Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Philosophie der Psyche

Category: Technik

Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Über Menschenwürde und Impfzwang

Viel war immer von „Würde“ die Rede, gerade in Deutschland. Dieser Begriff war wie ein Fetisch, man hob ihn sehr hoch und höher. Aber den allermeisten war das Gemeinte so faßbar wie die Begriffe Leib und Seele.

Und da nun die „harten“ Wissenschaften keinen Zugang haben zu alledem, ist es eigentlich schlecht bestellt um das,  was gemeint sein könnte. Allenfalls wird widerwillig noch so etwas wie Psyche zugestanden aber dann auch nur mit einem Manko. Wenn etwas „psychologisch bedingt“ ist, dann ist es zugleich „nur psychologisch“.  – Es ist gewissermaßen grundlos, weil es ja nun keine „kausale“ Ursache gibt, oder?

Das ist der bornierte Materialismus einer Kultur, die inzwischen gefährlich geistlos geworden ist, wie sich an der aktuellen Debatte um den Impfzwang zeigt.

„Würde“ ist unfaßbar für alle diejenigen, die meinen, es gäbe nur eine einzige Wahrheit, nämlich diejenige, die sich in Zahlen messen und naturwissenschaftlich thematisieren läßt. Ja und Liebe wird zur Hormonstörung, ist es nicht so? Und Schönheit kommt von außen, tausend InfluencerInnen können nicht irren?

Alles, was nicht ins Prokrustenbett dieser Unbildung paßt, wird passend gemacht. Das geht so weit, daß BiologInnen in den Talkshows der Republik unwidersprochen zwischen Glauben und Wahrheit unterscheiden, um dann “die Wahrheit” für sich zu reklamieren. Und alles andere ist Hokuspokus? – Ich muß doch sehr bitten.

Das Niveau ist inzwischen unterirdisch. Die so scheel beäugte Psyche geht gerade über Hecken und Zäune. Es geht schon längst nicht mehr um körperliche Gesundheit. Wir haben es mit einer Massenhysterie zu tun, die nun Sündenböcke braucht, weil aus alledem, was man sich versprochen hat, durch Impfen wiederzugewinnen, nichts wie erwartet gekommen ist. – Dabei wurde von Anfang an rücksichtslos alles ins Opferfeuer geworfen, ob es das Seelenheil von Kindern ist, denen man sagte, sie würden den Tod bringen oder die Würde der Sterbenden und Dementen, die ohne jede menschliche Berührung wegdämmern und sterben. Die Liste ist inzwischen unübersehbar, was da an Schäden angerichtet worden ist.

„Würde“ ist ein höchst intimes Selbstverhältnis zwischen Ich und Selbst, Körper und Psyche, Leib und Seele, Sinnlichkeit und Geist. Es ist dieser seltsame Widerspruch, daß wir von den einen nicht einmal flüchtig berührt werden möchten, während wir uns den anderen mitunter vorbehaltlos hingeben können. Das hat etwas mit einem Vertrauen zu tun, das nicht eingefordert werden kann.

Was haben wir denn für Bilder im Kopf, wenn „unser Körper“ gerade mit etwas ringt? Das sind Narrative, die wir uns durch den täglichen Wissenschaftsjournalismus einfangen. Als ob das alles wäre, um zu sagen, wer und was „wir“ denn so alles „sind“.

Naiv sind weniger die der Esoterik Verbundenen, sie versuchen wenigstens eigene Worte zu finden für dieses Intimverhältnis. Während die anderen nur ihre Geistlosigkeit demonstrieren und einen längst arbeitslos gewordenen Kirchenglauben nunmehr auf „die“ Wissenschaft richten, ja welche denn? – Es gab zu allen Zeiten einfache Gemüter und diese wußten darum. Nur, inzwischen halten sich diese auch noch für aufgeklärt, wenn sie daran gehen, andere zu belehren, um sie auf den richtigen Glaubensweg zu bringen.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und das Leben ist der höchsten Güter nicht; – vieles, unendlich vieles ist schon gesagt worden darüber, daß es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, zwischen Körper und Geist, von denen sich unsere Wissenschafts-Weisheiten nun wirklich nicht einmal eine Vorstellung machen können.

Alle diese Schuster sollten bei ihren Leisten bleiben, denn es ist zwischen Technik- und Naturwissenschaften einerseits und zwischen Geistes- und Kulturwissenschaften andererseits zu unterscheiden. Und die Borniertheit mancher Fachvertreter und ihrer Nachbeter sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir es mit einer komplexen und auch tiefgründigen Wirklichkeit zu tun haben. – Wir haben eine Innenwelt, die es mit den unendlichen Weiten des Kosmos spielend aufnehmen kann, wenn man bedenkt, wer und was in unserer Phantasie so alles leibhaftig ist.

Als ich in einem Thinktank vorzeiten desöfteren interdisziplinäre Expertenkreise moderiert habe, gab es nicht selten diese Kindlichkeit im Auftreten von Sachverständigen, wenn sie mal für etwas nicht zuständig sind, sondern andere, noch dazu konkurrierende Disziplinen. Man mußte dann schon energisch werden, um sie dahin zu bewegen, nur über ihre Sache sprechen, wovon sie schließlich etwas verstehen aber nicht andere schlecht reden. – Genau das aber geschieht nun in dieser Gesellschaft. Da sucht eine aufgehetzte Mehrheit nach Sündenböcken und erklärt alle Andersdenkenden zu „Gefährdern“.

Die Mehrheit hat nicht das Recht, sich so eine Minderheit zu erschaffen, um dann über sie herzufallen, nur weil sie sich hat Angst machen und mit falschen Versprechungen und trügerischen Hoffnungen ins Bockshorn jagen lassen. Die Gesellschaft hat nicht das Recht, so zu tun, als sei sie eine Gemeinschaft und hätte dementsprechende Rechte. Gerade unsere real existierende Gesellschaft ist sozial kälter als viele andere, daher hat sie sogar noch weniger Rechte als jene. Der Staat hat nicht das Recht, ein Impfregister aufzubauen, denn bereits das verletzt die Würde im Datenschutz und die informationelle Selbstbestimmung. Und der Staat hat schon gar nicht das Recht, in das intime Verhältnis zwischen mir und meinem Körper einzugreifen. Das wäre mehr als die Verletzung meiner Würde, das wäre bereits Mißhandlung. Nur eine Vergewaltigung wäre noch übler.

Und für Neunmalkluge: Wenn ich in eine Alkoholkontrolle gerate und gefragt werden, ob ich mit einer „freiwilligen Alkoholkontrolle“ einverstanden sei, dann frage ich stets, was daran freiwillig sein soll. Wenn nicht, dann müsse ich eben mit zur Wache kommen, wo mir zwangsweise Blut für einen Alkoholtest abgenommen würde, erklärte mir der Beamte. Da habe ich ihm wiederum erklärt, daß das keine Freiwilligkeit sei. Verdeutlicht habe ich es ihm am Beispiel seiner Kollegin, die daneben stand. Wenn ich diese auffordern würde, mich nicht abzuweisen, wenn ich ihr würde nahetreten wollen, weil ich ansonsten „Maßnahmen“ ergreifen würde, was das dann wäre. Nötigung mindestens, vielleicht Freiheitsberaubung, vielleicht mehr.

Nur, wenn ich mit einem Fahrzeug am Straßenverkehr teilnehme, gebe ich gewissermaßen einen Teil meiner Grundrechte preis. Sollte mir das nicht geheuer sein, könnte aber auch auf das Fahren verzichten… – In der Corona-Krise habe ich diese Alternative nicht, ich kann nicht nicht leben oder mal eben auswandern.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, das ist eines der meistgeglaubten Standards, und dann werden immer wieder Analogien gesucht, wohl, weil wir dann doch aus den Fehlern der Geschichte lernen wollen. Ich denke in den letzten Wochen desöfteren an die berühmt-berüchtigte Schrift von Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat:

„Auf diese Weise konfrontiert der Staat nie das Innere eines, intellektuell oder moralisch, sondern nur seinen Körper, seine Sinne. Der Staat ist nicht mit überlegener Weisheit oder Redlichkeit ausgerüstet, er besitzt nur überlegene physische Stärke. Ich bin nicht geboren, um mich zwingen zu lassen. Ich will nach meiner eigenen Art atmen. Laßt uns sehen, wer der Stärkere ist.“ (Henry David Thoreau:

Uber die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. 1849. S. 9.)

Civil_Disobedience


Wir haben nicht nur Corona, – wir haben auch Demokratie

Es ist erstaunlich, wie wenig vertrauenserweckend die mentalen Widerstandskräfte sind, wenn es um „Gesundheit“ geht. – Es wäre wünschenswert, an Leib und Seele gesund zu sein, und ein wenig Glück dürfte auch noch mit dabei sein. Nicht zu vergessen die Liebsten und Freunde mit Nähe und Mitgefühl, des lebt und feiert sich in Gemeinschaft einfach besser.

Aber was ist denn aus der Nähe inzwischen geworden? Die ganze Gesellschaft fügt sich einem Medizin–Diskurs, wie ihn Michel Foucault schlimmer nicht hätte ausmalen können. – Dabei hat der Glaube an ‚die‘ Medizin selbst etwas Abergläubiges in der Erwartung, sie wäre „Wissenschaft“ und sonst gar nichts. Alles andere sei dagegen nichts weiter als Ketzerei, eine Abweichung vom einzig wahren Glauben und zuletzt einfach nur Querdenkertum und Hokuspokus.

Teaser. Das Erste: Hart aber fair. Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Welt ist aber viel komplexer, als es sich Politik und Medizin träumen lassen, die sich in dieser Krise zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu stützen. Herausgekommen sind Verhältnisse, als lebten wir noch im 19. Jahrhundert. Da gibt es eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen Arzt und Mediziner. – Letztere waren damals noch Staatsbeamte und sie standen zumeist auch im Militärdienst und so ist dann auch heute noch immer die Denkungsart.

Mein Doktorvater, Prof. Wilhelm Goerdt war Mitglied der ersten Ethik–Kommission in Deutschland. Er hat mir berichtet, daß es in den ersten Sitzungen über den sogenannten „Mündigen Patienten“ ging. Und er, der ein hervorragender Moderator in Seminardiskussionen war, weil man da stets ins Schwitzen kam auf der Suche nach besseren Argumenten, war völlig entsetzt und befremdet darüber, daß die Mediziner oft einfach nicht verstanden, nicht verstehen wollten und auch nicht konnten, was wohl mit dem „Mündigen Patienten“ gemeint sein könnte.

Nun hat sich die Politik im Zuge der Corona–Krise in einen Aktivismus verrannt. Sie hat Ängste geschürt und Panik verbreitet und glaubte, sie könnte diese globale Naturkatastrophe „in den Griff bekommen“, bewältigen und steuern. Dabei ist erheblicher Schaden angerichtet worden, nicht nur der Verlust an jahrzehntelang „ersparten“ Steuermilliarden, sondern auch seelische Schäden bei Kindern, psychische Belastungen bei jungen Leuten und viele, sehr viele verlorene Träume, um von den Traumatisierungen gar nicht erst zu sprechen. – Der französische Präsident hat den Kriegszustand ausgerufen und dann ist es auch zu unüberschaubaren Kollateralschäden gekommen.

Hinter alledem steckt ein obsoletes Menschenbild, das aus dem 19 Jahrhundert stammt und in dieser Krise fröhliche Urständ feiert, weil sich Politik und Medizin zusammengetan haben. – In der Pädagogik und in der Psychologie wird dagegen seit etwa 1900 von einem völlig anderen Menschenbild ausgegangen, daß der Mündigkeit, der Selbstfindung, der Selbstverantwortung, der Entwicklung und der Emanzipation.

Und jetzt, wo allmählich kaum noch abzustreiten ist, daß alle Maßnahmen die versprochene Wiederkehr zur Normalität einfach nicht bewirken, daß Geimpfte nicht etwas immun, sondern weiterhin ansteckend und auch gefährdet sind, daß viele der erbrachten Opfer eben nicht erbracht haben, was in Aussicht gestellt worden ist, jetzt wird nach den Schuldigen gesucht wie in einer Ketzerverfolgung. Aber die Verantwortung liegt in dieser fatalen Kooperation zwischen Politik und Medizin auf der Grundlage eine inhumanen Menschenbildes.

Eric Claptons Handabdrücke und seine Unterschrift auf dem Rock Walk; 9. Juli 2005, Hollywood. Foto: Nick Wille, via Wikimedia.

Wir haben nicht nur Corona, wir auch Demokratie und vieles wesentliche andere mehr. Die überbordenden Machphantasien, in denen Medizin und Politik sich verlieren, wenn und sobald sie sich zusammentun, sind pädagogisch kontraindiziert. Sie verunsichern, erzeugen Panik und machen krank. Die Gesellschaft wird polarisiert, nur, weil der Mut fehlt, zugeben zu können, daß der gute Wille mitunter die schlechtesten Ergebnisse erzielt. – Der Aktivismus, der Steuerungswahn, die Überheblichkeit, mit ganz wenigen, völlig fixierten Modellen zu kommen, um dann zu glauben, eine solche Krise ließe sich bewältigen mit nur ganz wenigen Hinsichten und Rücksichten, ist fahrlässig.

Alle Systeme haben inzwischen Schaden genommen, allem voran das Vertrauen in Politik, Staat, Medizin, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und auch in die offene Gesellschaft, die sich selbst zum Feind wird.

Ganz entsetzlich ist es, daß immer wieder neue Sündenböcke ausgerufen werden. Erst waren es die Kinder, dann die Jugendlichen und jetzt sind es die Ungeimpften. – Querdenker war mal eine ehrenvolle Bezeichnung für solche, die den Mut aufbrachten, sich des eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Jetzt wird auch noch das kreative, unkonventionelle, ergebnisoffene Denken verunglimpft.

Die Politik hat sich viel zu sehr einnehmen lassen von nur ganz wenigen Disziplinen, die nicht einmal Wissenschaft sind, sondern Technik. Aber der Technik werden eigentlich die Ziele vorgegeben. Und da hätten ganz andere Ziele gesetzt werden müssen, möglichst unbeschadet durch die Stromschnellen dieser Krise zu steuern. Aber man hat eine Ideologie daraus gemacht und erwartet Gehorsam, wo Vertrauen gar nicht vorhanden sein kann.

Dieser Staat und diese Medizin haben mit dieser, ihrer Geschichte ein wirklich großes Vertrauen einfach nicht verdient. Dieser Staat hat diese Gesellschaft mehrfach in schlimmste Katastrophen geführt und die Medizin stand ihm immer zur Seite dabei. Es ist an der Zeit, die vielzitierte Mündigkeit endlich in Anspruch zu nehme.

Tatsächlich haben immer nur die Patienten das letzte Wort, denn sie tragen auch alle Konsequenzen. Weil dem so ist, haben sie auch die Verantwortung dafür, wem sie sich anvertrauen. – Mag ein Arzt noch so überzeugt sein, von seiner Therapie, wir tragen die Verantwortung uns selbst gegenüber und Ärzte haben nicht das Recht, uns dann zu maßregeln.

Weil aber diese Disziplinen gar nicht in der Lage sind, die eigentliche Vulnerabilität der ganzen Gesellschaft in den Blick zu bekommen, stürzen sie sich auf das, was sie messen können. Aber das ist nicht das, worauf es einzig und allein ankommt, wenn es auf das große Ganze ankommt. Da nun aber inzwischen bereits exorbitant hohe, auch menschlich kostspielige Opfer gebracht worden sind, ohne daß sie wirklich geholfen haben, verlegt man sich nun auf die Spaltung der Gesellschaft. Das war immer so in vormodernen Zeiten, wenn und weil man sich vieles nicht erklären konnte, das sollte heute aber anders sein.

Die offene Gesellschaft neigt inzwischen dazu, sich selbst zu verletzen. Helfen könnte, endlich herunterzusteigen vom hohen Roß der Erregungskultur, in der sich stets die wichtig tun, die am wenigsten zu sagen haben. – Stattdessen findet ein Rückfall in urtümliche Zeiten statt, die zweimal schon zum Weltenbrand geführt haben.

Wer nun behauptet, es wäre jetzt aber wirklich angesagt, mal wieder auf den autoritären Charakter zu setzen und auf eine Hinterwelt–Pädagogik, in der Menschen wieder eingeschüchtert, gebrochen und umerzogen werden ist ein Feind der offenen Gesellschaft. – Allein schon der Flirt mit totalitären Systemen wie China ist ein geistiges Armutszeugnis.

 

55:55 Frank Plasbeck: „Darf ich mal ganz kurz einen Gedanken reinbringen. Wir reden ja vielleicht sogar über kindliche Fragen, wieviel Druck braucht ein Kind, um eine Verhaltensänderung zu haben. Und wenn Sie sich anschauen, wie sich Druck ausübt, auch jetzt steigen die Impfzahlen ja wieder…, plötzlich, wenn man das sieht, was zuvor immer wieder besprochen worden ist mit den Ärzten, in den Medien, dann hilft plötzlich Druck,…

59:50 Svenja Flaßpöhler:  Mir fällt nur auf, Sie haben ein völlig anders Demokratieverständnis als ich.  Sie reden von Kindern, auf die man Druck ausüben muß.  Sie sagen, man kann von Kindern lernen, daß, wenn man Druck auf sie ausübt, dann verändern sie ihr Verhalten… Wenn man wirklich über Bürgerinnen und Bürger redet und sie als Kinder bezeichnet, auf die man Druck ausüben muß, (lacht).  Also mein Demokratieverständnis ist sozusagen hundertprozentig ein anderes.“ Das Erste:  Hart aber fair.  Nur ja keinen Zwang:  Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? 15.11.2021.

Die Reaktionen gegenüber denen, die von der reinen Lehre abweichen, läßt nicht von ungefähr an mittelalterliche Verhältnisse denken mit Pranger, öffentlicher Demütigung und Exkommunikation. Aber man sollte sich eines vor Augen führen. Zu denen, die sich da, wenn auch erst allmählich zu Wort melden, zählen auch ganz bedeutende Künstler aus der Rock–Generation. 

Eric Clapton ist noch unter der Lüge aufgewachsen, seine Mutter sei seine Schwester. – Er gilt als Erfinder des Bluesrock, was darauf verweist, daß er sich mit der Musik der Schwarzen zu einer Zeit befaßt hat, als noch die Apartheit galt. – Wenn er dann deutlich macht, er wolle nicht, daß sein Publikum oder Teile seines Publikums diskriminiert würden, dann geschieht diese politische Demonstration vor diesem Hintergrund. 

Die Nachkriegszeit brachte einen epochalen Umbruch mit sich, gegen autoritäre, kriegerische, totalitäre und diskriminierende Verhältnisse, die seinerzeit noch normal zu sein schienen. Gerade der Bluesrock hat unendlich viel geöffnet und die Schmerzen gelindert, die die Sklaverei mit sich gebracht hat. Die Wunden zu heilen, dazu bedarf es allerdings noch sehr viel mehr. 

Derzeit ist der Zeitgeist offenbar wieder so weit, daß manche, die gar keine Ahnung haben, wie sich repressive Verhältnisse anfühlen, wenn sie ein wenig mehr Diktatur sich durchaus vorstelle könne, auf jeden Fall gegen die Anderen, wer immer das ist.  – Dagegen werden manche der alten Geister mit Gewißheit wieder aufstehen, um zu sagen, was zu sagen ist.

Do you wanna be a free man / Or do you wanna be a slave? / Do you wanna wear these chains / Until you’re lying in the grave?

Und natürlich wirkt der Vergleich der Corona–Maßnahmen mit der Sklaverei verstörend. Aber es geht nicht um eine Gleichsetzung. So etwas läßt sich niemals ins Verhältnis setzen, denn dann müßte gesagt werden, was denn nun mehr oder weniger “schlimm” war. – Es kann daher “nur” darum gehen, daß wir aus der Geschichte ernsthafte Konsequenzen ziehen, daß derartige Verhältnisse als solche nie wieder zugelassen werden sollen. 

Es geht darum, was Menschen anderen Menschen antun können, gerade am Anfang schon, wenn erste böse Gefühle aufkommen und verstärkt werden. – Wer Diskriminierung erfahren hat, wird sie nie wieder zulassen, nicht einmal ansatzweise. 


Technikethik

Technikethik:

Technische Entwicklungen kontrovers reflektieren

Kolloquium 

WS 2021 | donnerstags | 14:00–15:30 | Online
Beginn: 28. Okt. 2021 | Ende: 10. Febr. 2022

Zum Kommentar als PDF

Von Verantwortung ist immer wieder die Rede. Ja, sie ist vakant und der Lauf der Welt ist alles andere als vertrauenserweckend. Der gute Wille allein genügt nicht. Zu unterscheiden sind mindestens das Subjekt der Verantwortung, der Verantwortungsbereich und die Verantwortungsinstanz, (ehedem Gott und jetzt?).

Es gilt näher hinzusehen, wenn wir Fragen der Verantwortung angehen wollen, denn der Begriff ist mehrdimensional. Der Karlsruher Technikphilosoph Günter Ropohl hat das Ganze auf eine Formel mit sieben Variablen gebracht: Wer verantwortet was, wofür, weswegen, wovor, wann, wie? Wir müssen doch nicht alles machen, was wir können. Wie weit geht ihre (persönliche) Verantwortung wirklich?

Dieses Kolloquium soll Fragen der Technikethik praktisch erfahrbar machen. Das wird anhand von Fallstudien aus ihren eigenen zukünftigen Berufsfeldern geschehen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren lassen. Dabei kommt es weniger auf das Ergebnis an, sondern auf die Qualität und den Austausch der vorgebrachten Argumente.

Betreiben wir also Technikethik ganz konkret. Nehmen wir uns reale Situationen vor: seien es der Abgasskandal, Stellungnahmen zum Einsatz von Genmanipulation, der Einsturz der Brücke in Genua, Unfälle im Rahmen von Fahrten mit autonomen Pkw — oder was immer Sie umtreibt. Tun wir so, als wären wir unmittelbar dabei und hätten etwas zu sagen. Inszenieren wir die Kontroversen, in denen Techniklinien gestaltet werden, um sie am eigenen Leib zu
erfahren. Die Veranstaltung soll Ihnen dazu dienen, Erfahrungen zu machen, die später womöglich auf Sie zukommen. Es ist dann fast wie ein Privileg, sich später daran zurückerinnern zu können, so etwas Ähnliches schon einmal durchgespielt zu haben.

Nein, wir müssen es nicht.
Aber?
Aber wir werden es machen.
Und weshalb?
Weil wir nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt,
ob wir es wirklich können.

(Hans Blumenberg)

Dirck van Baburen: Prometheus wird von Vulkan angekettet (1623). — Quelle: Public Domain via Wikimedia. — Prometheus, der Gott des Fortschritts, wird auf Geheiß des Zeus, unter Aufsicht des Götterboten Hermes, vom Gott der Technik Vulkan an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet. Sein Vergehen: Er hat aus Menschenliebe die Technik zu den Menschen gebracht. Diese sollten darauf den Fortschritt einige Jahrtausende nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Zeiten sind vorbei, als Ingenieure und Ingenieurinnen fast jede weitere Verantwortung noch zurückwiesen mit den Worten, sie würden die Technik nur herstellen, seien aber nicht verantwortlich dafür, was daraus würde. — Aber machen wir uns nichts vor, Versuche, den technischen Fortschritt auf ›bessere‹ Bahnen zu lenken, gab es viele. Unvergessen ist das Wort von Ulrich Beck: Die Ethik spielt im Modell der verselbständigten Wissenschaften die Rolle einer Fahrradbremse am Intercontinental Flugzeug. 

Forderungen nach Ethik, Verantwortung, Technikfolgenabschätzung, nachhaltigem Wachstum und Kilmaschutz werden tagtäglich erhoben und sind nicht unproblematisch, denn es ist auch Überforderung im Spiel. Wofür sind wir als Einzelne verantwortlich und wie soll denn die Gesamtverantwortung wahrgenommen werden? Allmählich wird es Zeit. Wer gibt die Technikziele vor oder generieren sie sich selbst?

Was viele Verschwörungstheorien noch unterstellen: Es gibt sie nicht, die Schaltzentralen der Macht, in denen die Ziele des Fortschritts vorgegeben, der Kurs eingestellt und die Entwicklungen koordiniert werden. Zweifelsohne spielen Technik und Wirtschaft eine große Rolle, aber auch Politik und Kultur.

Der blaue Planet ist zur Anthroposphäre geworden. Inzwischen wurde bereits ein neues Erdzeitalter ausgerufen, das Anthropozän. Die Zivilisation ist nunmehr alles entscheidend für das Schicksal des ganzen Planeten und die Zukunft der Menschheit. Die Erde ist zum Raumschiff geworden. Wir rasen durch einen lebensfeindlichen Raum, hinter uns eine erst kurze Episode der Zivilisation und vor uns eine Zukunft, die mit sich selbst auf Kollisionskurs geht.

Wenn es sie denn gäbe, die Kommando–Brücke, in der die Navigation vorgenommen wird, wenn wir dorthinein gelangen könnten, es wäre der Schock unseres Lebens. Denn die Pilotenkanzel ist leer, alles steht auf Autopilot und niemand wäre in der Lage, den Flug ›von Hand‹ zu steuern. Dabei ist das Ganze keineswegs nur eine Frage der Technik, sondern auch eine von Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft und vielem anderen mehr.

Jan Cossiers: Carrying Fire (ca. 1630). Prometheus stiehlt das Feuer aus der Werkstatt des Vulkan. Es ist nicht das Herdfeuer, das hatten die Menschen schon sehr lang. Es ist das Metallurgenfeuer, womit die Bronzezeit begann und
dann auch die Zivilisation. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Daher genügt es längst nicht mehr, einfach nur ›gute‹ Technik zu machen, Probleme pragmatisch zu lösen, im Sinne des ›state of the art‹ zu entwickeln, Normen und Vorschriften einzuhalten usw. usf. — Darüber hinaus stellt sich vor allem auch die Frage, wie weit denn die persönliche Verantwortung reichen soll. Es ist nicht allein die Technik, die den Fortschritt bestimmt, es sind viele verschiedenen Faktoren, die eine Rolle spielen. — Die Rollen im Mythos vom Prometheus, der den technischen Fortschritt zur Darstellung bringt, lassen die Zusammenhänge erahnen.

Da ist der Menschenfreund Prometheus, der mit besten Absichten die Entwicklung anfacht, aber eigentlich nicht sehr glücklich agiert. Da ist Vulkan, der Techniker, der alles tut, was ihm aufgetragen wird. Er murrt zwar, als er den geschätzten Kollegen anketten soll, aber er tut es. Da ist Zeus, der ein ambivalentes Verhältnis zur Menschheit hat und daher hin und hergerissen ist über das Prometheus–Projekt. Da ist Athene, die Göttin der Weisheit, die den neuen Zivilisationsmenschen eine Seele einhaucht. Sie spendet auch die Wissenschaft und die Vernunft. Außerdem ist da noch Pandora, die mit allen Gaben Beschenkte, die die Gaben der abdankenden Götter zu den Menschen bringt, aber eben auch die damit verbundenen Übel. Und da ist noch Epimetheus, ein Melancholiker, der sich in Pandora verliebt. — Das dürfte genügen, die verschiedenen Seiten und Interessen zu charakterisieren, die dafür sorgen, daß der Fortschritt eben einen bestimmten Gang nimmt.

Als der Münchener Soziologie Ulrich Beck im Jahre 1958 den Eintritt in die Risikogesellschaft diagnostizierte, sah er den technisch–ökonomischen Fortschritt überlagert von immer größeren, ungeplanten Nebenfolgen, grenzüberschreitenden Umweltproblemen und globalen Folgen Es gibt inzwischen einen Grad an Komplexität, der sich nicht mehr steuern oder gar beherrschen läßt. Eigentlich müßten alle unsere Innovationen unterhalb dieser Schwelle bleiben, aber das Gegenteil ist der Fall. Also wofür sind Techniker, Ingenieure und Ingenieurinnen wirklich verantwortlich? Welcher Teil der Verantwortung fällt anderen zu?

Harry Bates: Akt (1891). Auf Geheiß des Zeus wurde von Vulkan eine Frau erschaffen, mit allen Gaben der Götter ausgestattet und von Hermes zu den Menschen gebracht. Sie brachte jedoch nicht nur die Fähigkeiten der Götter, sondern auch die damit verbundenen Übel auf die Erde. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Es ist keine unproblematische Entwicklung, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr Verantwortung auf Einzelne übertragen wurde, während die Gesamtverantwortung sich immer weiter verflüchtigt. Wer verantwortlich sein soll, muß gestalten, muß auch anders entscheiden können, erst dann kann Verantwortung zugeschrieben werden. — Insofern ist der Anspruch auf Ethik und Moral das eine, wie damit ganz praktisch umgegangen werden kann, ist das andere. Sich verantwortlich zu fühlen für Verhältnisse, die nicht in der eigenen Macht stehen, ist daher nicht unproblematisch. Wer Verantwortung übernimmt, muß ›Nein sagen‹ können oder ›So nicht!‹.

In diesem Seminar sollen solche Konflikte in Wertfragen, Zielkonflikten und der moralischen Integrität durchgespielt werden. Das geschieht anhand von Beispielen einschlägiger Dilemma–Situationen. Mitunter sind die Rahmenbedingungen schon problematisch, etwa wenn es gilt, unter den Bedingungen schlechter Kommunikationsverhältnisse und aus Sorge um die eigene Reputation fachlich kompetent und moralisch integer zu handeln. Dazu bedarf es einiger Erfahrungen, die genauso wichtig sind wie das ganze technische Know–how.

Dazu hat der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß eine hilfreiche Unterscheidung geprägt: Zum technischen Verfügungswissen gehört auch ein ebenso wichtiges Orientierungswissen. Das eine sagt uns wie, das andere aber wozu.  — Mitunter geraten aber das Wie und das Wozu in Widersprüche. Die Technikgeschichte ist voll solcher Beispiele, wo erst sehr viel später sich Nebenfolgen mit kolossalen Wirkungen zeigen, bis sie endlich wahrgenommen und thematisiert werden.

Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, ob es nicht doch eine ›bessere‹ Technik gibt, eine, die von vornherein weniger Nebenfolgen hat. Technikutopien sind daher eine wichtige Orientierungshilfe, vor allem dann, wenn kritisch damit umgegangen wird. Wesentlich ist es, die verschiedenen Aspekte erörtern zu können und nicht zuletzt, andere zu überzeugen. Dazu ist kritisches Denken erforderlich. Daher geht es um die ethische, politische, ökonomische und ökologische Verantwortung im Ingenieurwesen. Erst das macht ›gute‹ Technik möglich, ein ›gutes‹ Gewissen und nicht zuletzt gute Professionalität. 

Bandicoot Robot: Converting manhole to robohole (2018). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Nennen-Technikethik-WS21

Grundrechte in der Corona-Krise

 

Das Schweigen der Richter

Von der Mondlandung bis zum Lockdown

Wer die Mondlandung am Fernseher live miterlebt hat, hat vielleicht auch
dieses Erweckungserlebnis. Wenn so etwas möglich war, dann schien
eigentlich alles machbar. Dann kam es 1972 mit den Studien des Club of
Rome zu einer Fundamentalkrise aller dieser Hoffnungen. – Auch das
Grundgesetz hatte immer etwas von dieser Mondlandung, es war und ist
eine überzeitliche Leistung mit Ewigkeitscharakter. Dieses
Sicherheitsgefühl hat sich gehalten, wohl weil die Performance stets
stimmig schien, wenn >Karlsruhe< sprach.

      Ist die Corona-Politik mit dem Grundgesetz vereinbar?

Leben oder Freiheit – Ist die Corona-Politik mit dem Grundgesetz vereinbar? – SWR2-Forum,

Thomas Ihm diskutiert mit

Gigi Deppe, SWR-Rechtsexpertin,
Prof. Dr. Christian Kirchberg, Rechtsanwalt
Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen, Philosoph

Das hatte etwas von Delphi, wo die Priester in ihren Sitzungen darüber
berieten, was Apollo als Herr des Hauses wohl gesagt haben würde.
Allerdings ist ein Orakel wie das von Delphi auch nur ein Unternehmen
mit dem Bestreben, möglichst immer wieder konsultiert zu werden. Und
1000 Jahre kamen Menschen und Staatsvertreter aus dem ganzen
Mittelmeerraum mit höchst entscheidenden Fragen, es kann also kein
Hokuspokus gewesen sein.

Wenn die Richter in den roten Roben zusammentragen, dann hatte das etwas
von dieser Aura: Immer wenn bewegende Urteile anstanden, fand sich
mitunter auch eine Spur jener Weisheit, wie sie nun einmal einer
letzten Instanz anstehen. Auch das ist kein Hokuspokus, erforderlich
ist gutes Handwerk, hohe Intelligenz, Diskursvermögen und vor allem
eines, der gemeinsame Wille im Kollegium, herauszubringen, was wohl die
Stimme der Vernunft gesagt haben würde.

 

(Mein Beitrag beginnt ab: 23:30)

Tiefen und Untiefen der Corona-Krise
Online-Diskussion vom 9. Februar 2021.  Einf. u. Mod.:  Ullrich Eidenmüller,

1. Vorsitzender des Fördervereins FORUM RECHT e. V.
Referenten:
Prof. Dr. Christian Kirchberg (* 1947), Rechtsanwalt in Karlsruhe und Vorsitzender des Verfassungsrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer.

Prof. Dr. Heinz-Ulrich Nennen (* 1955), Professor für Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). 

Blackout mit Notstromdiesel

Wer am 31. Januar 2008 gegen 17:35 Uhr per Straßenbahn die
Innenstadt von Karlsruhe auf dem Weg zum Hauptbahnhof passieren
wollte, konnte erleben, wie ein Stromausfall sich vor Ort darstellt:
Das Licht ging aus, die Bahn hielt mitten auf der Strecke, draußen war
nichts mehr zu sehen. Spärliches Licht flackerte auf, die Umgebung
wirkte gespenstisch. Nur schemenhaft war erkennbar, wie Personal an den
Türen der Geschäfte sich postierte.

Carl Spitzweg: Das Auge des Gesetzes (Justitia) (1857).

Carl Spitzweg: Das Auge des Gesetzes (Justitia) (1857).

Ich entschloß mich, die Notentriegelung der Straßenbahntür zu betätigen, auszusteigen und ein Taxi zu nehmen, um die Fahrt zum Bahnhof weiter fortzusetzen. Die Impressionen auf dieser Taxifahrt waren beeindruckend und lehrreich: Der Weg führte an der Badischen Landesbank vorbei. Sie war beleuchtet, die Notstromversorgung war also angesprungen. Dann fiel der nächste Blick auf das Bundesverfassungsgericht. Das Gebäude war hell erleuchtet, so, als wenn nichts wäre.

Derweil lag die Universität Karlsruhe im Dunklen und nur das Rechenzentrum hatte spärliches Licht. Ein einziger Hotelflur war noch beleuchtet. – An einem Krankenhaus führte der Weg nicht vorbei. Dabei ist es wesentlich, daß gerade auch dort die störungsfreie Stromversorgung gewährleistet sein muß. Auch der Hauptbahnhof war hell erleuchtet, denn die Deutsche Bundesbahn verfügt über ein eigenes Netz und eigene Stromversorgung. Man hatte nicht einmal etwas bemerkt von der Störung.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, wie fragil unsere soziotechnischen Welten eigentlich sind. Es braucht nur kleine Unbedachtsamkeiten, die zum Supergau führen können. – Ein warnendes Beispiel dazu sind die nicht überflutungssicher installierten Notstromaggregate der Kernkraftwerksblöcke 1-3 von Fukushima I.

Multiples Systemversagen

Wir erwarten von unserer Technik, daß Notfallsysteme automatisch
hochfahren, das wird regelmäßig geprobt – in der Technik. Dabei
sollten wir dieselben Anforderungen auch an die Sozialen Systeme
stellen. Gerade in Krisen sind wir darauf angewiesen, daß schlicht und
ergreifend längst Vorkehrungen getroffen worden sind.

Immer wieder wurde die Unverbrüchlichkeit des Grundgesetzes beschworen.
Planspiele und Szenarien für Ausnahmezustände wären besser gewesen als
Sonntagsreden. Tatsächlich haben wir es mit einem multiplen
Systemversagen zu tun. – Das Gleichgewicht der Kräfte ist in der
Corona-Krise von Anfang an ins Ungleichgewicht geraten und es hat 
>sich< auch nicht wieder eingependelt. Was das bedeutet, läßt sich an
einem Plattenspieler erläutern, wenn auf der einen Seite der Tonarm,
also die Exekutive und auf der anderen Seite das Gegengewicht,
also die Judikative und vor allem auch die Legislative
für den richtigen Ausgleich sorgen.

Am 14. Mai 2020 hat das oberste Gericht zwei Verfassungsbeschwerden um
Corona und Grundrechte nicht zur Entscheidung angenommen. Dabei
boten gerade diese beiden, fast mustergültigen Verfassungsklagen
die Gelegenheit für die Verfassungsrichter, sich generell in Sachen
Corona zu äußern. Das hätte dann wiederum der Politik
sehr viel mehr Orientierung gegeben.

Durch Nichteinlassung haben die Karlsruher Richter
jedoch selbst das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Legislative,
Judikative, Exekutive und auch zwischen Bund und Ländern aus
dem Gleichgewicht und außer Kontrolle gebracht. – Hätten die Richter
sich überwunden, den Mut und die Weitsicht gefunden, im laufenden Prozeß
der Corona-Krise das Spektrum des verfassungsrechtlich Gebotenen
zu skizzieren, sie hätten die Politik davor bewahrt, zum Opfer der
eigenen Angstpolitik zu werden.

Schönwetterdemokratie?

Das Parlament als Ort öffentlicher Meinungsbildung wurde
kurzerhand ersetzt durch eine verfassungsrechtlich gar nicht vorgesehene
Ministerpräsidenten-Konferenz unter Leitung der Bundeskanzlerin, in der
man seit einem Jahr alle entscheidenden Erwägungen unter Ausschluß der
Öffentlichkeit vornimmt. – Dabei wurde immer wieder der
Föderalismus schlecht geredet, der allerdings ein unverfügbares Gebot
der Verfassung darstellt. Am Beispiel von Frankreich läßt sich
zeigen, was es bedeutet, wenn keine effektiven kommunalen Strukturen vor
Ort vorhanden sind.

Auch die immer wieder aufgebrachte Forderung nach
Gleichbehandlung, ohne Rücksicht auf die vor Ort tatsächlich
vorliegenden Verhältnisse, ist stets unwidersprochen erhoben worden.
Dagegen kam nur noch durch die Länderhoheit überhaupt noch so etwas wie
eine Pflicht zur Verhandlung ins Spiel. Insofern wurde das Land durch
den Föderalismus vor einem radikalen Zentralismus mit
noch mehr Kollateralschäden bewahrt.

Alle diese Vorkehrungen der Gewaltenteilung sind vor dem
Hintergrund der Erfahrungen mit der Weimarer Republik und der
Möglichkeit einer >Gleichschaltung< getroffen worden. Aus
guten Gründen wurde ein durchdachtes Konzept von Checks and
Balances mit dem Grundgesetz etabliert. Alle diese
verbrieften Sicherungen durch das systematische Ausbalancieren der
Gewalten galten bislang als vertrauenswürdig, verläßlich, ja eigentlich
als robust und geradezu unverwüstlich. Dabei stellte sich im Zuge der
Corona-Krise heraus, daß viel davon offenbar nur >gefühlte
Sicherheit< war.

Die Vertrauenswürdigkeit des Grundgesetzes und seiner Organe
wurde in Sonntagsreden immer wieder gefeiert. Als es aber zum Schwur
kam, da schwiegen die hohen Richter. Das Mobilé der Gewalten kam aus
dem Gleichgewicht und verhakte sich endgültig. Verhältnisse kamen auf,
die nicht hatten möglich sein sollen, auch und gerade in einer
Krise nicht. – Für den Satz >Not kennt kein Gebot< gibt
es nicht einen einzigen denkbaren Anwendungsfall, weil eine Verfassung
genau dann verläßlich sein muß, wenn es darauf ankommt. Wir leben nicht
in einer Schönwetterdemokratie. Ganz offenbar fehlt allerdings
ein fundamentaler Diskurs über Notstand und Grundgesetz.
Kevin allein zu Haus

Nun war die Politik ganz >allein zu Hause<. Keine anderen
Gewalten, keine Lobbys und auch keine Kritiker mochten sich noch zu Wort
melden, denn viele von ihnen waren bereits exkommuniziert. In den
vielen Talkshows sah man immer wieder die Anspannung in den Gesichtern,
bloß nicht ein womöglich verräterisches Wort zu benutzen, das
unmittelbar zur Exkommunikation geführt hätte.

Dieser Zustand ist eine sozio-kulturelle Katastrophe, denn
diese Konstellation entspricht genau dem, wovor der Soziologe
Niklas Luhmann immer wieder gewarnt hat: Angstkommunikation
und Entdifferenzierung. Das bedeutet in Analogie nichts
geringeres als ein multiples Systemversagen. Es ist ein Rückfall in den
Absolutismus, wenn die Gesellschaft in künstliches Koma versetzt wird.
Die Politik ist völlig überfordert, sie kann nicht leisten, was sie sich
da aufbürden läßt. Daher werden die Maßnahmen immer radikaler und immer
endloser.

Das Schweigen der Richter

Gewaltenteilung, Föderalismus, Meinungsverschiedenheit, Diskurse, der Anspruch auf Selbstverantwortung und Mündigkeit, das alles sind keine Störungen, gerade in einer Krise nicht. Aber vielen wurde weisgemacht, daß dem so wäre. Manche gaben dem nach, andere blieben beim Zweifel und durch die Gesellschaft ging ein Riß, bei dem sich die unterschiedlichen Ansichten nicht mehr miteinander ins Gespräch bringen ließen. Dabei ist gerade die Vielfalt der Hinsichten die alles entscheidende Bedingung für die Möglichkeit einer umsichtigen Politik und einer zeitgenössischen Kultur, die dem Untertanengeist, Fremdbestimmung und der Bevormundung endgültig Valet sagen sollte. Die Corona-Krise bietet auch eine Chance, den Untertanengeist in Deutschland endlich zu überwinden, den autoritären Charakter und vor allem das misanthropische Menschenbild. Warum übertragen wir nicht den Geist der Reformpädagogik auch auf ein neues Verständnis einer zeitgemäßen Politik? In Psychologie und Pädagogik wird spätestens seit den 70er Jahren nicht mehr mit Bevormundung, sondern mit Einvernehmen agiert.

Wir müssen unbedingt unterscheiden zwischen Staat, Gesellschaft und Gemeinschaft. Wer das alles zusammenbringt, führt zumeist nichts Gutes im Schilde. – Ein Staat ist keine Gemeinschaft, auch eine Gesellschaft ist er nicht. Ungehindert vergeht sich der Staat nicht selten an der Gesellschaft, denn Staat und Gesellschaft ziehen nicht unbedingt an einem Strang. Daher ist die Verfassung so entscheidend, weil sie erst die Rahmenbedingungen schafft und sicherstellt, daß alle diese Gewalten getrennter Wege gehen müssen. Sie sollen nicht eins sein, sie sollen und müssen miteinander ringen: “Auditatur et altera pars” – Man höre auch die andere Seite. Das findet wiederum im Art. 103 Abs. 1 des Grundgesetzes seine Entsprechung: Vor Gericht hat jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör.”

Die Prüfung der Verhältnismäßigkeit obliegt den Verfassungs- und Verwaltungsgerichten. Seit Beginn der Corona-Krise wurde erwartet, daß enorme Unverhältnismäßigkeiten konstatiert würden. Das war aber nicht der Fall. Auch war es nicht der Fall, daß klärende Worte durch oberste Richter gesprochen worden wären. – Ein nicht unbeträchtlicher Anteil an der Protestkultur läßt sich auch auf das Schweigen der Richter zurückführen und die Unsicherheit, in der die Gesellschaft sich selbst überlassen wurde.

Die Corona-Krise ist ein umfassender, mehr als nur politischer, sondern vielmehr soziokultureller Konflikt von höchster Brisanz. Über Wochen und Monate wurden grundsätzliche Urteile und Einlassungen des Bundesverfassungsgerichts förmlich gewartet, aber nichts geschah. – Es mutet an, als hätten die Richter in den roten Roben, wie weiland der römische Stadthalter Pontius Pilatus, sich eine Schüssel mit Wasser reichen lassen, um die Hände in Unschuld zu waschen.


Technikethik

Kolloquium 

Technikethik

Technische Entwicklungen kontrovers reflektieren

SS 2021 | donnerstags | 14:00–15:30 | Online
Beginn: 22 April 2021 | Ende: 22. Juli 2021

Zum Kommentar als PDF

Von Verantwortung ist immer wieder die Rede. Ja, sie ist vakant und der Lauf der Welt ist alles andere als vertrauenserweckend. Der gute Wille allein genügt nicht. Zu unterscheiden sind mindestens das Subjekt der Verantwortung, der Verantwortungsbereich und die Verantwortungsinstanz, (ehedem Gott und jetzt?).

Es gilt näher hinzusehen, wenn wir Fragen der Verantwortung angehen wollen, denn der Begriff ist mehrdimensional. Der Karlsruher Technikphilosoph Günter Ropohl hat das Ganze auf eine Formel mit sieben Variablen gebracht: Wer verantwortet was, wofür, weswegen, wovor, wann, wie? Wir müssen doch nicht alles machen, was wir können. Wie weit geht ihre (persönliche) Verantwortung wirklich?

Dieses Kolloquium soll Fragen der Technikethik praktisch erfahrbar machen. Das wird anhand von Fallstudien aus ihren eigenen zukünftigen Berufsfeldern geschehen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren lassen. Dabei kommt es weniger auf das Ergebnis an, sondern auf die Qualität und den Austausch der vorgebrachten Argumente.

Betreiben wir also Technikethik ganz konkret. Nehmen wir uns reale Situationen vor: seien es der Abgasskandal, Stellungnahmen zum Einsatz von Genmanipulation, der Einsturz der Brücke in Genua, Unfälle im Rahmen von Fahrten mit autonomen Pkw — oder was immer Sie umtreibt. Tun wir so, als wären wir unmittelbar dabei und hätten etwas zu sagen. Inszenieren wir die Kontroversen, in denen Techniklinien gestaltet werden, um sie am eigenen Leib zu
erfahren. Die Veranstaltung soll Ihnen dazu dienen, Erfahrungen zu machen, die später womöglich auf Sie zukommen. Es ist dann fast wie ein Privileg, sich später daran zurückerinnern zu können, so etwas Ähnliches schon einmal durchgespielt zu haben.

Nein, wir müssen es nicht.
Aber?
Aber wir werden es machen.
Und weshalb?
Weil wir nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt,
ob wir es wirklich können.

(Hans Blumenberg)

Dirck van Baburen: Prometheus wird von Vulkan angekettet (1623). — Quelle: Public Domain via Wikimedia. — Prometheus, der Gott des Fortschritts, wird auf Geheiß des Zeus, unter Aufsicht des Götterboten Hermes, vom Gott der Technik Vulkan an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet. Sein Vergehen: Er hat aus Menschenliebe die Technik zu den Menschen gebracht. Diese sollten darauf den Fortschritt einige Jahrtausende nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Zeiten sind vorbei, als Ingenieure und Ingenieurinnen fast jede weitere Verantwortung noch zurückwiesen mit den Worten, sie würden die Technik nur herstellen, seien aber nicht verantwortlich dafür, was daraus würde. — Aber machen wir uns nichts vor, Versuche, den technischen Fortschritt auf ›bessere‹ Bahnen zu lenken, gab es viele. Unvergessen ist das Wort von Ulrich Beck: Die Ethik spielt im Modell der verselbständigten Wissenschaften die Rolle einer Fahrradbremse am Intercontinental Flugzeug. 

Forderungen nach Ethik, Verantwortung, Technikfolgenabschätzung, nachhaltigem Wachstum und Kilmaschutz werden tagtäglich erhoben und sind nicht unproblematisch, denn es ist auch Überforderung im Spiel. Wofür sind wir als Einzelne verantwortlich und wie soll denn die Gesamtverantwortung wahrgenommen werden? Allmählich wird es Zeit. Wer gibt die Technikziele vor oder generieren sie sich selbst?

Was viele Verschwörungstheorien noch unterstellen: Es gibt sie nicht, die Schaltzentralen der Macht, in denen die Ziele des Fortschritts vorgegeben, der Kurs eingestellt und die Entwicklungen koordiniert werden. Zweifelsohne spielen Technik und Wirtschaft eine große Rolle, aber auch Politik und Kultur.

Der blaue Planet ist zur Anthroposphäre geworden. Inzwischen wurde bereits ein neues Erdzeitalter ausgerufen, das Anthropozän. Die Zivilisation ist nunmehr alles entscheidend für das Schicksal des ganzen Planeten und die Zukunft der Menschheit. Die Erde ist zum Raumschiff geworden. Wir rasen durch einen lebensfeindlichen Raum, hinter uns eine erst kurze Episode der Zivilisation und vor uns eine Zukunft, die mit sich selbst auf Kollisionskurs geht.

Wenn es sie denn gäbe, die Kommando–Brücke, in der die Navigation vorgenommen wird, wenn wir dorthinein gelangen könnten, es wäre der Schock unseres Lebens. Denn die Pilotenkanzel ist leer, alles steht auf Autopilot und niemand wäre in der Lage, den Flug ›von Hand‹ zu steuern. Dabei ist das Ganze keineswegs nur eine Frage der Technik, sondern auch eine von Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft und vielem anderen mehr.

Jan Cossiers: Carrying Fire (ca. 1630). Prometheus stiehlt das Feuer aus der Werkstatt des Vulkan. Es ist nicht das Herdfeuer, das hatten die Menschen schon sehr lang. Es ist das Metallurgenfeuer, womit die Bronzezeit begann und
dann auch die Zivilisation. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Daher genügt es längst nicht mehr, einfach nur ›gute‹ Technik zu machen, Probleme pragmatisch zu lösen, im Sinne des ›state of the art‹ zu entwickeln, Normen und Vorschriften einzuhalten usw. usf. — Darüber hinaus stellt sich vor allem auch die Frage, wie weit denn die persönliche Verantwortung reichen soll. Es ist nicht allein die Technik, die den Fortschritt bestimmt, es sind viele verschiedenen Faktoren, die eine Rolle spielen. — Die Rollen im Mythos vom Prometheus, der den technischen Fortschritt zur Darstellung bringt, lassen die Zusammenhänge erahnen.

Da ist der Menschenfreund Prometheus, der mit besten Absichten die Entwicklung anfacht, aber eigentlich nicht sehr glücklich agiert. Da ist Vulkan, der Techniker, der alles tut, was ihm aufgetragen wird. Er murrt zwar, als er den geschätzten Kollegen anketten soll, aber er tut es. Da ist Zeus, der ein ambivalentes Verhältnis zur Menschheit hat und daher hin und hergerissen ist über das Prometheus–Projekt. Da ist Athene, die Göttin der Weisheit, die den neuen Zivilisationsmenschen eine Seele einhaucht. Sie spendet auch die Wissenschaft und die Vernunft. Außerdem ist da noch Pandora, die mit allen Gaben Beschenkte, die die Gaben der abdankenden Götter zu den Menschen bringt, aber eben auch die damit verbundenen Übel. Und da ist noch Epimetheus, ein Melancholiker, der sich in Pandora verliebt. — Das dürfte genügen, die verschiedenen Seiten und Interessen zu charakterisieren, die dafür sorgen, daß der Fortschritt eben einen bestimmten Gang nimmt.

Als der Münchener Soziologie Ulrich Beck im Jahre 1958 den Eintritt in die Risikogesellschaft diagnostizierte, sah er den technisch–ökonomischen Fortschritt überlagert von immer größeren, ungeplanten Nebenfolgen, grenzüberschreitenden Umweltproblemen und globalen Folgen Es gibt inzwischen einen Grad an Komplexität, der sich nicht mehr steuern oder gar beherrschen läßt. Eigentlich müßten alle unsere Innovationen unterhalb dieser Schwelle bleiben, aber das Gegenteil ist der Fall. Also wofür sind Techniker, Ingenieure und Ingenieurinnen wirklich verantwortlich? Welcher Teil der Verantwortung fällt anderen zu?

Harry Bates: Akt (1891). Auf Geheiß des Zeus wurde von Vulkan eine Frau erschaffen, mit allen Gaben der Götter ausgestattet und von Hermes zu den Menschen gebracht. Sie brachte jedoch nicht nur die Fähigkeiten der Götter, sondern auch die damit verbundenen Übel auf die Erde. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Es ist keine unproblematische Entwicklung, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr Verantwortung auf Einzelne übertragen wurde, während die Gesamtverantwortung sich immer weiter verflüchtigt. Wer verantwortlich sein soll, muß gestalten, muß auch anders entscheiden können, erst dann kann Verantwortung zugeschrieben werden. — Insofern ist der Anspruch auf Ethik und Moral das eine, wie damit ganz praktisch umgegangen werden kann, ist das andere. Sich verantwortlich zu fühlen für Verhältnisse, die nicht in der eigenen Macht stehen, ist daher nicht unproblematisch. Wer Verantwortung übernimmt, muß ›Nein sagen‹ können oder ›So nicht!‹.

In diesem Seminar sollen solche Konflikte in Wertfragen, Zielkonflikten und der moralischen Integrität durchgespielt werden. Das geschieht anhand von Beispielen einschlägiger Dilemma–Situationen. Mitunter sind die Rahmenbedingungen schon problematisch, etwa wenn es gilt, unter den Bedingungen schlechter Kommunikationsverhältnisse und aus Sorge um die eigene Reputation fachlich kompetent und moralisch integer zu handeln. Dazu bedarf es einiger Erfahrungen, die genauso wichtig sind wie das ganze technische Know–how.

Dazu hat der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß eine hilfreiche Unterscheidung geprägt: Zum technischen Verfügungswissen gehört auch ein ebenso wichtiges Orientierungswissen. Das eine sagt uns wie, das andere aber wozu.  — Mitunter geraten aber das Wie und das Wozu in Widersprüche. Die Technikgeschichte ist voll solcher Beispiele, wo erst sehr viel später sich Nebenfolgen mit kolossalen Wirkungen zeigen, bis sie endlich wahrgenommen und thematisiert werden.

Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, ob es nicht doch eine ›bessere‹ Technik gibt, eine, die von vornherein weniger Nebenfolgen hat. Technikutopien sind daher eine wichtige Orientierungshilfe, vor allem dann, wenn kritisch damit umgegangen wird. Wesentlich ist es, die verschiedenen Aspekte erörtern zu können und nicht zuletzt, andere zu überzeugen. Dazu ist kritisches Denken erforderlich. Daher geht es um die ethische, politische, ökonomische und ökologische Verantwortung im Ingenieurwesen. Erst das macht ›gute‹ Technik möglich, ein ›gutes‹ Gewissen und nicht zuletzt gute Professionalität. 

Bandicoot Robot: Converting manhole to robohole (2018). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Nennen-Technikethik-SS21.pdf >>>> Download dieser PDF-Datei, 2.27MB.

 


Technikethik

Technische Entwicklungen kontrovers reflektieren

Kolloquium 

WS 2020 | donnerstags | 14:00–15:30 | Online
Beginn: 2. Okt. 2020 | Ende: 18. Febr. 2021

Anmeldung beim House of Competence

Zum Kommentar als PDF

Von Verantwortung ist immer wieder die Rede. Ja, sie ist vakant und der Lauf der Welt ist alles andere als vertrauenserweckend. Der gute Wille allein genügt nicht. Zu unterscheiden sind mindestens das Subjekt der Verantwortung, der Verantwortungsbereich und die Verantwortungsinstanz, (ehedem Gott und jetzt?).

Es gilt näher hinzusehen, wenn wir Fragen der Verantwortung angehen wollen, denn der Begriff ist mehrdimensional. Der Karlsruher Technikphilosoph Günter Ropohl hat das Ganze auf eine Formel mit sieben Variablen gebracht: Wer verantwortet was, wofür, weswegen, wovor, wann, wie? Wir müssen doch nicht alles machen, was wir können. Wie weit geht ihre (persönliche) Verantwortung wirklich?

Dieses Kolloquium soll Fragen der Technikethik praktisch erfahrbar machen. Das wird anhand von Fallstudien aus ihren eigenen zukünftigen Berufsfeldern geschehen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren lassen. Dabei kommt es weniger auf das Ergebnis an, sondern auf die Qualität und den Austausch der vorgebrachten Argumente.

Betreiben wir also Technikethik ganz konkret. Nehmen wir uns reale Situationen vor: seien es der Abgasskandal, Stellungnahmen zum Einsatz von Genmanipulation, der Einsturz der Brücke in Genua, Unfälle im Rahmen von Fahrten mit autonomen Pkw — oder was immer Sie umtreibt. Tun wir so, als wären wir unmittelbar dabei und hätten etwas zu sagen. Inszenieren wir die Kontroversen, in denen Techniklinien gestaltet werden, um sie am eigenen Leib zu
erfahren. Die Veranstaltung soll Ihnen dazu dienen, Erfahrungen zu machen, die später womöglich auf Sie zukommen. Es ist dann fast wie ein Privileg, sich später daran zurückerinnern zu können, so etwas Ähnliches schon einmal durchgespielt zu haben.

Nein, wir müssen es nicht.
Aber?
Aber wir werden es machen.
Und weshalb?
Weil wir nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt,
ob wir es wirklich können.

(Hans Blumenberg)

Dirck van Baburen: Prometheus wird von Vulkan angekettet (1623). — Quelle: Public Domain via Wikimedia. — Prometheus, der Gott des Fortschritts, wird auf Geheiß des Zeus, unter Aufsicht des Götterboten Hermes, vom Gott der Technik Vulkan an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet. Sein Vergehen: Er hat aus Menschenliebe die Technik zu den Menschen gebracht. Diese sollten darauf den Fortschritt einige Jahrtausende nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Zeiten sind vorbei, als Ingenieure und Ingenieurinnen fast jede weitere Verantwortung noch zurückwiesen mit den Worten, sie würden die Technik nur herstellen, seien aber nicht verantwortlich dafür, was daraus würde. — Aber machen wir uns nichts vor, Versuche, den technischen Fortschritt auf ›bessere‹ Bahnen zu lenken, gab es viele. Unvergessen ist das Wort von Ulrich Beck: Die Ethik spielt im Modell der verselbständigten Wissenschaften die Rolle einer Fahrradbremse am Intercontinental Flugzeug. 

Forderungen nach Ethik, Verantwortung, Technikfolgenabschätzung, nachhaltigem Wachstum und Kilmaschutz werden tagtäglich erhoben und sind nicht unproblematisch, denn es ist auch Überforderung im Spiel. Wofür sind wir als Einzelne verantwortlich und wie soll denn die Gesamtverantwortung wahrgenommen werden? Allmählich wird es Zeit. Wer gibt die Technikziele vor oder generieren sie sich selbst?

Was viele Verschwörungstheorien noch unterstellen: Es gibt sie nicht, die Schaltzentralen der Macht, in denen die Ziele des Fortschritts vorgegeben, der Kurs eingestellt und die Entwicklungen koordiniert werden. Zweifelsohne spielen Technik und Wirtschaft eine große Rolle, aber auch Politik und Kultur.

Der blaue Planet ist zur Anthroposphäre geworden. Inzwischen wurde bereits ein neues Erdzeitalter ausgerufen, das Anthropozän. Die Zivilisation ist nunmehr alles entscheidend für das Schicksal des ganzen Planeten und die Zukunft der Menschheit. Die Erde ist zum Raumschiff geworden. Wir rasen durch einen lebensfeindlichen Raum, hinter uns eine erst kurze Episode der Zivilisation und vor uns eine Zukunft, die mit sich selbst auf Kollisionskurs geht.

Wenn es sie denn gäbe, die Kommando–Brücke, in der die Navigation vorgenommen wird, wenn wir dorthinein gelangen könnten, es wäre der Schock unseres Lebens. Denn die Pilotenkanzel ist leer, alles steht auf Autopilot und niemand wäre in der Lage, den Flug ›von Hand‹ zu steuern. Dabei ist das Ganze keineswegs nur eine Frage der Technik, sondern auch eine von Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft und vielem anderen mehr.

Jan Cossiers: Carrying Fire (ca. 1630). Prometheus stiehlt das Feuer aus der Werkstatt des Vulkan. Es ist nicht das Herdfeuer, das hatten die Menschen schon sehr lang. Es ist das Metallurgenfeuer, womit die Bronzezeit begann und
dann auch die Zivilisation. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Daher genügt es längst nicht mehr, einfach nur ›gute‹ Technik zu machen, Probleme pragmatisch zu lösen, im Sinne des ›state of the art‹ zu entwickeln, Normen und Vorschriften einzuhalten usw. usf. — Darüber hinaus stellt sich vor allem auch die Frage, wie weit denn die persönliche Verantwortung reichen soll. Es ist nicht allein die Technik, die den Fortschritt bestimmt, es sind viele verschiedenen Faktoren, die eine Rolle spielen. — Die Rollen im Mythos vom Prometheus, der den technischen Fortschritt zur Darstellung bringt, lassen die Zusammenhänge erahnen.

Da ist der Menschenfreund Prometheus, der mit besten Absichten die Entwicklung anfacht, aber eigentlich nicht sehr glücklich agiert. Da ist Vulkan, der Techniker, der alles tut, was ihm aufgetragen wird. Er murrt zwar, als er den geschätzten Kollegen anketten soll, aber er tut es. Da ist Zeus, der ein ambivalentes Verhältnis zur Menschheit hat und daher hin und hergerissen ist über das Prometheus–Projekt. Da ist Athene, die Göttin der Weisheit, die den neuen Zivilisationsmenschen eine Seele einhaucht. Sie spendet auch die Wissenschaft und die Vernunft. Außerdem ist da noch Pandora, die mit allen Gaben Beschenkte, die die Gaben der abdankenden Götter zu den Menschen bringt, aber eben auch die damit verbundenen Übel. Und da ist noch Epimetheus, ein Melancholiker, der sich in Pandora verliebt. — Das dürfte genügen, die verschiedenen Seiten und Interessen zu charakterisieren, die dafür sorgen, daß der Fortschritt eben einen bestimmten Gang nimmt.

Als der Münchener Soziologie Ulrich Beck im Jahre 1958 den Eintritt in die Risikogesellschaft diagnostizierte, sah er den technisch–ökonomischen Fortschritt überlagert von immer größeren, ungeplanten Nebenfolgen, grenzüberschreitenden Umweltproblemen und globalen Folgen Es gibt inzwischen einen Grad an Komplexität, der sich nicht mehr steuern oder gar beherrschen läßt. Eigentlich müßten alle unsere Innovationen unterhalb dieser Schwelle bleiben, aber das Gegenteil ist der Fall. Also wofür sind Techniker, Ingenieure und Ingenieurinnen wirklich verantwortlich? Welcher Teil der Verantwortung fällt anderen zu?

Harry Bates: Akt (1891). Auf Geheiß des Zeus wurde von Vulkan eine Frau erschaffen, mit allen Gaben der Götter ausgestattet und von Hermes zu den Menschen gebracht. Sie brachte jedoch nicht nur die Fähigkeiten der Götter, sondern auch die damit verbundenen Übel auf die Erde. — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Es ist keine unproblematische Entwicklung, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr Verantwortung auf Einzelne übertragen wurde, während die Gesamtverantwortung sich immer weiter verflüchtigt. Wer verantwortlich sein soll, muß gestalten, muß auch anders entscheiden können, erst dann kann Verantwortung zugeschrieben werden. — Insofern ist der Anspruch auf Ethik und Moral das eine, wie damit ganz praktisch umgegangen werden kann, ist das andere. Sich verantwortlich zu fühlen für Verhältnisse, die nicht in der eigenen Macht stehen, ist daher nicht unproblematisch. Wer Verantwortung übernimmt, muß ›Nein sagen‹ können oder ›So nicht!‹.

In diesem Seminar sollen solche Konflikte in Wertfragen, Zielkonflikten und der moralischen Integrität durchgespielt werden. Das geschieht anhand von Beispielen einschlägiger Dilemma–Situationen. Mitunter sind die Rahmenbedingungen schon problematisch, etwa wenn es gilt, unter den Bedingungen schlechter Kommunikationsverhältnisse und aus Sorge um die eigene Reputation fachlich kompetent und moralisch integer zu handeln. Dazu bedarf es einiger Erfahrungen, die genauso wichtig sind wie das ganze technische Know–how.

Dazu hat der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß eine hilfreiche Unterscheidung geprägt: Zum technischen Verfügungswissen gehört auch ein ebenso wichtiges Orientierungswissen. Das eine sagt uns wie, das andere aber wozu.  — Mitunter geraten aber das Wie und das Wozu in Widersprüche. Die Technikgeschichte ist voll solcher Beispiele, wo erst sehr viel später sich Nebenfolgen mit kolossalen Wirkungen zeigen, bis sie endlich wahrgenommen und thematisiert werden.

Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, ob es nicht doch eine ›bessere‹ Technik gibt, eine, die von vornherein weniger Nebenfolgen hat. Technikutopien sind daher eine wichtige Orientierungshilfe, vor allem dann, wenn kritisch damit umgegangen wird. Wesentlich ist es, die verschiedenen Aspekte erörtern zu können und nicht zuletzt, andere zu überzeugen. Dazu ist kritisches Denken erforderlich. Daher geht es um die ethische, politische, ökonomische und ökologische Verantwortung im Ingenieurwesen. Erst das macht ›gute‹ Technik möglich, ein ›gutes‹ Gewissen und nicht zuletzt gute Professionalität. 

Bandicoot Robot: Converting manhole to robohole (2018). — Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Nennen-Technikethik-WS20.pdf >>>> Download dieser PDF-Datei, 2.27MB.

 


Diese Website verwendet das großartige -Plugin.