Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Moral

Philosophische Ambulanz

Philosophische Ambulanz

WS 2020 | freitags | 12:00-13:30 Uhr | Raum: online

Beginn: 6. Nov. 2020 | Ende: 19. Febr. 2020

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Ferdinand Bart: Der Zauberlehrling, (1882). Zeichnung aus dem Buch Goethe’s Werke, 1882. — Quelle: Public Domain via Wikimedia

Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! —
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.

(Goethe: Der Zauberlehrling)

 

In der Philosophischen Ambulanz kommt die Philosophie wieder zurück auf den Marktplatz, wo Sokrates seine Dispute führte, immer auf der Suche nach einer Philosophie, die es besser aufnehmen kann mit der Wirklichkeit. In den Dialogen und Diskursen der Philosophischen Ambulanz soll es darum gehen, in gemeinsamen Gedankengängen die besseren, höheren und tieferen Einsichten zu gewinnen.

Verstehen ist Erfahrungssache, Verständigung ist eine Frage der Übung. Oft herrschen aber falsche Vorstellungen vor: Gemeinsames Verstehen entsteht im Dialog und in Diskursen, bei denen es nicht vorrangig um Meinungsäußerungen und Stellungnahmen geht. Es kommt auch nicht darauf an, Recht zu behalten, sich zu behaupten oder etwa vermeintliche ›Gegner‹ mundtot zu machen. — Gewalt entsteht, wo Worte versagen, wenn nicht gesagt und verstanden werden kann, was einem wirklich am Herzen liegt.

Es kommt viel mehr darauf an, im gemeinsamen Verstehen weiterzukommen, so daß sich die Diskurse anreichern und ihre Sukzession, also einen Fortschritt erreichen. Daher ist es so wichtig, gerade im Konflikt aus einem Dissens heraus wie der zu neuem Einvernehmen zu finden. Erst das macht uns zu mündigen Zeitgenossen, wenn wir auch über die eigene Stellungnahme noch frei verfügen können. — Zu Philosophieren bedeutet, Widersprüche und Ambivalenzen nicht schleunigst aufzulösen, weil sie anstrengend sind. Vielmehr gilt es, das Denken selbst in der Schwebe zu halten. Der Weg ist das Ziel, gerade auch beim Philosophieren.

Es gilt, nicht nur die üblichen Standpunkte zu vertreten, sondern neue und gänzlich unbekannte Perspektiven zu erproben. Daher ist der Positionswechsel von so eminenter Bedeutung. Genau das ist ›Bildung‹, den Standort der Betrachtung wechseln, um eine Stellungnahme ggf. auch aus einer beliebigen anderen Perspektive vornehmen, kommentieren und beurteilen zu können.

Verstehen ist Erfahrungssache

Im Philosophischen Café kommt die Philosophie wieder zurück auf den Marktplatz, wo Sokrates seine Dispute führte, immer auf der Suche nach einer Philosophie, die es besser aufnehmen kann mit der Wirklichkeit. In den Dialogen und Diskursen der Philosophischen Ambulanz soll es darum gehen, in gemeinsamen Gedankengängen die besseren, höheren und tieferen Einsichten zu gewinnen.

Verstehen ist Erfahrungssache, Verständigung ist eine Frage der Übung. Oft herrschen aber falsche Vorstellungen vor: Gemeinsames Verstehen entsteht im Dialog und in Diskursen, bei denen es um nicht vorrangig um Meinungsäußerungen und Stellungnahmen geht. Es kommt auch nicht darauf an, Recht zu behalten, sich zu behaupten oder etwa vermeintliche ›Gegner‹ mundtot zu machen. — Gewalt entsteht, wo Worte versagen, wenn nicht gesagt und verstanden werden kann, was einem wirklich am Herzen liegt. Es kommt vielmehr darauf an, im gemeinsamen Verstehen weiterzukommen, so daß sich die Diskurse anreichern und ihre Sukzession, also einen tatsächlichen Fortschritt im Verstehen erreichen.

Daher ist es so wichtig, gerade im Konflikt aus einem Dissens heraus wieder zu neuem Einvernehmen zu finden. Erst das macht uns zu mündigen Zeitgenossen, wenn wir auch über die eigene Stellungnahme noch frei verfügen können. — Zu Philosophieren bedeutet, Widersprüche und Ambivalenzen nicht schleunigst aufzulösen, weil sie anstrengend sind. Vielmehr gilt es, das Denken selbst in der Schwebe zu halten. Der Weg ist das Ziel, gerade auch beim Philosophieren.

Es gilt, nicht nur die üblichen Standpunkte zu vertreten, sondern neue und gänzlich unbekannte Perspektiven zu erproben. Daher ist der Positionswechsel von so eminenter Bedeutung. Genau das ist ›Bildung‹, den Standort der Betrachtung wechseln, um eine Stellungnahme ggf. auch aus einer beliebigen anderen Perspektive vornehmen, kommentieren und beurteilen zu können.

Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Wir müssen selbst entscheiden, wann wir etwas auf sich beruhen lassen, für welche Themen wir offen sind, und wofür wir uns wirklich brennend interessieren. Die Zunahme an Informationen ist dabei von erheblicher Bedeutung, denn sie führt gegenwärtig ganz offenbar zu Überforderungen. Alles könnte man wissen, aber jedes Wissen ist eigentlich unsicherer denn je.

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Wir alle spielen Theater

Oberseminar:
Wir alle spielen Theater

WS 2020 | donnerstags | 12:00–13:30 | Raum: Online
Beginn: 5. Nov. 2020 | Ende: 18. Febr. 2021

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Matthieu Bourel: Selfconfidence, Autonomy. — Quelle: https://highlike.org.

Die Metapher vom Theater ist neben der von der Schifffahrt von paradigmatischer Bedeutung. Im Mittelalter sah man die Welt als Bühne, mit nur einem einzigen Zuschauer, Gott. — Das ist nur eine von vielen Stationen in der Psychogenese, die sich so beschreiben läßt, daß wir im Verlaufe der Zeit vieles ›verinnerlichen‹.

Ganz allmählich ist der innere Kosmos unserer Psyche immer umfangreicher geworden. Das wiederum führte dazu, daß wir auch in der Rollenübernahme inzwischen anders vorgehen. — Rollen werden immer weniger ›gespielt‹, sondern von innen her ›entwickelt‹. Wir suchen und finden in der eigenen Psyche den persönlichen Zugang zu einer Figur, deren Rolle übernommen werden soll.

In diesem Sinne ist die Schauspieltheorie auch psychologisch von großer Bedeutung, gerade auch in Hinsicht auf Identitätsphilosophie. Die Vielfalt in der eigenen Psyche wird nicht nur immer komplexer, sondern auch widersprüchlicher. Dabei zeigt sich eine interessante Entwicklung, die das Thema dieses Seminars sein soll, die Möglichkeit, mit ›multiplen Identitäten‹ umgehen zu können. So hat der Schauspiellehrer Konstantin Sergejewitsch Stanislawski einen neuen Ansatz entwickelt, wie die Arbeit des Schauspielers an sich selbst und im schöpferischen Prozeß des Erlebens einer Figur, des Verkörperns und der Arbeit an der Rolle sehr viel intensiver gestaltet werden kann. — Eine Rolle nur zu spielen, das genügt keineswegs, das wäre schlechtes Theater. Es kommt darauf an, die Figur, die Rolle, die Welt einer Handlung in sich zu suchen, zu finden und sich dann hineinzufühlen. 

Auch der US–Amerikanische Schauspiellehrer Lee Strasberg entwickelte mit dem Method Acting einen neuen, tieferen Zugang zur Schauspielkunst, um die Natürlichkeit und die Intensität der schauspielerischen Darstellung zu steigern. Mit Hilfe eines von ihm entwickelten Instrumentariums sollten Schauspieler die Rolle in sich selbst finden, herauszubringen, um dann damit zu verschmelzen.

Jean–Léon Gérôme: The Duel After the Masquerade (1857f.). Es ist ein Clown,
ein Pirot, der nach der Vorstellung duelliert und tödlich getroffen niedersinkt.
— Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Aber nicht nur für Schauspiel und Schauspielkunst ist das alles von Interesse. Auch im Zuge der Psychogenese und vor dem Hintergrund, daß wir alle immer mehr Theater spielen und immer weiter ausdifferenzierte Rollen übernehmen, wird die Frage der Einfühlung von immer größerer Bedeutung. Wir leben in unruhigen Zeiten, was auch damit zusammenhängt, daß die Psychogenese wieder einen Schritt weiter vorangeschritten ist. Das ist der aktuelle Stand in dieser Entwicklung, daß wir nicht mehr Rollen übernehmen, sondern verschiedene Identitäten, um diese zunächst aus uns selbst heraus zu entwickeln. — Damit kommt eine weitere, sehr große Herausforderung in die Welt, es gilt, nicht mehr nur ›authentisch‹ zu sein, sondern eben auch ›vielfältig‹ in der Variation der Identitäten, die einander widersprechen können. Das ist offenbar eine ganz neue Errungenschaft, die allerdings mit erheblichen Irritationen einhergeht.

Der Mensch in der Moderne ist ein Träger vieler Masken. Das ist eigentlich eine ganz entscheidende, höchst aktuelle Errungenschaft, die Fähigkeit, multiple Identitäten verkörpern zu können, die sogar miteinander im Widerstreit stehen können. Aber die Souveränität, dann auch tatsächlich darüber zu verfügen, hält sich derzeit noch in Grenzen. Um die neuen Kompetenzen an den Tag zu legen, fehlt noch immer der Mut, die Legitimität des eigenen Individualismus, der die eigene Autonomie erst selbst ernst nehmen müßte. Nur wenigen gelingt es bereits. Allüberall schämt man sich dessen, spricht von Wahrheit, Empathie, Authentizität, Aufmerksamkeit und vom wahren Selbst, als ob es das wirklich gäbe.

Das unumgängliche Maskenspiel sollten wir tatsächlich ganz bewußt betreiben. Stattdessen wird jedoch immer so getan, als sei alles echt, als wüßte man zwischen Echtheit und Unechtheit sehr wohl zu unterscheiden. Dabei ist in der Tat vieles Theater oder manches nur ›Show‹, aber mitunter erscheint es so, als käme es ohnehin nur noch darauf an, daß die Show stimmt. — Diskurse wie die über ›Empathie‹, ›Aufmerksamkeit‹ und ›Wahrhaftigkeit‹ liegen daher als kritische Reaktionen geradezu auf der Hand. Aber auch das sind selbst wieder nur Rollen, eben solche, die Authentizität darstellen sollen, um aber genau darin wiederum Rollenspiel zu betreiben.

Allerdings spielen wir alle Theater, nehmen Rollen wahr, verkörpern sie, gehen aber nicht restlos darin auf. Vorzeiten identifizierten sich Menschen noch mit ihrem ›Stand‹, mit ihrem vermeintlichen gesellschaftlichen ›Sein‹, und der Ausdruck individueller Freiheiten war als ›Spleen‹ nur wenigen vorbehalten, ganz exklusiv am liebsten den exzentrischen Attitüden alten Adels. 

Die Universalisierung der Rollenübernahme ist dafür verantwortlich, daß inzwischen fast nur noch inszeniert wird. Wo zuvor eine geradezu sklavische Rollenbesetzung stattgefunden hat, herrscht nun der unbedingte Wille zur Meinung vor. Das Publikum inszeniert sich inzwischen selbst, so wie es Politik und Medien seit Jahrzehnten vorexerzieren. Daher wird die Konstellation immer unübersichtlicher, es gibt eigentlich kein Publikum mehr, nur noch Akteure. — Insbesondere das Subjektivieren, das Emotionalisieren und das Skandalisieren konkurrierender Auffassungen, einfach nur, weil sie nicht dem eigenen Standpunkt zuzuordnen sind, hat sich inzwischen flächendeckend ausgebreitet.

Neuzeitliche Theatermaske für den Darsteller des Mephisto. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Manche der Instanzen unserer Psyche lassen sich wie politische Institutionen betrachten, zu denen nunmehr eine neue hinzukommen wird, einfach weil sie hinzukommen muß: Das multiple Selbst ist eine große Herausforderung, weil es nun darum geht, zwischen allen erdenklichen Perspektiven zu moderieren und zwar in dem Bewußtsein, daß keine dieser Hinsichten den Anspruch hegen darf, allein gültig zu sein. Es gilt, das eine zu tun ohne das andere zu lassen. — Allerdings kann es ein großes nicht nur rein intellektuelles Vergnügen bereiten, Gefühle einerseits authentisch zu erfahren, um zugleich ketzerisch das eigene Empfinden ironisch zu spiegeln.

Zu jeder modernen Psyche gehört es eben, nicht nur die vormals externen Instanzen der Ordnung, der Disziplin und der Bestrafung als Selbstdisziplinierung in sich hineingenommen zu haben. Es gehört ebenso mit dazu, daß wir zugleich eine ganze Ketzerversammlung mit uns herumführen, die nur auf eine Gelegenheit wartet, alles, was heilig sein soll, vom Sockel zu stoßen. — Es kommt eben darauf an, selbstbewußt genug zu sein, alle diese inneren Widersprüche nicht zu kaschieren, sondern im Gegenteil, sie als Perspektiven zu würdigen, jede, wie es ihr zukommt.

Also: Wird eine Situation als ›romantisch‹ empfunden, weil sie bestimmten Bildern, Vorstellungen und einschlägigen Narrativen entspricht? — Solche Fragen haben das Format von Glaubenskonflikten, wie sie Priester seit je hatten, wenn sie vor ihrer Gemeinde auftreten mußten, aber nicht offenbar werden lassen durften, daß sie vielleicht selbst sich ihres Glaubens gar nicht mehr so sicher waren. Lange Zeit wurde erwartet, daß sie nicht durchblicken lassen, wie es um den eigenen Glauben steht, weil sie doch die ihnen anvertrauten Schafe in einen panischen Schrecken versetzen könnten.

Hawen King: Promotional masks
for the DVD release of „V for Ven-
detta“ at HMV in Tokyo. To get a
mask you had to buy the DVD. 8.
Sept. 2006, V for Vendetta. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Autonomie ist der Anspruch und die Fähigkeit, sich selbst ein eigenes Bild von der Welt und den Sachen zu machen, selbst wenn sie uns zutiefst berühren und vielleicht auch ängstigen. Dabei ist es möglich, zugleich mitten drin zu sein und dennoch sich selbst und das ganze Treiben von außen zu betrachten. Tatsächlich ist erst das wahres Glück, sich inmitten erfüllender Erlebnisses zu finden, die vielleicht tatsächlich mustergültig sind, so wie es die Narrative vorsehen. — Glück bedeutet, sich selbst in solchen Situationen als authentisch zu erfahren und zugleich selbstironisch den Überschwang der eigenen Gefühle zu spiegeln. Das erst wäre tatsächlich ein Ausdruck von Autonomie, Souveränität und Selbstbewußtsein. Entscheidend wäre nur, ob die Erlebnisse tatsächlich von Bedeutung sind, oder ob es nur rein äußerlich um Inszenierung, nur um das ›Als–Ob‹ geht.

Es gilt, ein multiples Selbst und Multiperspektivität zu entwickeln. Denn wenn wir den bisherigen Verlauf der Psychogenese in die Zukunft verlängern, dann werden weitere Internalisierungen folgen. Das werden vor allem auch solche sein, die Probleme bereiten, weil sie immer mehr miteinander im Hader liegen wie Priester und Ketzer, wie Schamanen und Wissenschaftler, wie Natur– und Kulturwissenschaften. — Es wird ganz gewiß nicht einfacher, sondern komplizierter, wenn nunmehr weitere widersprüchliche Figuren und Narrative hinzukommen, so, wie wir inzwischen fast den ganzen Götterhimmel in uns haben als Teil unserer Psyche.

Nicht nur die soziale Außenwelt, sondern auch die psychischen Innenwelten differenzieren sich im Verlauf der Kulturgeschichte immer weiter aus. Wenn die Welt, weniger die natürliche Umwelt, als vielmehr die soziokulturelle zweite Natur, immer komplexer wird, dann steigen die Anforderungen, wirklich noch zu verstehen, was eigentlich gespielt wird. — Es sollte daher möglich sein, die inhärente Dialektik verschiedener Perspektiven mit allen einschlägigen Differenzen ganz bewußt in Dienst zu nehmen, um sodann selbst denken und sich an die Stelle eines jeden anderen versetzen zu können, um schließlich im Bewußtsein aller dieser unterschiedlichen Stimmen aufzutreten.

Seltsamerweise erscheinen gerade die griechischen Götter oft wie Darsteller ihrer selbst. Wenn sie ihre Masken wie ein Visier hochgeklappt haben, dann wirken sie wie Schauspieler während der Drehpause in einem der vielen Stücke, in denen sie sich selbst verkörpern. — Die Götter der Antike sind wie die Stars unserer Tage, die Sterne von damals sind die Sternchen von heute.

Alle ihre Fähigkeiten, mit denen sie sich im Verlaufe der Zeit angereichert haben, lassen sich oft noch an den vielen Beinamen erkennen. Das sind Aspekte vereinnahmter Häuptlingstümer, es sind die internalisierten Geister der Clans, die längst aufgegangen sind im größeren Ganzen dieser Göttergestalten. — Götter verfügen über multiple Identitäten, daher fällt es ihnen so leicht, in fremder Gestalt aufzutreten, um sich doch selbst treu zu bleiben.

Die Götter beherrschen das Spiel mit den Masken. Besonders Zeus wechselt ein ums andere Mal für Liebesabenteuer äußerst spektakulär die eigene Gestalt: Er nähert sich seiner späteren Gattin Hera als durchnäßter, zitternder Kuckuck, als Stier der Europa, als Schwan der Leda, als goldener Regen der Danaë und um den Herakles zu zeugen, verwandelt er sich in Amphitryon, den Gatten der Alkmene. — Ganz offenbar besteht für ihn nicht der geringste Anlaß zur Sorge, daß die fremde Gestalt auch vollkommen fremde Erfahrungen beim Liebesspiel mit sich bringen könnte.

Götter wie Zeus beherrschen einfach dieses bedeutende Kunststück, sich auch in fremder Gestalt noch immer selbst treu zu bleiben. — Und das nunmehr im Zuge der Psychogenese anstehende multiple Selbst wird seinerseits über diese entscheidende göttliche Fähigkeit verfügen, sich anverwandeln zu können. Das ist eigentlich der höchsten Götter Kunst, die Gestalt wechseln zu können. Die Einwände dagegen, da sei keine Wahrhaftigkeit, sondern nur Inszenierung aber keine Authentizität, sondern Vorspiegelung im Spiele, können nicht verfangen, weil unterstellt wird, was gar nicht der Fall kann: Wir haben nicht die eine einzig wahre Natur, das innere, einzig verbindliche Selbst oder irgendeine ein für alle Mal fixierte Identität in uns, die ehrlichkeitshalber nur zum Ausdruck gebracht werden muß, während alles andere nur Lug und Trug sein würde.

Die Frage nach der Wahrhaftigkeit eines Gottes, der eine Metamorphose vollzogen hat, ist unangebracht, sowohl einem Schamanen wie auch einem Schauspieler gegenüber. Es ist irrelevant, ob der Clown hinter seiner Maske weint und daß im Schamanenkostüm oder in der Rolle noch immer derselbe Mensch steckt, es kommt darauf an, was sich darauf ereignet. — Auf die äußerlichen Fakten kommt es nicht an, entscheidend ist vielmehr das innere Erleben: Selbstverständlich ist der Darsteller, was er vorgibt zu sein, ebenso wie auch der Schamane den gerufenen Geist möglichst authentisch verkörpert.

Paul Klee: Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen
sich (1903). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Wir alle spielen Theater, was keineswegs bedeutet, daß es uns nicht mit der jeweiligen Rolle ernst wäre. Maskenspiel ist eine ausgezeichnete Metapher für das, was sich da eigentlich ereignet, es ist der Bruch mit der naiven Erwartung, daß wir immer dieselben sind und es auch bleiben. — Wer eine Maske aufsetzt, übernimmt eine Rolle, wird somit zu jemand anderem, wechselt also die Identität.

Im Zentrum dieser Erörterungen stehen die Handlungsursachen, die Motive und die Orientierung in Entscheidungssituationen. Dabei waren die Menschen der vorklassischen Zeit, so diese Theorie, offenbar noch gänzlich außengeleitet. Erst allmählich beginnt dann die Internalisierung, so daß wir inzwischen fast stets innengeleitete Handlungsmotive unterstellen dürfen.

Auf irgendeine Weise müssen also die vormaligen Geister, Götter und Autoritäten oder vielleicht auch Anti–Autoritäten, allmählich ins Innere, in die Innenwelt unserer Psyche gelangt sein. — Denn: Wir tragen die Götter in uns. Sie wurden internalisiert, und die Internalisierung der ehedem externen Stimmen gelingt ganz offenbar in einem Prozeß, der an Schizophrenie denken läßt.

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EPG II

Oberseminar: Ethisch–Philosophisches Grundlagenstudium II

WS 2020 | freitags | 14:00-15:30 Uhr | Raum: online 

Beginn: 6. Nov. 2020 | Ende: 19. Febr. 2021

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Universe333: YogaBeyond Honza & Claudine Bondi; Beach, Australia 2013. — Quelle: Public Domain via Wikimedia Commons.

Zwischen den Stühlen

Eine Rolle zu übernehmen bedeutet, sie nicht nur zu spielen, sondern zu sein. Wer den Lehrerberuf ergreift, steht gewissermaßen zwischen vielen Stühlen, einerseits werden höchste Erwartungen gehegt, andererseits gefällt sich die Gesellschaft in abfälligen Reden. — Das mag damit zusammenhängen, daß jede(r) von uns eine mehr oder minder glückliche, gelungene, vielleicht aber eben auch traumatisierende Schulerfahrung hinter sich gebracht hat.

Es sind viele potentielle Konfliktfelder, die aufkommen können im beruflichen Alltag von Lehrern. Daß es dabei Ermessenspielräume, Handlungsalternativen und vor allem auch Raum gibt, sich selbst und die eigenen Ideale mit ins Spiel zu bringen, soll in diesem Seminar nicht nur thematisiert, sondern erfahrbar gemacht werden.

Das Selbstverständnis und die Professionalität sind gerade bei Lehrern ganz entscheidend dafür, ob die vielen unterschiedlichen und mitunter paradoxen Anforderungen erfolgreich gemeistert werden: Es gilt, bei Schülern Interesse zu wecken, aber deren Leistungen auch zu bewerten. Dabei spielen immer wieder psychologische, soziale und pädagogische Aspekte mit hinein, etwa wenn man nur an Sexualität und Pubertät denkt. — Mitunter ist es besser, wenn möglich, lieber Projekt–Unterricht anzuregen, wenn kaum mehr was geht.

Es gibt klassische Konfliktlinien, etwa Eltern–Lehrer–Gespräche, in denen nicht selten die eigenen, oft nicht eben guten Schul–Erfahrungen der Eltern mit hineinspielen. Aber auch interkulturelle Konflikte können aufkommen. Das alles macht nebenher auch Kompetenzen in der Mediation erforderlich. — Einerseits wird individuelle Förderung, Engagement, ja sogar Empathie erwartet, andererseits muß und soll gerecht bewertet werden. Das alles spielt sich ab vor dem Hintergrund, daß dabei Lebenschancen zugeteilt werden.
Gerade in letzter Zeit sind gestiegene Anforderungen bei Inklusion und Integration hinzugekommen. Auch Straf– und Disziplinarmaßnahmen zählen zu den nicht eben einfachen Aufgaben, die allerdings wahrgenommen werden müssen. — Ein weiterer, immer wieder akuter und fordernder Bereich ist das Mobbing, das sich gut ›durchspielen‹ läßt anhand von Inszenierungen.

Es gibt nicht das einzig richtige professionelle Verhalten, sondern viele verschiedene Beweggründe, die sich erörtern lassen, was denn nun in einem konkreten Fall möglich, angemessen oder aber kontraproduktiv sein könnte. Pädagogik kann viel aber nicht alles. Bei manchen Problemen sind andere Disziplinen sehr viel erfahrener und auch zuständig. — Unangebrachtes Engagement kann selbst zum Problem werden.

Wichtig ist ein professionelles Selbstverständnis, wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen, und mitunter auch einfach mehr Langmut an den Tag zu legen. Zudem werden die Klassen immer heterogener, so daß der klassische Unterricht immer seltener wird. — Inklusion, Integration oder eben Multikulturalität gehören inzwischen zum Alltag, machen aber Schule, Unterricht und Lehrersein nicht eben einfacher.

Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit setzen zwar hohe Erwartungen in Schule und Lehrer, gefallen sich aber zugleich darin, den ganzen Berufstand immer wieder in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken. — Unvergessen bleibt die Bemerkung des ehemaligen Kanzlers Gehard Schröder, der ganz generell die Lehrer als faule Säcke bezeichnet hat.

„Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

Dieses Bashing hat allerdings Hintergründe, die eben darin liegen dürften, daß viel zu viele Schüler*innen ganz offenbar keine guten Schulerfahrungen gemacht haben, wenn sie später als Eltern ihrer Kinder wieder die Schule aufsuchen.

Ausbildung oder Bildung?

Seit 2001 ist das Ethisch–Philosophische Grundlagenstudium (EPG) obligatorischer Bestandteil des Lehramtsstudiums in Baden–Württemberg. Es besteht aus zwei Modulen, EPG I und EPG II. — Ziel des EPG ist es, zukünftige LehrerInnen für wissenschafts– und berufsethische Fragen zu sensibilisieren und sie dazu zu befähigen, solche Fragen selbständig behandeln zu können. Thematisiert werden diese Fragen im Modul EPG II.

Um in allen diesen Konfliktfeldern nicht nur zu bestehen, sondern tatsächlich angemessen, problembewußt und mehr oder minder geschickt zu agieren, braucht es zunächst einmal die Gewißheit, daß immer auch Ermessens– und Gestaltungsspielräume zur Verfügung stehen. Im Hintergrund stehen Ideale wie Bildung, Entfaltung der Persönlichkeit, die Erfahrung erfüllender Arbeit und Erziehungsziele, die einer humanistischen Pädagogik entsprechen, bei der es eigentlich darauf ankäme, die Schüler besser gegen eine Gesellschaft in Schutz zu nehmen, die immer fordernder auftritt. In diesem Sinne steht auch nicht einfach nur Ausbildung, sondern eben Bildung auf dem Programm.

Auf ein– und dasselbe Problem läßt sich unterschiedlich reagieren, je nach persönlicher Einschätzung lassen sich verschiedene Lösungsansätze vertreten. Es ist daher hilfreich, möglichst viele verschiedene Stellungnahmen, Maßnahmen und Verhaltensweisen systematisch durchzuspielen und zu erörtern. Dann läßt sich besser einschätzen, welche davon den pädagogischen Idealen noch am ehesten gerecht werden.

So entsteht allmählich das Bewußtsein, nicht einfach nur agieren und reagieren zu müssen, sondern bewußt gestalten zu können. Nichts ist hilfreicher als die nötige Zuversicht, in diesen doch sehr anspruchsvollen Beruf nicht nur mit Selbstvertrauen einzutreten, sondern auch zuversichtlich bleiben zu können. Dabei ist es ganz besonders wichtig, die Grenzen der eigenen Rolle nicht nur zu sehen, sondern auch zu wahren.

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Studienleistung

Eine regelmäßige und aktive Teilnahme am Diskurs ist wesentlich für das Seminargeschehen und daher obligatorisch. — Studienleistung: Gruppenarbeit, Präsentation und Hausarbeit.

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Die Corona-Krise als Katharsis – Fernsehinterview Juni 2020

Philosoph Heinz-Ulrich Nennen: Die Corona-Krise als Katharsis

04.06.2020 ∙ Lokalzeit Münsterland ∙ WDR Fernsehen

Philosophie-Professor Heinz-Ulrich Nennen lebt seit Jahren im Wohnmobil am Kanal in Münster. Seit der Corona-Krise hält er auch seine Vorlesungen und Seminare von dort. Aber nicht nur das: Er schreibt gerade an einem Corona-Buch mit dem Titel “Die Corona-Krise als Katharsis”.

 

 

 

 

 


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