächst in seinen Teilen durchlaufen und in seiner Gesamtheit erst allmählich erkennbar. Wesentlich ist, daß es sich um ein methodisches, systematisches und insbesondere um ein begriffliches Vorgehen handelt. Begrifflich, wie häufig in Definitionen angeführt, muß ein Diskurs vonstatten gehen, weil es dem menschlichen Erkenntnisvermögen seiner Natur nach nicht gegeben ist, durch unmittelbare Anschauung zur unbedingten Erkenntnis zu gelangen. Sukzessiv muß ein Diskurs verfahren, weil es eben nicht gelingt, alle einschlägigen Perspektiven gleichzeitig einzunehmen. Im Umherlaufen lassen sich zwar verschiedene Motive und Momente erfahren, deren Dignität wird aber erst nach und nach bewußt. Erst die intersubjektiv nachvollziehbare Integration aller entscheidenden Perspektiven läßt ein hochgradig angemessenes Beurteilungsvermögen in der anstehenden Sache erwarten, das womöglich allen Sphären, so wie es ihnen zukommt, gleichermaßen gerecht zu werden verspricht.

Der Begriff und die mit ihm verbundenen unterschiedlichen Theorien erfahren in der späten Moderne eine umfassende Beachtung auch außerhalb akademischer Kreise. Zwei Richtungen lassen sich dabei einander gegenübergestellen:

  • Eine deutsche Schule der Diskurstheorie, im wesentlichen als Verbindung aus der Kantischen Philosophie und Elementen der anglo-amerikanischen Sprechakttheorien, um im Rahmen einer Theorie des kommunikativen Handelns diskursethische Prinzipien zu ermitteln.
  • Eine französische Schule der Diskursanalyse, die im Anschluß an die Rationalitätskritik Nietzsches und Heideggers mit Positionen eines als postmodern verstandenen Neostrukturalismus verbunden ist und in Diskursen eher Phänomene der Machtausübung identifiziert.

Derartig eklatante Widersprüche erfordern die ‚Arbeit am Begriff‘, nicht zuletzt auch in Hinsicht auf die damit einhergehenden Anforderungen an Praxis. Solche Programmatik ist allemal interpretationsbedürftig, denn Diskurs ist zum Ideal, Diskursivität zu einem Qualitätskriterium geworden, um die Dignität und das Legitimationsvermögen von Prozessen der politischen Willensbildung zu überprüfen. Bei anstehenden Entscheidungen in Fragen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite, insbesondere von Verfahren der Technikfolgenabschätzung wird erwartet, daß sowohl dem Stand der Wissenschaft als auch den Belangen der Öffentlichkeit entsprochen wird. Der Anspruch auf Diskursivität wird somit zum theorieförmigen Modellfall einer gelingenden Praxis.

Während es für die Rationalität wissenschaftlich-technischen Vorgehens unwesentlich sein mag, welchen Zielen eine Technik letztlich dient, wird bei ethischen Erwägungen gerade dieser Aspekt zum Thema. Entscheidend ist, wie sich nunmehr auf methodologische Weise eine problemzentrierte Ethik erreichen läßt, auch und gerade für solche Situationen, die bereits durch mangelnde Gemeinsamkeiten in grundlegenden Orientierungsfragen gekennzeichnet sind. Unter säkularen Bedingungen sind daher bereits die Ausgangsbedingungen gesellschaftlicher Diskurse umstritten. Fraglose Gewißheiten lassen sich kaum noch konstatieren und sind disponibel geworden, wenn bereits im Vorfeld praktischer Diskurse zunächst in Erfahrung zu bringen ist, wo die wahren Ziele liegen könnten:

Auch die in repräsentiven Demokratien obligate Delegation ist bei derart zukunftsrelevanten Entscheidungen nicht mehr unangefochten; es wird daher entscheidend, unter den Bedingungen der modernen Industriezivilisation Methoden zu entwickeln, durch die es gelingen kann, die Vernünftigkeit eines Vorschlags, einer Forderung oder einer Behauptung zu erweisen. Begründungen stellen ihrerseits jedoch noch keine Gemeinsamkeiten her, sie sind zunächst nur ein Ersatz für fehlende Gemeinsamkeit, insbesondere dort, wo gemeinsame Leitvorstellungen nicht mehr oder noch nicht vorliegen. Der Diskurs wird somit zum Intermedium, um die Erörterung über Geltungsansprüche systematisch aufzunehmen, aber auch um gestörte Interaktionsverhältnisse wieder herzustellen.

Diskursivität wird somit zum Substitut für den Verlust der Funktion vormaliger Wertethik; entscheidend sind Anforderungen an die Qualität der Verfahren, in denen die Legitimität vorgebrachter Geltungsansprüche auf ihre tatsächliche Dignität hin überprüft wird, wobei die Geltungsgesichtspunkte selbst transparent und somit allgemein nachvollziehbar vorgebracht werden müssen. – So plausibel sich die notwendigen Anforderungen seitens dieser Theorie(n) als Anforderung an die Praxis ableiten lassen, ebenso umstritten sind die Probleme, die sich einstellen, im Sinne dieser Forderung Diskursivitätpraktisch werden zu lassen. Im Rahmen dieses Buches wurde der Versuch unternommen, diese in der Praxis aufgeworfenen Fragen näher zu betrachten.

Die Beiträge dieses Bandes gehen auf zwei Workshops zurück, die von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg veranstaltet wurden mit dem Ziel, Möglichkeiten diskursiver Technikfolgenabschätzung auszuloten. Ein erster Workshop fand unter dem Thema Diskurs – Der Begriff im Kontext der einzelnen Disziplinen im September ’96 statt, ein zweiter Workshop folgte im März ’97, um sich vor allem mit den Möglichkeiten einer diskursiven Technikfolgenabschätzung zu befassen.

Die Autoren dieses Bandes haben es sich zur Aufgabe gemacht, unterschiedliche Theorien des Diskurses systematisch auf die damit verbundenen Anforderungen an eine solche Praxis zu untersuchen. Die Beiträge zeigen, wie der Diskursbegriff in das Selbstverständnis unterschiedlicher theoretischer Disziplinen ebenso wie in die Belange praktischer Verfahrensweisen Eingang gefunden hat. Das Themenspektrum der Abhandlungen reicht von Vernunft, Ethik und Ästhetikbis hin zu Fragen der Wissenschaftsorganisation, der Technikfolgenabschätzung, des Demokratieverständnisses und der Alltagsvernunft. Die theoretische Leistungsfähigkeit des Diskursbegriffs sollte dabei herausgearbeitet werden, gleichfalls waren die Chancen und Grenzen diskursiver Verfahren in der gesellschaftlich-politischen Praxis zu erörtern.

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