Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Kunst

Querkopf II

Worum es geht? Darum, daß wir alle selbst denken

Als das Orakel von Delphi mit dem Spruch herauskam, Sokrates sei der Weiseste unter den Athenern, hatte er nichts Besseres zu tun, als daran zu zweifeln. – Jetzt müßte der Chor des Mainstreams energisch ausrufen: Das ist Gotteslästerung gegenüber Apollon, dem Herrn des Orakels zu Delphi!

War es das? Vielleicht ja, vielleicht nein. Wir wissen nicht, was Apollon gesagt hätte.

Aber Sokrates hatte nun einmal nicht den Eindruck von sich, wirklich weise zu sein. Also „testete“ er alle anderen, von denen er annehmen mußte, sie verstünden wenigstens was von ihrer Sache und da er nun mal von gar nichts was wußte, mußten sie ja nun nachvollziehbar auch als weiser erscheinen. – Er hat dann ganz Athen gegen sich aufgebracht, aber das ist eine längere Geschichte…

Das bei derartigen Untersuchungen etwas Überraschendes herauskommt und eben keine Petitio Principii, ist ja der Grund, warum man sich überhaupt solcher Mühen unterzieht, an allem zu Zweifeln. Und Descartes als Vater der Methode des systematischen Zweifels hatte zeitlebens Angst vor der Inquisition.

 Man wird aber auch immer mal wieder belohnt dafür, sich mit Zweifeln abzugeben.

Erst so kommt man zur eigenen Sicht, zu Inspirationen, zu Vorstellungen, daß irgend etwas auch ganz anders gesehen, gewesen oder sein könnte. – Das ist der Moment, wo im Krimi der Kommissar nach der vermeintlichen Lösung des Falles einem entsetzten Kollegen sagt: Das war zu einfach, wir fangen jetzt noch einmal von vorne an!

Mir ist nun derweil tatsächlich etwas Überraschendes untergekommen, als ich versucht habe, dahinterzukommen, was denn wohl die Motive der Impfverweigerer sein könnten. So arbeite ich und das ist meine Methode: Man glaubt einfach alles, tritt gutwillig wie ein Kind voller Vertrauen heran und versucht alles nachzuempfinden, um aus der Perspektive des Anderen einfach nur zu verstehen. Dabei muß man die Einstellung nicht wirklich übernehmen oder gar teilen. Es genügt bereits, die Beweggründe nur nachvollzogen zu haben.

Als Philosoph weiß ich nun wiederum aus Erfahrung, daß die meisten Thesen schon bei der Vorstellung in sich zusammenbrechen, sie können sich einfach nicht halten aus vielerlei Gründen. Oft haben sie gar kein Fundament. Sobald sie stabil erscheinen, mache ich Belastungstests wie die Brückenbauer es tun. Ich will genauer wissen, wie belastbar eine These ist und wann sie, unter welchen Umständen, wie schnell kollabiert.

Das Besondere an den allseits verteufelten Ungeimpften scheint mir zu sein, daß sie es sich nicht leichtgemacht haben, zu ihrer Entscheidung zu kommen und dann auch dazu zu stehen. Mich reizt immer die Qualität von Begründungen, daher teste ich möglichst vieles tagtäglich auf philosophische Dignität. Ich teste nicht auf Kompatibilität zu den Glaubensbekenntnissen des Mainstreams. Da interessiert mich vieles andere, etwa, woher diese Kirchengläubigkeit kommt, die jetzt „die“ Wissenschaft zum einzig wahren Glauben erklärt und in allen Zweiflern nur gemeingefährliche Ketzer sieht.

Es geht um sehr viel mehr in der Corona-Kris. Und auch beim Philosophieren geht es um alles. Das Ganze ist immer das, was man mit Spekulationen andauernd in Erfahrung zu bringen versucht, das Ganze ist die Vernunft. Die vielbeschworenen Rationalitäten, im Plural, stehen immer nur für einen Teil des Ganzen.

Meinen vielen Untersuchungen zufolge ist es die Aufgabe der Vernunft, Modell-Vorstellungen vom großen Ganzen zu entwickeln. Also wann wäre etwa eine Expertenrunde vollständig, welche Positionen müssen einfach vertreten werden? Das war mein Job in der Technikfolgenabschätzung über viele Jahre, – so etwas zu organisieren, zu moderieren und den Diskurs darüber zu initiieren. – Wenn ich dagegen heute sehe, wie engstirnig, ja hochnotpeinlich einseitig die öffentlichen Debatten verlaufen, dann bin ich auf der falschen Party.

Wir haben es, so meine Diagnose, mit multiplen Systemversagen zu tun, was nicht hätte müssen sein. Die Hauptlast der Verantwortung liegt beim Bundesverfassungsgericht und dann bei den Medien, weil sie von Anfang an in Konkurrenz zum Internet auf Eskalation gesetzt haben. Die Politik hat sich verführen lassen, den großen Zampano zu geben.

Genau davor hat der heilige Niklas (Luhmann) immer gewarnt, zu glauben, man könnte den Autopiloten der Systeme mal abschalten und auf Handsteuerung gehen. Sorry, die Pilotenkanzel ist unbesetzt! Ja es gibt sie nicht einmal, die Hebel der Macht. – Da irren viele derer, die wirklich was dafür geben würden, wenn es die eine Geschichte von dem einen Bösen, also vom Haupt der Verschwörung wirklich gäbe, so wie bei James Bond, den ich deswegen mit Eifer schaue, weil er so rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Philosophie ist die Mutter aller Wissenschaften, daher haben wir auch einen Zugang zu allen Disziplinen. Als sie sich emanzipiert haben, um selbständige Wissenschaft zu werden, haben sie die radikalsten Fragen in der Philosophie zurückgelassen. Daher und daran läßt sich zu jeder Zeit sehr leicht anknüpfen. Wir haben jeder Zeit jeden Zugang. – Aber Philosophie ist auch eine Wissenschaft, was mich damals, als ich anfing, schwer begeistert hat, daß sogar die Denkfehler einen Namen haben, wie gute alte Bekannte. – Aber Philosophie ist auch Literatur, also arbeitet sie mit Metaphern, Mythen, mit allen erdenklichen Motiven für Idealvorstellungen, wie es die Götter für uns sind.

Worum es geht? Darum, daß wir alle selbst denken, auch auf die Gefahr hin, schief angesehen zu werden, was man sich denn wohl einbildet. Das ist nun mal der Preis. Und im übrigen besteht die Gefahr, ganz enorm daneben zu liegen.

Vieles ist eine Frage der Methode, und es gibt ein paar ziemlich gute Methoden. Ich bezeichne eine davon als die „Kunst des Zuschauers“, die andere als „Philosophie in Echtzeit“. – Und über allem hängt als Damoklesschwert der Leitspruch meiner Philosophie: Und hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Klio dichtet

Klio dichtet,
ja, es sind immer die Narrative.
Auch dieses hier, diese Mischung aus Suppenkasper
und dem Losungswort für eine neue Weimarisierung,
die unsägliche Rede von den Covidioten,
(ergo: Coronaleugner, Wissenschaftsfeinde, Faschisten, Verschwörungstheoretiker, Staatsfeinde, Schuldige)
 
Ja,
Kinderlieder sind grausam…
Ich kann mich dunkel und peinlich berührt
an eines aus der Nachkriegszeit erinnern.
(Hinter einer Bude, saß ein J*…
Dann kam was mit Piepen, also Geld und auch was mit Läusen)
Aber Erwachsene haben dann immer flüsternd gebrüllt,
wir sollte sofort aufhören damit…
 
Gerade die Übertretung, die Herabsetzung Anderer bereitet eine gewisse Lust,
vor allem dann, wenn man glauben möchte,
ihnen das Böse, das man ertragen muß,
anlasten zu können.
Wer sich also an ihnen vergreift,
gibt ja nur zurück, oder?
Sie erhalten ja nur, was sie „verdient“ haben, oder?
 
Ja?
Verdient wieso, wofür, weswegen?
 
Tiefenpsychologisch läßt sich erklären, was da eigentlich gerade vor sich geht.
 
Es ist schon befremdlich, mit welcher Häme zur Kenntnis genommen wird,
wenn einer dieser Aktivisten stirbt,
an Corona!
Und dann auch noch ungeimpft, also ohne getauft zu sein!
Jetzt schmort er also im Fegefeuer.
 
Weil wir uns allen Ernstes einer Riege von Epidemiologen anvertrauen,
sind wir im Entwicklungsniveau wieder im Mittelalter angekommen, denn sie verstehen nur ihre Zahlen
und sehen auch nur, was diese sagen.
Ja und was sagen die Zahlen denn schon?
Was sehen sie überhaupt?
Sie sehen nicht die Psyche, den Ruin vieler, den Untergang der Clubs,
das Sterben der Kultur, den Verlust an Nähe und die seelischen Grausamkeiten gegenüber Kindern und Alten.
Sie sehen nicht die Bürgerkriegspotentiale, den neuen Haß, das Versagen des Bundesverfassungsgerichtes, den Niveauverlust auf allen erdenklichen Ebenen.
 
Dafür haben sie keine Zahlen, dafür sind sie auch nicht zuständig.
Ja, das sind sie in der Tat nicht.
Dann sollten sie auch nicht Empfehlungen geben, die sie gar nicht vertreten können,
weil sie keine Ahnung haben davon, was Menschsein ausmacht.
Menschen die Nähe, die Berührung, das intime Verhältnis zum eigenen Körper, Sterbenden die Berührung, Dementen die Besuche zu nehmen,
ist das rettend?
 
Sorry, selbst ein verstorbener AFD-Mann
war, ist und bleibt ein Mensch mit allem, was dazu gehört.
Etwas mehr Würde im Umgang sollte schon drin sein,
selbst wenn sich gerade die AFD hier nicht verdient gemacht hat.
Würde ist umso wichtiger,
in einer Zeit, die den Grundgesetz-Artikel über die Würde
gerade auf den Altären der Zahlenfetischisten ausbluten läßt
um dem Gott der Geistlosen zu opfern.
 
Nicht was sie wissen, die Herren und Damen Scientisten
in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Reinheit der Zahlen,
sondern das, was sie alles nicht wissen, interessiert mich.
 
Nie waren Zeiten so geistloser.
Da treten Naturwissenschaftler auf, um ernsthaft
über den Unterschied zwischen Wissen und Glauben zu fabulieren.
Sie hätten nun mal das Wissen und die anderen nur Glauben.
 
Sorry, Vertrauen läßt sich nicht einfordern,
es wird einem gegeben,
wenn man es sich verdient hat in den Augen derer,
die ja vielleicht auf andere und auf anderes vertrauen.
 
Wir haben einen neuen Aberglauben am Hals,
einer, der sich aufgeklärt gibt, aber blind vertraut
und dann auch noch blindes Vertrauen einfordert.
Da kann man aber auch sehen, was Angst mit Menschen macht.
 
Dabei wissen wir doch schon seit geraumer Zeit, daß der Zeitgeist
zwischen Aufklärung und Aberglauben immer wieder hin und her pendelt.
 
Der Glaube an die einzig wahre Epidemiologie zeigt den erbärmlichsten Stand der Humanität seit Menschengedenken.
Wir sind fortan nur noch Biomaschinen ohne Psyche, Leib oder Seele, ohne Geist und Vernunft.
Das alles zählt nicht,
meint Klio, – heute.
 
Sie ist besoffen vom vermeintlichen Erfolg,
Geister zu vertreiben, die sie selbst gerufen hat.
Sie pinkelt des Nachts berauscht in einen Brunnen
und steht Stunden davor,
weil sie die eigene Größe verspürt,
denn das Rauschen hört einfach nicht auf.
 
Die Priester im Tempel der Vernunft kennen das alles.
Es gibt unendlich viele Narrative,
von denen alle irgendwann einmal äußerst wichtig sein werden.
Das ist eine Frage, die im Tempel der Vernunft immer wieder neu gestellt wird.
Wie wird das Wetter des Geistes morgen?
Darauf kommt es an.
Vernunft ist mehr als die Summe epidemiologischer Zahlen.
Es geht nicht nur um die Materie im Körperlichen.
Menschen sind sehr viel mehr als nur das.
Auf den Geist kommt es an.
Niemand und nichts ist näher am Licht der Vernunft.

Georg Stefan Troller zum Hundertsten

Georg Stefan Troller zum Hundertsten

Er hat mich geprägt, denn er zeigt immer wieder, wie Verstehen möglich ist und wie fantastisch es sein kann. Dabei ist sein Verständnis oft etwas mutwillig hergeholt und genau damit wird er zum Vorbild. Ja, man kann verstehen, muß sich aber nicht gleichmachen. Aber vielleicht war und ist es ja auch “nur” die Sonne in seinem Herzen und das bei diesem Lebensweg, – vielleicht auch gerade deswegen.

 

Dieses Niveau ist einmalig. Der freundliche, leicht ironische Unterton, das stets bereitwillige Understatement, das zur Not auch betont hemdsärmelig daherkommt, von wegen, es müsse doch wohl so sein… Das ist höchste Kunst der Begegnung. Dabei kommt alles so leichtsinnig und flaneurhaft daher, aber es werden Tiefen erreicht, die oft nicht einmal erahnt werden.
Es ist schon bestechend, dabei zu sein, um mitzuerleben, wie leicht man auf wirklich Wichtiges kommt ohne diese stromlinienförmige Oberflächlichkeit, die nur so tut, als wäre da Tiefe. – Dann dieser Ton mit einer verlockenden Komplizenschaft für den Zuschauer, der mit ihm gern auf Erkundung. Man vertraut sich gern an.
Da weiß einer sehr viel zu erzählen und versteht sich auf das Verstehen und das auch noch in grotesken Begegnungen. Man spürt, wie die eine Zeit auf die andere folgt im Sauseschritt.
Stets sind es bereichernde Begegnungen und Erfahrungen, die sogleich ein Teil werden, als hätte man es selbst erlebt. Troller tut das, was die Mythen immer schon wollten, Weltvertrauen schaffen auf der Grundlage eines Understatements, das es sich leisten kann, sich zu riskieren.
Herzlichen Glückwunsch, Georg Stefan Troller!

Kunst, Künstler und Gesellschaft

Video: Anmerkungen zum Projekt Hawerkamp

Seit 1988/89 hat sich auf dem ehemaligen Gewerbegelände „Am Hawerkamp“ in Münster mit städtischer Duldung bzw. Unterstützung ein „Kulturgelände“ entwickelt. Dort finden sich Ateliers für Künstler, Clubs, Bühnen, Werkstätten und Initiativen.

Der Videokünstler Jürgen Hille hat mit „Projekt Hawerkamp“ im Frühsommer 2021 an diesem Ort mit einer Reihe von Interviews und Filmszenen auf seine Weise eine „Realitätsforschung“ betrieben, um den Geist des Ortes zu charakterisieren.

Meine „Philosophische Ambulanz“ findet sich in Sichtweite, wenige Projekte, wie etwa mein „Public Writing“ haben ich auch schon dort inszeniert. – Also wurde ich zum Interview gebeten. Dabei nahm ich die Gelegenheit wahr, einmal das Verhältnis zwischen Kunst, Künstlertum und Gesellschaft zur Sprache zu bringen.

Jürgen Hille: Realitätsforschung, 2021.  

Der Ursprung von Kunst hat immer etwas Sakrales. Sie dient dem Ausdruck einer Schönheit, hinter der etwas Heiliges steht. – Im Hintergrund steht der wiederkehrende Wunsch nach Begegnungen mit dem Heiligen. In dieser Tradition, in diesen Diensten stehen die Künste von Anfang an.

Je weiter der Prozeß der Zivilisation voranschreitet, umso weiter kommt es zur Entzauberung der Welt. Umso mehr brauchen wir die Künste, weil sie etwas bewahren, was Zivilisationsmenschen aufgeben, weil es jenseits der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis liegt.

Insofern sind Künstler ganz besondere, nicht selten eigenartige Menschen, die gern über den Zaun schauen. Insofern ist es die Aufgabe von Kunstwerken, daß sich Geheimnisse aufdecken. – Auf diese besonderen Begegnungen mit dem Geheimnisvollen kommt es an. Daher sind solche Soziotope von immenser Bedeutung.

Aber unserer Gesellschaft fehlt inzwischen bereits sehr viel mehr. Eine Welt, die nur auf Geld aus ist und glaubt, sich Seelenheil erkaufen zu können durch Selbstinszenierungen, die ohne Herz und Seele sind, ist kaum mehr zu retten und eigentlich auch nicht der Rettung wert. – Was die Kunst als Arbeits- und Lebenswelt vor Augen führt, ist das gerade Gegenteil der Aufspaltung in Lebenswelt und Arbeitswelt, in Leben und Gegenleben.

Die Arbeits- und Lebenswelten sind offenbar nur erträglich, wenn es immer wieder „Urlaub“ von alledem gibt. Nur ist diese Trennung selbst das Problem. Wir haben Lebenskonzepte, die eigentlich gar nicht zum Leben da sind, sondern dazu, daß wir arbeiten und konsumieren sollen. – Daher ist es so schön, daß es Künstler gibt, die einfach von diesen vorgefertigten Lebenswegen abweichen, die das Ihre tun und der Gesellschaft vorführen, was alles anders sein kann.

 


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