Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Moral

Amok und Nihilismus

Über transzendentale Obdachlosigkeit

Ich habe Amok nie verstanden. Bei Charles Bukowski, durch den man ebenso hindurch muß, wie durch Niklas Luhmann, geschieht das so nebenher. Irgendwer hat mal so richtig schlechte Laune, legt sich dann irgendwo auf die Lauer, nimmt sich ein Gewehr, wird Heckenschütze und ballert irgendwelche Leute ab, die einfach nur das Unglück haben, gerade in diesem Augenblick vor Ort zu sein.

Nun, mir geht es ums Verstehen, nicht unbedingt um Verständnis. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Man legt sich dann irgendwelche Erklärungen zurecht, so etwas die bei Schulmassakern, daß da jemand mit narzisstischer Störung zutiefst verletzt worden sein muß, der darauf “Rache” ausübt. Das ist auch dürftig, weil es nicht die tieferen Gründe erklärt. Wir alle sind schon mal so richtig mies verletzt worden und waren ernstzunehmend sauer, haben aber in der Regel nicht einmal daran gedacht, auf diese Weise damit umzugehen, um die Sache wieder “aus der Welt zu schaffen”.

Edvard Munch: Melancholie (1894f.).

Einmal habe ich, um besser zu empfinden, in meiner Vorlesung einen Amoklauf aus der Perspektive desjenigen Schülers versucht zu beschreiben, der nun mit seiner Waffe durch den Flur läuft, während die ihm persönlich bekannten und doch vielleicht auch ehedem freundschaftlich verbunden Mitschüler vor ihm fliehen. Darauf bin ich auf die Idee gekommen, daß es eine Exit-Strategie geben muß. Es kam mir nämlich so vor, als würde mancher Täter sich womöglich den Flüchtenden anschließen, gewissermaßen auf der Flucht vor sich selbst und dem eigenen Horror.

Aber bei dem Anschlag in Heidelberg waren es Studenten, die zumeist persönlich einander gar nicht bekannt sein dürften. Hier entfällt also ein zentrales Argument, persönliche Rache aufgrund persönlicher Demütigungen sei der Grund und der Anlaß. – Also, wie kommt einer dazu, Leute zu “bestrafen”, die so rein gar nichts mit irgendetwas zu tun haben? Was ist dann deren “Schuld”?

Mir tut es leid für alle die, die da in diesem Hörsaal waren, für die Verletzten und noch mehr für die Toten, ihre Angehörigen, Freunde und Freundesfreunde. Sie alle haben mein Mitgefühl.

Dennoch will man immer etwas über die Motive hören, als ob es doch irgendwelche zureichende Gründe gäbe. Fast schon entlastend wirkt da, wenn diese Motive religiöser oder politischen Natur sind. Dadurch wird die Absurdität nicht geringer, aber irgendwie hat die Ratio dann etwas, an dem sie sich halten kann.

Eines ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich von dem Amokläufer an der Uni in Heidelberg hörte. Er soll per Whatsapp kurz zuvor mitgeteilt und angekündigt haben, nachdem er sich die Waffen zuvor im Ausland beschafft hatte, „daß Leute jetzt bestraft werden müssen“. Dieses “Motiv” hat weiter gearbeitet in mir. Irgendwie scheint das ein Schlüssel zu sein für ein tieferes Verstehen ohne Verständnis.

Dabei ist mir aufgefallen, daß diese Formel vom “Bestrafen” häufig verwendet wird, nicht nur von religiös motivierten Amoktätern, sondern auch von solchen, die eigentlich nicht religiös motiviert sein dürften, weil ihnen dazu jeder Backround fehlt. Dann bin ich heute beim Verfassen eines Textes auf den Zeitgeist der Moderne zu sprechen gekommen und darauf, daß mit der Entzauberung der Welt, mit dem Verlust eines Glaubens und einer transzendentalen Obdachlosigkeit diese grundverzweifelten Leute zunächst in Russland aufkommen, wie sie Dostojewski so eindringlich zur Darstellung bringt.

Das hilft nun den Opfern und allen Betroffenen nicht wirklich, weil ihnen das die gesuchte und nicht zu findende Erklärung nicht geben kann. Und dennoch, es hat mit dem “Bestrafen” eine eigene Bewandtnis. Strafe, Sühne und Buße sind nämlich als Motive zutiefst religiös in einem tiefenpsychologischen Sinne. Das bedeutet, man muß nicht unbedingt auf irgendeine Weise gläubig sein, diese Archetypen sind einfach vorhanden im kollektiven Unbewußten.

Edvard Munch: Der Schrei.

Also, in der Moderne, wo nicht einmal mehr die Idee vom großen Ganzen noch möglich scheint, dort zerspringt die Welt in tausend Stücke und alle diese Fragmente erscheinen nur noch profan. Darauf wird dann die unselige Profanität selbst zum Skandal und zum verzweifelten Anlaß für Selbstverletzung, sei es am eigenen Leib oder auch am ›Körper‹ der Gemeinschaft. — Der Grund scheint zu sein, daß die Seele der Akteure in der von ihnen verachteten Welt seit geraumer Weile keine Nahrung mehr findet, zumal der Blick für Seelennahrung entweder gar nicht entwickelt oder eingetrübt ist.

Auf diese Weise läßt sich nachvollziehen, warum es unter psychologisch prekären Umständen in den völlig entzauberten und profanisierten Fragmenten moderne Welten immer wieder zu diesen äußerst spektakulären und demonstrativen Terrorakten kommt, und woher die vielen religiösen Motive vor allem doch bei eigentlich religiös gar nicht motivierten Tätern rühren.

Es läßt sich spekulieren, ob das Unvorstellbare nicht doch vorstellbar wird, wenn wir ernst nehmen, was viele dieser Täter als Motiv bekunden, sie wollten ›strafen‹. Als würde da ein geistig vollkommen entwurzeltes Prophetentum exerziert. Tatsächlich läßt sich aber annehmen, daß die Verletzungen in der Tat eine Art ›Buße‹ sein sollen, nur, in einem Kontinuum, das selbst völlig verirrt ist.

Das hat Fjodor Michailowitsch Dostojewski in der ganzen seelischen Dramatik vor Augen geführt. Er war ein Seismograph der Konflikte, in die der Mensch mit dem Anbruch der Moderne geriet. In seinen Werken spiegelte er die irrlichternde menschliche Seele, ihre Sehnsüchte, Regungen und Träume, dann aber auch die Zwänge und Befreiungsversuche bis hin zum Verbrechen.

Seit die Welt nur noch in Fragmenten erscheint, die allesamt nur noch profaner Natur sein können, konzentriert man sich ersatzhalber auf Äußerlichkeiten, spricht allenfalls von ›Werten‹ und verliert jede Vorstellung von Geist und Vernunft in ihrem Bezug zum Schönen, Erhabenen und daher auch zum Göttlichen. — Folgerichtig führt Friedrich Nietzsche dieser Befund zu einer verheerenden Diagnose: Nihilismus.

Der junge Nietzsche selbst verwarf bereits in jungen Jahren diese Weltsicht der Haltlosigkeit und wandte sich der Philosophie von Arthur Schopenhauer zu, die nicht nur die Verzweiflung auf eine sehr konstruktive Weise deutet, sondern die auch eine Philosophie des Mitleids entwickelt und dabei bedeutende Gemeinsamkeiten mit fernöstlichem Denken entwickelt. – Es gäbe also schon philosophische Alternativen, die vor allem eigenes Handeln wieder möglich machen und nicht nur die aktive Weltverneinung und noch dazu die völlig unberechtigte “Bestrafung” zufällig anwesender Menschen, die dann zu Opfern werden. Kein Gott, kein Geist und nicht einmal ein Ungeist wird ein solches Opfer akzeptieren.

Das ist keine Erklärung, die Trost spenden kann, es ist allerdings eine beunruhigende Einsicht in die seelische Kälte unserer Welt, die manche einfach nicht ertragen, schon gar nicht dann, wenn sie sich Hilfe nicht einmal mehr vorstellen können sondern meinen, sie könnten durch solche Taten irgendetwas bewirken, was alten Wunden heilt. – Stattdessen werden neue aufgerissen.


Der Staat als Pate

Sind Sie mit einer freiwilligen Impfpflicht einverstanden?

Über ein Angebot, das niemand ablehnen soll

Gleich nach dem Studium hatte ich einen Lehrauftrag an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Dortmund: „Ethik für Polizei-Beamte“. Das ist Pflichtprogramm vor dem Hintergrund der Gleichschaltung in Nazideutschland.
Ich habe dort viel erfahren über das Innenleben der Polizei. Einerseits wachsam in der Kontrolle mit Argusaugen, andererseits der permanente Wunsch, Grenzen zu übertreten, wohl weil der ständige Druck zu groß ist. Also, man benahm sich provokant, wollte den starken Macho-Mann geben und keine Schwäche zeigen. Daß keine Papierflieger aufstiegen, war alles. Dort waren keine Frauen darunter, die Luft war also ziemlich würzig.
Damals spürte ich, wie es intern zugeht bei denen, die wenige Jahre zuvor in der RAF-Rasterfahndung mich immer rausgewunken haben, mit meinen langen Haaren, dem klapprigem R4 mit Achsschaden und Hippiebemalung, um mich zu kontrollieren mit Maschinengewehr im Rücken. Das ist eine seltsame Form der Prominenz.
Aber wie und wer sind die, die eine solche Performance auf Befehl liefern, wenn “der” Staat, also die, die sich für “den” Staat halten und das Sagen haben, meinen, “der” Staat müsse mal zeigen, wo der Frosch die Locken hat und der Bartel den Most holt.

Der Pate (Originaltitel: The Godfather) ist ein US-amerikanischer Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mario Puzo, der gemeinsam mit Coppola auch das Drehbuch verfasste. Der Film mit Marlon Brando und Al Pacino in den Hauptrollen war für elf Oscars nominiert, von denen er drei gewann. Der Pate zählt zu den künstlerisch bedeutendsten Werken der Filmgeschichte.

Intern herrscht eine ungeheuerliche Disziplinierungskultur. Sobald in den Seminaren einer „ausscherte“ und irgendein Verständnis für Minderheiten zum Ausdruck brachte, fiel die Gruppe augenblicklich über ihn her: Ach, so einer bist Du also?!
Empathie und alles “Weiche”, gewissermaßen Unmännliche war ein Ausdruck von Schwäche. Es ging zu wie im Schwabenland, wo viele in der schwäbischen Freikirche sozialisiert wurden und sich einen ähnlichen Schliff eingefangen haben. So wurden diese überaus wachsame Mitmenschen dressiert, eifrig in höherem Auftrag augenblicklich dabei zu stören, falls einer sich mal vergessen haben und irgendwie verträumt und selbstvergessen in Glücksmomenten schwelgen sollte. Wenn man von diesen Mitmenschen erwischt wird beim Menschsein, dann führen sie einen augenblicklich zurück auf den richtigen Weg des Unwohlseins im Sein.
Eine ältere Dame im münsterländischen Wallfahrtsort Telgte erklärte mir mal: “Der Herrgott hat uns ja auch nicht erschaffen, damit wir es uns hier unten gut gehen lassen!” – Das ist philosophisch gar nicht so leicht zu kontern, denn man müßte dann mit dem Terminus “Herrgott” einigermaßen versiert umgehen können. Heute würde ich es mir zutrauen, aber damals war ich höflich sprachlos.
Ähnliches muß ich den polizeilichen Anwärtern auf den höheren Dienst auch zugestehen, daß sie mich entwaffnet haben mit dem Bekenntnis: „Immer müssen wir dorthin, wo alle anderen weglaufen”. – Ja, das ist der Job, und für nicht wenige ist genau das sogar Berufung. Sie haben meinen Respekt, wirklich.
Tatsächlich sind Polizeibeamte bei ihrer Berufswahl ähnlich motiviert wie Lehrer. Es sind Ideale im Spiel, aber Polizisten bekommen es richtig dicke auf die Mütze, während es für Lehrer bei weitem nicht so belastend ist, weil man vieles persönlich gestalten kann. Aber genau das möchte man von der Polizei gerade nicht, daß sie persönlich was gestaltet.
Vor diesem Hintergrund ist es auch amüsant für mich, in eine Verkehrs-Kontrolle zu geraten, weil ich noch immer wie ein Lehrer empfinde. Und wenn dann ein Beamter mich fragt: „Sind Sie mit einem freiwilligen Atemtest zur Alkoholkontrolle einverstanden?“, dann bekommt er von mir einen sokratischen Dialog, das bin ich ihm und mir schuldig.
Was denn daran freiwillig sei, will ich wissen. Der Beamte wiederholt, ich hätte doch die Wahl!? Was denn wäre, würde ich mich nicht einverstanden erklären, frage ich zurück. Dann müßte ich mit auf die Wache, wo mir auch mit körperlicher Gewalt das Blut für einen Alkoholtest abgenommen würde. Was denn daran freiwillig sei, frage ich zurück. Er wiederholt nur, versteht nicht oder will nicht verstehen.
Ich sage ihm, das sei keine Freiwilligkeit. Ich würde ihm das jetzt mal vor Augen führen und zwar am Beispiel seiner danebenstehenden Kollegin. Wenn ich seine Kollegin als Frau fragen würde, ob sie mit einer freiwilligen körperlichen Nähe einverstanden wäre, weil ich ansonsten andere Mittel einsetzen würde, was das wohl wäre: Nötigung durch Androhung von Gewalt mindestens, wenn nicht mehr. – Er habe jetzt keine Zeit, sagt der Beamte und geht.
Lauterbach hat für die Nahelegung einer „freiwilligen Impflicht” eine ähnliche rhetorische Figur gewählt, die selbstverständlich von Sokrates in den höchsten Tönen als der Weisheit letzter Schluß gelobt würde. Das geht immer so, wenn er wieder mal schwer beeindruckt ist. Wehe dem, wer so einen Bock geschoßen hat, denn man wird dann vor aller Augen rhetorisch geteert und gefedert.
Es beginnt damit, auf eine viel zu laute, unmögliche, ja unerträgliche Weise über den grünen Klee gelobt zu werden. – Diese Gegenfigur wird als Hyperbel bezeichnet, das ist die Keimzelle vernichtender Ironie im Gewande des Lobgesangs, der nur eine Richtung kennt, nach oben, höher und höher des Lobes voll – und dann im Sturzflug runter, direkt auf den Boden der Tatsachen.
Auch in der Musik funktioniert das hervorragend. Jimi Hendrix präsentierte auf dem Festival in Woodstock von 1969 eine verzerrt dröhnende, mit martialischen Bomber- und Maschinengewehrsalven durchsetzte, alsbald weltbekannte Interpretation der US-Nationalhymne “The Star-Spangled Banner”. Er hob sie hoch und höher, um sie fallen zu lassen wie einen Bomber, der im Sturzflug zum Angriff übergeht. Verblüffend deutlich sind Fliegerangriffe und Geschoßeinschläge zu hören, Vietnam.
Die freiwillige Impfpflicht als der Weisheit letzte Schluß von Lauterbach würde Sokrates gewiß hoch über alles heben, um diese absurde These dann umso tiefer abstürzen zu lassen. Natürlich ist es lächerlich, weil Lauterbach gar nicht versteht, was der Unterschied zwischen Körper und Leib ist, ebensowenig wie der Polizist, der nun einmal im stählernen Gehäuse der Hörigkeit seiner Dienstpflichten lebt.
Dieser Zwang zum freiwilligen Selbstzwang hat nicht nur etwas von einer Vergewaltigung, es ist eine. Und der Täter ist der Staat. Und der Staat ist ein Schläger, einer, der hundertmal schon versichert hat, er wolle sich bessern und hätte schon manche Therapiesitzung absolviert, sich nicht wieder in der Gewalt zu vergreifen an der Gesellschaft. Aber dann ist er doch bei der nächsten Gelegenheit wieder rückfällig geworden.
Das alles läßt sich demonstrieren, ich habe darüber Bücher geschrieben. Aber es bereitet auch Freude, sich darüber lustig zu machen, über so etwas Ehrenwertes wie die ehrenwerte Gesellschaft, die der Staat letztendlich ist.
Das läßt nicht von ungefähr an einen zeitlosen US-amerikanischen Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola denken, mit Marlon Brando, überwältigend in der Rolle des Vito Corleone, als der Pate (Originaltitel: The Godfather). – Aber ja doch, Mafia. Das Problem ist, daß der Staat von Hause aus selbst nichts anderes als “Mafia” ist, höchst ehrenwert versteht sich, nur daß es eben nicht beides zugleich geben kann.
Wenn Staat, dann nur in Ketten wie ein Ungeheuer. Das bedeutet Gewaltenteilung, Balance of Power und ist so gemeint, daß die eine Gewalt der anderen bitteschön nicht einmal die Wurst auf dem Brot gönnen sollte. Da möchte man nun wirklich nicht von Bundesverfassungsrichtern hören, die zum Dinner ins Kanzleramt fahren, um sich dort, ja was eigentlich, wohl zu fühlen oder geehrt oder geachtet? Da lobe ich mir die Polizisten.
Unübertroffen der Spruch des Paten: Man mache ihnen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.
Das läßt mich wieder an meine freundlich gemeinte, hypothetische Avance der Polizistin gegenüber denken, mir gefällig zu sein.
Wie lautet der Spruch? – Du willst es doch auch!
Freiwillig? Aus eigenem Antrieb?
Weil sie selber es will?
Es gibt einen Unterschied zwischen “Körper haben und Leib sein”, sagt Helmuth Plessner.
Und ich sage, daß ich der Souverän bin in diesem intimen Raum zwischen meinem Leib und meiner Seele, alles andere ist Vergewaltigung.

Schweigen der Lämmer

Schafe sind nie schuld, oder?

Eine chinesische Verwünschung lautet: Mögest Du in interessanten Zeiten leben! – Was heißt „interessant“, wohl unruhig, unsicher, bedroht, voller Zweifel, verängstigt, vielleicht sogar panisch.

Seit Menschengedenken wird darauf mit Opferkulten reagiert. Man verlangt sich was ab und opfert das Teuerste den Göttern. – Nichts dagegen, ich halte viel davon, den richtigen Göttern die richtigen Opfer zum richtigen Zeitpunkt zu bieten, in der Erwartung, daß man durch eine solche Meditation auf göttliche Kompetenzen kommt, wenn man denn die richtige Wahl trifft. – Sorry, ich sehe das Impfen von Kindern in diesem Sinne, das alles wirkt auf mich, als wären es Kindsopfer.

Der Hintergrund dürfte der sein, daß viele Kinder es sich selbst wünschten und die eigenen Eltern bedrängt haben, einfach nur, um endlich wieder „normal“ zu sein mit dem Recht darauf, die eigene Kindheit leben zu dürfen. – Das hat mich von Anfang an befremdet von dieser Politik, diesem Staat und dieser Gesellschaft. Ungeheuer zornig gemacht hat mich die Dreistigkeit, über Kinder und Jugendliche herzufallen, ihnen die Unbeschwertheit zu nehmen, ihnen Begegnungen, Feiern, Selbsterfahrungen zu vereiteln. Gerade die Ausgangssperre war speziell gegen junge Leute gerichtet. – Und der Oberpriester, der diese Kindsopfer von Anfang an wider besseres Wissen gefordert hat, war der allseits geschätzte Virologe Drosten, der gewiß keine Ahnung hat von Pädagogik und Psychologie. Darf sich so einer bei so etwas irren? Nein! 

Ähnlich hat man aber auch die Erwachsenen mit fadenscheinigen Aussichten erpreßt, mit allen erdenklichen Versprechungen, die dann nicht gehalten. sondern gebrochen wurden. Ständig neue Ziele wurden gesetzt, so daß alsbald der Eindruck entstehen mußte, ein fauler Zauber sollte aufrechterhalten werden, aber nicht irgend etwas Rationales. Der Schein von Rationalität wurde erzeugt und zur Einschüchterung gegen Andersdenkenden eingesetzt. – Ach und es war so oft aus unberufenen Mündern von Rationalität und Wissenschaftlichkeit die Rede, man hat alledem einen Bärendienst erwiesen.

Was nun?

Jetzt ist eine Situation entstanden, in der Omikron zeigt, wie falsch die Hybris war, zu glauben, man könnte in der Liga mitspielen, in diesem Jahrmillionen währenden Kampf zwischen den Wirten und den Viren, in dem so etwas wie permanentes Wettrüsten vor sich geht, aber auch Konstruktives. Man denke doch nur an die Mitochondrien, die höheres Leben erst möglich machen. Es sind viele Schnipsel davon im Genetischen Code, alles potentielle Innovationen, die über Viren „hereingekommen“ sind.

Was können „wir“, nicht viel! Was wissen wir, so gut wie nichts! – Von Anfang an war klar, daß da die Evolution ihre Spiele spielt. Es wäre klug gewesen und nicht einfach nur „rational“, sondern vielleicht sogar vernünftig, das zu tun, was die Moskowiter getan haben, als Napoleon mit seinen Invasionstruppen kam. Man hat Moskau verlassen und den Feind „ausgehungert“.

Von den 400 Milliarden, die der Wahn gekostet hat, hätte man die Kliniken und Altersheime aufrüsten können in sichere Burgen mit Kontakt- und Berührungsmöglichkeit. Technik kann so gut wie alles, man muß nur das Zauberwort sagen: Koste es was es wolle! – Warum wurden die Kliniken nie wirklich optimiert? Warum hat man das Personal so allein gelassen. Warum hat man nicht gesagt, es gibt das Doppelte und Verhältnisse, in denen die Motivation nicht korrumpiert wird? Wer sich jetzt zur Ausbildung einschreibt, der bekommt erst einmal den roten Teppich und ja, die autoritären und jetzt auch noch kapitalistischen Verhältnisse im Gesundheitswesen sind einfach kontraproduktiv und haben nur dann etwas Menschliches, wenn sich Mitarbeiter bis zum Burnout übernehmen.

Aber der Staat hat sich wie üblich an der Gesellschaft vergriffen, weil er ein Schläger ist und nie vertrauenswürdig war. Nicht von ungefähr stellt ihn die Mythologie der Ägypter als Monstrum dar, der Pharao hat einen Löwenkörper und die schrecklichen Augen einer Sphinx. Als solche ist er eiskalt, unberechenbar und unbezwingbar. – Das ist auch noch unser Staatsverständnis, daher wurde die Gewaltenteilung erfunden.

Aber die Balance of Power hat versagt wie die Notstromaggregate in Fukushima, als dort die Welle kam. – Die Gewaltenteilung hat versagt. Die Obersten Richter haben sich nicht getraut, der Politik „rote Linien“ zu weisen. Man hat die Köpfe zusammengesteckt beim Dinner im Kanzleramt, ein Ding der Unmöglichkeit!

Die Menschheit ist je fortschrittlicher umso mehr auf den Zufall angewiesen, daß, ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommt, keine Duckmäuser und exzellente Unfähigkeiten an den entscheidenden Stellen sitzen. Da lobe ich mir die antike griechische Demokratie. Die Ämter wurden verlost, jeder mußte ran und zwar sofort. – Wer zum Richter ernannt wurde, mußte sofort und unverzüglich in den Prozeß, durfte nicht erst mit anderen sprechen, konnte also gar nicht manipuliert werden.

Was nach Omikron kommt? Das konnte man schon bei Delta sehen, es ist nicht im Interesse eines Virus, seinen Wirt umzubringen. Wenn er das tut, ist er jung und noch ziemlich dumm. – Warum wissen das unsere auch so wissenschaftlichen Fachwissenschaftler nicht und wenn, warum sagen sie es nicht? Man muß nur Darwin lesen. – Stattdessen wurde stets die Dramaqueen gegeben. Dabei merkte man förmlich bei den Statements, das sich fast alle schnell auf die Zunge bissen, wenn irgendwas gar nicht so schlecht aussah. Wie in der Werbung hat man die Mutanten verkauft, jetzt noch schneller, noch tödlicher, noch heimtückischer.

Die Angstmacherein der letzten viel zu langen Monate war nicht nur unverantwortlich, sie hat vor allem zur Demontage der Demokratie und zum Niedergang der politischen Kultur geführt. Die Leute reden ja gar nicht mehr miteinander, man prüft den Anderen erst, ob da bestimmte Trigger sind und dann wird gecancelt. Gespräche finden nur noch unter Gleichgeschalteten statt. Oder man schweigt. Tatsächlich, die Mehrheit schweigt, seit Monaten. Und es ist in der Tat harte Arbeit, in dieses Schweigen hineinzurufen.

Das ist aber nun mal mein Job. Mir ist es gleich, was man mir nachsagt. Und die vielen gutgemeinten Aufforderungen, mal nicht ganz so laut zu sein beim Reinrufen, sind falsch. – Es ist meiner Reputation als Philosophen nicht abträglich, ich bin es ihr vielmehr schuldig, genau das zu tun, was ich immer schon getan habe, widersprechen, auch dann, wenn fast alle auf Tauchstation gehen. So habe ich mich schon vorzeiten mit meiner ganzen Kollegenschaft angelegt, als ich über den Diskurs der Sloterdijk-Debatte ca. 700 Seiten geschrieben habe mit minutiösen Analysen darüber, daß es auch unter Philosophen angepaßtes Denken und eben auch Nichtdenken gibt. Das Buch hat ein Namensverzeichnis, man kann sich also sofort nachschlagen. – Gern denke ich noch heute an die wenigen, die einfach exzellente Noten verdient hatten, eben weil sie das richtige Gespür mit Vernunft zusammenbringen konnten.

Umkehr
Es ist ungeheuer viel geopfert worden und es hat so gut wie nichts davon geholfen. Ja, ja, es hätte, sollte, würde, müßte alles noch viel schlimmer gekommen sein, wenn nicht? Nein!Corona ist stark, weil die Gesellschaft so schwach ist, weil der Staat ihr nicht beisteht, sondern sich darin gefällt, die Gesellschaft zappeln zu lassen und den großen Zampano zu geben. – Aber jetzt ist es eine interessante Zwischenphase wie bei einer Minutenpause in der Musik. Danach kommt was. Alles weiß, daß es jetzt kippen muß. Alle erdenklichen Vorzeichen sind bereits zu erkennen und werden eindeutiger. – Und als sie ihr Scheitern bemerkten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen. Ja, aber auch das geht nicht ewig so weiter.
Jetzt fehlt eigentlich ein Skandal oder einer, der das Zeug hat, hinreichend aufgebauscht zu werden. Wie wäre es mit falschen Zahlen, wie Söder sie sich geleistet hat? Aber es müßte schon noch ein wenig mehr sein. Alles wartet doch jetzt auf die Lösung des Rätsels der Erfolglosigkeit aller Anstrengungen. Es scheint ja inzwischen schon fast so, als wären die Ungeimpften sicherer, ja doch wohl auch deswegen, weil sie sich nicht auf einen „Schutz“ verlassen können und weil sie ja nun aus erzieherischen Gründen leider überall draußen bleiben müssen. – Ich lasse mich nicht erziehen, ich bin selbst Erziehungswissenschaftler für Erwachsenenbildung und hatte das als Nebenfach in Münster.

Während die Impfpflicht eher nur noch von den unteren Chargen verfolgt wird und sich alle erdenklichen Zuträger, Beiträger, Mitläufer, Berufsbetroffene, Gläubige, Scharf- und Angstmacher so langsam unsicher umdrehen, wer noch alles bei ihnen steht, lichten sich die Reihen. Es wendet sich das Wetter, das gesellschaftliche Klima kippt. Nur wer möchte sich denn jetzt mal einfach so eingestehen, daß der Club der Kaiser schon seit Monaten nackt ist?

Derweil will noch niemand wirklich genauer hinsehen, weil man schon viel zu viel und viel zu lange aufs falsche Pferd gesetzt hat. – Das sagen auch die Mörder in den allabendlichen Mordorgien der Krimis im Fernsehen immerzu, man habe jetzt schon so viel auf dem Gewissen, da käme es auf etwas mehr auch nicht mehr an. Wenn dieser Spruch fällt, ist jemand wirklich von allen guten Geistern verlassen.

Was die Rationalitäten nicht auf den Schirm bekommen

In der theologischen Sprache gibt es manche Begriffe, die in Vergessenheit geraten sind, weil wir ja unsere wissenschaftlich-wissenschaftlichen Rationalitäten haben. Ich frage dann immer gern nach den Bedeutungen, um ganz schnell eine plötzlich aufkommende Bescheidenheit zu provozieren, zur Not auch zu erzwingen. Ein Mangel an Demut ist das Problem. Auch der Begriff der „Sünde“ ist von Interesse. Was mag es bedeuten, wenn gesagt wird, man habe sich an etwas versündigt? – Was die Kinder, die jungen Leute, die Alten, Dementen und Sterbenden betrifft, sehe ich das so. Da ist eine riesige Schuld entstanden und wer trägt sie wieder ab?
Sobald das spürbar wird, daß man sich aufgrund von Sturheit, Selbstherrlichkeit und Maßlosigkeit schon seit geraumer Zeit auf einem Holzweg befunden hat, kommt es zu einem Impuls, für den es in der Theologie einen weiteren Begriff gibt. Dieser Begriff heißt „Umkehr“. Heidegger hat es mal mit „Kehre“ versucht, aber das ist und bleibt düster. Auch „Wende“ ist so eine Phrase, aber auch das bleibt eine nur äußerliche Sache, als würde man sich mal einfach so umdrehen. – Worte, die den Tiefen unserer Psyche gerecht werden sollen, müssen selbst Tiefgang haben, sonst brauchen sie gar nicht erst anzutreten.
Nein, „Umkehr“, wenn man denn dem Begriff seine theologische Bedeutung auch zugesteht, das bedeutet „Eingeständnis der Schuld“, „Zugeben, sich versündigt zu haben“ und schließlich „Buße“. Dann erst kann es weitergehen. Dann kann die Katharsis, also die „Reinigung“, die „Entsühnung“, die „Vergebung“ und die „Freisprechung von der Schuld“ überhaupt vonstatten gehen. – Und da sind wir jetzt, noch kurz vor der Einsicht in die Schuld.

Théodore Géricault: Das Floß der Medusa (1819). Nun, die Katastrophe um das Floß der Medusa entstand, weil ein unfähiger aber hochwohlgeborener Kapitän auch noch resistent war gegen guten Rat. – Die Unglücklichen wurden ausgesetzt und sehen am Horizont das rettende Schiff, aber von links kommt eine haushohe Welle.

Man wird sich nicht mehr lange stellvertretend an den Ungeimpften vergreifen können, um in ihnen die „Sündenböcke“ zu sehen, die einfach für alles verantwortlich sind.
Bar jeder Vernunft sind sie nun monatelang als die wahrhaft „Bösen“ verkauft worden, nur, weil sie den angeblich ganz kleinen Piks mit dem ganz tiefen Vertrauen in einen Wissenschaftsglauben, der selbst wissenschaftsfeindlich ist, nicht mitmachen mochten, aus vielerlei Gründen. – Ja, selig sollen die sein, die nicht (selbst ein-)sehen und doch glauben. Das hätten die „Hirten“ gerne.
Aber wenn jetzt die Ungeimpften als Ketzer, Ungläubige, Teufelsmenschen, UnholdInnen und Staatsfeinde nicht mehr zur Verfügung stehen, was dann? Die diskursive Formation muß dann dieser Tage kollabieren. Wer soll das denn jetzt alles gewesen sein? Also werden Ablenkungen vorgenommen. Herr Wieler vom RKI könnte abgesetzt werden, da hätte man schon mal ein Baueropfer, irgendwie. Boris Johnson, der offenbar jeden Freitag in der Downing Street nicht unberauschende Feste gegeben hat, wird jetzt abgesägt. Und Söder hat schon vor Wochen Kreide gefressen, denn seine Fähigkeit, sich äußerlich zu wandeln, haben etwas von einem Chameleon. – Politik macht es erforderlich immer mal die Farben zu wechseln, aber nur äußerlich, also „glaubwürdig“.
Eines muß man dem Söder Markus neidvoll zugestehen. Ich hätte es ihm von Herzen gewünscht, daß er für seine narzißtischen Big-Man-Allüren abgestraft würde, daß man ihm als Scharfmacher vorhalten würde, was er alles mit angerichtet hat in der Corona-Krise, was so ungeheuer schief gelaufen ist. Ach ja und Frau Merkel, die nie vom Ende hergedacht hat, wenn überhaupt. Herr Spahn kann sich glücklich schätzen, daß er „weg“ ist. – Manches Mal habe ich gedacht, was ist das nur für ein Job, permanent Erklärungen, Beteuerungen und Versprechen abzugeben, wie etwa zum hundertsten Mal, daß es keine Impflicht gäbe. Und dann läßt sich das alles nicht halten, weil man vor anderem Hintergrund wieder die Farbe wechseln muß.
Ja, die Rente ist sicher, ebenso sicher wie das Grundgesetz. Auch die Daten in der Luca-App sind sicher vor staatlichem Zugriff. – Viel von dem Vertrauen, das Staat, Politik und Medien noch hatten, ist weg.

Nichts ist heilig

Wie hieß es noch in einer dieser unverschämten Werkekampagnen zum geistig-moralischen Downgrade: „Ich bin doch nicht blöd!“ Aber ja doch, geraden mit dieser Einstellung, was könnte blöder sein als dieser Spruch. – Da war dann die Polizei in Mainz auch echt nicht blöd und auch die vom Gesundheitsamt. Man hat auf dem Wege der „Amtshilfe“ eine Infektion einfach mal so gefaked, weil man es kann und dann sind die lieben Kollegen an die Daten herangekommen. – Geht doch!
Nicht mal Ehrlichkeit, Lauterkeit, Prinzipientreue, Verläßlichkeit geht. Man hätte sich viel, sehr viel zusätzliches Vertrauen verdienen können. Aber nun? – Jetzt kommt das Scherbengericht. Und der Söder Markus hat schon vor Wochen das Södern ganz sein lassen. Da ist dann FDP-Kubicki, der viel zu still war, als er hätte laut werden müssen, auch erst dann über ihn hergefallen, als sich die Änderung im politischen Klima längst abzuzeichnen begann.
Ja, hinterher sind immer alle überaus klug. Aber wer erhebt denn von Anfang an Protest? Wer hat denn den Mut, aus der Reihe zu tanzen? Manche haben es ja am Anfang getan, sie wurden aber auf der Stelle exkommuniziert. Es sollte nur einen Gott und nur einen Hohepriester geben und der verlangte den Lockdown, um den Chinesen mal zu zeigen, daß wir so etwas auch können. Eine Gesellschaft, die so dumm ist, hat in der Tat auch keine bessere Politik verdient. – Und was mich am allermeisten stört, auch in der anstehenden Buße wird gelogen und betrogen werden. Allerdings wird es dann auch keine „Vergebung“ geben.
Um das zu verstehen, muß niemand gläubig sein, es geht auch mit Tiefenpsychologie. Wer so viel falsch gemacht hat, wie Politik, Staat und Gesellschaft die letzten Monate, hat viele Leichen im Keller. Täter werden es am Anfang glatt ablehnen, die Verantwortung oder gar Schuld anzuerkennen. Leugnung, dann Verdrängung und schließlich Relativierung sind typische Stationen im Prozeß einer jeden Läuterung.
Das Problem von Tätern ist nur, daß sie ständig auf der Hut sein und permanent darauf achten müssen, daß niemand was merkt. Aber spätestens seit der Systemischen Therapie kann man auch ohne humanistische Bildung wissen, daß es gar keine Geheimnisse geben kann, weil wir alle erdenklichen psychoaktiven Antennen besitzen. Wir haben den Neokortex entwickelt, weil das Sozialverhalten ansonsten viel zu viel Kopfschmerzen bereitet. Ja, es gibt Dinge, die sich unsere Rationalitäten nicht einmal träumen können.
Ich frage mich aber, wie das gehen soll, dieses Scherbengericht? Wie sollen wir denn einander allesmögliche verzeihen? Die neugeschaffenen Traumata, die Verletzungen der Würde, die Mißhandlungen der Freiheit, dieser unübersehbare Vertrauensverlust, das alles läßt sich doch gar nicht wieder heilen. Natürlich werden die Montagsdemonstrationen größer, man wird immer weniger herzhaft darüber herziehen können. Derweil versucht man es noch immer mit Dämonisierung und Exkommunikation. Wenn jetzt noch mehr Gutbürgerliche „da“ einfach hingehen? Was soll man denn tun, wenn man was tun möchte gegen den Verfall der Kultur?
Hauptsache, es kommt jetzt nicht auch noch zur Inszenierung von Gewalt.
Ich denke, der Mainstream sollte jetzt auch mal Farbe bekennen und dazu stehen, daß man sich hat Angst machen und einschüchtern lassen, daß man sich benommen hat, wie ein artiges Kind, daß man sich die Würde nicht nur hat nehmen lassen, sondern daß man sie freiwillig abgeliefert hat. So viel Hausarrest, wofür eigentlich?
Aber wie gewinnen wir die verlorene Nähe wieder? Geraten wir nicht alle inzwischen in Atemnot, wenn uns jemand „zu nahe“ kommt?
Oh wie ist das alles krank, psychisch krank!
Wieder einmal hat sich die Gesellschaft von falschen Hirten auf Irrwege führen und mißhandeln lassen. Wer trägt die Verantwortung?
Schafe sind nie schuld, oder?

Ironie in Zeiten Coronas

Wie es ist, Hypochonder zu sein

Ein vielbeachteter Aufsatz von Thomas Nagel geht der Frage nach, wie es wohl sein würde, eine Fledermaus zu sein.

Schnell stößt der Autor auf Grenzen, nämlich jene, die Ludwig Wittgenstein konstatiert hat: „Die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner Welt“.

Ich war nie sonderlich angetan vom Hype um diesen Aufsatz von Nagel, denn ich kannte längst die berührenden Expeditionen in die Wahrnehmungswelten der Tiere von Jacob von Uexküll, etwa über die Stubenfliege oder, ganz besonders „einfühlsam“ über die Zecke. Da hat man nämlich den Eindruck, zum besagten Tier zu werden, weil die Sinne reduziert werden auf das, was noch bleibt: Bei der Zecke ist es ein Geruchssinn für Buttersäure, um Säugetiere wahrzunehmen und dann noch ein Wärmesinn, um dorthin zu krabbeln, wo warmes frisches Blut fließt.

Auch Nagel kommt auf jene Problematik, die hinter alledem steht, was der Anthropologie Helmuth Plessner einmal auf die Formel gebracht hat vom „Unterschied zwischen Körper-Haben und Leib-Sein“. Da gibt es in der Tat einige Differenzen, da geht einiges nicht auf und das liegt nicht an der Philosophie, sondern es ist selbst phänomenal, daß und was da nicht aufgeht. – So wird dieser Tage viel Wert gelegt auf  „Achtsamkeit“, auch als eine Form der Selbstaufmerksamkeit. Aber auch da zeigt sich dieses Problem, daß wir genau dort, wo es ums Verstehen dieser Differenzen geht, einfach nicht nahe genug herankommen.

Wieviel Selbstaufmerksamkeit ist genug, was wäre zu wenig und was zu viel? Das läßt sich gar nicht beantworten, weil man dann erst irgendwo Maß nehmen müßte.  Maßnehmen woran?

Aber man kann in solchen Fällen auch mit Extremen arbeiten, die selbst etwas Besonderes haben im Verhältnis zwischen Psyche und Körper, Leib und Seele. So wie es Unaufmerksamkeit gibt, so läßt sich auch eine gesteigerte Aufmerksamkeit beobachten, die dann irgendwann etwas viel wird.

Viele sind dann schnell mit der Etikettierung bei der Hand, etwas sei „krankhaft“. Das ist so schrecklich bei Aristoteles in der von vielen so geschätzten „Nikomachischen Ethik“. Als wäre das Mittlere immer die richtige Wahl, niemals zu viel oder zu wenig, immer in Maßen. Als ob es das wäre.

Aristoteles konnte den Epigrammatiker Friedrich Freiherr von Logau (1605-1655) noch nicht kennen, dessen Spruch die unterbelichtete Ethik spielend ad absurdum führen kann, wie es Diogenes nicht besser hätte tun können: „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.“ – Und  jene selbstberufenen Menschen, die mit Urteilen aus der Hüfte schießen, um garantiert nicht zu treffen, sind auch nicht hilfreich, wenn es heißt, Hypochondrie sei „krankhaft“. Zugegeben, es ist eine etwas angespannte, ziemlich permanente Aufmerksamkeit, die Friedrich Nietzsche dazu gezwungen hat, tagtäglich den eigenen Gesundheits- und Krankenstand in ein eigenes Tagebuch des Wohl- und eher Unwohlseins zu schreiben.


Bild: Albrecht Dürer: Selbstportrait (1528). Skizze in der er auf vergrößerte Milz zeigt.

Wie ist es, Hypochonder zu sein? Das ist die Frage, die nun von besonderem Interesse ist, wegen der Impfung, der Personalie und der unbeholfenen Skandalisierung um Harald Schmidt. Ich hatte schon vor geraumer Zeit darüber spekuliert, ob er ist oder nicht ist, also „geimpft“. Und es hat mir ein sardonisches Vergnügen bereitet, darüber zu spekulieren, daß nun ja wirklich zwei Herzen in seiner Brust schlagen müßten. Einerseits ist das die Angst vor Krankheit, andererseits ist da die Angst vor der Impfung. – Ja, an alle Wenigdenker, das geht auch! Die Philosophie hat sogar einen Namen dafür, es ist eine Aporie, eine „Weglosigkeit“, die eben „tertium non datur“, ohne ein Drittes, also ohne Ausweg ist.  

Ich bin damals zu dem Schluß gekommen, er hat nicht und er ist nicht. Richtig! Er ist noch immer nicht.

Das kam auf eine köstlich verklausulierte Weise über den Kontext heraus. Lustig ist, daß die Impf-Sitten-Wächter das noch immer nicht bemerkt haben. Und natürlich äußert sich sein Management zu dieser Petitesse nicht. Er sei gerade im Urlaub. Sie würden dem begnadeten Entertainer damit ja seine Pointe und seine Extra-Lektion in Rhetorik vermiesen, die er einer entsetzten Öffentlichkeit verabreicht hat.

Noch lustiger ist, daß sich niemand traut, über Harald Schmidt herzufallen wie über Sportler oder Schauspieler auf eine mitunter einfach nur unverschämte Art und Weise. Man hätte es allerdings mit einem rhetorisch gnadenlos Begnadeten zu tun. – Hat sich Lauterbach eigentlich schon zum Impfstatus von Schmidt geäußert?

Das Argument von der „Vorbildfunktion von Prominenten“ lese ich gerade, oh. Es mag Prominente geben, deren Beruf es ist, prominent zu sein, aber bei Harald Schmidt wäre zu klären, wie es wohl sein mag, Hypochonder zu sein. – Das mag selbst schon wieder heikel erscheinen, das derart an die große Glocke zu hängen, hätte er sich nicht selbst in einer köstlichen Stehgreif-Parodie darüber lustig gemacht, wie es ist, Hypochonder zu sein.

Aber gewiß ist der Impfstatus privat. Das geht niemanden etwas an und genauso hält er es auch. Dabei sind überall Ironiesignale aber nur wenige checken es. Was seinen Impfstatus, die Frage aller Fragen betrifft, so müsse er vorsichtig sein, sonst gäbe es etwas auf den Aluhut und dann kommt die verschmitzt zurechtgelegte Formel im Wortlaut des Scholzomaten, er sei auf dem besten Wege zu 2G. – Köstlich!

Aber fast alles irrlichtert in der gar nicht mehr so freiheitlichen Republik. Manche möchten sich gern darüber sehr erregen, daß er dann auch noch Witze über Corona macht.

Nur wenige sind nicht hereingefallen und haben sich nicht vorführen lassen im Nichtdenken. In der Welt vom 7. Januar konstatiert Mladen Gladić den geistigen Niveauverfall unter dem Titel: „Harald Schmidt und sein Impfstatus“. Köstlich, weil sich da einer einschwingt in den Sound. –  Philosophieren ist eben wie Jazz, man sollte den Einsatz nicht verpassen und improvisieren können. Und zu Recht wird moniert, daß unsere Gegenwart kaum noch fähig ist, sich auf diesen Sound einzulassen:

„Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen“, sagt Harald Schmidt in einem Interview. Und alles rätselt: Ist Schmidt ungeimpft, gar Impfgegner? Warum unsere Gegenwart kaum noch fähig ist, sich auf den Schmidt-Sound einzulassen. Und was die Sätze des Ex-Talkers signalisieren.

Im jüngsten Interview mit Harald Schmidt in der „Neuen Zürcher Zeitung“ bemerkt sein Gesprächspartner gleich am Anfang: „Wir dürfen uns nicht im Hotel treffen, weil Sie weder geimpft noch genesen sind.“ Schmidts Antwort: „Daß ich nicht geimpft sei, das behaupten Sie einfach so, und ich lasse das mal so stehen. Mittlerweile habe ich mir eine Olaf-Scholz-Formulierung überlegt: ‚Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen.’ Das läßt alles offen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, sonst gibt’s schnell was auf den Aluhut.“ Eine Antwort, die uns merklich überfordert und prompt der Skandalisierung anheimgefallen ist.

Alles hat auch eine andere Seite, die meist nicht gesehen werden soll, das gilt für das Rauchen, ebenso wie für Hypochondrie. Die erhöhte Aufmerksamkeit auf Differenzen zwischen Leib und Seele, Psyche und Körper sorgt auch für ein hohes Niveau einer Achtsamkeit, die ein Entertainer wie Schmidt stets mit einer gewissen Leichtigkeit bewiesen hat. Schön waren immer die Passagen, in denen er hat durchblicken lassen, wie er es macht. Zum Beispiel die Lacher, von denen es welche gäbe, die Grenzwertigkeit signalisieren. – Ich schließe daraus, daß die erhöhte Aufmerksamkeit sich sonstwohin ausgedehnt hat, Befindlichkeiten wahrnehmen zu können, die auch dem Intellekt bei alledem Freude bereiten, eine, die ganz gern auch mal die vorführen, die andere immerzu vorführen, in dem Glauben, sie hätten die Moral für sich gepachtet. Denken bräuchte es nicht, wenn man ohnehin schon im Recht ist.  

Übrigens, schon mal vom “Morbus Google” gehört, auch die Hypochondrie geht mit der Zeit als Cyberchondrie. – Meine persönliche Erfahrung ist, daß sich vieles aufs erste Mal googeln läßt aber nicht das, was Ärzten regelmäßig auf Partys widerfährt, wenn sie sich als ebensolche outen. Sogleich robben sich manche heraus, nutzen die Gelegenheit, machen sich schon mal ein wenig frei und weisen dann auf sich selbst, sie hätten da so ein Ziehen, manchmal auch ein Stechen.

Ich wollte mal Heilpraktiker werden, war schon im Standardkurs an der Uni in Münster: “Physiologie für Psychologen”. Bis ich dann gemerkt habe, daß ich mit manchen Kranken nicht klarkomme. Jetzt bin ich es nur so nebenher und das erleichtert sehr.


Demut schützt vor Hybris

Hochmut kommt vor dem Fall

Es ist mehr als nur eine Geste der Bescheidenheit, es ist auch eine Verneigung, wenn man konstatiert, bei aller Größe sei man selbst nun auch nicht voraussetzungslos. – Wie irre muß man eigentlich sein, das als Demütigung zu empfinden. Tatsächlich geht es um die Würde der Gesellschaft.

Ähnlich irre meinen ja auch Vertreter der Wirtschaft, daß sie der Gesellschaft von Nutzen sei, einfach weil sie Geschäfte macht, um dabei die Infrastruktur, die Bildung, das Rechtsystem und die Infrastruktur einfach kostenlos zu nutzen. Wieso soll man sich denn an den Voraussetzungen beteiligen?

Das ist auch die wirklich gemeingefährliche Vision der Superreichen, die offenbar dabei sind, genau diese Dystopie wirklich werden zu lassen. – Die Gated community, die geschlossenen und bewachten Wohnanlagen, in denen Privatrecht herrscht, sind bereits das erste Zeichen dieser unheilvollen Entwicklung. Dort gibt es ja schon Privatpolizei, wie wäre es denn mit einem eigenen Rechtssystem?

Es ist ein Gebot von Demut und Bescheidenheit, generell anzuerkennen, daß das, was man ist, kann und geleistet hat, ob Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage, im Zweifelsfall den Göttern oder sonstigen höheren Mächten zu verdanken ist. Wo das nicht geschieht, dort wird es immer gefährlicher, denn dann kommt Hybris auf. Das ist nicht nur Hochmut, sondern Dummheit, weil man sich und die eigenen Kompetenzen dabei ganz erheblich überschätzt. Natürlich muß es dann zu Katastrophen kommen.

Man sieht das in der Corona-Krise, wo die Politik an ihrem eigenen Machbarkeitswahn schier ausrastet wie der französische Präsident dieser Tage, der Andersdenkende einfach nur noch „anpinkeln“ und „ankacken“ will. – So etwas kommt vor dem tiefen Fall, denn natürlich wollen und können Hochmögende gar nicht zugeben, daß sie selbst alles verk*t haben.  

Die Demutsformel von den „Voraussetzungen, die man selbst nicht geschaffen hat“, muß wirklich von Herzen kommen. Denn dann versteht man sich als das, was man ist, ein ziemlich kleines Teil eines reichlich großen Ganzen, das man nicht nur nicht in der Hand hat, sondern zumeist nicht einmal versteht. Ich empfehle zunächst eine Roßkur mit Luhmann-Lektüre gerade für Weltverbesserer, wie ich selbst einer bin. Und darüber hinaus muß auf jeden Fall sehr viel mehr Philosophie in die öffentlichen Debatten, denn es ist einfach ganz schrecklich, was da so tagein tagaus an Böcken geschossen wird. Als würde neuerdings mangelndes Denken belohnt.

Es besteht die Gefahr, daß man mit dem besten Willen und noch besseren Absichten ganz schlimmes Unheil anrichten kann. – Daher hat man die Gewaltenteilung erfunden und den Monotheismus auf der Ebene von Staatstheorie und Rechtsphilosophie schon seit langem überwunden. Nur, daß die Leute es nicht verstehen, weil sie größtenteils noch in Märchenwelten leben. Immerzu wird gequatscht, wie im Kindergarten, es sollten für alle dieselben Regeln herrschen, das müsse doch alles zentralistisch, aus einem Guß, ohne Ausnahmen, selbstverständlich mit hartem, härtestem, ach, drakonischen Maßnahmen. Seufz. – Nein!

Das Gegenteil ist richtig. Auch Schwarmintelligenz braucht erst einmal Zeit, sich zu entwickeln und eine gute Pädagogik, die Gelegenheiten schafft, daß sie sich auch entfalten kann.

Was tut man, das Gegenteil. Jetzt soll auch noch telegram verboten werden, so wie es den totalitären Staaten nun auch nicht gefällt, daß die Leute einfach so, also unkontrolliert miteinander reden. Sorry, geht es noch?

Das Gegenzeit ist richtig! Es soll eine argwöhnische und eifersüchtige Feindschaft zwischen den staatlichen Gewalten herrschen! Es soll, darf und kann nicht alles in einer Hand liegen. – Diese Lektion sollten alle aus der Geschichte längst bezogen haben.

Wieso kommt das Gesundheitsamt in Mainz dieser Tage einer Bitte der Polizei nach und simuliert einen Infektionsfall, um an Daten der Luca-App zu kommen, um eine Straftat aufzuklären? Ich habe meine Teilnahme nunmehr deinstalliert. – Wer „pragmatisch“ wird, ist nur ein Mensch ohne Prinzipien und sollte gar nicht in Staatsdienste übernommen werden. Wo zum Pragmatismus aufgefordert wird, wollen Leute pfuschen und nur das. Warum, weil sie die Demutsformel nicht beherrschen.

Das Leben ist komplizierter und auch das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und Identität ist es. Es ist einfach grober Unfug, wenn so getan wird, Gesellschaft und Staat, das alles sei dasselbe. Nein, ist es überhaupt nicht! – Im Prozeß der Zivilisation haben Könige kleine Häuptlingstümer unterworfen und in Gesellschaften gezwungen. So sind die ersten Staaten entstanden.

Staaten sind in diesem Sinne noch immer die Unterdrücker ganzer Gesellschaften und die Unterjocher von Gemeinschaften, die dann als Minderheiten tituliert und darüber hinaus verunglimpft und entmenschlicht werden. Das sieht man allenthalben aber nun auch immer unverblümter im angeblich freien Westen. Im Westen galt bisher noch ein gewisser Stil.

Der Staat lebt nicht für, sondern von der Gesellschaft, ebenso wie die Wirtschaft. Sie ist die Kuh, die alle besitzen, melken und am liebsten schlachten würden.  

Im wohlverstandenen eigenen Interesse ist jedoch wärmstens zu empfehlen, sich die Demutsformel zu Herzen zu nehmen. Denn ein Parasit ohne Wirt sieht alt aus. Es wäre viel klüger, wenn der Parasit zum Symbionten wird. Genau das steckt ja auch hinter der Gewaltenteilung. Und dieses Theater wird auch schon häufig inszeniert. Es kommt aber noch immer nicht von Herzen.

Die uralte Brutalität, die übrigens erst mit der Zivilisation in die Welt gekommen ist, schlägt noch immer durch. – Daher nun mal kein historischer Vergleich, sondern eine Allegorie.

Der Staat ist ein Schläger, immer schon, ein brutaler Ausbeuter und nicht eben ein Freund der Gesellschaft, sondern ihr Unterdrücker, eigentlich  ihr Zuhälter. Natürlich ist diesem am Wohlergehen seiner „Liebste“ gelegen. – Aber wie macht man daraus allmählich ein ausgewogenes Verhältnis?

Wie oft ist es allein in den letzten 200 Jahren dazu gekommen, daß der Staat die Gesellschaft mißbraucht, geschändet, verkauft, geschädigt, ausgebeutet, erniedrigt und auf den falschen Weg geführt hat? Heraus aus dem Glück und der Hochkultur in der Aufbruchstimmung um 1900, hinein in den Krieg. Warum? Weil eine „Elite“ keine Demokratisierung wollte. – Moderne ja, aber nur nach militaristischer Manier, später dann als Faschismus. Man will die Vorzüge, aber nicht die Nachtteile, nämlich „mehr Demokratie“ wagen.

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ (Perikles, um 500 – 429 v. Chr., athenischer Politiker und Feldherr, Quelle: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges.)

Genau das spielte sich damals ab im alten Athen, als die Griechen sich gegen die übermächtigen Perser wehren mußten. Sogar das Orakel von Delphi lag falsch. Natürlich war es unwahrscheinlich, daß die Griechen das durchstünden. Aber es gab da einen Mann namens Perikles, ein begnadetet Stratege und Rhetor, der dafür sorgte, daß der gemeine Mann auf eigene Kosten mit in den Krieg zog und nicht nur der Adel, der ja im Zweifelsfalle doch ein wenig schwach ist, wenn es wirklich darauf ankommt.

Aber und das ist der Gag: Also forderte der gemeine Mann dann aber auch bei der Herrschaft im Staat mitzuwirken. So entstand die erste Demokratie, in der nicht in Ämter gewählt wurde, sondern sie wurden verlost und es war Pflicht, dem nachzukommen. Man sollte vielleicht wieder das Los entscheiden lassen, dann hätte das Glück wenigstens eine Chance.

Das Bundesverfassungsgericht trägt den größten Teil der Verantwortung für den Niedergang der Demokratie in der Corona-Krise, für die Spaltung der Gesellschaft und dafür, daß die Politik inzwischen über Hecken und Zäune geht. Es wäre an der Zeit gewesen, die Demutsformel in Erinnerung zu rufen und zu konstatieren, daß der Zweck die Mittel nicht heiligen kann, wenn es gegen Grundgesetze geht und einfach alles, was heilig ist.

Hätte das nicht mehr ehrenwerte Gericht doch die Politik in Grenzen verwiesen. Das hätte die Politik entlastet, denn sie hätte immer sagen können, es seien ihr nun mal die Hände gebunden. Sie könne nur und müssen daher mehr Eigenverantwortung wagen, der Staat wäre darauf angewiesen, daß die Gesellschaft ihm Voraussetzungen schafft, die er nicht herbeizwingen kann.

Schön wäre es gewesen, wir hätten dann eine Zivilgesellschaft mit Achtung vor dem Gesetz und der Gesellschaft und vor Andersdenkenden bekommen. Wir hätten eine Solidargemeinschaft, die heute nur noch angeführt wird, um Druck gegen Andersdenkende zu erzeugen. Wir hätten den Schritt vom Obrigkeitsstaat in die Zivilgesellschaft geschafft, das wäre nach 1989 so etwas gewesen wie eine Metamorphose. Aus der häßlichen Raupe der Deutschen wäre ein Schmetterling geworden…

Klingt das zu naiv, nun, naiv sind vor allem die Moralisten dieser Tage, denn sie geben vor, alles abzuwägen, dabei sind sie nur Denkverweigerer. Und so fragt man sich: Was ist schlimmer, Querdenken oder Nichtdenken?

Franz von Stuck: Dissonanz (1910).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Berühren verboten!

Aber Gedanken sind frei

Der Verlust an Nähe ist das eigentliche Problem. Ein Eisberg, von man die Tiefen nur ahnen kann.

Seit Ischgl wissen wir, es kommt auf die Viruslast an. Man infiziert sich kaum im Vorbeigehen, auf die Gefahren der Nähe kommt es an.

Kultur ist am Feuer entstanden. Vorne wird man gut angebraten und von hinten friert es. Also rückt man noch näher aneinander und reibt sich gegenseitig den Rücken. Und dazu werden berauschende Substanzen gereicht. Man starrt wie hypnotisiert ins Feuer, öffnet sich dem Anderen, dann wird erzählt…

So sind die ersten Geschichten der Menschheit ausgetauscht worden. Und während man da so sitzt, kreisen drumherum die Ungeheuer. Wohlige Schauer laufen über den Rücken. Das ist Geborgenheit.

Und dann steckt man die Köpfe zusammen. Wie oft saßen wir nächtelang schwitzend beieinander. Im Nebel aller erdenklicher Körperausdünstungen. – Menschen sind Säugetiere, sie machen sehr viel mit der Nase. Auch die Wahl von Partnern und Freunden geht über den Geruch.

Aber jetzt traut man sich nicht einmal mehr, die Nasenflügel zu blähen. Es liegt womöglich Corona in der Luft. Also besser nicht allzu tief und frei atmen. Als wäre Nähe inzwischen nur noch etwas für Lebensmüde.  

John Collier: Circe (1885).

Was der Verlust an Nähe mit den Menschen macht, dürfte ebenso gefährlich sein, wie die Ängste, die Kinder in den Suizid treiben. Wie soll man Kindern, Dementen und Sterbenden erklären, daß Nähe gefährlich geworden ist.

Es ist, wie eine Umprogrammierung. Man soll Nähe zulassen, sich berühren lassen, empathisch sein, andere auch gern einfach umarmen, weil es mehr ist als eine Geste, es ist ein Bekenntnis der Mitmenschlichkeit. – Und jetzt?

Das ist wohl der Grund, warum der Haß immer größer wird.

Berühren verboten! Nähe ist verdächtig geworden.

Kultur ist Nähe, also gefährlich. Denken sowieso.

Aber Philosophie findet im Kopf statt. Die Gedanken sind frei.

 

 

 


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