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    Kunst, Künstler und Gesellschaft

    Video: Anmerkungen zum Projekt Hawerkamp

    Seit 1988/89 hat sich auf dem ehemaligen Gewerbegelände „Am Hawerkamp“ in Münster mit städtischer Duldung bzw. Unterstützung ein „Kulturgelände“ entwickelt. Dort finden sich Ateliers für Künstler, Clubs, Bühnen, Werkstätten und Initiativen.

    Der Videokünstler Jürgen Hille hat mit „Projekt Hawerkamp“ im Frühsommer 2021 an diesem Ort mit einer Reihe von Interviews und Filmszenen auf seine Weise eine „Realitätsforschung“ betrieben, um den Geist des Ortes zu charakterisieren.

    Meine „Philosophische Ambulanz“ findet sich in Sichtweite, wenige Projekte, wie etwa mein „Public Writing“ haben ich auch schon dort inszeniert.  Also wurde ich zum Interview gebeten. Dabei nahm ich die Gelegenheit wahr, einmal das Verhältnis zwischen Kunst, Künstlertum und Gesellschaft zur Sprache zu bringen.

    Jürgen Hille: Realitätsforschung, 2021.  

    Der Ursprung von Kunst hat immer etwas Sakrales. Sie dient dem Ausdruck einer Schönheit, hinter der etwas Heiliges steht.  Im Hintergrund steht der wiederkehrende Wunsch nach Begegnungen mit dem Heiligen. In dieser Tradition, in diesen Diensten stehen die Künste von Anfang an.

    Je weiter der Prozeß der Zivilisation voranschreitet, umso weiter kommt es zur Entzauberung der Welt. Umso mehr brauchen wir die Künste, weil sie etwas bewahren, was Zivilisationsmenschen aufgeben, weil es jenseits der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis liegt.

    Insofern sind Künstler ganz besondere, nicht selten eigenartige Menschen, die gern über den Zaun schauen. Insofern ist es die Aufgabe von Kunstwerken, daß sich Geheimnisse aufdecken.  Auf diese besonderen Begegnungen mit dem Geheimnisvollen kommt es an. Daher sind solche Soziotope von immenser Bedeutung.

    Aber unserer Gesellschaft fehlt inzwischen bereits sehr viel mehr. Eine Welt, die nur auf Geld aus ist und glaubt, sich Seelenheil erkaufen zu können durch Selbstinszenierungen, die ohne Herz und Seele sind, ist kaum mehr zu retten und eigentlich auch nicht der Rettung wert.  Was die Kunst als Arbeits- und Lebenswelt vor Augen führt, ist das gerade Gegenteil der Aufspaltung in Lebenswelt und Arbeitswelt, in Leben und Gegenleben.

    Die Arbeits– und Lebenswelten sind offenbar nur erträglich, wenn es immer wieder „Urlaub“ von alledem gibt. Nur ist diese Trennung selbst das Problem. Wir haben Lebenskonzepte, die eigentlich gar nicht zum Leben da sind, sondern dazu, daß wir arbeiten und konsumieren sollen.  Daher ist es so schön, daß es Künstler gibt, die einfach von diesen vorgefertigten Lebenswegen abweichen, die das Ihre tun und der Gesellschaft vorführen, was alles anders sein kann.

     

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    Ist die Aufklärung gescheitert?

    Es läßt sich stets konstatieren, alles sei gescheitert.

    Aber wer sind wir, wenn wir glaubten, das feststellen zu können und dann auch noch ein für alle Male und für immer? Wie absolut soll so ein Befund gelten, ungefähr solange wie der Zorn oberster Götter, wenn sie Sintfluten schicken und danach ihren kindlichen Jähzorn ablegen? Ja, auch Götter haben ihre Entwicklungsphasen.

    William Turner: Der Brand des Parlamentsgebäudes in London 1835.
    Mit der Aufklärung verhält es sich wie mit dem aufrechten Gang. Es bereitet Rückenschmerzen, erschwert die Geburt, weil das Becken zu eng wird.  Aber, es werden die Hände frei als universelle Werkzeuge. Seither können wir Sachen be–greifen.

    Aber die Sprache ist das Werkzeug aller Werkzeuge. Es kommt also darauf an, die richtigen Worte zu kreieren. Es gibt vieles in der Welt, von denen wir die Worte nicht einmal ahnen.  

    Solange aber etwas nicht gesagt und auch noch nicht von mindestens einem Menschen verstanden worden ist, hat der Geist der Menschheit noch erhebliche Lücke genau dort, wo dieses Phänomen eigentlich hingehört, wenn man es „einordnen“ könnte.

    Aufklärung ist wie Laufen, was bedeutet, es wird ständig die Balance aufgegeben. Man destabilisiert die Stellung, neigt sich, stürzt nach vorn und fängt sich dann durch den nächsten Schritt wieder auf.  Nicht anders verhält es sich mit der Psychogenese. Wir sind wie die Kinder uns selbst immer einen Schritt voraus, einen Schritt mehr, als wir beherrschen, verantworten, verstehen können.
     
    So ähnlich vollzieht sich die ganze Menschheitsentwicklung und die Suche nach der Antwort auf die Frage, was denn die ganze Anthropogenese eigentlich soll. – Aber Philosophen arbeiten nicht gern mit Hypothesen wie die vom intelligenten Designer, also rufen sie die Anthropologie zum Zwecke der universellen Beratung.
     
    Die anspruchsvollste Hypothese dabei, Entwicklung zu denken, ist die Annahme, alles hätte sich allmählich entwickelt ohne intelligenten Designer oder sonstwas. Eine der größten intellektuellen Herausforderungen liegt tatsächlich im Nihilismus. Dazu müßte man sich dann aber auch der Herausforderung stellen, einfach zuzugeben, daß der „Sinn des Ganzen“ immer nur von uns selbst kommen kann.
     
    Wir müssen ihn uns also selbst geben und wir sind dann auch völlig frei, uns jeden beliebigen Sinn zu geben. Und das „Ziel“, also dieser „geheime Plan“, den die Natur – nur hypothetische – mit dem Menschheitsprojekt verfolgt, liegt darin, daß die Natur sich selbst in den Blick nehmen möchte.
     
    Aber dazu muß sich das Wesen, das diese Aufgabe leisten soll, erst selbst in den Blick bekommen. Und da gibt es noch sehr viel menschliches Potential zu entfalten, im Guten wie im Bösen, im Vernünftigen wie auch in der Dummheit.
     
    Und jeder neue Schritt im Zuge der Aufklärung bringt nicht nur neue Verunsicherungen mit sich, sondern zunächst immer erst einmal einen neuen Aberglauben. In solchen Zeiten leben ganz offenbar alle stets daneben. Und nur der Phänomenologe bleibt in Sichtweite und auf Abstand zum Schiffbruch, der ja nun den obligatorischen Zuschauer braucht.
     
    Eine Maxime lautet: Wer heilt, hat Recht! – Dieser Tage möchte man fast glauben, es gelte eine neue Maxime: Wer Angst kommuniziert, hat Recht.
     
    Davor, genau davor hat der heilige Niklas (Luhmann) immer gewarnt, vor „Entdifferenzierung“.
    Der Spruch „Werdet wie die Kinder“, ist schließlich auch keine Aufforderung zur heiligen Einfalt.   Gemeint ist tatsächlich eine unvoreingenommene Offenheit, wie sie fast nur Kinder zustande bringen, mit Ausnahme von Phänomenologen versteht sich.
     
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    Wir haben nicht nur Corona, – wir haben auch Demokratie

    Was Menschen einander antun können

    Es ist erstaunlich, wie wenig vertrauenserweckend die mentalen Widerstandskräfte sind, wenn es um „Gesundheit“ geht. In der Tat ist es wünschenswert, an Leib und Seele gesund zu sein, und ein wenig Glück dürfte auch noch mit dabei sein. Nicht zu vergessen die Liebsten und Freunde mit Nähe und Mitgefühl, denn es lebt und feiert sich in Gemeinschaft einfach besser.

    Aber was ist inzwischen aus der Nähe geworden? Die ganze Gesellschaft fügt sich einem Medizin–Diskurs, wie ihn Michel Foucault nicht schlimmer hätte ausmalen können.

    Dabei hat der Glaube an ‚die‘ Medizin selbst etwas Abergläubiges in der Erwartung, sie wäre „Wissenschaft“ und sonst gar nichts. Alles andere sei dagegen nichts weiter als Ketzerei, eine Abweichung vom einzig wahren Glauben und zuletzt einfach nur Querdenkertum und Hokuspokus.

    Teaser. Das Erste: Hart aber fair. Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

    Die Welt ist aber viel komplexer, als es sich Politik und Medizin träumen lassen, die sich in dieser Krise zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu stützen.

    Herausgekommen sind Verhältnisse, als lebten wir noch im 19. Jahrhundert. Da gibt es eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen Arzt und Mediziner. Letztere waren damals noch Staatsbeamte und sie standen zumeist im Militärdienst und so ist dann auch heute noch immer ihre Denkungsart. 

    Mein Doktorvater, Prof. Wilhelm Goerdt war Mitglied der ersten Ethik–Kommission in Deutschland. Er hat mir berichtet, daß es in den ersten Sitzungen über den sogenannten „Mündigen Patienten“ ging.

    Er war ein hervorragender Moderator in Seminardiskussionen. Man kam stets ins Schwitzen auf der Suche nach besseren Argumenten. — Er war völlig entsetzt und befremdet darüber, daß die Mediziner gar nicht verstanden oder nicht verstehen wollten, was wohl damit gemeint sein könnte, wenn von „Mündigen Patienten“ die Rede war. 

    Nun hat sich die Politik im Zuge der Corona–Krise in einen Aktivismus verrannt. Sie hat Ängste geschürt und Panik verbreitet. Man glaubte, die Krise auf diese Weise „in den Griff zu bekommen“. Dabei ist in Wirtschaft, in der Bildung und in der Zivilgesellschaft ganz erheblicher Schaden angerichtet worden.

    Nicht nur der Verlust jahrzehntelang „ersparter“ Steuermilliarden, sondern auch seelische Schäden bei Kindern, psychische Belastungen bei jungen Leuten und viele, sehr viele verlorene Träume, um von den Traumatisierungen gar nicht erst zu sprechen. Der französische Präsident hat den Kriegszustand ausgerufen und dann ist es weltweit zu unüberschaubaren Kollateralschäden gekommen.

    Hinter alledem steckt ein obsoletes Menschenbild, das aus dem 19 Jahrhundert stammt. In dieser Krise feiert der Misanthropismus fröhliche Urständ, weil sich Politik und Medizin zusammengetan haben. In Pädagogik und Psychologie wird dagegen seit etwa 1900 von einem völlig anderen Menschenbild ausgegangen, daß der Mündigkeit, der Selbstfindung, der Selbstverantwortung, der Entwicklung und der Emanzipation.

    Und jetzt, wo allmählich kaum noch abzustreiten ist, daß alle Maßnahmen die versprochene Wiederkehr zur Normalität einfach nicht bewirken, daß Geimpfte nicht etwa immun, sondern weiterhin ansteckend und auch gefährdet sind, daß viele der erbrachten Opfer eben nicht erbracht haben, was in Aussicht gestellt worden ist, jetzt wird nach den Schuldigen gesucht wie in einer Ketzerverfolgung. — Aber die Verantwortung liegt in dieser fatalen Kooperation zwischen Politik und Medizin auf der Grundlage eine inhumanen Menschenbildes.

    Eric Claptons Handabdrücke und seine Unterschrift auf dem Rock Walk; 9. Juli 2005, Hollywood. Foto: Nick Wille, via Wikimedia.

    Wir haben nicht nur Corona, wir auch Demokratie. Die überbordenden Machphantasien, in denen Medizin und Politik sich ergehen, sobald sie sich zusammentun, sind pädagogisch kontraindiziert.

    Sie verunsichern, erzeugen Panik und machen krank. Die Gesellschaft wird polarisiert, nur weil der Mut fehlt, zugeben zu können, daß der gute Wille mitunter die schlechtesten Ergebnisse erzielt.

    Der Aktivismus, der Steuerungswahn, die Überheblichkeit, mit ganz wenigen, völlig fixierten Modellen auszukommen, um dann zu glauben, eine solche Krise ließe sich bewältigen mit nur ganz wenigen Hinsichten und Rücksichten, ist fahrlässig.

    Alle Systeme haben inzwischen Schaden genommen. Allem voran das Vertrauen in Politik, Staat, Medizin, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und auch in die offene Gesellschaft, die sich selbst zum Feind wird.

    Ganz entsetzlich ist es, daß immer wieder neue Sündenböcke ausgerufen werden. Erst waren es die Kinder, dann die Jugendlichen und jetzt sind es die Ungeimpften. Querdenker war mal eine ehrenvolle Bezeichnung für solche, die den Mut aufbrachten, sich des eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Jetzt wird auch noch das kreative, unkonventionelle, ergebnisoffene Denken verunglimpft.

    Die Politik hat sich einnehmen lassen von nur ganz wenigen Disziplinen, die nicht einmal Wissenschaft sind, sondern nur Technik. — Einer Technik werden die Ziele vorgegeben. Daher hätten ganz andere Ziele gesetzt werden müssen, um möglichst unbeschadet durch die Stromschnellen dieser Krise zu steuern. Aber man hat eine Ideologie daraus gemacht und erwartet Gehorsam, wo Vertrauen gar nicht vorhanden sein kann.

    Staat und Medizin haben allein aufgrund ihrer Geschichte ein wirklich großes Vertrauen einfach nicht verdient. — Dieser Staat hat diese Gesellschaft mehrfach in schlimmste Katastrophen geführt und die Medizin stand ihm dabei immer zur Seite. Es ist an der Zeit, die vielzitierte Mündigkeit endlich in Anspruch zu nehme.

    Tatsächlich haben immer nur die Patienten das letzte Wort, denn sie tragen auch alle Konsequenzen. Weil dem so ist, tragen sie auch die Verantwortung dafür, wem sie sich anvertrauen. — Mag ein Arzt noch so überzeugt sein von “seiner” Therapie, wir tragen die Verantwortung uns selbst gegenüber allein und Ärzte haben nicht das Recht, uns dann zu maßregeln.

    Weil aber diese Disziplinen gar nicht in der Lage sind, die Vulnerabilität der ganzen Gesellschaft in den Blick zu bekommen, stürzen sie sich auf das, was sie messen können. Aber das ist nicht das große Ganze. Daher ist es inzwischen zu exorbitant hohen, auch menschlich kostspieligen Opfern gekommen, die allerdings nicht wirklich geholfen haben.

    Die offene Gesellschaft neigt inzwischen dazu, sich selbst zu verletzen. Es würde helfen, endlich vom hohen Roß der Erregungskultur herunterzusteigen, in der sich nicht selten jene wichtig tun, die am wenigsten zu sagen haben. Stattdessen findet ein Rückfall in unrühmliche Zeiten statt, die zweimal schon zum Weltenbrand geführt haben.

    Wer nun behauptet, es wäre nun wirklich angesagt, mal wieder auf den autoritären Charakter zu setzen und auf eine Hinterwelt–Pädagogik, in der Menschen wieder eingeschüchtert, gebrochen und umerzogen werden, ist ein Feind der offenen Gesellschaft. Allein schon der Flirt mit totalitären Systemen wie China ist ein geistiges Armutszeugnis.

     

    55:55 Frank Plasbeck: „Darf ich mal ganz kurz einen Gedanken reinbringen. Wir reden ja vielleicht sogar über kindliche Fragen, wieviel Druck braucht ein Kind, um eine Verhaltensänderung zu haben. Und wenn Sie sich anschauen, wie sich Druck ausübt, auch jetzt steigen die Impfzahlen ja wieder…, plötzlich, wenn man das sieht, was zuvor immer wieder besprochen worden ist mit den Ärzten, in den Medien, dann hilft plötzlich Druck,…

    59:50 Svenja Flaßpöhler:  Mir fällt nur auf, Sie haben ein völlig anders Demokratieverständnis als ich.  Sie reden von Kindern, auf die man Druck ausüben muß.  Sie sagen, man kann von Kindern lernen, daß, wenn man Druck auf sie ausübt, dann verändern sie ihr Verhalten… Wenn man wirklich über Bürgerinnen und Bürger redet und sie als Kinder bezeichnet, auf die man Druck ausüben muß, (lacht).  Also mein Demokratieverständnis ist sozusagen hundertprozentig ein anderes.“ Das Erste:  Hart aber fair.  Nur ja keinen Zwang:  Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

    Die Motive derer, die an die reine Lehre des Autoritären glauben, lassen an mittelalterliche Verhältnisse denken — mit Pranger, öffentlicher Demütigung und Exkommunikation. Aber unter denen, die sich dagegen zu Wort melden, zählen auch bedeutende Künstler aus der Rock–Generation. 

    Eric Clapton ist noch unter der Lüge aufgewachsen, seine Mutter sei seine Schwester. Er ist der Erfinder des Bluesrock, was darauf verweist, daß er sich mit der Musik der Schwarzen zu einer Zeit befaßt hat, als noch die Apartheit galt. Wenn er dieser Tage deutlich macht, er wolle nicht, daß sein Publikum oder Teile seines Publikums diskriminiert würden, dann geschieht seine politische Demonstration vor diesem Hintergrund. 

    Die Nachkriegszeit brachte einen epochalen Umbruch mit sich, gegen autoritäre, kriegerische, totalitäre und diskriminierende Verhältnisse, alles, was seinerzeit noch “normal” zu sein schien. Aber gerade der Bluesrock hat die Gesellschaft geöffnet, die Abneigung und den Haß überwunden und die Schmerzen gelindert, die Sklaverei, Ausbeutung und Diskriminierung mit sich gebracht haben. — Solche Wunden zu heilen, dazu bedarf es allerdings noch sehr viel mehr. 

    Derzeit tendiert der Zeitgeist dazu, repressive Verhältnisse zu präferieren. Man glaubt, ein wenig mehr Diktatur könnte sinnvoll sein.  Dagegen werden aber die alten Geister wieder aufstehen, um zu sagen, was zu sagen ist:

    Do you wanna be a free man / Or do you wanna be a slave? / Do you wanna wear these chains / Until you’re lying in the grave?

    Natürlich wirkt der Vergleich der Corona–Maßnahmen mit der Sklaverei verstörend. Aber es geht nicht um eine Gleichsetzung.

    So etwas läßt sich niemals ins Verhältnis setzen, denn dann müßte gesagt werden, was denn nun mehr oder weniger “schlimm” war. Es kann daher nur darum gehen, aus der Geschichte ernsthaft die Konsequenz zu ziehen, daß derartige Verhältnisse nie wieder zugelassen werden. 

    Es ist entsetzlich, was Menschen einander antun können, wenn böse Gefühle aufkommen und verstärkt werden. Wer Diskriminierung erfahren hat, wird sie nie wieder zulassen, nicht einmal ansatzweise. 

     
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    Geimpfte und Ungeimpfte, das gute und das böse Kind

    Eugenio Lucas Velázquez: English: Autodafé (1853).

    Ketzereien über Ketzerverfolgungswahn

    Bei Alice Miller, einer begnadeten Kinderpsychologin, gibt es den inneren Kampf zwischen dem guten und dem bösen Kind. Das eine ist ebenso desorientiert wie das andere. Während sich das eine fügt, rebelliert das andere und beide fühlen sich selbst dabei irgendwie „gehalten“.

    Aber was ist denn gut an den guten Kindern? Man könnte konstatieren, daß alle, die sich haben impfen lassen, es in Erwartung einer damit aufkommenden Normalität getan haben aber doch weit weniger aus Gründen der Solidarität.

    Wer sich hat impfen lassen, wird sehr viel weniger Achtsamkeit an den Tag legen. Aber inzwischen ist es ein offenes Geheimnis, das der Unterschied zwischen geimpft und ungeimpft allmählich schwindet…

    Reaktionen darauf, daß Corona eine globale Naturkatastrophe ist und ebensowenig zu beherrschen ist wie eine Flut, besteht darin, daß ganze Gesellschaften retardieren. Gesucht werden Sündenböcke und man glaubt, sie unter Andersdenkenden und Ungeimpften gefunden zu haben. – Allen wird letztlich so etwas wie ein Glaubensbekenntnis abverlangt, das Spektrum des Sagbaren ist denkbar eng. So entsteht eine Schweigespirale, die Hälfte aller Deutschen geben zu Protokoll, sich nicht mehr freimütig öffentlich zu äußern. 

    Dabei war von Anfang an klar, daß alle unter Dreißig kaum gefährdet sind. Aber, man wollte ja energisch etwas tun. — Aber warum hat man nicht die vulnerablen Gruppen geschützt und der Jugend die Freiheit gelassen. Warum läßt man es zu, daß die Zahl der Pflegekräfte ständig abgenommen hat?

    Es ist ungeheuer viel Geld verbrannt worden, warum hat es nicht dazu gereicht, die Verhältnisse in den Kliniken durch einem Quantensprung zu heben? – Warum ist man nach allen Maßnahmen, Hoffnungen, Aussichten, Versprechungen und Opfern immer wieder genau da, wo man angefangen hat?

    Die Verhältnisse in dieser Krise sind hyperkomplex. Es ist Hybris zu meinen, eine solche Katastrophe ließe sich beherrschen. Man kann gezielte Schutzmaßnahmen ergreifen, vor allem Klugheit wäre angeraten aber kein Aktionismus. 

    Das Muster ist nur zu bekannt: “So tu doch etwas! — Ja was denn tun? — Tu’ irgendwas!”. Das ist jedoch ein Armutszeugnis für alle, die sich in den Glauben flüchten wie bei der Ketzerverfolgung im Mittelalter. Die ganze Stimmung ist seit Monaten mittelalterlich.

    Ich schreibe seit Februar 2020 an einer philosophischen Studie über diese Sinnkrise, über das Versagen sämtlicher Systeme von Recht, Politik, Medien und Wissenschaft. Es hat sich wieder einmal zeigt, was ich immer wieder zu meinem Entsetzen beobachten mußte: Ausgerechnet dann, wenn es wirklich darauf ankäme, gelassen, cool, fast kaltblütig und vor allem mit sehr viel Sinn und Verstand daran zu gehen, die Perspektive der Vernunft in der Vielfalt ihrer Stimmen zur Kenntnis zu nehmen, durch Diskurse, die frei sein müssen und offen, immer dann verlieren die meisten den Kopf und die guten, ach so lieben Kinder sind immer ganz vorne. Das hilft nicht.

    Alles was da so tagtäglich verhandelt wird, hat gar nicht die Kapazität, auf den Boden der Tatsachen zu kommen, die man zur Kenntnis nehmen müßte, wollte man wirklich verstehen, was da gerade vonstatten geht. Es ist eine ungeheure Komplexität, die aber stets auf eines hinausläuft, sie erwischt unsere ach so rechtsstaatlichen, wissenschaftlichen, freiheitlichen, diskursiven und fürsorglichen Ambitionen brachial. Die Moral von der Geschicht‘?

    Mehr Bescheidenheit bitte, nicht behaupten zu wissen, was man nicht wissen kann. Mit dem Nichtwissen arbeiten, also nicht den großen Zampano machen. – Geschaffen wird stattdessen eine fast bürgerkriegsähnliche Atmosphäre, ein Autodafé. Ich habe einen geschätzten Kollegen am Institut, einen Kettenraucher. Und wenn mir das mit der Suche nach den Sündenböcken in den Seminaren zu viel wurde, bei alledem schmierigen Moralin, dann habe ich im Brustton der Überzeugung verkündet: Alle Probleme der Menschheit könnten gelöst sein, wenn nur die Raucher nicht wären. – Nun ja, sie spürten die Ironie dann doch und ahnten, wen ich meinte und sie sahen dann auch in die Hintergründe dieser Bemerkung.

    Die Welt ist zu schwierig für gute Kinder, die doch nur spielen wollen. Wann sollte man den ausscheren, wenn nicht jetzt, wo fast alle den Verstand verlieren? Man merkt es an den Wettervorhersagen, die Lust am Untergang bringt täglich neue Episoden. Neulich hat sich angeblich ein Polarwirbel geteilt, warum hier sibirische Kälte zu erwarten sei. Als ich sah, daß die Meldung vom Potsdam-Institut lanciert worden war, kurz vor der Klimakonferenz, dachte ich über die Berechenbarkeit von Akteuren, die Kampagnen und Wissenschaft seit Jahrzehnten nicht mehr auseinanderhalten.

    Es ist perfide, den Leuten mit großer Kälte zu kommen, das Anschwellen der Küstenlinien verbinden viele ja doch mit Südseefeelings. – Dann wurde ich auch noch auf diese Meldung aufmerksam gemacht, weil bad News nunmal good News sind. Bis mir die Hutschnur riß, ich habe dann einfach nachgeschaut, was denn Jörg Kachelmann, der sich immer so schön aufregen kann über diesen Bockmist sagen würde. – Und richtig! Er schlug auf den “Spiegel” ein und konstatiert, man wüßte überhaupt nichts von diesem Polarwirbel und daß es wohl nur um die Meldung ginge.

    Nicht, daß es nicht noch eine Steigerung gäbe:

    „Der Ablauf eines Inquisitionsprozesses war weder für den Angeklagten noch für seine Angehörigen durchschaubar. Während der Vernehmungen wurden den Verdächtigen einzelne Verhaltensweisen vorgeworfen, die u.U. für sich allein gesehen keine Abweichungen von der kirchlichen Lehre darstellen mußten.

    Diese Taten konnten dann von den Angeklagten entweder zurückgewiesen oder zugegeben und bereut werden. Welche Schlüsse von Seiten des Gerichtes daraus gezogen wurden, war nicht ersichtlich. Der Prozeß fand nicht als zusammenhängende Verhandlung mit der Anwesenheit der Beteiligten oder wenigstens der mit der Urteilsfindung Betrauten statt. Die Dauer des Verfahrens gab keinen Hinweis auf die Bedeutung der Angelegenheit. Das alles führte dazu, daß die Angeklagten bis zum Tag des Autodafés keinerlei Schlüsse auf den Ausgang des Verfahrens ziehen konnten. …

    Die mildeste Art der Sanktion des Verhaltens der Angeklagten durch das Inquisitionsgericht war das Abschwören. Bei einfacheren Vergehen mußte dies nicht in der Öffentlichkeit geschehen, sondern konnte im Gerichtssaal vor dem Tribunal durchgeführt werden. Bei schwerwiegenden Fällen fand auch das Abschwören während einer öffentlichen Urteilsverkündung statt.

    Das Abschwören war gewöhnlich mit Nebenstrafen verbunden. Dies waren Geldbußen, die Verpflichtung, den Sanbenito in der Öffentlichkeit zu tragen, oder die Verbannung.“ („Autodafé“, Wikipedia)

     
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    EPG II a (Online)

    Oberseminar

    EPG II a

    Ethisch–Philosophisches Grundlagenstudium II

    WS 2021 | freitags | 14:00-15:30 Uhr | online 

    Beginn: 22. Oktober 2021 | Ende: 10. Februar 2022

    Zum Kommentar als PDF

    Universe333: YogaBeyond Honza & Claudine Bondi; Beach, Australia 2013. — Quelle: Public Domain via Wikimedia Commons.

    Zwischen den Stühlen

    Eine Rolle zu übernehmen bedeutet, sie nicht nur zu spielen, sondern zu sein. Wer den Lehrerberuf ergreift, steht gewissermaßen zwischen vielen Stühlen, einerseits werden höchste Erwartungen gehegt, andererseits gefällt sich die Gesellschaft in abfälligen Reden. — Das mag damit zusammenhängen, daß jede(r) von uns eine mehr oder minder glückliche, gelungene, vielleicht aber eben auch traumatisierende Schulerfahrung hinter sich gebracht hat.

    Es sind viele potentielle Konfliktfelder, die aufkommen können im beruflichen Alltag von Lehrern. Daß es dabei Ermessenspielräume, Handlungsalternativen und vor allem auch Raum gibt, sich selbst und die eigenen Ideale mit ins Spiel zu bringen, soll in diesem Seminar nicht nur thematisiert, sondern erfahrbar gemacht werden.

    Das Selbstverständnis und die Professionalität sind gerade bei Lehrern ganz entscheidend dafür, ob die vielen unterschiedlichen und mitunter paradoxen Anforderungen erfolgreich gemeistert werden: Es gilt, bei Schülern Interesse zu wecken, aber deren Leistungen auch zu bewerten. Dabei spielen immer wieder psychologische, soziale und pädagogische Aspekte mit hinein, etwa wenn man nur an Sexualität und Pubertät denkt. — Mitunter ist es besser, wenn möglich, lieber Projekt–Unterricht anzuregen, wenn kaum mehr was geht.

    Es gibt klassische Konfliktlinien, etwa Eltern–Lehrer–Gespräche, in denen nicht selten die eigenen, oft nicht eben guten Schul–Erfahrungen der Eltern mit hineinspielen. Aber auch interkulturelle Konflikte können aufkommen. Das alles macht nebenher auch Kompetenzen in der Mediation erforderlich. — Einerseits wird individuelle Förderung, Engagement, ja sogar Empathie erwartet, andererseits muß und soll gerecht bewertet werden. Das alles spielt sich ab vor dem Hintergrund, daß dabei Lebenschancen zugeteilt werden.

    Gerade in letzter Zeit sind gestiegene Anforderungen bei Inklusion und Integration hinzugekommen. Auch Straf– und Disziplinarmaßnahmen zählen zu den nicht eben einfachen Aufgaben, die allerdings wahrgenommen werden müssen. — Ein weiterer, immer wieder akuter und fordernder Bereich ist das Mobbing, das sich gut ›durchspielen‹ läßt anhand von Inszenierungen.

    Es gibt nicht das einzig richtige professionelle Verhalten, sondern viele verschiedene Beweggründe, die sich erörtern lassen, was denn nun in einem konkreten Fall möglich, angemessen oder aber kontraproduktiv sein könnte. Pädagogik kann viel aber nicht alles. Bei manchen Problemen sind andere Disziplinen sehr viel erfahrener und auch zuständig. — Unangebrachtes Engagement kann selbst zum Problem werden.

    Wichtig ist ein professionelles Selbstverständnis, wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen, und mitunter auch einfach mehr Langmut an den Tag zu legen. Zudem werden die Klassen immer heterogener, so daß der klassische Unterricht immer seltener wird. — Inklusion, Integration oder eben Multikulturalität gehören inzwischen zum Alltag, machen aber Schule, Unterricht und Lehrersein nicht eben einfacher.

    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit setzen zwar hohe Erwartungen in Schule und Lehrer, gefallen sich aber zugleich darin, den ganzen Berufstand immer wieder in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken. — Unvergessen bleibt die Bemerkung des ehemaligen Kanzlers Gehard Schröder, der ganz generell die Lehrer als faule Säcke bezeichnet hat.

    „Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

    Dieses Bashing hat allerdings Hintergründe, die eben darin liegen dürften, daß viel zu viele Schüler*innen ganz offenbar keine guten Schulerfahrungen gemacht haben, wenn sie später als Eltern ihrer Kinder wieder die Schule aufsuchen.

    Ausbildung oder Bildung?

    Seit 2001 ist das Ethisch–Philosophische Grundlagenstudium (EPG) obligatorischer Bestandteil des Lehramtsstudiums in Baden–Württemberg. Es besteht aus zwei Modulen, EPG I und EPG II. — Ziel des EPG ist es, zukünftige LehrerInnen für wissenschafts– und berufsethische Fragen zu sensibilisieren und sie dazu zu befähigen, solche Fragen selbständig behandeln zu können. Thematisiert werden diese Fragen im Modul EPG II.

    Um in allen diesen Konfliktfeldern nicht nur zu bestehen, sondern tatsächlich angemessen, problembewußt und mehr oder minder geschickt zu agieren, braucht es zunächst einmal die Gewißheit, daß immer auch Ermessens– und Gestaltungsspielräume zur Verfügung stehen. Im Hintergrund stehen Ideale wie Bildung, Entfaltung der Persönlichkeit, die Erfahrung erfüllender Arbeit und Erziehungsziele, die einer humanistischen Pädagogik entsprechen, bei der es eigentlich darauf ankäme, die Schüler besser gegen eine Gesellschaft in Schutz zu nehmen, die immer fordernder auftritt. In diesem Sinne steht auch nicht einfach nur Ausbildung, sondern eben Bildung auf dem Programm.

    Auf ein– und dasselbe Problem läßt sich unterschiedlich reagieren, je nach persönlicher Einschätzung lassen sich verschiedene Lösungsansätze vertreten. Es ist daher hilfreich, möglichst viele verschiedene Stellungnahmen, Maßnahmen und Verhaltensweisen systematisch durchzuspielen und zu erörtern. Dann läßt sich besser einschätzen, welche davon den pädagogischen Idealen noch am ehesten gerecht werden.

    So entsteht allmählich das Bewußtsein, nicht einfach nur agieren und reagieren zu müssen, sondern bewußt gestalten zu können. Nichts ist hilfreicher als die nötige Zuversicht, in diesen doch sehr anspruchsvollen Beruf nicht nur mit Selbstvertrauen einzutreten, sondern auch zuversichtlich bleiben zu können. Dabei ist es ganz besonders wichtig, die Grenzen der eigenen Rolle nicht nur zu sehen, sondern auch zu wahren.

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    Studienleistung

    Eine regelmäßige und aktive Teilnahme am Diskurs ist wesentlich für das Seminargeschehen und daher obligatorisch. — Studienleistung: Gruppenarbeit, Präsentation und Hausarbeit.

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    Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft, Identität

    Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft, Identität

    Vom Clan zum globalen Dorf: Emanzipation ist Selbstorientierung

    Philosophie motiviert den Mut, durch Selbstorientierung über sich selbst hinauszuwachsen, sich immer weiter zu emanzipieren von jeder Fremdbestimmung durch Natur, Clangeist, Gemeinschaft oder Gesellschaft, bis hin zum Staat, der auch nicht unbedingten Gehorsam verdient, allzumal, wenn dieser notwendigen Entwicklungen im Wege steht. Philosophie ist wie ein guter Geist in finsteren Zeiten, der Zuversicht vermittelt, in der Emanzipation, der Individuation, der Selbstorientierung und im Wunsch nach einer Glückseligkeit, die es mit der der Götter aufnehmen kann.

    Flammarion. Holzstich eines unbekannten Künstlers. In: Camille Flammarion: Die Atmosphäre. Populäre Meteorologie; Paris 1888. S. 163. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Philosophie muß nachvollziehbar sein, sie sollte sich daher in aller Offenheit entwickeln. Wir können Vernunft nicht besitzen, wir können uns nur bemühen, ‘vernünftig zu werden’, indem wir uns auf Dialoge und Diskurse einlassen, in denen die Ratschlüsse der Vernunft erst zustande gebracht werden müssen. Es geht um das entscheidende Orientierungswissen, und wo das nicht hinreichend ist, sind Diskurse über Orientierungsorientierung erforderlich.

    Selbstwerdung, Selbstorientierung steht auf dem Programm. Das kann nicht nur, das muß stets individuell vonstatten gehen. Nicht von ungefähr wird jede Philosophie argwöhnisch betrachtet, vor allem, wenn sie sich anschickt, ihren Kopf durch die Wolkendecke der vorgegebenen Weltordnung zu stecken.

    Im Verlauf der Anthropogenese, der Kultur– und der Zivilisationsgeschichte, läßt sich eine Tendenz von der Heteronomie zur Autonomie beobachten. Mit neuen Techniken kommen neue Lebensweisen auf und mit ihnen neue Götter und neue Anschauungsformen. Was zuvor ausgeschlossen schien, wird möglich, was zuvor üblich war, kann schnell obsolet werden.

    Es versteht sich, daß jeder Wandlungsprozeß immer Verlierer und Gewinner erzeugt. Etablierte Autoritäten können fast über Nacht eine zuvor noch unumstrittene Anerkennung einbüßen. Neue Leitbilder entstehen, die stets an den Bruchlinien zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft verlaufen, aber auch an denen zwischen Individuum und Gesellschaft. Gerade mit dem Individualismus, der allmählich in den Städten aufkommt, gehen immense subjektive und intersubjektive Belastungen einher.

    Mit jeder neuen Zeit betreten neue Götter und Priesterschaften die Bühne der Kulturgeschichte: Das war so, als die Schrift erfunden wurde und neue Götter aufkamen, die im Buch des Lebens lesen und zu Gericht sitzen sollten, doch vor allem, um die Verhältnisse in den neuen urbanen Welten zu stabilisieren.

    Im Verhältnis zur tierischen Herkunft liegt das Geheimnis des Menschseins darin, daß wir mithilfe von Sprache und Kultur allmählich alle erdenklichen Erfahrungen, die einzelne Menschen jemals gemacht haben, miteinander teilen, nachvollziehen und uns leibhaftig aneignen können. Zivilisation steigert die Prozesse der Erfahrung von Erfahrungen um ein Vielfaches. Das verschafft sehr viel mehr Lebens- und Ausdrucksmöglichkeiten, es erzeugt zugleich aber auch sehr viel mehr Unsicherheit. Insofern ist Zivilisation wie ein Joker, alles Lernen, jede Erfahrung, Einsichten, Erkenntnisse und Impressionen zählt plötzlich sehr viel mehr, weil, wenn und sobald wir sie mitteilen, also mit anderen teilen können.

    Thomas Cole: The Course of Empire. Third Episode: The Consummation of Empire. 1835/6, New–York, Historical Society. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Der Staat muß alle diese Koexistenzen gewährleisten, und er wird kollabieren, wenn es ihm nicht gelingt, eine Vielfalt von Gemeinschaften in und mit ihren Interessen dauerhaft miteinander zu vergesellschaften. Der Staat kann zwar nicht wissen, was die Gesellschaft umtreibt, aber es ist seine Aufgabe, ihr zu dienen und nicht über sie zu herrschen. Ihm fehlt schlichtweg die Phantasie, auch nur annähernd beurteilen zu können, was gerade gesellschaftlich von Bedeutung ist, warum und wozu.

    In diesem Kontext spielen neue Überwachungs– und Spionagemöglichkeiten, insbesondere der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine wegweisende Rolle. Auf der Agenda der Weltgeschichte steht die Alternative: Entweder Totalitarismus oder Demokratie, entweder Misanthropismus oder Humanismus.

    Derzeit schlittern nicht wenige auch westliche Staaten auf den Weg in die umfassende Überwachung des Öffentlichen Raums und aller sozialen Netze. Nie war die Gelegenheit so greifbar, göttergleich alles zu sehen, zu wissen und zu deuten, um damit zu machen, was auch immer irgendwelchen Machthabern gefällt, wenn, wo und solange sie nicht durch rechtsstaatliche Sicherungen, Verfassungen und Gerichte davon abgehalten werden.

    Manche denken auch daran, den Prozeß der Zivilisation zu stoppen und die ganze Entwicklung mehr oder minder wieder umzukehren oder sie einzufrieren wie die Amischen, eine täuferisch–protestantische Glaubensgemeinschaft, die den Fortschritt stillgestellt haben kurz vor Einführung von Auto und Elektromotor.

    Thomas Cole: The Course of Empire. Fourth Episode: Destruction (1836). New–York, Historical Society. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Tatsächlich sind Verluste zu verzeichnen, die im Prozeß der Zivilisation mit aufgekommen sind, wovon einige äußerst schmerzhaft sind. Eigentlich entspricht es dem Wesen jener Kulturen, die vor jeder Zivilisation ihren Bestand hatten, Geschichte als solche erst gar nicht aufkommen zu lassen. – Also wurde jede Dynamik verhindert, kein Ungleichgewicht sollte aufkommen und wo doch, dort wurde alles unmittelbar wieder ausgeglichen durch Opfer, die das Errungene gleich wieder neutralisierten, auf daß keine ‘Geschichte’ in Gang kommen kann.

    Nach dem Bruch mit dem Geist geschichtsloser Kultur sind immer wieder Versuche dazu gemacht worden und ebenso oft sind sie gescheitert. Offenbar gelingt es später nicht mehr, aus der Dynamik auszusteigen, um wieder ein alles umgreifendes geistiges umgreifendes Gleichgewicht zu schaffen und in einer Kultur als gelebtes Leben zu etablieren.

    Utopien spielen mit diesen Visionen, sie spekulieren wie Sisyphus darauf, daß es >einmal< doch gelingen kann. – Sobald es aber wirklich ernsthaft versucht worden ist, Utopien in die Tat umzusetzen, bleibt davon oft nur schlechter Utopismus.

    Aus der Zivilisationsgeschichte zu lernen bedeutet viel, u.a. zu wissen, daß es nicht gelingen kann, nach mittelalterlichem Muster die Gesellschaft in eine Zwangsgemeinschaft zu verwandeln. Differenzen lassen sich weder religiös noch ideologisch einfach verbieten. Die einzige Möglichkeit den Geist einer alles umgreifenden humanen Kultur aufkommen zu lassen, wäre die einer humanen Demokratie, in der Partizipation gelebt wird.

    Conchita Wurst für Österreich mit dem Lied „Rise Like a Phoenix“ bei der er- sten Kostümprobe für das Finale des Eurovision Song Contest 2014 Kopen- hagen. — Quelle: Albin Olsson, Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Public Domain via Wikimedia.

    Im Prozeß der Psychogenese kommt ganz allmählich immer mehr Individualität auf. Zunächst langsam, dann immer schneller wird eine historische Dynamik entfacht, die sich inzwischen selbst perpetuiert. — Von Epoche zu Epoche werden immer neue Ansprüche auf persönlichen Ausdruck immer radikaler geltend gemacht, gegen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft. Erst diese Differenzen bringen die Zivilisationsgeschichte in Gang. Sie generieren die Dynamik der Zivilisationsgeschichte und beschleunigen die Wandlungsprozesse inzwischen immer mehr.

    Gegenwärtig bringen Debatten über individualistische, singuläre Identitäten zusätzliche Irritationen mit sich und lösen einen weiteren Schub der Individualisierung aus. — Nachdem die binäre Differenzierung, entweder weiblich oder aber männlich ›sein‹ zu müssen, immer weiter dekonstruiert wurde, werden verschiedene Aspekte des Männlichen und Weiblichen beliebig miteinander kombinierbar. Zugleich steigt damit aber auch die allgemeine Verunsicherung.

    Es geht inzwischen nicht mehr nur um Individualität, sondern immer mehr auch um die Selbstinszenierung der eigenen Singularität und darum, gegen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft ganz neu motivierte Forderungen auf Achtung, Anerkennung und Schutz geltend zu machen. — Auch die Individualisierung kommt im Prozeß der Zivilisation auf, sie ist das eigentliche Movens. Die Lebensverhältnisse wandeln sich, also läßt sich auch die ganze Selbstorientierung verändern. Nach diesem Metaprinzip bricht jede Individuation mit ›altehrwürdigen‹ Traditionen.

    Zugleich kommt allgemeine Verunsicherung auf, weil immer auch Erwartungssicherheiten darüber verloren gehen und immer mehr Ambivalenzen und Ambiguitäten spürbar werden. Gerade die ganz neuen Freiheiten, Individualisierungen und Singularitäten haben einen besonders hohen Preis, weil zusätzliche psychische aber auch soziale Belastungen damit aufkommen.

    Jede neue Freiheit geht mit Freiheitsschmerzen einher. Sich etwas davon ›herauszunehmen‹, damit Irritationen auszulösen und womöglich auch Zorn auf sich zu ziehen, ist das eine. Neue und andere Maßstäbe aber auf Dauer zu leben, ist etwas ganz anderes. — Individuation ist das treibende Moment, das den Prozeß der Zivilisation zunächst überhaupt erst in Gang gebracht hat und ihn seither durch immer neue Spannungen und Widersprüche immer schneller über sich hinaustreibt.

     

  • Anthropologie,  Ausnahmezustand,  Corona,  Corona-Diskurs,  Corona-Politik,  Diskurs,  Ethik,  Identität und Individualismus,  Moral,  Motive der Mythen,  Religion,  Theorien der Kultur,  Utopie,  Wissenschaftlichkeit,  Zeitgeist,  Zivilisation

    LIVE! music, life et cetera…

    Hemingway Lounge | Uhlandstr. 26 | 76135 Karlsruhe

    LIVE! . music, life et cetera . 

    Talk mit Prof. Dr. Heinz–Ulrich Nennen: “Von Freiheitsliebe und der Sehnsucht nach Kontrolle” .

     
    Ullrich Eidenmüller im Talk mit Prof. Dr. Heinz–Ulrich Nennen

     

    Was hat das Corona–Virus mit uns gemacht? Wie weit hat es die Welt verändert und wird sie noch verändern? Welche Tiefen hat das Virus in der Gesellschaft bloßgelegt? — Könnte es zu solchen Fragen am Beginn der „Rückkehr der Freiheit“ einen kompetenteren Gesprächspartner geben als ein Professor für Philosophie an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)?

    Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen Gesprächspartner von Ullrich Eidenmüller beim traditionellen Talk in der Hemingway Lounge sein. Der Philosoph, der seine Zeitgeist–Analysen seit Jahren aus seinem Wohnmobil am Kanal in Münster schreibt, analysiert die Auswirkungen auf das tägliche Leben, den „Verlust an Nähe, den wir zu verkraften haben, die Unkultur der Verunglimpfung Andersdenkender, das frühe Schließen der gesellschaftlichen Diskurse schon im März 2020“.

    Freuen Sie sich auf ein spritziges und tiefgehendes Gespräch in der wiedereröffneten Lounge, untermalt wie immer von der Musik, die Prof. Dr. Heinz–Ulrich Nennen mitbringt.

  • Anthropologie,  Ausnahmezustand,  Diskurs,  Ethik,  Identität und Individualismus,  Ironie,  Melancholie,  Moderne,  Moral,  Motive der Mythen,  Professionalität,  Religion,  Technikethik,  Theorien der Kultur,  Urbanisierung der Seele,  Utopie,  Wissenschaftlichkeit,  Zeitgeist,  Zivilisation

    Technikethik

    Kolloquium 

    Technikethik

    Technische Entwicklungen kontrovers reflektieren

    SS 2021 | donnerstags | 14:00–15:30 | Online
    Beginn: 22 April 2021 | Ende: 22. Juli 2021

    Zum Kommentar als PDF

    Von Verantwortung ist immer wieder die Rede. Ja, sie ist vakant und der Lauf der Welt ist alles andere als vertrauenserweckend. Der gute Wille allein genügt nicht. Zu unterscheiden sind mindestens das Subjekt der Verantwortung, der Verantwortungsbereich und die Verantwortungsinstanz, (ehedem Gott und jetzt?).

    Es gilt näher hinzusehen, wenn wir Fragen der Verantwortung angehen wollen, denn der Begriff ist mehrdimensional. Der Karlsruher Technikphilosoph Günter Ropohl hat das Ganze auf eine Formel mit sieben Variablen gebracht: Wer verantwortet was, wofür, weswegen, wovor, wann, wie? Wir müssen doch nicht alles machen, was wir können. Wie weit geht ihre (persönliche) Verantwortung wirklich?

    Dieses Kolloquium soll Fragen der Technikethik praktisch erfahrbar machen. Das wird anhand von Fallstudien aus ihren eigenen zukünftigen Berufsfeldern geschehen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren lassen. Dabei kommt es weniger auf das Ergebnis an, sondern auf die Qualität und den Austausch der vorgebrachten Argumente.

    Betreiben wir also Technikethik ganz konkret. Nehmen wir uns reale Situationen vor: seien es der Abgasskandal, Stellungnahmen zum Einsatz von Genmanipulation, der Einsturz der Brücke in Genua, Unfälle im Rahmen von Fahrten mit autonomen Pkw — oder was immer Sie umtreibt. Tun wir so, als wären wir unmittelbar dabei und hätten etwas zu sagen. Inszenieren wir die Kontroversen, in denen Techniklinien gestaltet werden, um sie am eigenen Leib zu
    erfahren. Die Veranstaltung soll Ihnen dazu dienen, Erfahrungen zu machen, die später womöglich auf Sie zukommen. Es ist dann fast wie ein Privileg, sich später daran zurückerinnern zu können, so etwas Ähnliches schon einmal durchgespielt zu haben.

    Nein, wir müssen es nicht.
    Aber?
    Aber wir werden es machen.
    Und weshalb?
    Weil wir nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt,
    ob wir es wirklich können.

    (Hans Blumenberg)

    Dirck van Baburen: Prometheus wird von Vulkan angekettet (1623). — Quelle: Public Domain via Wikimedia. — Prometheus, der Gott des Fortschritts, wird auf Geheiß des Zeus, unter Aufsicht des Götterboten Hermes, vom Gott der Technik Vulkan an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet. Sein Vergehen: Er hat aus Menschenliebe die Technik zu den Menschen gebracht. Diese sollten darauf den Fortschritt einige Jahrtausende nicht mehr zu Gesicht bekommen.

    Die Zeiten sind vorbei, als Ingenieure und Ingenieurinnen fast jede weitere Verantwortung noch zurückwiesen mit den Worten, sie würden die Technik nur herstellen, seien aber nicht verantwortlich dafür, was daraus würde. — Aber machen wir uns nichts vor, Versuche, den technischen Fortschritt auf ›bessere‹ Bahnen zu lenken, gab es viele. Unvergessen ist das Wort von Ulrich Beck: Die Ethik spielt im Modell der verselbständigten Wissenschaften die Rolle einer Fahrradbremse am Intercontinental Flugzeug. 

    Forderungen nach Ethik, Verantwortung, Technikfolgenabschätzung, nachhaltigem Wachstum und Kilmaschutz werden tagtäglich erhoben und sind nicht unproblematisch, denn es ist auch Überforderung im Spiel. Wofür sind wir als Einzelne verantwortlich und wie soll denn die Gesamtverantwortung wahrgenommen werden? Allmählich wird es Zeit. Wer gibt die Technikziele vor oder generieren sie sich selbst?

    Was viele Verschwörungstheorien noch unterstellen: Es gibt sie nicht, die Schaltzentralen der Macht, in denen die Ziele des Fortschritts vorgegeben, der Kurs eingestellt und die Entwicklungen koordiniert werden. Zweifelsohne spielen Technik und Wirtschaft eine große Rolle, aber auch Politik und Kultur.

    Der blaue Planet ist zur Anthroposphäre geworden. Inzwischen wurde bereits ein neues Erdzeitalter ausgerufen, das Anthropozän. Die Zivilisation ist nunmehr alles entscheidend für das Schicksal des ganzen Planeten und die Zukunft der Menschheit. Die Erde ist zum Raumschiff geworden. Wir rasen durch einen lebensfeindlichen Raum, hinter uns eine erst kurze Episode der Zivilisation und vor uns eine Zukunft, die mit sich selbst auf Kollisionskurs geht.

    Wenn es sie denn gäbe, die Kommando–Brücke, in der die Navigation vorgenommen wird, wenn wir dorthinein gelangen könnten, es wäre der Schock unseres Lebens. Denn die Pilotenkanzel ist leer, alles steht auf Autopilot und niemand wäre in der Lage, den Flug ›von Hand‹ zu steuern. Dabei ist das Ganze keineswegs nur eine Frage der Technik, sondern auch eine von Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft und vielem anderen mehr.

    Jan Cossiers: Carrying Fire (ca. 1630). Prometheus stiehlt das Feuer aus der Werkstatt des Vulkan. Es ist nicht das Herdfeuer, das hatten die Menschen schon sehr lang. Es ist das Metallurgenfeuer, womit die Bronzezeit begann und
    dann auch die Zivilisation. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Daher genügt es längst nicht mehr, einfach nur ›gute‹ Technik zu machen, Probleme pragmatisch zu lösen, im Sinne des ›state of the art‹ zu entwickeln, Normen und Vorschriften einzuhalten usw. usf. — Darüber hinaus stellt sich vor allem auch die Frage, wie weit denn die persönliche Verantwortung reichen soll. Es ist nicht allein die Technik, die den Fortschritt bestimmt, es sind viele verschiedenen Faktoren, die eine Rolle spielen. — Die Rollen im Mythos vom Prometheus, der den technischen Fortschritt zur Darstellung bringt, lassen die Zusammenhänge erahnen.

    Da ist der Menschenfreund Prometheus, der mit besten Absichten die Entwicklung anfacht, aber eigentlich nicht sehr glücklich agiert. Da ist Vulkan, der Techniker, der alles tut, was ihm aufgetragen wird. Er murrt zwar, als er den geschätzten Kollegen anketten soll, aber er tut es. Da ist Zeus, der ein ambivalentes Verhältnis zur Menschheit hat und daher hin und hergerissen ist über das Prometheus–Projekt. Da ist Athene, die Göttin der Weisheit, die den neuen Zivilisationsmenschen eine Seele einhaucht. Sie spendet auch die Wissenschaft und die Vernunft. Außerdem ist da noch Pandora, die mit allen Gaben Beschenkte, die die Gaben der abdankenden Götter zu den Menschen bringt, aber eben auch die damit verbundenen Übel. Und da ist noch Epimetheus, ein Melancholiker, der sich in Pandora verliebt. — Das dürfte genügen, die verschiedenen Seiten und Interessen zu charakterisieren, die dafür sorgen, daß der Fortschritt eben einen bestimmten Gang nimmt.

    Als der Münchener Soziologie Ulrich Beck im Jahre 1958 den Eintritt in die Risikogesellschaft diagnostizierte, sah er den technisch–ökonomischen Fortschritt überlagert von immer größeren, ungeplanten Nebenfolgen, grenzüberschreitenden Umweltproblemen und globalen Folgen Es gibt inzwischen einen Grad an Komplexität, der sich nicht mehr steuern oder gar beherrschen läßt. Eigentlich müßten alle unsere Innovationen unterhalb dieser Schwelle bleiben, aber das Gegenteil ist der Fall. Also wofür sind Techniker, Ingenieure und Ingenieurinnen wirklich verantwortlich? Welcher Teil der Verantwortung fällt anderen zu?

    Harry Bates: Akt (1891). Auf Geheiß des Zeus wurde von Vulkan eine Frau erschaffen, mit allen Gaben der Götter ausgestattet und von Hermes zu den Menschen gebracht. Sie brachte jedoch nicht nur die Fähigkeiten der Götter, sondern auch die damit verbundenen Übel auf die Erde. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

    Es ist keine unproblematische Entwicklung, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr Verantwortung auf Einzelne übertragen wurde, während die Gesamtverantwortung sich immer weiter verflüchtigt. Wer verantwortlich sein soll, muß gestalten, muß auch anders entscheiden können, erst dann kann Verantwortung zugeschrieben werden. — Insofern ist der Anspruch auf Ethik und Moral das eine, wie damit ganz praktisch umgegangen werden kann, ist das andere. Sich verantwortlich zu fühlen für Verhältnisse, die nicht in der eigenen Macht stehen, ist daher nicht unproblematisch. Wer Verantwortung übernimmt, muß ›Nein sagen‹ können oder ›So nicht!‹.

    In diesem Seminar sollen solche Konflikte in Wertfragen, Zielkonflikten und der moralischen Integrität durchgespielt werden. Das geschieht anhand von Beispielen einschlägiger Dilemma–Situationen. Mitunter sind die Rahmenbedingungen schon problematisch, etwa wenn es gilt, unter den Bedingungen schlechter Kommunikationsverhältnisse und aus Sorge um die eigene Reputation fachlich kompetent und moralisch integer zu handeln. Dazu bedarf es einiger Erfahrungen, die genauso wichtig sind wie das ganze technische Know–how.

    Dazu hat der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß eine hilfreiche Unterscheidung geprägt: Zum technischen Verfügungswissen gehört auch ein ebenso wichtiges Orientierungswissen. Das eine sagt uns wie, das andere aber wozu.  — Mitunter geraten aber das Wie und das Wozu in Widersprüche. Die Technikgeschichte ist voll solcher Beispiele, wo erst sehr viel später sich Nebenfolgen mit kolossalen Wirkungen zeigen, bis sie endlich wahrgenommen und thematisiert werden.

    Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, ob es nicht doch eine ›bessere‹ Technik gibt, eine, die von vornherein weniger Nebenfolgen hat. Technikutopien sind daher eine wichtige Orientierungshilfe, vor allem dann, wenn kritisch damit umgegangen wird. Wesentlich ist es, die verschiedenen Aspekte erörtern zu können und nicht zuletzt, andere zu überzeugen. Dazu ist kritisches Denken erforderlich. Daher geht es um die ethische, politische, ökonomische und ökologische Verantwortung im Ingenieurwesen. Erst das macht ›gute‹ Technik möglich, ein ›gutes‹ Gewissen und nicht zuletzt gute Professionalität. 

    Bandicoot Robot: Converting manhole to robohole (2018). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

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    Philosophische Ambulanz

    Philosophische Ambulanz

    SS 2021 | freitags | 12:00-13:30 Uhr | Raum: online

    Beginn: 23. April 2021 | Ende: 23. Juli 2021

    Zum Kommentar als PDF

    Ferdinand Bart: Der Zauberlehrling, (1882). Zeichnung aus dem Buch Goethe’s Werke, 1882. — Quelle: Public Domain via Wikimedia

    Und sie laufen! Naß und nässer
    Wird’s im Saal und auf den Stufen.
    Welch entsetzliches Gewässer!
    Herr und Meister! hör mich rufen! —
    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister,
    Werd ich nun nicht los.
    »In die Ecke,
    Besen! Besen!
    Seid’s gewesen.
    Denn als Geister
    Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
    Erst hervor der alte Meister.

    (Goethe: Der Zauberlehrling)

     

    In der Philosophischen Ambulanz kommt die Philosophie wieder zurück auf den Marktplatz, wo Sokrates seine Dispute führte, immer auf der Suche nach einer Philosophie, die es besser aufnehmen kann mit der Wirklichkeit. In den Dialogen und Diskursen der Philosophischen Ambulanz soll es darum gehen, in gemeinsamen Gedankengängen die besseren, höheren und tieferen Einsichten zu gewinnen.

    Verstehen ist Erfahrungssache, Verständigung ist eine Frage der Übung. Oft herrschen aber falsche Vorstellungen vor: Gemeinsames Verstehen entsteht im Dialog und in Diskursen, bei denen es nicht vorrangig um Meinungsäußerungen und Stellungnahmen geht. Es kommt auch nicht darauf an, Recht zu behalten, sich zu behaupten oder etwa vermeintliche ›Gegner‹ mundtot zu machen. — Gewalt entsteht, wo Worte versagen, wenn nicht gesagt und verstanden werden kann, was einem wirklich am Herzen liegt.

    Es kommt viel mehr darauf an, im gemeinsamen Verstehen weiterzukommen, so daß sich die Diskurse anreichern und ihre Sukzession, also einen Fortschritt erreichen. Daher ist es so wichtig, gerade im Konflikt aus einem Dissens heraus wie der zu neuem Einvernehmen zu finden. Erst das macht uns zu mündigen Zeitgenossen, wenn wir auch über die eigene Stellungnahme noch frei verfügen können. — Zu Philosophieren bedeutet, Widersprüche und Ambivalenzen nicht schleunigst aufzulösen, weil sie anstrengend sind. Vielmehr gilt es, das Denken selbst in der Schwebe zu halten. Der Weg ist das Ziel, gerade auch beim Philosophieren.

    Es gilt, nicht nur die üblichen Standpunkte zu vertreten, sondern neue und gänzlich unbekannte Perspektiven zu erproben. Daher ist der Positionswechsel von so eminenter Bedeutung. Genau das ist ›Bildung‹, den Standort der Betrachtung wechseln, um eine Stellungnahme ggf. auch aus einer beliebigen anderen Perspektive vornehmen, kommentieren und beurteilen zu können.

    Verstehen ist Erfahrungssache

    Im Philosophischen Café kommt die Philosophie wieder zurück auf den Marktplatz, wo Sokrates seine Dispute führte, immer auf der Suche nach einer Philosophie, die es besser aufnehmen kann mit der Wirklichkeit. In den Dialogen und Diskursen der Philosophischen Ambulanz soll es darum gehen, in gemeinsamen Gedankengängen die besseren, höheren und tieferen Einsichten zu gewinnen.

    Verstehen ist Erfahrungssache, Verständigung ist eine Frage der Übung. Oft herrschen aber falsche Vorstellungen vor: Gemeinsames Verstehen entsteht im Dialog und in Diskursen, bei denen es um nicht vorrangig um Meinungsäußerungen und Stellungnahmen geht. Es kommt auch nicht darauf an, Recht zu behalten, sich zu behaupten oder etwa vermeintliche ›Gegner‹ mundtot zu machen. — Gewalt entsteht, wo Worte versagen, wenn nicht gesagt und verstanden werden kann, was einem wirklich am Herzen liegt. Es kommt vielmehr darauf an, im gemeinsamen Verstehen weiterzukommen, so daß sich die Diskurse anreichern und ihre Sukzession, also einen tatsächlichen Fortschritt im Verstehen erreichen.

    Daher ist es so wichtig, gerade im Konflikt aus einem Dissens heraus wieder zu neuem Einvernehmen zu finden. Erst das macht uns zu mündigen Zeitgenossen, wenn wir auch über die eigene Stellungnahme noch frei verfügen können. — Zu Philosophieren bedeutet, Widersprüche und Ambivalenzen nicht schleunigst aufzulösen, weil sie anstrengend sind. Vielmehr gilt es, das Denken selbst in der Schwebe zu halten. Der Weg ist das Ziel, gerade auch beim Philosophieren.

    Es gilt, nicht nur die üblichen Standpunkte zu vertreten, sondern neue und gänzlich unbekannte Perspektiven zu erproben. Daher ist der Positionswechsel von so eminenter Bedeutung. Genau das ist ›Bildung‹, den Standort der Betrachtung wechseln, um eine Stellungnahme ggf. auch aus einer beliebigen anderen Perspektive vornehmen, kommentieren und beurteilen zu können.

    Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Wir müssen selbst entscheiden, wann wir etwas auf sich beruhen lassen, für welche Themen wir offen sind, und wofür wir uns wirklich brennend interessieren. Die Zunahme an Informationen ist dabei von erheblicher Bedeutung, denn sie führt gegenwärtig ganz offenbar zu Überforderungen. Alles könnte man wissen, aber jedes Wissen ist eigentlich unsicherer denn je.

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    Das erschöpfte Selbst

    Oberseminar:

    Das erschöpfte Selbst — Die Psyche und die Narrative

    Donnerstags | 12:00-13:30 Uhr | Raum: online

    Beginn: 15. April 2021 | Ende: 22. Juli 2021

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    Es gilt, ein multiples Selbst und Multiperspektivität zu entwickeln. Denn wenn wir den bisherigen Verlauf der Psychogenese in die Zukunft verlängern, dann werden weitere Internalisierungen folgen.

    Das werden vor allem auch solche sein, die Probleme bereiten, weil sie immer mehr miteinander im Hader liegen wie Priester und Ketzer, wie Schamanen und Wissenschaftler, wie Natur– und Kulturwissenschaften. — Es wird ganz gewiß nicht einfacher, sondern komplizierter, wenn nunmehr weitere widersprüchliche Figuren und Narrative hinzukommen, so, wie wir inzwischen fast den ganzen Götterhimmel in uns haben als Teil unserer Psyche.

    Nicht nur die soziale Außenwelt, sondern auch die psychischen Innenwelten differenzieren sich im Verlauf der Kulturgeschichte immer weiter aus. Wenn die Welt, weniger die natürliche Umwelt, als vielmehr die soziokulturelle zweite Natur, immer komplexer wird, dann steigen die Anforderungen, wirklich noch zu verstehen, was eigentlich gespielt wird.

    Es sollte daher möglich sein, die inhärente Dialektik verschiedener Perspektiven mit allen einschlägigen Differenzen ganz bewußt in Dienst zu nehmen, um sodann selbst denken und sich an die Stelle eines jeden anderen versetzen zu können, um schließlich im Bewußtsein aller dieser unterschiedlichen Stimmen aufzutreten.

    Vorgestellt wird uns Narziß als ein anmutiger allseits begehrter Jüngling, nur daß dieser, ganz anders als der noch anmutige Jüngling im Marionettentheater von Kleist, auch im weiteren Verlauf seiner Jugend rein gar nichts von seiner Anmut einbüßt. Man könne ihn als ein Bild der närrischen Eigenliebe ansehen, nach welcher einer andere Leute verachtet, endlich aber ein Narr werde, und selbst vergeht, heißt es im gründlichen mythologischen Lexikon von Benjamin Hederich, das bereits Goethe, Schiller und Kleist inspiriert hat.

    Bei Ovid erfahren wir sein doch recht jugendliches Alter, Narziß habe soeben eines zu fünfzehn Jahren hinzu gefügt und könne ebenso noch als Knabe erscheinen aber auch bereits als Jüngling. Wir haben es also mit einem recht jungen Menschen zu tun, und verwunderlich ist eigentlich, daß allen Ernstes erwartet wird, dieser solle sich in diesem Alter bereits zu irgendeiner Liebe bekennen.

    Übertragen in unsere Gegenwart müßten wir protestieren und anführen, daß ein halbes Kind sehr wohl auch sein Recht auf einen Rest Kindheit, auf Jugendlichkeit, Ungebundenheit, auch auf Selbstverliebtheit habe und daß nicht erwartet und schon gar nicht gefordert werden solle, er möge alsbald den sogenannten Ernst des Lebens oder gar der Gründung einer Familie ins Auge zu fassen. — Aber unterstellen wir weiterhin, der Mythos wolle uns anhand des Narziß etwas anderes vor Augen führen, gestehen wir ihm also zu, wogegen wir durchaus Einspruch erheben könnten.

     

    Warum es einen solchen Mythos geben muß, der uns den Narzißmus näher vor Augen führt, läßt sich anhand einer Nebenbemerkung bei Ovid zumindest erahnen, es ist die ›Neuheit des Wahnsinns‹ bei Narziß, darin läge dann also das eigentliche Motiv für diesen Mythos.

    Am Anfang steht der geheimnisvolle Spruch des Sehers, der noch aus der Kinderzeit stammt, der über lange Zeit nicht in Erfüllung gehen sollte: »Wenn er sich nicht kennt!« sei ihm ein langes Leben beschieden, hatte Theresias vorhergesagt.

    “Lang schien eitel und leer sein Ausspruch. Doch ihn bewähren That und Erfolg und die Art des Tods und die Neuheit des Wahnsinns.” (Ovid: Metamorphosen)

    Diese ›Neuheit des Wahnsinns‹ wäre demnach der eigentliche Anlaß, warum es diesen Mythos, warum es Narziß hatte geben müssen, um zu demonstrieren, daß etwas in seiner Entwicklung schief gegangen ist, was nicht schief gehen sollte. — Der neuartige Wahnsinn sollte nun justament in dem Augenblick ausbrechen, als sich Narziß doch noch selbst kennen lernen sollte.

    Es scheint zugleich, als wolle der Mythos auch protestieren, als sei er gegen irgendetwas Neues gerichtet, vor dessen Folgen hier gewarnt werden soll, anhand eines schlimmen Fallbeispiels. — Wenn dem so wäre, daß der Mythos selbst und seine Autorintention einer Epoche entstammt, in der das, wovor hier gewarnt werden soll, noch gar nicht bekannt war, so daß es Befürchtungen gab, gegen die sich das mythische Modell des Narziß richten sollte, dann steht vermutlich im Hintergrund die Erfahrung eines einschneidenden kulturellen Wandels.

     

    Wir haben es hier also vermutlich mit einem entscheidenden Schritt im Prozeß der Psychogenese zu tun. —  Die Neuheit des Wahnsinns von Narziß läge demzufolge darin, nicht mehr einfach wie üblich von Liebe ergriffen zu werden, als willenloses Objekt eines Angriffs des Heckenschützen Amor, der, selbst noch ein verantwortungsloses Kind, einfach mit Liebesfeilen nur so um sich schießt und der nicht selten auch Zeus zu allen erdenklichen Eskapaden verleitet.

    Wir hätten dann im Narziß einen angehenden jungen Mann vor uns, der sich das Urteil darüber, in wen er sich verliebt und ob überhaupt, selbst vorbehält. Auch das wäre eine Lesart, wobei die Neuartigkeit des Wahnsinns, die Unverschämtheit aus der Perspektive der Alten zweifelsohne im Anspruch auf Individualität liegt.

    Narziß wäre einer, der sich nicht so einfach ergreifen läßt, der sich seine Kindheit und seine Jugendlichkeit bewahrt. — Narziß dürfte demnach in ganz besonders einem Wesenszug als arrogant, selbstverliebt und auch hochmütig erschienen sein, in seinem Anspruch ein eigenständiges, selbstbestimmtes Individuum sein zu wollen.